Je größer der Dachschaden, desto schöner der Ausblick zum Himmel *

Kein Investor, kein Konzept, praktisch kein Flugverkehr nach dem 15. April, weiterer Abbau von Arbeitsplätzen. Trotzdem pumpt die Stadt 175.000 Euro in die marode Landewiese, um einen seit über sechs Monaten eher glücklos agierenden Insolvenzverwalter einen Monat lang weiterwursteln zu lassen. Kann man das noch kommentieren, ohne komplett in Klischees wie „alle gaga“ zu verfallen? Man muß es versuchen, aber einfach ist das nicht.

Bei der jüngsten Sitzung des Hauptausschusses der Lübecker Bürgerschaft ging es eigentlich nur um den

Verkauf eines Grundstückes [Blankenseer Straße 100], für das die Stadt eigentlich ein Vorkaufsrecht hat. Das war bereits… von der Bürgerschaft beschlossen worden, die Kommunalaufsicht hatte aber Bedenken. Die sind jetzt ausgeräumt.

HL-Live, 7. April 2016

Kurz zusammengefaßt: die Stadt hätte das Grundstück für einen Euro vom Insolvenzverwalter zurückkaufen und dann für 175.000 Euro weiterverkaufen können. Stattdessen kassiert das Geld aus dem Verkauf (ein unterschriftsreifer Vertrag liegt angeblich vor und soll spätestens Montag unterzeichnet werden) jetzt der Insolvenzverwalter für den Weiterbetrieb der Landewiese bis Mitte Mai.

Blankenseer Straße 100
Blankenseer Straße 100

Wodurch wurden jedoch die erwähnten Zweifel ausgeräumt? Wohl durch einen dieser glücklichen Zufälle, wie damals, als der chinesische Millionär Chen den Lauenburger Bürgermeister Thiede fragte, ob er nicht einen Flughafen kenne, der gerade zum Verkauf stünde. Klar kannte er; der Rest ist Geschichte. Der Millionär ist über alle Berge, der Flughafen Lübeck mal wieder insolvent. Prof. Pannen laut HL-Live-Audio heute so:

Ich glaub, ich brauch die damaligen Investoren nicht weiter zu kommentieren, kann aber letztlich dazu auch sagen, daß der Investor, der letztes Mal eingestiegen ist, ein durchaus ernstzunehmendes Konzept hatte.

Mit 5.000 chinesischen Flugschülern? Da sind wir dann auf den nächsten Investor gespannt!

Aktuell mögen bei den Lübecker Lokalpolitikern möglicherweise Zweifel gewachsen sein, ob der Insolvenzverwalter Prof. Pannen – der damals Herrn Chen als Investor anempfahl und offenbar keine Fehler bei der Auswahl desselben eingestehen will – noch sonderlich ernst zu nehmen sei, oder besser: die Interessenten, die er in diesem zweiten Insolvenzverfahren bislang ankündigte. Wobei das ohnehin der Rest vom Schützenfest war (ehemals war von fünf Interessenten die Rede).

Die beiden … haben entgegen ihren Ankündigungen noch immer kein belastbares Finanzierungskonzept vorgelegt.

shz online, 7. April 2016

Da kommt wieder ein glücklicher Zufall ins Spiel.

Mit einem dritten ernsthaften Interessenten, der sich in den vergangenen Tagen gemeldet hat, werde er am Freitag erste Gespräche führen, sagte Pannen.

NDR, 7. April 2016 (Memento)

Ach so, Gespräche wurden bislang nicht geführt, aber schon jetzt weiß man, daß das Interesse ernsthaft ist? Tut mir leid, für mich hört sich das nach Zeitschinden an.

Und wann legt dieser neue Interessent sein Finanzkonzept vor, bis Mitte Mai? Und wenn nicht, was dann? Noch mehr Geld von der Stadt? Es scheint niemanden von den Verantwortlichen hier zu interessieren. Blindflug. Bis es knallt?

Übrigens, das Totschlagargument Arbeitsplätze zieht auch nicht mehr.

Er kündigte außerdem weitere Entlassungen am Flughafen an. Wie viele der verbliebenen 50 Mitarbeiter gehen müssen, wollte Klaus Pannen nicht sagen.

Eigentlich nur logisch; nach dem Rückzug von Wizz Air zum 15. April gibt es an der Landewiese nicht mehr viel zu tun. Wozu sie überhaupt weiterbetrieben wird? Es geht nur noch um die Betriebsgenehmigung, denn wenn die verloren ginge, käme sie nie wieder. Alles andere ist Fiktion.

