Was kann da schon schiefgehen?

Die peinliche Schmierenkomödie um den Flughafen „Frankfurt“-Hahn geht in den nächsten Akt – ab sofort mit einem chinesischen Hauptdarsteller. Nicht nur die Beteiligung eines chinesischen „Käufers“ erinnert fatal an die letzte Verschenkung der Lübecker Landewiese (von der es im Moment immer noch nichts neues zu vermelden gibt).

Das Land Rheinland-Pfalz hat mit der Unterzeichnung eines Kaufvertrages mit dem chinesischen Investor Shanghai Yiqian Trading Co. Limited den Verkaufsprozess für seine Anteilsmehrheit von 82,5 Prozent am Flughafen Frankfurt Hahn abgeschlossen.

Ministerium des Innern und für Sport Rheinland-Pfalz, 6. Juni 2016

Den Rest hält das Land Hessen, das seine Anteile wahrscheinlich an die selbe Firma verkaufen wird, ihr aber wenigstens keinerlei Subventionen verspricht. Muß es ja auch nicht, wenn Rheinland-Pfalz bereits ankündigt, den „Investor“ mit Geld vollzustopfen, bis es ihm aus den Ohren oder sonstwo herausquillt.

Der rheinland-pfälzische Innenminister Roger Lewentz (SPD) bekräftigt, der Hahn könne bis 2024 mit Betriebs und Investitionsbeihilfen sowie Zuschüssen für die Sicherheit in einer Gesamthöhe von rund 70 Millionen Euro Steuergeld rechnen.

Trierischer Volksfreund, 6. Juni 2016

Alleine deswegen verbietet sich der Terminus „Verkauf“, obwohl der zu zahlende Preis nun doch knapp im zweistelligen Millionenbereich und damit geringfügig höher als erwartet liegt.

Einen möglichen geldwerten Vorteil hatte ich in meiner letzten Aufzählung noch gar nicht drin:

Da es sich [beim Flughafen Hahn] um eine Konversionsliegenschaft handelt, sind auch Regelungen zur Umwelthaftung vorgesehen. Das Land stellt daher den Käufer für zehn Jahre von Umweltschäden unter bestimmten Voraussetzungen frei.

Ministerium des Innern und für Sport Rheinland-Pfalz, 6. Juni 2016

Und wie bereits angedeutet:

Die Überlegungen des Investors gehen auch dahin, dass er Grundstücke auf der Landseite erwerben möchte und damit sein langfristig angelegtes Engagement am Hahn unterstreicht.

Zu Erinnerung: es geht um bis zu 1,2 Millionen Quadratmeter Grundstücksflächen, die für 18,1 Mio. Euro von der Betriebsgesellschaft des Flughafens (für die das eine schöne Einnahme war) an einen Landesbetrieb verschoben wurden, also für 15 Euro pro Quadratmeter. Man braucht wenig Phantasie, um sich vorzustellen, daß die Flächen bei Bedarf an den chinesischen Investor weiterverschoben werden, und daß der weniger zahlen wird.

Nun gut, das mag alles Standard sein bei Flughafenprivatisierungen. Ebensowenig kann das inhaltslose Konzept-Blabla noch aufregen:

Das Konzept des Investors sieht im Wesentlichen vor, das Fracht- und Passagiergeschäft am Standort durch eine enge Zusammenarbeit mit asiatischen Partnerunternehmen nachhaltig auszubauen und so für eine stärkere Auslastung des Flughafens zu sorgen.

Wo habe ich das nur schon mal gehört? Und daß der „Investor“ mit dem tollen Konzept von Luftfahrt offenbar keine Ahnung hat?

Damit setzt sich ein Unternehmen durch, dass bisher nicht in der Luftfahrt aktiv war. Der Konzern soll nach Medieninformationen in der Bauindustrie und im Einzelhandel tätig sein. Die zwei Mitbieter, die zuletzt noch im Rennen lagen – beide in der Luftfahrtbranche tätig – hatten ihr Angebot nach SWR-Informationen in den letzten Tagen zurückgezogen.

SWR, 6. Juni 2016

Da muß die Landesregierung kräftig Purzelbäume schlagen, ihre Pressemitteilungsschreiber Überstunden machen lassen, um das auch nur halbwegs hinzubiegen. Das wenig überzeugende Resultat:

Der Käufer und seine Partner dieser Transaktion sind insbesondere in den Bereichen Luftfahrt, Logistik und internationaler Handel tätig. Der gesetzliche Vertreter der Gesellschaft, Dr. Yu Tao Chou, hat umfassende Kontakte in der Luftfahrtbranche und war maßgeblich an der Internationalisierung der Aktivitäten einer Reihe asiatischer Fluggesellschaften, unter anderem Yangtze River Express, beteiligt.

Ministerium des Innern und für Sport Rheinland-Pfalz, 6. Juni 2016

Ach, Partner der Transaktion? In der Pressemitteilung werden die nicht weiter erwähnt. Und was bitte soll der „gesetzliche Vertreter der Gesellschaft“ sein? Der Chef? Ein Mitarbeiter? Ein externer Berater? Ein Anwalt?

