Wirtschaftswunder Weeze?

Mal wieder wird der staunenden Öffentlichkeit der Flughafen Weeze als leuchtendes Vorbild präsentiert, diesmal vom Handelsblatt. Grund: unterm Strich vermeldet man dort einen Gewinn. Wie der zustande kommt, sieht sich der Autor im Detail aber nicht an. Jubelarien des Geschäftsführers nachzuträllern reicht ja. Natürlich soll das hier keine ausführliche Analyse werden, die sei dem interessierten Leser als Hausaufgabe anempfohlen (Material gibt‘s unter anderem hier) 😉 Aber ein paar Dinge fallen schon beim ersten Lesen auf.

Der Artikel beginnt mit der üblichen Bestandsaufnahme:

Deutschlands Regionalflughäfen geben derzeit überwiegend ein trauriges Bild ab.

Handelsblatt, 29. März 2016

Wer wollte das ernsthaft bestreiten? Aber anstatt der Frage nachzugehen, warum das so ist, zieht der Autor zwei vermeintliche Gegenbeispiele aus dem Ärmel. Wozu eigentlich immer diese lächerliche Masche? Aus einem Konglomerat völlig überflüssiger und (meist auf Kosten der Steuerzahler) verlustmachender Regionalflughäfen greift man zwei angeblich positive Beispiele heraus, die einer näheren Betrachtung kaum standhalten dürften. Und selbst wenn, können sie kaum als Blaupause für die anderen rund zwei Dutzend notleidenden Landewiesen im Land dienen.

Ich beschränke mich hier mal auf Weeze. Kurzinfo über den privatisierten ehemaligen Militärflughafen:

Die Betreibergesellschaft Flughafen Niederrhein GmbH gehört (über mehrere Zwischengesellschaften) zu 99,93 % dem niederländischen Unternehmer Herman Buurman, zu 0,04 % dem Kreis Kleve und zu 0,03 % der Gemeinde Weeze.

Wikipedia

Und jetzt das Handelsblatt, bitte.

Mehr als zwei Million [sic] Euro Gewinn erzielte der Flughafen … im vergangenen Jahr. Damit nicht genug: „Wir haben in zurückliegenden zehn Jahren keinen Cent an Subventionen bekommen. Der Kreis Kleve hat uns gemeinsam mit der Gemeinde Weeze lediglich einen Kredit gegeben – zu üblichen Marktkonditionen“, sagt Airport-Chef Ludger van Bebber.

Zunächst mal sollte das wohl „eine Million Euro Gewinn“ heißen, das war jedenfalls die Erfolgsmeldung der niederrheinischen Landewiese Ende 2015. Schon ein Unterschied.

Direkte Subventionen hat man wohl nicht bekommen; das ist aber auch das einzige, was man nicht von staatlichen Stellen bekommen hat. Herr van Bebber erwähnt den schon vor etlichen Jahren gewährten Kredit (knapp 27 Mio. Euro), aber nicht, daß ohne ihn die Insolvenz gedroht hätte, und daß bislang weder Zinsen noch Tilgung gezahlt wurden. Zinsen wollte man ab 2016 zahlen, ob das bereits geschieht, ist nicht bekannt. Und die Tilgung?

Trotz der Ausweisung eines deutlichen Unternehmensgewinns wird es wohl auch künftig keine Tilgung der Kreiskredite geben. Zumindest zeigte sich van Bebber diesbezüglich zugeknöpft. „Eine Tilgung ist bislang nicht das Thema“, sagte er.

Der Westen, 9. Dezember 2015

Natürlich werden die nicht gezahlten Zinsen auf die zu tilgende Kreditsumme draufgeschlagen, die dadurch inzwischen bei über 30 Mio. Euro liegen dürfte.

Und das sind „übliche Marktkonditionen“? Ach so.

Das große Geschäft

Doch damit natürlich nicht genug.

„Aber unser Geld verdienen wir auch [?] außerhalb des Fluggeschäfts, etwa mit der Immobilienvermarktung oder Großveranstaltungen“, kontert van Bebber.

Handelsblatt, 29. März 2016

Und wem hat man wohl eine Immobilie verkauft? Da kommen Sie nie drauf… dem Kreis Kleve. Nein? Doch! Ohh! Der hat für rund 5 Hektar über 3,5 Mio. Euro gezahlt. Kein Gewerbegebiet im eigentlichen Sinne, die Fläche ist an einen Solarparkbetreiber verpachtet. Nach 20 Jahren könnte sich der Kauf des Grundstücks für den Kreis amortisieren, vorausgesetzt, der Pächter hält durch und zahlt brav seine Pacht. Das Risiko liegt beim Kreis; der Flughafen hingegen hat über 3,5 Mio. Euro sicher auf dem Konto. Man mag das als verdeckten Kredit ansehen.