Fadenscheinige Pläne und wirtschaftliche Realität

Daß man in der näheren Umgebung nur noch die Köpfe über das Verhalten der Politiker der „Weltstadt“ (Bernd Saxe) schüttelt, ficht letztere kaum an. Wann haben Sie jemals Sätze wie die folgenden in den Lübecker Nachrichten gelesen?

Der Flughafen in Lübeck hat eine Reihe von Pleiten hinter sich. Immer wieder hat man versucht, den Standort zu retten, doch ein gutes Konzept fehlte. Dabei stürzte sich die Stadt auf fadenscheinige Pläne.

shz online, 7. April 2016

Wohl wahr, vor allem der letzte Satz. Verlangt man diesmal überhaupt noch Pläne, auch nur fadenscheinige? Nun gut, die Frage war wohl eher rhetorisch.

Oder hier. Eine Abwicklung des Flughafens wäre

vor allem eine Niederlage für Bürgermeister Bernd Saxe (SPD). „Zu einer Weltstadt gehören ein Hafen und ein Flughafen“, hatte er seinen politischen Anspruch einmal auf den Punkt gebracht – freilich passte dieser schon damals nicht zur wirtschaftlichen Realität. Die jüngere Geschichte des Regionalflughafens liest sich wie eine überdrehte Seifenoper …

ZEIT online, 7. April 2016

Aber aber, man kann doch einem kühnen Visionär wie dem Herrn Bürgermeister und Finanzsenator nicht mit fader wirtschaftlicher Realität kommen – wo kämen wir denn da hin? Auf den Boden der Tatsachen? (Dem Hafen geht‘s übrigens wohl auch nicht so gut.)

Ausweichmanöver

Bevor ich auf die Seifenoper zurückkomme, ein kleiner Schlenker. Auf der Tagesordnung stand auch eine von den (Rest-)Grünen angeforderte „Schlußabrechnung“ für die Landewiese.

Auf Anfrage der Grünen legte der Bürgermeister erst einmal eine Abrechnung vor, wie viel Geld die Hansestadt Lübeck seit 1997 in den Flughafen investiert hat. Das Ergebnis: 68 Millionen Euro.

HL-Live, 7. April 2016

Tja, blöd nur, daß das überhaupt nicht die Frage war, denn die lautete so:

In welcher Höhe hat die Stadt seit dem Jahr 1997 Steuermittel für den Flughafen Lübeck aufgewendet (etwa für den Ausgleich von Defiziten, Verlustübernahmen gegenüber Investoren, Kosten für Bau- und Ausbaumaßnahmen, BeraterInnenhonorare, Anwalts- und Gerichtskosten)?

VO/2016/03541

Die Frage bezog sich auf Gesamtausgaben, nicht auf „Investitionen“, wie immer man die definieren mag. Merkwürdigerweise kam die Antwort der Zahl recht nahe, die ich schon mal vorgerechnet hatte, die allerdings nur den Verzicht auf Gesellschafterkredite reflektierte, die die Stadt der Landewiese über Jahre (natürlich ohne jegliche Aussicht auf Rückzahlung) gewährt hatte. Hat da jetzt jemand etwas zugegeben, was schon längst öffentlich bekannt war?

Nicht berücksichtigt wäre die Tatsache, daß die Stadt diese verlorenen Kredite nicht aus der Portokasse ausgleichen konnte, sondern selbst Kredite aufnehmen mußte, für die sie nach wie vor jährlich Zinsen in Millionenhöhe zahlt. Nennt man das jetzt auch „Investition“? Und es gab noch jede Menge anderer Ausgaben.

Vielleicht, aber ich habe keine große Hoffnung, kriegt man ja doch mal eine etwas genauere Aufschlüsselung dieser 68 Millionen Euro seit 1997 (immerhin 3,4 Mio. Euro pro Jahr!) zu lesen.

Erheitern dürfte folgende Aussage:

CDU-Fraktionschef Andreas Zander verwies darauf, dass sich unter dem Strich ein Plus ergeben habe, wenn man die wirtschaftlichen Effekte berücksichtigt.

HL-Live, 7. April 2016

* Prust * Meint er vielleicht das Geld, das Ryanair und Wizz Air eingestrichen haben durch nicht leistungsgerechte Entgelte? Die wären dann in Irland bzw. Ungarn wirtschaftswirksam geworden.

