„Privater“ Flugplatz Memmingen kurz vor der Teilverstaatlichung

Nachdem im Forum von airliners.de über den Flughafen mit dem höchsten Unterhaltungswert diskutiert wurde, fand ich einen neuen Blick auf Memmingen angebracht, denn der dortige sogenannte „Allgäu-Airport“ taucht dort auch als Kandidat auf. Er ist ebenso ein gutes Beispiel dafür, was passiert, wenn die lokale bzw. regionale Wirtschaft vorgibt, eine Landewiese auf eigene Kosten betreiben zu wollen.

Das sollten sich alle ansehen, die jetzt in Lübeck eine – wie auch immer geartete – regionale Lösung für den hiesigen Flughafen befürworten oder auch nur unter dem Motto „laßt die mal machen, solange der Steuerzahler nichts dazubezahlt“ abhaken. Das Fazit vorweg: in Memmingen ist dieses Modell grandios gescheitert, und der Steuerzahler blecht mal wieder.

Vieles habe ich schon in dem Beitrag „Privater“ Flugplatz Memmingen im Rückwärtsgang beschrieben. Aber es gibt neue Details. Wie schon in dem erwähnten Artikel ausgeführt, geht es mir nicht darum, Städte und Landkreise in Bayern oder den Freistaat selbst für verschwendete Gelder zu kritisieren; das ist deren Problem. Da Memmingen in Lübeck als leuchtendes Vorbild vorgeführt wurde, sollte man aber ein wenig genauer hinsehen, denn immerhin läuft diese tolle (?!) Idee eines von der einheimischen Wirtschaft betriebenen Flughafens seit über zehn Jahren.

Erfolgreich kann man die Idee in wirtschaftlicher Hinsicht kaum nennen. Der Verlust im Jahr 2013 betrug 1,6 Millionen Euro. 2014 stieg er auf 1,753 Millionen Euro. (Allgäu Airport GmbH & Co. KG – Jahresabschluss zum Geschäftsjahr vom 1. Januar 2014 bis zum 31. Dezember 2014, veröffentlicht im Bundesanzeiger.) Damals stand die Gesellschaft kurz vor der Insolvenz. Neuere Zahlen gibt es nicht.

Kräftige Verluste gab es übrigens, obwohl die Passagierzahlen die ursprünglichen Erwartungen sogar übertroffen haben, 2015 waren es fast 900.000. Aber wer, wie die Allgäu-Landewiese, ausgerechnet Ryanair als Hauptkunden hat, der keine kostendeckenden Gebühren zahlt, braucht für den Verlust nicht zu sorgen.

Daß ohnehin ständig staatliche Subventionen flossen, lasse ich jetzt mal weg. Erwähnenswert ist, daß auch etliche Kommunen an der Betreibergesellschaft Allgäu Airport GmbH & Co. KG beteiligt sind, deren Anteile aber aufgrund der Verluste der Landewiese teilweise bis auf einen Euro herunter wertkorrigiert wurden. Jedenfalls: so ganz privat war der Flughafen schon von Anfang an nicht.

Die Verluste drücken, die Gesellschafter murren, und natürlich muß dann  wieder ein wenig Ausbauzauber her: Landebahn verbreitern, neues ILS, und schon kommen die neuen Fluglinien mit naturgesetzlicher Sicherheit. Wie in Lübeck nach der Inbetriebnahme des neuen ILS Cat. II? Im Vorfeld der Bürgerentscheids fabulierten die Initiatoren von CDU, FDP und BfL:

Allerdings muss die Hansestadt Lübeck … ihre Hausaufgaben machen und die Mittel zur Verlegung der Landeschwelle 07 und zum Upgrade des ILS zur Verfügung stellen. Lübeck muss hier für seine Kunden in Vorleistung gehen, erst dann und mit dieser Planungssicherheit kann und wird eine Fluggesellschaft Flugzeuge in Lübeck stationieren.

ILS Cat. II: aufgebaut und betriebsbereit. Landeschwelle: verlegt. Ryanair: ähh… fliegt jetzt ab Fuhlsbüttel. Klar, hat ja volle Kanne geklappt!

