Weiter geht‘s trotz Hyper-Bankrott?

Immer das selbe. Monatelang passiert nichts, und dann kommt‘s Schlag auf Schlag. Um die letzten 24 Stunden zusammenzufassen: der Flughafen ist seinen einzigen Hauptkunden los, der Insolvenzverwalter hat kein Geld mehr für den Betrieb der Landewiese, die Hanselstadt™ soll mal wieder blechen – und außerdem tut sich Merkwürdiges im ehemaligen (?) Chenschen Firmenimperium.

Bereits gestern wurde bekannt, daß für den kommenden Donnerstag, 24. März eine Sondersitzung des Hauptausschusses der Lübecker Bürgerschaft angesetzt wurde, in der es hinter verschlossenen Türen um den Flughafen gehen soll. (Der von den LN ursprünglich gemeldete Termin 22. März war wohl ein Druckfehler.)

Etwas klarer ist inzwischen, worum es geht. Die Reserven sind weg, die meisten Interessenten auch, das Grundstück Blankenseer Str. 100 ist nun doch nicht verkauft, dank Rückzug des Hauptkunden Wizz Air vom Flughafen (siehe unten) dürfte es demnächst kaum noch Umsätze geben. Eine Hyper-Bankrotterklärung.

Normalerweise würde es heißen müssen, jetzt ist aber Schluß mit dem Kasperletheater, zack-zack. Aber gibt es da nicht vielleicht nicht doch ein paar Trottel, deren Geldbörsen man anzapfen könnte? Wir befinden uns schließlich in einer, ach was: der Hanselstadt™.

Nach Informationen von NDR 1 Welle Nord braucht der Insolvenzverwalter noch mehr Zeit, um den Flughafen zu verkaufen. Diese Zeit soll er unter bestimmten Voraussetzungen auch bekommen. Eine Mehrheit der Bürgerschaftsfraktionen zeichnet sich bereits ab.

NDR, 17. März 2016 (Memento)

Ist denn heute schon der 1. April und Zeit für Scherze? Wie viel Zeit, wie viel Geld will er denn noch? Er hatte bereits sechs Monate und inzwischen ziemlich sicher die gesamte Insolvenzmasse verbraten (soll heißen: die Stadt bleibt auf ihren Forderungen aus Pacht usw. sitzen).

Was soll der Quatsch?

Die Zahl der Interessenten ist derweil geschmolzen wie Eis in der Märzsonne. Fünf waren es mal, zuletzt drei, jetzt zwei. Wie bereits angemerkt, ist nicht bekannt, ob der bisher vom Insolvenzverwalter Prof. Pannen favorisierte Investor noch dabei ist. Möglicherweise weiß man bald etwas mehr; die LN titeln schon mal „Letzter Abflug Wizz Air: Kommt jetzt der Abwrack-Airport?“

Gemeint ist folgendes: „Wenn Wizz Air den Flughafen verlässt, könnten am Airport ausgemusterte Flugzeuge recycelt werden.“ Enden so tragisch die hehren Träume der Hanselmännchen vom internationalen Großflughafen, Bernd Saxe International Airport womöglich, der Millionen von Touristen an die Ufer der Trave spült? Stattdessen kommt jetzt eine Flotte von Schrottflugzeugen? Ha, ha. Es wäre symptomatisch. Da muß man halt die LN-Druckausgabe vom 18. März abwarten.

Wizz Air nimmt Reißaus

Im Laufe des 17. März kam dann der nächste Knaller, der aber keine echte Überraschung war:

Wizz Air … legt nun neue Flüge ab Hamburg auf. Ab 17. April verbindet sie die Hansestadt vier Mal pro Woche mit Danzig, ab 18. April je zwei Mal wöchentlich mit Kiew und Skopje. Im Gegenzug streicht sie die entsprechenden Verbindungen am Flughafen in Lübeck.

Pressemitteilung Wizz Air, 17. März 2016

Die restlichen Verbindungen ab Lübeck (Bukarest, Riga, Sofia) werden ab 15. April vorerst ersatzlos eingestellt.

Allgemein wird berichtet, daß am Abzug von Wizz Air die anhaltende Unsicherheit am Flughafen Lübeck-Blankensee schuld sei. Das hat die Firma zumindest in der englischen Version ihrer Pressemitteilung auch so gesagt. Nicht unterschlagen sollte man aber auch folgende Passage aus der deutschen Version:

„Wir haben erkannt, dass ein weit größerer Prozentsatz unserer Passagiere von oder zu Zielen fliegt, die näher bei Hamburg als bei Lübeck sind“, erklärt Gyorgy Abran, Chief Commercial Officer bei Wizz Air.

Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, wie überflüssig eine Landewiese in Lübeck im Verkehrsschatten des nahen Flughafens Fuhlsbüttel ist, hier ist er. Schwarz auf weiß. Insgesamt ist der Abgang von Wizz Air also ein doppeltes Mißtrauensvotum. Miese Lage – finanziell, aber auch geographisch.

Historiker mögen sich dereinst mal über die Abfolge der Ereignisse streiten: hat der Rückzug von Wizz Air Prof. Pannen zu seinem Bettelgang vor den Hauptausschuß bewegt, oder war es anders herum?

Jedenfalls wird Wizz Air trotz bis vor kurzem regelmäßig gemachter Treueschwüre (und Ankündigungen neuer Verbindungen) nicht mal eben spontan in Hamburg angerufen haben. Man wird das vermutlich seit geraumer Zeit verhandelt haben, hat hier aber noch ein nettes Theater aufgeführt – ähnlich wie damals Ryanair vor dem Bürgerentscheid. Da hagelte es plötzlich auch neue Verbindungen.

Und ähnlich, wie Ryanair das bei der ersten Insolvenz praktiziert hat, hat Wizz Air nun die Reißleine gezogen, denn durch eine Insolvenz werden bestehende Verträge mit dem Pleiteunternehmen ungültig.

Frühlingserwachen: aus PuRen wird DC

Von der Öffentlichkeit unbeachtet tat sich im Handelsregister mal wieder etwas. Die beiden noch solventen Unternehmen, die seinerzeit das Ehepaar Chen in Deutschland gründete, haben ihren Namen geändert.

Aus PuRen Airlines (HRB 14202 HL) wurde jetzt die DC Airlines GmbH, aus der Tochtergesellschaft Puren International Flight Academy wurde die DC International Flight Academy GmbH. Zudem hat die DC Airlines ihren Sitz von Schnakenbek nach Lübeck, Blankenseer Str. 101 verlegt (was aber lediglich eine Anpassung an die Realität darstellen dürfte).

Das ist nicht alles. Ein Blick in den aktuellen Gesellschaftervertrag der DC Airlines vom 1. März 2016 legt nahe, daß es in der Zwischenzeit weitere Veränderungen gegeben haben muß, die das (wie immer langsam arbeitende) Handelsregister derzeit nicht vollständig abbildet.

In dem Vertrag heißt es:

Das Stammkapital der Gesellschaft beträgt 25.000,00 EURO (in Worten: fünfundzwanzigtausend 00/100 EURO).

Hiervon hat übernommen:

Frau Weilu Chen den Geschäftsanteil Nr. 1 mit meinem [?!] Nennbetrag von 12.500,00 € und Herr Yongqiang Chen den Geschäftsanteil Nr. 2 mit einem Nennbetrag von 12.500,00 €.

Wie bitte? Der letzte Stand (Dezember 2015) war, daß die mysteriöse Manli Li aus Hamburg sämtliche Anteile der Gesellschaft von den Chens übernommen hatte. Frau Li taucht aber im aktuellen Gesellschaftervertrag gar nicht mehr auf. Neben Weilu und Yongqiang Chen ist er unterzeichnet von Mengkai Zhang.

Vielleicht bin ich nur zu blöd, aber ich interpretiere das so: Weilu und Yongqiang Chen sind wieder im Besitz ihres lübschen Flughafenzirkus – jedenfalls der noch solventen Reste.

Die Anteile kann laut Vertrag eigentlich nur Frau Zhang, offenbar eine Angestellte der Hamburger China Tours, an die Chens abgetreten haben. Das Handelsregister weiß jedoch nichts über eine Übertragung der Anteile der früheren Alleineigentümerin Frau Li an Frau Zhang, die dem vorausgegangen sein müßte. Kurios.

Was haben die Chens vor? Die gleiche Show nochmal unter anderem Namen abziehen? Dann aber bitte nicht hier. Muß ja auch nicht sein, in anderen Teilen Deutschlands gibt es bestimmt genügend merkbefreite Provinzfürsten, denen man etwas über Direktverbindungen nach China, tausende Flugschüler und so weiter erzählen kann. Wenn‘s einmal geklappt hat…

Rein vorsichtshalber sollte der Hauptausschuß der Lübecker Bürgerschaft aber mal nachfragen, ob sich unter Prof. Pannens Interessenten nicht auch eine Firma namens DC Airlines befindet, oder ob Verbindungen bestehen. Nur so zur Sicherheit.

Beitragsbild: Q Pictures / pixelio.de

 

 

 

 

 

 

5 Antworten auf „Weiter geht‘s trotz Hyper-Bankrott?“

  1. Das Geld ist alle, Wizz-Air will noch bis Mitte April fliegen. Die Stadt Lübeck soll wieder den Geldhahn öffnen ? Wofür ?

