Das Igitt-Geschäft

Am Montag Donnerstag, dem 7. April trifft sich der Hauptausschuß der Lübecker Bürgerschaft mal wieder zu einer Pannen-Sondersitzung. Wesentlicher Punkt der Tagesordnung, natürlich unter Ausschluß der Öffentlichkeit:

Entwicklung Flughafen Lübeck (Hierzu wird der Insolvenzverwalter Herr Prof. Dr. Pannen anwesend sein. Anlage wird nachgereicht)

Ich finde es zunehmend schwer, den unglaublichen Schwachsinn, der hier abgeht, überhaupt noch in Worte zu fassen. Wenn in zehn oder zwanzig Jahren Historiker mal lesen, was hier abgegangen ist, sie werden nur mit dem Kopf schütteln. Waren die wirklich alle so blöd und haben an diese Investoren-Märchen geglaubt? Haben die nicht einfach mal für ein paar Monate eine Auszeit nehmen und darüber vernünftig nachdenken können?

Förderlich für derlei Narreteien erweist sich immer wieder der Termindruck. Friß Vogel, oder stirb. Zufall oder Absicht? Inkompetenz oder bewußte Planung? Ich tendiere immer mehr zur letztgenannten Interpretation.

Was die Verwaltung in ihrer in den letzten Jahren oft bewiesenen Genialität plant, bleibt vorerst – was dachten Sie? – geheim.

Ob und wie sie das tut, will Saxe in den nächsten Tagen entscheiden. … Doch die Aussagen des Bürgermeisters bleiben kryptisch. Es gebe verschiedene Wege, um dem Airport zu helfen – darunter solche, die der Mitsprache der Politiker bedürfen und andere, die ohne Politiker funktionieren.

Lübecker Nachrichten, Druckausgabe, Lokalteil HL, 1. April 2016, S. 10

Der Lübecker Bürgermeister in seinem kryptischen Element. Das alles hat er in Kiel besprochen. Er darf Geld für den Flughafen ausgeben. Er kennt alle himmlischen Wege, auch an der Bürgerschaft vorbei, oder wie soll ich das sonst interpretieren?

Ob er in Kiel vielleicht auch mal darüber verhandelt hat, wie das mit den irdischen zurückzuzahlenden Fördergeldern des Landes (3,2 Mio. Euro) im Falle einer Abwicklung der Landewiese ist, wissen wir nicht. Auf jeden Fall hätte er es ansprechen sollen, nein: müssen. Eine Erfolgsmeldung dazu gibt es nicht von ihm.

Hauptsache „Flughafen“ – denn was jetzt noch von der Landewiese bleiben wird, verdient den Namen Flughafen vermutlich nicht mehr. Selbst die Fanboys sollten eine Träne verdrücken.

Kommt noch etwas in Sachen Flugzeugverschrottung? Verkehrsminister Reinhard Meyer (SPD), vermutlich um seinen Genossen Saxe nicht zu sehr zu verärgern, meint:

„Es kommt auf das wirtschaftliche Konzept des Investors an“ … Für ihn ist klar: „Ein Abwrack-Flughafen ist kein ‚Igitt-Geschäft‘.“

Erstens werden weder Herr Meyer noch Herr Saxe noch Herr Prof. Pannen noch die Lübecker Bürgerschaft irgendein wirtschaftliches Konzept prüfen, selbst wenn es vorliegt; die bloße Existenz eines solchen genügt ohne weitere Lektüre. (Siehe „technisches Konzept“ in der Abbildung unten.) Das war schon immer so.

Zweitens ist es eben doch „Igitt“, weil selbst ein Laie kapiert, daß für eine Zerlegung von Flugzeugen noch wesentlich schärfere Umweltauflagen gelten müssen als für einen regulären Flugbetrieb. Wir reden hier teilweise von Sondermüll und schädlichen Chemikalien. Da müßte ein komplett neues Abwasserkonzept her; einfach mal Oberflächenwasser in den Blankensee spülen geht gar nicht (eigentlich schon jetzt nicht, wenn man die einschlägigen Gesetze ernst nehmen und nicht dauernd Ausnahmegenehmigungen erteilen würde.)

Korrigieren Sie mich, wenn ich falsch liege: aber bereits das eigentliche physikalische Zersägen würde den Einsatz von jeder Menge Wasser benötigen, alleine um Staub und Späne zu binden. Wo soll das Abwasser hin? Für die Entsorgung von Kerosin, Hydraulikflüssigkeiten usw. bräuchte man weitere (teure) Einrichtungen. Etwas komplizierter als in dieser weit verbreiteten technischen Skizze ist das mit Flugzeugen schon.

airplane-magic

Ich stelle hier keine Prognosen auf, aber im Falle des Landewiesen-Schrottys halte ich die folgende Entwicklung (angesichts dessen, was wir bisher hier erleben durften) für nicht unwahrscheinlich.