In Memmingen muß jetzt für solch tolle Ideen, auch wenn sie sich andernorts als untauglich erwiesen haben, dringend Geld her. Das macht man in drei Schritten. Ein Rettungskonzept des ehemaligen Oberallgäuer Landrats Gebhard Kaiser (CSU) sieht die Aufteilung der Betreibergesellschaft in drei separate Unternehmen vor; das ist immer gut, um Gelder oder Verluste hin- und herzuschieben.

Zwei dieser Töchter sollen Grundstücke als Gewerbeflächen verwerten – und damit zusätzliche 24 Millionen Euro von Kommunen, Landkreisen und vom Freistaat einsammeln.

Süddeutsche Zeitung, 26. Juni 2015

Und jetzt bitte mal hinschauen, Hanselmännchen: so macht man das mit Grundstücken rund um Flughäfen! Die hatte in diesem Fall die Betreibergesellschaft nach der Abwicklung des Militärflughafens Memmingen vom Bund erworben. Und jetzt werden sie nicht etwa auf dem freien Markt an Interessenten verkauft, vermutlich gibt es nämlich keine, sondern an staatliche Stellen.

Dieter Buchberger, Vorsitzender der Initiative Bürger gegen Fluglärm: „Wenn diese Grundstücke wirklich so viel wert sind und wenn dieser Plan so lukrativ ist, warum übernimmt die Airport GmbH dann die Vermarktung nicht selbst oder lässt das einen privaten Investor machen?“

Süddeutsche Zeitung, 20. November 2015

Vielleicht deswegen, weil es auf den Grundstücken Altlasten gibt, die eigentlich der Flughafenbetreiber hätte beseitigen sollen? Genaugenommen weiß man nicht einmal, was dort an Hinterlassenschaften aus den Zeiten der militärischen Nutzung bis 2003 liegt oder versickert ist. Was sind solche Flächen wohl wert?

Die Unterallgäuer Kreisrätin Christa Plail (Freie Wähler) bezeichnet das Konzept als „Super-Deckmäntelchen“: „Wir spülen dem Airport Millionen in die Kasse und wissen gar nicht, was wir kaufen.“ Vor Inbetriebnahme habe der Staat den privaten Betreibern das ehemalige Bundeswehr-Areal für 1,50 Euro pro Quadratmeter verkauft. „Und jetzt soll der Staat das für 50 Euro wieder zurückkaufen?“, fragt Bail.

Süddeutsche Zeitung, 26. Juni 2015

Aber nein, natürlich nicht! Tatsächlich sind es 58 Euro pro Quadratmeter. Sehen Sie, so machen das Könner. Indirekte Doppelsubventionen: erst verkauft der Staat (hier: Bund) das Gelände unter Wert an den Flughafen, kauft (hier: Freistaat Bayern und Kommunen) es nach zehn Jahren überteuert zurück. „Wertsteigerung“ über 3.700% zugunsten eines privaten Betreibers.

Das ist natürlich nicht alles.

Um wettbewerbsfähig zu werden, plant der Flughafen für 15,5 Millionen Euro einen Ausbau. Start soll im Sommer 2016 sein, Fertigstellung 2018. Hierfür hat der Freistaat bereits 12,2 Millionen Euro Zuschuss zugesagt.

Süddeutsche Zeitung, 20. November 2015

Und das ist immer noch nicht alles.

Die Landtagsabgeordneten Bernhard Pohl aus dem Allgäu (Freie Wähler) und Harald Güller aus Augsburg (SPD) sind erfreut, dass Bayerns Finanzminister Markus Söder im Kabinett für eine Staatsbeteiligung am Allgäu Airport Memmingen werben will. … Söder hatte am Montagabend (04.04.16) beim Heimat- und Finanzempfang in Memmingen deutlich gemacht, dass er den Einstieg des Freistaats in die Betreibergesellschaft befürwortet – allerdings befristet auf zehn Jahre. …

Pohl und seine Fraktion haben vor einem Jahr einen Antrag im Landtag eingebracht, in dem sie einen Einstieg des Freistaats mit 30 Prozent als Gesellschafter am Flughafen Memmingen fordern.

