Wir bitten König Winfried I. submissest…

Immer wenn man denkt, absurder geht es nicht, kommt es noch absurder. Bevorzugt in der Leserbriefspalte der Lübecker Nachrichten. Allen Ernstes macht da ein serviler lübscher Untertan einen Bückling vor seiner königlichen Majestät Winfried I.:

Ich verneige mich in Ehrfurcht und Hochachtung vor Herrn Stöcker!

Lübecker Nachrichten, Druckausgabe, Lokalteil HL, 18. Mai 2016, S. 13

Jaja, Satire, sagen Sie. Dachte ich auch zuerst. Aber der Rest… Soll man geistigen Dünnschiß wie diesen noch analysieren?

Hmm – wenn sonst nix passiert, warum nicht. Also:

Der Senat ist gut beraten, zügig und rückhaltlos alle Hürden zu beseitigen und die letzte große Chance zu ergreifen – die Chance für Wirtschaft, Kultur und Tourismus und für das Ansehen der Hansestadt Lübeck.

Eins nach dem anderen.

Der Senat ist gut beraten, zügig und rückhaltlos alle Hürden zu beseitigen …

Frei nach „Kottan ermittelt“: Senat gibt’s kaan. Nur eine Verwaltung. Und was denn für Hürden, bitte sehr? Soll das heißen, daß man Forderungen des Herrn Prof. Stöcker, die er sehr wahrscheinlich stellen wird, einfach abnickt? Selbst dann hätte immer noch die Bürgerschaft zu entscheiden. Nicht, daß ich sonderlich optimistisch wäre, was deren mehrheitliche Bereitschaft angeht, sich endlich einmal ernsthaft und verantwortungsvoll mit dem Thema zu befassen.

Was unser Leserbriefschreiber gerne hätte, würde im Wortlaut wohl etwa so klingen:

Die Bürgerschaft bittet Eure Ehrwürdige Königliche Hoheit Winfried I., gemäß unserer unterthänigsten Erklärungschrift vom <Datum hier einsetzen> ehrerbietigst, eine fortwährende und sorgliche Aufsicht über die Landewiese auszuüben. Indem die getreue Bürgerschaft so beschließt, verbindet sie damit die ehrfurchtsvolle Bitte, daß Ew. Königliche Hoheit geruhen mögen, folgende Ländereien der Hanselstadt™ in Seine geschätzte Obhut zu übernehmen: <Grundstücke und andere Geschenke hier einsetzen>.

Möglicherweise wird Winfried I. dann auch noch kurz vor der Bürgerschaft sprechen, was dann folgende Antwort des Herrn Bürgermeisters zur Folge haben wird:

O! Diese unsterblichen Worte aus den Munde und Herzen des besten der Regenten, legen der Verwaltung die Pflicht auf, wegen des künftigen Wohls der Stadt Eurer Königlichen Hoheit eine wiederholte unterthänigste Vorstellung mit kindlichem Vertrauen zu Füßen zu legen.

Das war so etwa die Sprache von vor knapp 200 Jahren. Wird sie wieder modern?

Der Rest ist relativ schnell abgehandelt.

… und die letzte große Chance zu ergreifen …

Wieder scheint es, der Schreiber hätte die letzten 200 (oder auch nur 20) Jahre unter einem Stein gelebt. Letzte Chance?! Die wievielte letzte Chance denn? Meine Fresse. Kann man alles hier nachlesen. Wer einmal lügt, dem glaube nicht. Glaubwürdige lügen öfter (Peter Frankenfeld).

… die Chance für Wirtschaft, Kultur und Tourismus und für das Ansehen der Hansestadt Lübeck.

Tourismus läuft komischerweise auch ohne Flughafen gut. Bei Kultur zetern die Flughafen-Fanboys eigentlich immer nur „aaber die Subventionen fürs Theater, warum nicht für den Flughafen!“

Und was die ewige Flughafen-Idiotie für das Ansehen der Hanselstadt™ im Um- und sogar im Ausland getan hat, können Sie hier nachlesen. Es ist nicht sehr schmeichelhaft.

In dem Zusammenhang wurde ich heute wieder gebeten, meinen Standardspruch zu zitieren, was ich ich auch hier gerne tue: „Herr, schmeiß‘ Hirn vom Himmel. Oder Ziegelsteine. Hauptsache, Du triffst.“ Worauf die Antwort kam, daß es mit Ziegelsteinen wohl nicht getan wäre und Findlinge zweckdienlicher wären.

Beitragsbild: Kurt Weinzierl als Polizeipräsident h.c. Heribert Pilch in „Kottan ermittelt“ (ORF/ZDF/Satel)

6 Antworten auf „Wir bitten König Winfried I. submissest…“

  1. Der König wird schon sein neues Reich bekommen . Und damit der König nicht in Ungnade fällt werden ihm seine Untertanen schon Reichlich Entlohnen . Und der Stadthalter wird schon seinen Senat zu überzeugen wissen was gut ist für das Volk .

  2. Was läuft hier eigentlich ? Das neue Drehbuch für eine Doppelsendung der heute-show ? Satire pur, da braucht man keine Schmähgedichte. Mein Zwerchfell sagt danke für die (fast täglichen) Erheiterungen. Oder sollte man besser heulen ? Der Spuk ist hoffentlich bald zu Ende.

  3. Achtung an alle Kommentatoren hier:
    Nicht vergessen, der Paragraph für „Majestätsbeleidigung“ ist (noch) nicht abgeschafft.
    Nicht, dass hier jemand in die Falle läuft, die Versuchung ist hoch!

  4. Und ich dachte immer, Endemiegebiet für Neofeudalismus wäre südlich der Mainlinie…
    Nun gut, Leserbriefschreiber. Lasse er mich mit einem Zitat von Meister Yoda antworten:
    „Vorsicht Du walten lassen musst, wenn in die Zukunft Du blickst … . Die Furcht vor Verlust ein Pfad zur dunklen Seite ist.“

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