Der Investor kommt und zerlegt, für ein Jahr oder so, ein paar Flugzeuge. Oberflächlich und brutal. Es stellt sich heraus, daß die Entsorgung nicht geregelt ist, der Investor leider kein Geld für solche Scherze hat, und Insolvenz anmelden muß (die wertvollen Flugzeugteile hat er vorher beiseite geschafft). Er macht also die Fliege, und die Stadt sitzt nicht nur auf ihrem alten Pißpott herum, sondern auch auf jeder Menge neuer Altlasten – die der Schrotty nicht fachgerecht entsorgt und stattdessen in Containern und Tanks auf dem Gelände hinterlassen hat. Raten Sie mal, wer dann für die Beseitigung aufkommen darf. Es wird also wesentlich mehr als nur eines Finanzkonzepts bedürfen, möglicherweise eines neuen Planfeststellungsverfahrens. Dazu müßte der alte Planfeststellungsbeschluß erst mal in die Tonne getreten werden.

Hatte man beim letzten mal noch einen lauten Chinaböller zünden können, bleiben derzeit nur zwei feuchte Knallfrösche; neben dem Schrotty ausgerechnet Prof. Stöcker, der in Blankensee ausweislich früherer Äußerungen und Handlungen lediglich eigene Interessen bzw. die des von ihm gegründeten Unternehmens Euroimmun verfolgt. (Was prinzipiell nicht zu kritisieren ist; man muß es nur wissen.)

Alte Märchen aufgewärmt

Ein wenig Spaß am Rande: Andreas Zander von der CDU plappert mal wieder alte Behauptungen der Verwaltung nach.

Zander sieht weitere 30 bis 40 Millionen Euro an Kosten auf die Stadt zukommen. Die Anlagen des Flughafens müssten abgebaut, Flächen renaturiert werden.

Da möge er mal bitte belegen, wo das vorgeschrieben ist, und warum es auf das alte Flughafengelände im Süden – inzwischen längst Naturschutzgebiet – nicht zutrifft, wo sich immer noch eine alte Rollbahn und große betonierte Flächen finden, die im übrigen dem Naturschutz keineswegs entgegenstehen. Im Gegenteil. Würde mich echt interessieren.

Immerhin erklärte auch Herr Saxe vor dem Wirtschaftsausschuß des Schleswig-Holsteinischen Landtags am 29. Februar 2012:

Denkbar sei auch, eine Industriebrache zu hinterlassen.

Ohne weiteren Beleg sind diese horrenden Abwicklungskosten nichts weiter als dumm Tüch und Spökenkram; von wem auch immer vorgeschoben.

8 Antworten auf „Das Igitt-Geschäft“

  1. Wenn man vor Monaten noch dachte, es kann nicht mehr dubioser werden, entstehen immer neue Rätsel.
    1. Der Herr Bürgermeister setzt sich für
    denFlughafen mit aller Macht ein.
    Dabei scheint ihm egal zu sein, dass er mit dem Geld der
    Allgemeinheit spielt, warum tut er das??
    Nachdem die Kommunalaufsicht vor ein paar Tagen
    feststellte, dass die Buchführung der Stadt, für die Herr Saxe
    verantwortlich ist, nicht gerade sehr professionell ist, ist das
    Ganze schon sehr merkwürdig.

    2. Herrn Pannen kann man nicht mehr einschätzen.
    Warum unternimmt er solche Klimmzüge, die offensichtlich
    zu nichts führen werden und warum legt er nicht einige Fakten,
    wenn sie denn vorhanden sein sollten, offen??
    Es soll noch einen Interessenten gegeben haben, der eine
    größere Summe für den Flughafen geboten hat, von Herrn
    Pannen aber nichtmal eine Antwort bekam.
    Ist es normal, dass ein Insolvenzverwalter ganz allein,
    ( entschuldigung, mit seinem Berater W.) ganz allein diese
    kuriosen Entscheidungen, wie sie in den letzten Monaten
    statt fanden, treffen kann??
    Irgendwo las ich mal, dass er selbst davon sprach, dass er sich
    sehr weit aus dem Fenster gelehnt habe.
    Warum macht er das??
    Wahrscheinlich, weil die ganze Sache ein sehr lukrativer Verdienst
    für ihn ist.
    3. Zu den Gläubigern zählt auch die Agentur für Arbeit, die mal eben
    drei Monatsgehälter, Oktober bist Dezember, finanziert hat, das
    dürfte ein Betrag von ca. € 900.000.- sein.
    Wieso schaut man da gemütlich zu, bis auch der letzte Cent
    verbrannt ist, statt als Gläubiger das Geld für die Allgemeinheit
    einzutreiben??
    4. Wenn Herr Stöcker wieder im Spiel sein sollte, wird es interessant.
    Denn er hat einen ehemaligen Flughafendirektor in petto, der
    vom jetzigen Berater W. abgesägt wurde.