BR, 5. April 2016

So viel zum Thema „privat betriebener“ Flughafen. Angeblich soll der Freistaat für den 30%-Anteil „nur“ 1,2 Mio. Euro zahlen sollen, aber dafür dürfte man sich auch mindestens über zehn Jahre zu 30% an den Verlusten beteiligen. Und wer weiß schon, was in zehn Jahren ist…

Fazit

Die private Betreibergesellschaft steht von einem selbst angerichteten Scherbenhaufen und kann sich glücklich schätzen, sich auf relativ wohlhabende staatliche Stellen als Reparaturbetrieb verlassen zu können, die nicht nur jeden Unsinn glauben, sondern auch die vermutlich aussichtslose Reparatur bezahlen. Wehe, wenn erstmal Ryanair auf die Idee kommt, München statt „München-West“ (Memmingen) anzufliegen… Und innerdeutsche Flüge, wesentliche Motivation der ursprünglichen Betreiber, die von solchen Verbindungen zu profitieren hofften, ließen sich nicht dauerhaft etablieren.

Dieser private, hochsubventionierte und demnächst vielleicht wieder teilverstaatlichte Flughafen wurde uns also allen Ernstes als Vorbild anempfohlen. Glauben Sie ernsthaft, regionale Unternehmer würden eine defizitäre Landewiese auf Dauer betreiben wollen? Pfft…

Was nehmen wir für Lübeck mit?

Zunächst mal die Tatsache, daß man in Memmingen bei knapp 900.000 Passagieren immer noch Verluste schreibt, obwohl die Personalausstattung mit rund 60 Mitarbeitern dort nicht so üppig ausfällt wie hier in den Hochzeiten der Landewiese. In Lübeck brauchte man rund 130 Mitarbeiter, um etwas über 700.000 Passagiere abzufertigen. Vielleicht sagt das ja auch etwas über die Wirtschaftlichkeit aus.

Jedenfalls: die von hiesigen „Experten“ verbreitete Ansicht, man könne schon mit 500.000 Passagieren pro Jahr ausgeglichene Ergebnisse einfahren, hat sich in Memmingen nicht bewahrheitet. Vermutlich auch nirgendwo sonst in Deutschland.

Noch wissen wir nicht, ob Prof. Stöcker von Euroimmun mal wieder seinen Hut in den Ring wirft, um die hiesige Landewiese zu retten. Seinen beredten Worten folgten in den letzten Jahren keinerlei Taten, vermutlich aus Gründen der Vernunft. Er alleine wird es nicht reißen können, und Mitstreiter nach Art des „Memminger Modells“ haben sich offenbar nicht gerade aufgedrängt.

Vielleicht sollte man es nicht als Ausdruck der Hoffnung interpretieren, wenn Prof. Stöcker schon vor Jahren sagte, „dass es in Blankensee so kommt wie in Memmingen“ (LN Online, 1. September 2012), sondern als Drohung: Subventionen ohne Ende, Grundstücksverschiebungen und nach über zehn Jahren wieder eine Teilverstaatlichung.

So lange wird man hier vielleicht nicht warten müssen. Im Frühjahr 2017 sind Landtagswahlen, ein Jahr später Kommunalwahlen. Ein Durchmarsch von CDU und FDP bei beiden, und der Flughafen ist staatlicherseits finanziert. Wetten? Zudem läuft das Mediationsverfahren mit den „Naturschützern“ Ende 2019 aus, und dann ist wieder alles offen.

Beitragsbild: „FlughafenMemmingenVorfeldRyanair“ von Allgäu Airport GmbH & Co. KG (Volker Strohmaier) – www.allgaeu-airport.de/wDeutsch/Unternehmen_Flughafen/Bildergalerie/Bildergalerie.php?navid=65. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 de über Wikimedia Commons.