Wo steht denn nun dieses „Plus“, das Herr Zander ausgemacht haben will – in der städtischen Bilanz? Es ging um ausgegebene Steuergelder, denen man ja wohl nur eingenommene Steuergelder gegenrechnen kann.

Fast alle, Herr Zander auch, prügeln regelmäßig auf den Bürgermeister und Finanzsenator Saxe ein. Nicht ohne Grund. Aber mal ehrlich: würden Sie nach so einer Aussage, die ich als lächerlich erachte, Herrn Zander in diesen Ämtern vorziehen? Sicherlich nicht, solange er seine Aussage nicht mit einer detaillierten Analyse untermauert kann. Oder wenigstens mit einem Teilbeweis unter dem Motto, seit es weniger Linienflüge von/nach Lübeck gibt, gehen die Touristenzahlen zurück.

Es fällt schwer, das alles jugendfrei und nicht ganz niveaulos zu kommentieren. Vielleicht hilft wirklich nur eine überdrehte Seifenoper, denn als Krimi kann man das ganze längst nicht mehr verkaufen. Viel zu unglaubwürdig, würden die Kritiker jammern.

Titelschutzanzeige

Eine Comedy-Show? „Pleiten, Pech und Pannen“ ist ja leider schon reserviert. Aber ich liebe diese alten „Dreifach-Slogans“ aus dem Fernsehen des letzten Jahrtausends, wie z.B. „Menschen, Tiere, Sensationen“. „Nepper, Schlepper, Bauernfänger“ – keine Ahnung, wie ich jetzt darauf komme. Hat ja nun wirklich nichts mit der Landewiese zu tun. :mrgreen:

Ein Ansatz zur medialen Aufbereitung der Geschichte wäre vielleicht eine Horror-Reihe. Wie damals das Gruselkabinett des NDR mit dem klassischen Vorspann:

Das kann man nicht toppen, wenngleich ich bereits unter Hinweis auf § 5 Abs. 3 MarkenG Titelschutz in Anspruch genommen habe für

  • Der Zombie-Flughafen
  • Rückkehr des Zombie-Flughafens
  • Außerirdische erobern Zombie-Flughafen
  • Plan 9 für den Zombie-Flughafen

Lange habe ich überlegt, ob ich nicht einen dieser „Dreifach-Slogans“, möglichst mit Alliteration, erfinden könnte. Und ja… hier ist er.

Unter Hinweis auf § 5 Abs. 3 MarkenG nehme ich daher Titelschutz in Anspruch für:

  • Irrtum, Irrsinn, Insolvenzen.

Ist unter den Lesern vielleicht ein Drehbuchautor? Stoff ist genug vorhanden. Ein Handwerker wird benötigt. Ihre Bewerbung wird vertraulich behandelt.

Beitragsbild: Hans-Jürgen Spengemann / pixelio.de – Montage: P.K.

* Karlheinz Deschner, Schriftsteller (1924-2014). Dabei ging es ihm eher um religiösen Glauben, aber manchmal hat man den Eindruck, für gewisse Politiker ist die Lübecker Landewiese inzwischen eine Ersatzreligion. Und das mit dem Blick zum Himmel paßt doch ganz vorzüglich zum Thema Luftfahrt. Dank an die Leserin, die mir dieses Zitat überbracht hat.

9 Antworten auf „Je größer der Dachschaden, desto schöner der Ausblick zum Himmel *“

  1. Tja, Leute,
    alle bisherigen Vermutungen liegen falsch!
    Ich habe aus sehr zuverlässiger Quelle erfahren, dass es den dritten Interessenten tatsächlich gibt.
    Besser gesagt, es sind zwei Interessenten.
    Das Angebot ging kurzfristig ein weil noch andere Probleme vorab gelöst werden mussten.
    Aber nun ist es raus:
    Ein gewisser Adsche will eine Renn – und Teststrecke für Mofas auf der Startbahn einrichten und sein Partner, Herr Brackelmann, braucht die Halle F dringend, um seine Hühner sicher unterzubringen.
    Das Angebot kam erst vorgestern aus Büttenwarder, weil man die Post da aus Sicherheitsgründen selbst und zu Fuß überbringen wollte.

    Ich denke, das Konzept ist schlüssig.
    Oder sieht das, außer dem Insolvenzverwalter und dem Bürgermeister, jemand anders????????

