Von 715.731 auf null in zehn Jahren

Für Liebhaber der Lübecker Landewiese muß die Welt im Juni 2006 nicht nur in Ordnung, sondern nahezu perfekt gewesen sein. Da stimmte einfach alles. Acht regelmäßig angeflogene Ziele. Vierundfünfzig Linienflüge pro Woche.

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Sommerflugplan 2006

Und dann die Fußball-WM im eigenen Land, mit Blankensee als Promi-Flughafen für die Spielstätte Hamburg. Ein neuer Investor für die Landewiese, beste Aussichten auf Wachstum. Was will man mehr?

Einem (rein fiktiven) Fanboy das wäre im Sommer 2006 nur logisch vorgekommen – man hat alles richtig gemacht! Nach 1999 gab es dank Ryanair Jahr für Jahr steigende Passagierzahlen, von knapp unter 100.000 im Jahr 2000 bis auf etwas über 700.000 im Jahr 2005. Jährliches Wachstum über 38%.

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Flugziele Sommer 2006

Daß die Verluste in ähnlichem Maße wuchsen, hatte die Stadt als Alleineigentümerin der Flughafen Lübeck GmbH schon mitgekriegt und letztlich mit Infratil aus Neuseeland einen Investor gefunden, der 90% der Anteile übernahm. Zwar nur auf Probe, aber das war eine reine Formalie, die nichts zu bedeuten hatte, denn mit dem Flughafen ging‘s ja steil aufwärts.

Nun gut, im Vorjahr hatte man mit ehrgeizigen Ausbauplänen eine Bauchlandung gemacht, aber die Fehlplanung hatte jemand anders zu verantworten – der frühere von der Stadt bestellte Geschäftsführer, den Infratil sogleich auf einen Posten im Unternehmen verschob, auf dem er relativ wenig Schaden anrichten konnte.

Infratil entschärfte die Pläne ein wenig, so daß von Seiten des Naturschutzes und der Anwohner weniger Protest zu erwarten war.

An den ehrgeizigen Zielen – vier bis sechs Millionen Passagiere ab 2015 und Investitionen von 60 Millionen Euro – hält der neue Eigner Infratil fest.

LN-Online, 9. März 2006

Der neue Plan soll bereits Ende des Jahres eingereicht werden.

Im Sommer 2006 kommt auch noch internationales Flair hinzu. Promis aus dem Fußballzirkus nutzen während der WM Lübeck als Alternative zu Hamburg- Fuhlsbüttel, bis hin zum russischen Öl-Oligarchen und Fußball-Fan Roman Abramowitsch, der hier seine Boeing B767 „Bandit“ abstellt.

Das Privatflugzeug des Oligarchen Roman Abramowitsch (2006)

Ihn bekam man zwar nicht zu Gesicht, zur heiteren Stimmung vor Ort trugen aber beispielsweise englische Fußballfans bei, die sich vor der Kneipe „Bruchpilot“ die Wartezeit auf ihren Heimflug bei ein paar Bierchen verkürzten.

Klar, das Sommermärchen würde vorübergehen, Billigflieger Ryanair bleiben. Doch selbst der Kritikpunkt, man mache sich von diesem de facto Alleinkunden abhängig, galt nicht mehr – mit Wizz Air hat eine zweite Fluggesellschaft den Betrieb aufgenommen. Und auch Charterflüge gibt es wieder mal.

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Pegasus Airlines nach Antalya (2006)

Vier Reisebüros sind vor Ort, ein Restaurant, usw. Infrastruktur? Alles bestens! Der Anschluß an die Autobahn 20 über die neue Bundesstraße 207 steht kurz vor der Vollendendung. Ein Bahnhaltepunkt am Flughafen ist geplant. Was kann jetzt noch schiefgehen?

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Blick von der im Bau befindlichen Abfahrt der B207 auf die Blankenseer Straße – man beachte die Wildparker (2006)

Hibernatus

In diesem Zustand höchster Glückseligkeit und der Gewißheit, daß alles seinen rechten Gang geht, frieren wir unseren archetypischen Fanboy mal für knapp zehn Jahre ein, denn er kann es kaum erwarten, in einem Jahrzehnt die dann aus allen Nähten platzende Landewiese mit vier bis sechs Millionen Passagieren im Jahr zu sehen.

Stellen Sie sich vor, wir tauten ihn jetzt wieder auf. Wäre das ethisch überhaupt verantwortbar? Würde er nicht sofort einen Schwächeanfall und/oder einen Nervenzusammenbruch erleiden, wenn er sieht, was jetzt an der Landewiese los ist? Mittelfristig schwere Depressionen entwickeln?

Fakt ist: zehn Jahre nach ihrem Höhepunkt steht die Landewiese vor einem gigantischen Scherbenhaufen. Keine Linienflüge mehr. Keine Kundschaft. Keine Läden. Nichts.

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Was haben die wach gebliebenen Kollegen des eingefrorenen Fanboys in den zehn Jahren wohl mitbekommen? Schon 2006, das konnte man aber erst 2007 wissen, gingen die Passagierzahlen stetig zurück. Der Investor Infratil stieg aus. Andere kamen und gingen. Die Linienpolitik von Ryanair war bestenfalls erratisch. Mal hierhin, mal dorthin. Na ja, so etwas schwankt halt. Dieses Jahr gibt‘s eine Delle, und die wird nächstes Jahr ausgebügelt.

Und dann die externen Faktoren erstmal! Allen voran die pöhsen Flughafengegner mit ihren stimmungsdämpfenden Strahlenkanonen, die Investoren und Fluggesellschaften abschreckten; zwischendurch auch mal eine Aschewolke oder die böse Luftverkehrsabgabe. So hat man sich Jahr für Jahr den Abstieg schöngeredet, ohne die grundlegenden Ursachen zu sehen.

Irren ist menschlich. Peinlich ist, wenn man daraus nichts lernt.

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So wird heute von interessierter Seite nur noch versucht, den einstmals ach so wichtigen Flughafen nur irgendwie loszuwerden, weil eine Abwicklung angeblich teuer werden würde (was nicht bewiesen ist). Konzept? Egal. Flugzeuge verschrotten statt Incoming-Touristen. So sterben die schönen Träume.

Ach nee, einen Traum hat man ja noch. In zehn Jahren (oder zwanzig) läuft Hamburg-Fuhlsbüttel über, und dann werden wir alle froh sein, wenn wir bis dahin die Landewiese erhalten.

Wie zuverlässig Zehn-Jahres-Prognosen sind, hat man inzwischen hoffentlich gesehen.