Bruchpilot und Bruchpolitiker

13. März 1992. Ich fahre mit dem Fahrrad nach Blankensee, im Rucksack mit dabei: meine erste Videokamera. Am Flughafen gerate ich in ein Schneegestöber und rette mich ins Wartehäuschen der dortigen Bushaltestelle. Wenn ich schon mal hier festsitze, denke ich mir, kann ich aus dieser geschützten Perspektive eigentlich die wirbelnde weiße Pracht auf Video bannen. Gesagt, getan. Wer hätte gedacht, daß ein altes, eigentlich völlig belangloses Video interessante Aussagen für die Gegenwart enthält – wenngleich auch nur in Sachen der Gaststätte „Zum Bruchpilot“ genau gegenüber dem Flughafen.

Schwenk über den Parkplatz vor dem Flughafen.  Gähnende Leere. Autos sind nicht auszumachen (bis auf eines, das gerade abfährt. Ein Flughafen-Angestellter?) Jemand führt seinen Hund auf dem Parkplatz Gassi.

 

Gegenschnitt auf die andere Straßenseite zum Bruchpiloten. Auf dem dortigen Parkplatz stehen nicht weniger als sechs PKW, ein LKW und zwei Transporter. Im Fenster der Gaststätte brennt Licht. Und das zu einer Zeit, als niemand wußte, wer oder was Ryanair eigentlich ist; zu einer Zeit, in der es vielleicht gerade mal zögernde Versuche mit Charterfliegern gab.

Fast achtzehn Jahre später klagt der jetzige Besitzer der Gaststätte, Thomas Pareigis, der hiesigen Monopolpresse sein Leid.

„Hier ist nur tote Hose“, regt sich Pareigis auf. Da eh niemand komme, habe er sich die Woche freigenommen. „Bringt ja nix“, sagt der 53-Jährige. Vor zwei Jahren erst hat er den „Bruchpiloten“ übernommen, dachte an eine gute Zeit. „Eine Gaststätte direkt gegenüber eines Flughafens, das läuft normalerweise von selbst.“

Aber nicht, wenn der Hauptkunde Ryanair heißt. Von dem gab es 1992 in Lübeck natürlich keine Spur. Selbstverständlich kann der Parkplatz vor dem „Bruchpilot“ am 13.03.1992 auch nur durch einen Zufall voll besetzt gewesen sein. Tatsache ist aber, daß die Gaststätte schon vorher (meines Wissens seit Jahrzehnten) existiert und seitdem überlebt hat.

Wieso funktioniert es jetzt nicht mehr, wo doch der wunderbare Flughafen alleine in seiner unmittelbaren Umgebung als „Job-Motor“ wirken, tausende und abertausende Arbeitsplätze schaffen soll? Dabei reicht es offenbar nicht mal dafür, den Betrieb einer kleinen Kneipe genau gegenüber dem Flughafengebäude zu garantieren – geschweige denn den anderer Betriebe.

Und das bei Passagierzahlen, die zwar im Vergleich zu den vorhergehenden Wintern deutlich niedriger liegen, aber mit Sicherheit immer noch viel höher als z.B. 1992.

Des Rätsels Lösung: die Kundschaft ist eine andere. Frequentierten den „Bruchpiloten“ früher Sportflieger, vielleicht auch noch Angestellte vom am Flughafen ansässigen Wartungs- und anderen Firmen, ist dieses (unter „allgemeine Luftfahrt“ zusammengefaßtes) Potential inzwischen weggebrochen. Ryanair- und andere Linien-Kunden setzten sich zur großen Mehrheit sofort nach Ankunft in den Bus nach Hamburg, oder verlassen die Stadt mit anderen Verkehrsmitteln.

Ein Kommentator brachte es kürzlich bei LN Online auf den Punkt:

Sie können sich bei den ehemaligen und gescheiterten Geschäftsführern Seidenstücker und Wilson bedanken, Herr Pareigis. Die haben mit Vorsatz und Erfolg erhebliche Teile der allgemeinen Luftfahrt aus HL vertrieben – das wären auch Ihre Kunden gewesen. Das „Luftfahrtestablishment“ der Hansestadt ist jedoch voll von Bruchpiloten. Wenn die alle mal auf ein Bier reinschauen, brummt der Laden.

Der Blick in die Kristallkugel (Satire!!!)

Wenn sämtliche Lübecker Bruchpolitker, Luftfahrt-Phantasten und Flug-Zocker vieler Parteien (bis auf Grüne und Linke), Gruppierungen, Organisationen und Verbände, sagen wir mal, eine Weihnachtsfeier abhalten wollten, würde der winzige „Bruchpilot“ kaum genügend Raum bieten.

Stattdessen müßte man –allein der überdimensionierten Egos der Beteiligten wegen! – einen großen Hangar auf dem Flughafengelände anmieten, und auf der Installation mehrerer Pustefix-Seifenblasenmaschinen dortselbst bestehen.

Durch das Programm führt das bekannte Lübecker Volksmusikduo „Dodo und Finchen“; als Stargast tritt ex-Flughafengeschäftsführer Dr. Peter Steppe auf, der den lange verschollenen Ole Leo als neuen Retter des Flughafens präsentiert.

Dr. Steppe wird von der Industrie- und Handelskammer im Rahmen der Veranstaltung die Goldene Salami überreicht, in Anerkennung seiner Verdienste um die Kultivierung der Salamitaktik.

2 Antworten auf „Bruchpilot und Bruchpolitiker“

  1. …und unseren […], ähm Luddie, ähm kostenneutralen Ryanairbotschafter, ähm … achja: Geschäftsführer der Flughafen Niederrhein GmbH und Teilhaber der Agello […], also diesen Herrn van Bebber lädt dann niemand ein?

    1. Ich bin mir völlig sicher, daß Herr Ludger van Bebber sehr bald den Kaufvertrag für die Flughafen Lübeck GmbH im „Bruchpilot“ (wo denn sonst?) unterzeichnen wird. Kaufpreis: eine Lokalrunde Jever Pilsener für die anwesenden Lübecker Honoratioren. Sollte der „Bruchpilot“ jedoch geschlossen sein, findet die Zeremonie auf dem Flughafen-Parkplatz in einem Unterstand für die Gepäckwagen (Koffer-Kulis) statt. In diesem Fall schenkt die Industrie- und Handelskammer an die Anwesenden Glühwein aus (begrenzt auf einen Becher pro Person). Was für eine himmlische Hochzeit 😉

Kommentare sind geschlossen.