    Der NDR schrieb dazu: (Zitat)
    Das Insolvenzverfahren läuft weiter. Der Insolvenzverwalter will seine aktuellen Planungen in der kommenden Woche im Hauptausschuss der Bürgerschaft vorstellen. Der hat dazu eine Sondersitzung am Gründonnerstag um 16 Uhr angesetzt. Nach Informationen des NDR soll die Stadt die Betriebskosten für den Flughafen bis zum Abschluss des Verfahrens übernehmen. Eine Mehrheit in der Bürgerschaft zeichne sich laut NDR dafür ab.

    Auf der Webseite aerotelegraph steht: (Zitat)
    Drei der insgesamt sechs Ziele werden künftig ab Hamburg angeboten. Ab 17. April verbindet die Airline die Hansestadt vier Mal pro Woche mit Danzig, ab 18. April je zwei Mal wöchentlich mit Kiew und Skopje. Die anderen Ziele werden zunächst ohne Ersatz eingestellt.

    Wie hieß es im Okt. 2015: http://www.ln-online.de/Lokales/Luebeck/Flughafen-Blankensee/Kein-oeffentliches-Geld-fuer-den-Flughafen
    (Zitat)
    Kein öffentliches Geld für den Flughafen
    Der insolvente Airport soll weiterhin kein Geld aus öffentlicher Hand bekommen. „Wir haben klar gesagt, dass wir keine Investitionen am Flughafen tätigen werden“, sagt Verkehrsminister Reinhard Meyer (SPD). Die Lübecker CDU und SPD schließen den Betrieb durch die Stadt aus.

    Ausserdem heisst es auf der Seite 171 im Haushaltsplanentwurf der Stadt Lübeck für 2016:
    (Zitat, Text gekürzt)
    Finanzierungskredite für die Flughafen Lübeck GmbH
    Mit Beteiligungsvertrag vom 24.10.2005 wurden 90% der Gesellschafteranteile der Hansestadt Lübeck an der Flughafen Lübeck GmbH an einen privaten Investor veräußert. Nach den Regelungen des Beteiligungsvertrages war der Investor berechtigt, die Gesellschafteranteile an der FLG an die Hansestadt Lübeck zurückzugeben. Diese sog. Put-option wurde vom Investor zum 30.10.2009 ausgeübt. Infolgedessen war die Hansestadt Lübeck zur Zahlung eines Kaufpreises von bis zu 25,95 Mio. EUR verpflichtet. Zur Finanzierung des Kaufpreises über 25.562.863,08 EURO wurde mit Wertstellung zum 10.11.2009 ein Kommunaldarlehen zu Lasten der Kreditermächtigung des Haushaltsjahres 2009 aufgenommen.

    Am Ende der Seite stehen die Auswirkungen für die Stadt. Zinsen, Tilgung, Restschuld. Tilgung jew. 1,6 Millionen €, Zinsen ca. 1-1,1 Millionen in 2014, 2015 und 2016. Ein Kredit über 25,5 Millionen 10.11.2009 steht jetzt wie folgt da: Restschuld 2014: 28,1 Millionen, 2015: 26,5 Millionen, 2016: 24,9 Millionen.

    Und nun ?

    1.) Herr Pannen hat wohl für April keine Geld mehr, will aber weitermachen. Also soll die Stadt (sorry, der Steuerzahler) mit neuen Schulden zahlen !
    2.) Statt neuer Ziele ab Lübeck heisst es jetzt: 3 der 6 Ziele sollen („zunächt“) ohne Ersatz eingestellt werden. Waren die Ziele Verlustgeschäfte ? Zu wenig Fluggäste ?
    3.) Erst heisst es, der Flughafen darf kein Geld mehr kosten, von Krediten die bedient werden müssen war nichts zu lesen. Erst im Haushalstplanentwurf bin ich darauf gestoßen. Und: Fällt bei den Zahlen zum Kredit für den Flughafen Lübeck etwas auf ? 25,5 Millionen Kredit, 5 Jahre später 2,6 Millionen höhere „Restschuld“ von 28,1 Millionen ? Wie kann das sein ? Wer kann das erklären ?

    Ich wollte die im Parlament vertretenen Parteien mal anschreiben. Mache ich jetzt nicht, weil sowieso alle hier mitlesen. Es bleibt spannend.

    1. Hier sind Sie offenbar über die Altlasten der Landewiese gestolpert. Die sind nicht nur geschichtlich interessant, sondern werden noch über Jahre und Jahrzehnte abgezahlt werden müssen. Aber daran kann man jetzt nichts mehr ändern.