 

4 Antworten auf „„Privater“ Flugplatz Memmingen kurz vor der Teilverstaatlichung“

  1. Das sind gute Argumente, denen ich auch folgen kann und meine anfängliche Gleichgültigkeit gegenüber dem Kaufansinnen von Herrn Stöcker überdenke. Man sollte dagegen sein, weil eine Entwicklung wie in Memmingen tatsächlich vorauszuahnen ist. Aber im Grunde ist doch selbst eine Rückstufung auf einen Landeplatz für Kleinflugzeuge kein Garant dafür, dass Blankensee nicht bei nächster Gelegenheit wieder reaktiviert würde. Eigentlich muss bis auf die Segelflieger-Wiese alles zurück gebaut werden (insbesondere die Betonpiste), um für alle Zeiten eine Wiederauferstehung zu verhindern. Selbst bei gutem Willen ist dafür keine Mehrheit und kein Geld aufzutreiben. Vielleicht noch eine Umwandlung in ein Industriegebiet. Aber wenn der Bedarf dafür so groß wäre, hätten wir nicht so viele heruntergekommene, ungenutzte Flächen in Lübeck.

    1. Den Bedarf an Gewerbeflächen sieht das städtische Beteiligungs-U-Boot KWL allerdings ganz anders… nun gut, denen muß man auch nicht alles glauben 🙂

      Noch gibt es kein öffentlich bekanntes Konzept des Herrn Professors, insofern ist das alles Spekulation. Beim letzten Mal allerdings hat er eben Memmingen als Vorbild angeführt, und jetzt sieht man, was aus dem „Modell“ geworden ist.

      Etwas anderes wäre es, würde Euroimmun die Landewiese tatsächlich auf eigene Kosten betreiben. Vergleichbares machen in Deutschland m.W. zwei Firmen: Adolf Würth AG und Viessmann. Die spielen allein vom Umsatz her aber mehrere Klassen über Euroimmun und können sich den Luxus leisten. Nutzung durch firmeneigene Flugzeuge, Mitnutzung durch Sportflieger. Linien- und Charterflüge gibt es natürlich nicht, weil man genau weiß, daß man damit dort kein Geld verdienen kann.

      Zum Vergleich die Umsätze 2015:

      Würth – 11,05 Milliarden Euro
      Viessmann – 2,22 Milliarden Euro
      Euroimmun – 205 Millionen Euro
      Dräger – 2,43 Milliarden Euro (2014, Zahlen für 2015 nicht bekannt)

      Man sollte, was Euroimmun angeht, die Kirche also wirklich mal im Dorf lassen. Bei Dräger könnte man sich so etwas eher vorstellen, aber zur Landewiese fiel denen bisher nur die Forderung (!) einer Verbindung nach Frankfurt oder München ein. Und bei den aktuellen Problemen der Firma… (bei Aufklärungsbedarf bitte mal nach Dräger und Gewinnwarnung googlen).

  2. Ob die veranschlagten 43 Millionen für das neue Brot&Spiele Geschenk Sportzentrum (LN dies Wochenende) mehr wirtschaftliche Kraft als ein Flughafen bringt? Klar bringt das mehr Wählerstimmen, aber wann hört Lübeck mal auf ideologische Tagträumen nachzuhängen? Erst mal muss das Geld verdient werden bevor es ausgegeben werden kann und netto Geld verdienen ist brutal schwer in der heutigen BRDDR geworden.

    1. Nach „AABER DIE SCHWIMMBÄDER! (Sollen die Leute doch auf Malle baden gehen)“ und „AABER DAS THEATER!“ jetzt also „AABER DAS SPORTZENTRUM!“? Dessen Finanzierung, wie Sie sicherlich auch gelesen haben werden, völlig unklar ist. Bislang hat die Stadt 270.000 Euro zugesagt, sucht nach weiteren 1,5 Millionen. Für den Neubau (31 Mio.) gibt es die „Idee, einen privaten Betreiber … zu suchen“.

      Ha! Jetzt komme ich! „AABER DER FLUGHAFEN! (Da hat das ja auch soo gut geklappt.)“ SCNR 🙂

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