    Fazit scheint zu sein:
    Der bürgermeister wird in seinen Entscheidungen nicht kontrolliert und macht, was er will.
    Herr Pannen wird in seinen Entscheidungen nicht kontrolliert und macht, was er will.
    Berater, wie (un)fähig sie auch sein mögen, haben eine große Lobby.

    Meine persönliche Meinung, zu der ich stehe, ist:
    Wenn es eine Institution gäbe, die alle Handlungen der Akteure bündeln und bewerten würde, würden einige Strafverfahren dabei herauskommen.
    Der Sumpf scheint aber seit Jahren undurchdringlich zu sein und wird
    wohl nie trockengelegt werden.

    Alles, was auf der Strecke bleibt, sind die Kleinen, bis hin zu den Segelfliegern, die an dem „Airport Lübeck“ eine lange Tradition hatten und in den ganzen dubiosen Abläufen sicher niemanden stören würden, aber trotzdem boykotiert werden.
    Da spielen sicher auch wieder persönliche Antipathien Einzelner eine Rolle, ohne, dass Erklärungen dafür vorliegen.
    Aber wofür gab es in den letzten Jahren am LBC überhaupt logische Erklärungen?

    1. Eine der besten Kommentare seit langem . Anscheinend gibt es keinen der dem Wahnsinn ein ende bereitet. Sogar die Kommunal Aufsicht spielt da mit . Und was für ein Spiel , spielt der Pannen . Als Insolvenzverwalter gibt es doch nur zwei Möglichkeiten. Entweder finde ich jemannden der den Flughafen übernimmmt oder ich bringe die sache zum Abschluss. Und dann geht er noch Betteln . Das ist ja schon fast Erpressung in meinen Augen. Na schauen wir mal wie lange das Spiel noch geht .

    2. Eine sehr schöne Zusammenfassung und vielleicht noch um ein paar Dinge zu ergänzen. Ja, so langsam nährt sich der Verdacht, dass hier seit längerem nicht mehr alles mit rechten Dingen zugeht, einem Klimax. Ob und wieweit sich das im kriminellen Umfeld bewegt, ist schwer abzuschätzen und ob das dann auch ans Tageslicht kommen würde/wird ist nochmal fraglich. Zumal auch an der einen oder anderen Stelle schon mal angemerkt wurde, dass die Lübecker Justiz an einigen Stellen ebenso „auffällig“ ist (interessanterweise auch gerne im Zusammenhang mit Insolvenzverfahren), was auch immer das am Ende bedeuten mag.

      Ja, der Finanzsenator zeigt kein sonderlich glückliches Bild in seiner Verantwortung für eine funktionierende Buchhaltung der Verwaltung. „Zum Glück“ kann man sich ja im Zweifelsfall mit dem Reflex „Softwarefehler“ aus seiner Verantwortung stehlen. Wir sollten Software und Roboter jedem anderen Angestellten gleich stellen, der Elektrik betriebsverfassungsgesetzkonforme Arbeitszeiten aufdrücken und die Verantwortung der Führung genau so anwenden.

      Ja, Insolvenzverwalter sind näher an Gott und staatlich geschützt in der Lage Sachen zu machen mit denen andere Bürger sofort massive Probleme hätten. Das ist staatlich so gewollt/nicht verhindert und durchaus Gegenstand vieler Debatten um notwendige Reformen des Insolvenzrechts.

      Der AA dürfte der ganze Zirkus herzlich egal sein, denn da reden wir nur von rechte-Tasche-linke-Tasche und solange es eine Chance für den Flugbetrieb gibt, dürfte es sinnvoller erscheinen die potentiell Arbeitslosen beim Insolvenzverwalter statistikzuparken.

      Die Gestalt des „plötzlich rechtzeitig kranken“ Geschäftsführers/Berater/Stadthalter von Insolvenzverwalters Gnaden finde ich allerdings schon arg merkwürdig. Vielleicht leuchtet dieser Blog auch mal in der Richtung?