    Um Bedenken zu zerstreuen:
    Auch ein Wartungsbetrieb für Mofas ist angedacht, ebenso wie eine Mofafahrschule für ca. 5.000 Schüler pro Jahr.
    Für mich ist das absolut schlüssig, da könnte man sogar das ILS zur Koordination der Fahrschüler einsetzen.

    Noch Fragen?

    1. Eilmeldung!!!!!!
      Am Freitag verhandelt der Insolvenzverwalter mit
      Adsche und Brackelmann darüber, ob sie den Trecker und das Mofa auf Kerosin umrüsten würden.
      Die Beiden zeigten verhaltenes Interesse, halten das aber für möglich, wenn die Stadt den Umbau mit ca. 5 Mio bezuschussen würde.
      Die Chancen dafür stehen nicht schlecht, müssen nur noch von der Bürgerschaft abgesegnet werden.
      Da sehen alle Beteiligten aber kaum Probleme.

      Ein Flughafenberater soll seine Dienste auch schon angeboten haben und zeigte sich bereit, in einem achtjährigen Schnellkursus von Flughäfen auf Mofas und Trecker umzuschulen.
      Man munkelt, er könnte das schaffen, wenn er eifrig lernt und zwischendurch nicht krankheitsbedingt Pausen einlegen muss.

      Alle drücken ihm die Daumen.

      1. Klar geht das durch. Adsche und Brackelmann sind schließlich renommierte, äh, Geschäftsleute aus der Region und bestens bekannt. Ich hoffe auch ganz stark, daß sie ihre Pläne demnächst auf extra 3 vorstellen, wie Herr Störtebeker vorschlägt.

        Danke jedenfalls für diese sensationellen Neuigkeiten, selten so gelacht… 🙂

    2. Ja, eine einzige Frage. Büttenwarder wird Öffentlich Rechtlich aus dem Gebührensäckel gewisser Geier (ok, vielleicht zuviel Flugbezug) bezahlt. Dies hiesse dann ja, das der dann sicher umbenannte BLI, Büttenwarder-Lübeck International Airport, wieder auf die Tasch der öffentlichen Hand wechselt. Das kann doch nicht sein, Rückzug aus der Privatisierung?

      Dann vielleicht doch lieber einen privaten Recycling-Flughafen für geflügelte Marmeladen-, sorry Konfitüreneimer und täglichem Linienflugverkehr mit Schwartau Air zwischen Blankensee und Bad Schwartau.

  2. Die Betriebsgenehmigung hängt doch sicherlich damit zusammen wieviel Personal am Ende übrig bleibt . Dann wüsste man auch wieviel Mitarbeiter ihre Koffer packen müssen . Sicherlich kann jemannd meine Frage beantworten. Und der Pannenmann wird ja wohl nicht die Entlassen die man braucht
    um die Betriebsgenehmigung aufrechtzuerhalten. Im grunde genommen werden sie ab mitte April fürs nichtstun bezahlt . Und die Geschichte mit dem dritten Intressenten kann sich hinziehen wie ein Kaugummi . Genauso wie mit dem Schrottharrry der dem Pannenmannn über 3 Monate was von einem Bären erzählt hat. Wie Hr. Klanowski es schon beschrieben hat . Mit normalen Menschenverstand lässt sich das ganze nicht erklären. Also sind doch Drogen im Spiel .

  3. Unter dem Stichwirt „Dummheit“ gibt’s schöne Zitate im Netz. Eins, was auf die Bürgerschaft (jedenfalls deren Mehrheitsbeschlüsse in Sachen Flughafen) gut passt, lautet: „Mit leerem Kopf nickt es sich leichter“.

  4. Sehr frei nach Friedrich Schiller:

    „Feuerwerke neuer Linien, Flieger aus Elisium,
    Wir betreten feuertrunken, Blankensee, das Heiligt(h)um.
    Deine Zauber locken wieder, was Vernunft ansonsten heilt,
    MdBüs sind Rechenkünstler, wo der stete Irrsinn weilt.“

    „Seid verfeuert Ihr Millionen……“

    1. Wieso kommt mir das hier in den Sinn, wenn ich an Lübeck und seine Verwaltung denke? Sollte man auswandern?

      Hier wendet sich der Gast mit Grausen:
      »So kann ich hier nicht ferner hausen,
      Mein Freund kannst du nicht weiter sein.
      Die Götter wollen dein Verderben –
      Fort eil ich, nicht mit dir zu sterben.«
      Und sprach’s und schiffte schnell sich ein.

      Friedrich Schiller, Der Ring des Polykrates

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