Doch das große Geschäft kommt erst noch, und wieder geht es um Immobilien, wieder um ein Geschäft mit dem Kreis, und nicht um Flugbetrieb. Sie ahnen es: Flüchtlingsunterkünfte.

Rund 250 Flüchtlinge sind hier aktuell untergebracht. … Die Erfahrungen seien bislang recht positiv, meint Flughafen-Geschäftsführer Ludger van Bebber, und auch Bürgermeister Ulrich Francken unterstützt das Projekt. „Bisher gab es damit gute Erfahrungen“, sagt der Weezer Verwaltungs-Chef.

Er begrüßt daher auch, dass es Überlegungen gibt, ob die Flüchtlingseinrichtung am Airport nicht zu einer Dauerlösung wird.

RP Online, 31. Juli 2015

Und das war noch vor dem großen Flüchtlings-Ansturm, der folgen sollte.

Denkbar sei aber, dass der Flughafen investiert, sprich neue Gebäude baut, in denen Flüchtlinge untergebracht werden können. Doch dafür sind Summen im Millionenbereich nötig. Und dieses Geld will der Airport nur in die Hand nehmen, wenn sicher ist, dass die Bezirksregierung die Gebäude auch dauerhaft nutzt. … Die Bezirksregierung selbst kauft keine Gebäude, sondern mietet sie nur an.

Den Rest kann man sich denken: langfristige Mietverträge zu völlig überhöhten Preisen. (Zum Thema „Geschäfte mit Flüchtlingsunterkünften“ hilft Google weiter.) Soll‘s ja auch in Lübeck geben, gell, KWL? Soll aber hier kein Thema sein.

Auffallen muß jedoch schon, daß fast bundesweit Flüchtlingsunterkünfte in der näheren Umgebung von oder gar auf Flughäfen/-plätzen geplant bzw. errichtet werden. In der Rede sind oder waren Bitburg, Essen-Mülheim, Kassel-Calden, Magdeburg-Cochstedt, Dresden, Eggebek, Zweibrücken, Ahlhorn, Lahr, Crailsheim, Kaufbeuren, Diepholz, Erding, Berlin-Tempelhof, Zweibrücken.

Neben anderen Motiven mag eines sein, diese überflüssigen Landratspisten, Winz-Flugplätze und Fliegerhorste doch noch irgendwie am Leben zu halten. Unser Herr Bürgermeister Saxe hatte ja schon ähnliches probiert mit einem angedachten „Abschiebegewahrsam“ auf dem Gelände der Landewiese, und dann geistern ja auch noch Pläne über eine riesige Erstaufnahmeeinrichtung auf einem Grundstück gegenüber der Landewiese herum, das rein zufällig dem insolventen Flughafenbetreiber gehört.

Auf den Punkt

So, und als ich das alles geschrieben hatte, sah ich bei den Kollegen von kleveblog nach. Ähh… meine Bemühungen hätte ich mir teilweise sparen können. Dort wird es auf den Punkt gebracht:

Fassen wir also zusammen: Wenn man also einen Regionalflughafen betreibt und dafür einen Kredit zu handelsüblichen Bedingungen bekommt, diesen aber nicht zurückzahlen muss und mittlerweile sein Geld mit der Bereitstellung von Immobilien für Flüchtlinge und der Veranstaltung von Musikfestivals verdient, ja dann können Regionalflughäfen auch Landratspisten mit einer Perspektive sein.

Aber warum dann noch fliegen?

kleveblog, 30. März 2016

Zumindest auf die letzte Frage weiß ich eine Antwort. Mit dem Linienfluggeschäft, so verlustreich es auch sein mag, zumal wenn Ryanair der Hauptkunde ist, kann man den Provinzfürsten immer noch vortäuschen, wie unglaublich bedeutend ihr Beritt ist… und international angebunden! Da kann man ihnen für das eigentliche Kerngeschäft (Immobilien und so; hi, hi) immer wieder weitere Gelder aus dem Kreuz leiern. Nein, keine Subventionen, das verbietet die Berufsehre, oder die EU-Kommission. Alles andere wird jedoch gerne angenommen. Man spielt also gewissermaßen über Bande.

Jedenfalls: wenn Ihnen irgendwann demnächst die Vereinigung der flughafenpolitischen Sprecher von Klein(st)parteien und Gruppierungen in Lübeck e.V. mal wieder was vom wunderbaren Weeze vorflötet, sehen Sie genauer hin. Und grundsätzlich auf Tricksereien rund um Blankensee. Da kommt garantiert noch einiges auf uns zu.

 

Beitragsbild: Frank Vincentz (Own work) [GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html) or CC-BY-SA-3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/)], via Wikimedia Commons