      Sollte Herr Stöcker am Rennen teilnehmen, dann wird es tatsächlich interessant. Auf jeden Fall werden wir dann eine Menge Spaß haben, wenn der Herr Stöcker so weiter macht wie bisher und so für heutige Wattebuschschmeisser untypisch seine Meinung klar ausspricht. Vielleicht werden dann die zunehmend angemerkten Anfragen an den Flughafen auch einmal beantwortet, nicht wie unter der heutigen Heeresleitung? Es ist schon erstaunlich was alles an Offerten und Anfragen nicht beantwortet worden ist – Bewerbungen von hochqualifizierten Fachkräften, Angebotsanfragen nach Handling und Gebühren von Airlines, Anfragen zur Bestätigung von Linienflugzeitplänen … alle bisher ohne jede Eingangsbestätigung. Ich finde das mehr als merkwürdig.

      1. An den Haaren herbei ziehen ist auf diesem Blog ja eine schöne Tradition, besonders bei einem Stamm-Kommentator.

        Ja, so langsam nährt sich der Verdacht … Ob und wieweit sich das im kriminellen Umfeld bewegt, ist schwer abzuschätzen…

        Und genau deswegen mache ich das auch nicht.

        Die Gestalt des „plötzlich rechtzeitig kranken“ Geschäftsführers/Berater/Stadthalter von Insolvenzverwalters Gnaden finde ich allerdings schon arg merkwürdig. Vielleicht leuchtet dieser Blog auch mal in der Richtung?

        Nein.

        Ich berichte über öffentlich bekannte Handlungen und Aussagen von Personen, nicht über Personen als solche – ich halte sie für austauschbar.

        Glauben Sie ernsthaft, bei einem anderen Insolvenzverwalter wäre etwas anderes herausgekommen? Wen hätte der wohl als Berater, der sich wenigstens rudimentär vor Ort auskennt, nehmen sollen? Und hätte ein anderer Berater etwas geändert? Ich denke nicht, zumal die derzeitige Situation des Weiterbetriebs um jeden Preis mit Sicherheit von der Verwaltung der Hanselstadt™ favorisiert wird.

        Dann kommt wieder jemand und prügelt reflexartig auf den Bürgermeister/Finanzsenator ein – den ich bestimmt nicht verteidigen will. Zu seinem Job gehört es, Schläge einzustecken. Aber den Mist am Flughafen hat er garantiert nicht als einziges Mitglied der Verwaltung verzapft, gar nicht zu reden von der Bürgerschaft, die bisher jeden Blödsinn an der Landewiese abgesegnet hat und das auch wieder tun wird.

        Genauso absurd ist für mich die Einstellung mancher, es müsse nur „der Richtige“ kommen, ein Märchenprinz, der das Landewiesen-Dornröschen wachküßt. Wie der Professor, der sogar Spiegeleier bemalt, wenn er nicht gerade zum Sturz der Bundeskanzlerin aufruft?

        Diese Hoffnung auf einen weißen Ritter ist bestenfalls rührend naiv, hat sich in der Vergangenheit aber mehr als einmal als falsch und zudem recht teuer herausgestellt.

        Diese Diskussion um einzelne Personen lenkt von den echten Problemen der Landewiese nur ab und versperrt den Überblick. Es gibt keine einzelne Person oder kleine Personengruppe, die die Sache versemmelt hat. Das Problem ist die Landewiese selbst.

  2. Es stellt sich die Frage „wozu das alles?“
    Werden mit den Schrottflugzeugen die berühmten incoming Touristen mit superbilligen one way Flügen anreisen?
    Wird sich ein Flugzeug-Abwrack-Sightseeing Tourismus entwickeln?
    Werden die 80 oder so Arbeitsplätze, die am Flughafen abgebaut wurden 10 fach neu entstehen? (ich stelle mir gerade bildlich vor, wie der Investor die neuen Arbeitsplätze aus dem Boden stampft).
    Das einzige, was der Abwrackflughafen mit „Lübeck International Airport“ gemeinsam hat ist die Piste, auf der dann Verkehrsflugzeuge eben nur noch landen werden.
    Es geht offenbar nur noch um das Prinzip, der Flughafen muss gerettet werden, weil er, wie Saxe sagte „noch zu retten ist“. Ich kann beim besten Willen keinen anderen Grund erkennen.

  3. Hallo Herr Klanowski,

    bei uns hier in Bayern ist der 7 April ein Donnerstag.
    Ist Lübeck im Datum auch schon der Zeit voraus?( Montag 7 April)

    Schmunzel

    1. Ich hatte bei all der Aufregung vergessen, auf meinem Wandkalender die April-Seite aufzuschlagen, somit also den 7. März nachgeguckt 🙁

      1. Hr . Klanowski das kann schon mal passieren . Dafür gibt es ja aufmerksame Leser. Viel schlimmer ist es wenn Stadtvertreter die übersicht verlieren . Und noch schlimmer ein dazu gehöriger Bürgermeister. Der noch dazu Beratungsresisdenz ist und von irgendwelchen Mächten geleitet wird . Mit normalen verstand lässt sich das ganze nicht erklären .

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