      Kurz aus dem Kopf (bitte korrigieren, wenn ich falsch liege): die 26 Mio. wg. Put-Option ist das, was man dem 2009 ausgestiegenen Investor Infratil zurückzahlen mußte (ursprünglicher Kaufpreis plus Verluste, die Infratil während des Betriebs anhäufte).

      Damit war der Flughafen aber keineswegs schuldenfrei; es wurden ja nur die Infratil-Verluste kompensiert. Danach hatte der Flughafen aus der Zeit vor Infratil immer noch rund 35 Mio. Euro Schulden bei der Stadt. Statt der naheliegenden Abwicklung – es wäre der ideale Zeitpunkt gewesen – kamen Herren von CDU/FDP/BfL und setzten in einem Bürgerentscheid den Weiterbetrieb der Landewiese durch die Stadt bis Ende 2012 durch. Das kostete vermutlich nochmal 15 Mio., so daß sich der Schuldenstand zu dem Zeitpunkt bei 50 Mio. Euro bewegt haben dürfte.

      Schulden, die man dem nächsten Investor (Amar/Yasmina) natürlich nicht aufs Auge drücken wollte. Die hat dann also auch die Stadt übernommen. Da man mit der Buchhaltung mehrere Jahre hinterherhinkt, ist das vielleicht noch nicht so offiziell in den Büchern.

      Fairerweise muß man festhalten: die Altschulden wären so oder so futsch gewesen, ob nun Abwicklung oder noch’n Investor. Aber nicht nur der völlig überflüssige Weiterbetrieb auf Bürgerentscheid, sondern auch sämtliche Privatisierungsversuche bisher endeten für die Stadt mit Millionenverlusten. Bein Infratil ist man nicht plusminus Null herausgekommen. In der Yasmina-Insolvenz hat die Stadt einen wirtschaftlichen Schaden von über 1 Mio. Euro erlitten; unklar ist, ob sie aus der Insolvenzmasse etwas zurückerhält. Bei der PuRen-Pleite dürfte der Fall noch eindeutiger sein; was an Geld übrig war, ist jetzt komplett verbrannt, was der Bettelgang des Prof. Pannen vor den Hauptausschuß mehr als nahelegt.

      Und bitte immer vor Augen halten: all dieser Privatisierungskram sollte eigentlich dazu führen, daß die Stadt keinen Cent mehr dazubezahlt. Das war wohl nix.

  2. Interessant, dass die Medien immer noch davon reden, dass der Insolvenzverwalter „den Flughafen“ verkauft. Nein, der verkauft nur den per großteils aufgezwungenem Geschäftsmodell, schwer Richtung defizitär getriebenen operativen Flughafenpachtbetrieb. Aber, vielleicht gäbe es für einen parallelen Verkauf der Flughafenflächen sogar noch extra Maklerblutgeld, weil das ja nicht ursächlich mit dem Insolvenzverfahren ist, wer weiss das schon?

    Wer auch immer das Gerücht „Abwrackflugplatz“ in die Welt gesetzt hat, gehört mit einem Preis für lustige Einfälle gekrönt. Schon das Abstellen von Flugzeugen benötigt nicht wenig Platz, aber das fachgerechte Auseinandernehmen dürfte noch mehr brauchen. Ja, man sucht sich dafür gerne menschenfeindliche und abgelegene Gegenden aus, auch wegen der sicher beim Zerlegen schwer vermeidbaren und bestimmt nicht unerheblichen Umweltbelastung, aber dann doch eher nicht im neblig-feuchten Lübeck, sondern in der trockenen amerikanischen Wüste.

  3. Das ist wie mit allen Suchtkranken. Da hilft auch keine Medizin mehr Hr. Cordes. . Da hilft nur noch eine Entzugskur. Alles andere würde scheitern wie die Landewiese auch .

  4. Guten Morgen, nur einfältige Gemüter können sich über das Geschehene wundern, es war nur eine Frage der Zeit.
    Bezüglich des Abwrackflugplatzes habe ich auch so meine Meinung. Es sind wahrscheinlich dieselben einfältigen Gemüter, die glaubten, dass die Gründung einer „Lübeck Airlines“ o.ä. mit der Eröffnung eines Bus- oder Taxiunternehmens vergleichbar sei, die jetzt glauben, für einen Abwrackflughafen bräuchte man nur etwas Platz und eine Flex. Weit gefehlt – genauso weit, wie man das Ziel 5.000 Flugschüler pro Jahr verfehlt hat.
    Selbst das stärkste Fieber muss doch irgendwann mal abklingen – die Medizin steht schon lange auf dem Nachttisch.

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