Der chinesische Käufer des Hunsrück-Flughafens Hahn ist nach eigener Aussage ein Schwergewicht unter anderem in der Bauindustrie und Logistik. Unterstützt wird der frischgebackene Hahn-Investor Shanghai Yiqian Trading Company nach den Worten seines Generalbevollmächtigten Yu Tao Chou von der Shanghai Guo Qing Investment Company. Zu dieser Gesellschaft sagte Chou am Montag am Airport Hahn, es handele sich um das führende inländische Bauunternehmen in China und baue auch Flughafengebäude.

dpa via Bild, 6. Juni 2016

Also, der Herr Chou ist „Generalbevollmächtigter“. Das sagt auch nicht mehr aus als „gesetzlicher Vertreter“. Aber hier ist er irgendwie nicht der mehr Luftfahrtexperte, wie der Innenminister meint. Sondern das Bauunternehmen Shanghai Yiqian Trading Company wird „unterstützt“ (auf welche Art und Weise?) von der Shanghai Guo Qing Investment Company, dem „führenden inländische[n] Bauunternehmen in China“ – eine Nullaussage. Oder was bitte bedeutet konkret „führend“? Allerdings ist die angebliche Zugehörigkeit zum Baugewerbe schon interessant im Zusammenhang mit all den günstigen Grundstücken, die rund um den Hahn winken dürften.

Aber egal, die haben ja Ahnung von Luftfahrt, wenn sie auch Flughafengebäude bauen! Und der Generalbevollmächtigte auch.

«Ich habe mein Herz an den Flughafen Hahn verloren.» Als Pilot habe er den Hunsrück schon öfters angeflogen.

Trierischer Volksfreund, 6. Juni 2016

Pilot ist er! Es ändert natürlich alles, wenn er sein Herz an einen Flughafen verloren hat. Politiker schlucken sowas.

Wie sagte der verschwundene Investor Amar, also der vor Chens PuRen, mal über die Landewiese Lübeck? „Der Lübecker Flughafen ist mein neues Lieblingsbaby.“ Das Projekt starb trotzdem den frühen Kindstod.

Chinesische Misch-Masch-Handels-Investitions-Konzerne

Erinnern Sie sich an den Heilsbringer PuRen, den vermeintlichen Retter der Lübecker Landewiese?

Die PuRen-Group ist nach Informationen von NDR 1 Welle Nord ein Unternehmen mit mehr als 600 Millionen Euro Stammkapital und Erfahrung in der Luftfahrt. Die Investoren haben … versprochen, umfangreich in den Flughafen zu investieren.

NDR, 3. Juli 2014

Aber nicht nur der NDR hatte hier ins Klo gegriffen; auch andere Medien plapperten die Aussagen, die im Wesentlichen auf den damaligen Insolvenzverwalter zurückgingen, kritiklos nach. Wenig später wurde bereits klar, daß das alles so nicht stimmte.

Bislang betreibt die PuRen-Gruppe … in China mehrere Krankenhäuser und plant den Neubau eines Flughafens.

LN Online, 11. Juli 2014

Erfahrung in der Luftfahrt? Nach und nach stellte sich heraus, daß fast alle Aktivitäten des Unternehmens eigentlich nur aus Plänen bestanden, für die man das Geld naiver chinesischer Investoren gesammelt hat. Kaum wurde das ruchbar, löste sich PuRen offenbar in Luft auf (nicht nur in Lübeck).

Wer versucht, sich über den Hahn-Investor im Internet kundig zu machen, scheitert kläglich. Einige wenige Fundstellen finden sich in Unternehmensverzeichnissen, die jedoch nicht unbedingt vertrauenswürdig sind. Da reichen die Angaben über die Unternehmenstätigkeit vom Import von Nahrungsmittel und Getränken bis hin zum Handel mit Schuhen und Mützen.

Immerhin findet man für den „Investor“ relativ schnell zwei Internet-Adressen, unter denen er selbst erreichbar sein sollte: shyq.net und shyq.com.cn. In beiden Fällen: Fehlanzeige, entweder Fehlermeldung oder gar nichts (auch nicht auf Chinesisch).

Aber schon die Namen des „Investors“ (Shanghai Yiqian Trading Company) und seines Unterstützers (Shanghai Guo Qing Investment Company) sind doch deutlich genug: die eine Firma ist eine Handelsgesellschaft, handelt also mit Waren oder Dienstleistungen. Die andere ist eine Investment-Gesellschaft. Klar, die investiert Geld, aber sicherlich nicht zum Spaß – und wo sie das Geld her hat, steht auf einem anderen Blatt.

Viele Berichte über die Hahn-Verramschung erwähnen auch die Erfahrungen, die die Hanselstadt™ mit einem chinesischen Investor unter ganz ähnlichen Vorzeichen machen durfte. Daß in all diesen Berichten nicht einmal ansatzweise der Wille erkennbar ist, eigenständig – und sei es nur durch Internet-Recherche – näheres über den Investor herauszufinden, ist umso erstaunlicher. Pressemitteilungen der Regierung nachzuplappern ist zugegeben bequemer.

Auch naive Nachfragen machen es nicht besser. Der Trierische Volksfreund wollte wissen:

Was sagt die Politik zu den schwierigen Erfahrungen mit chinesischen Investoren bei den Flughäfen Schwerin-Parchim in Mecklenburg-Vorpommern und Lübeck?

Minister Lewentz erklärt: «Das ist natürlich auch bei uns bemerkt worden.» Sein Staatssekretär Stich verweist auf eine Bankbestätigung der Bank of China: Der Investor sei ausreichend liquide. Die für den Hahn-Verkauf verantwortliche Beratungsgesellschaft KPMG betont, die Flughäfen Parchim und Lübeck seien «sehr spezielle Sachverhalte». Im Hunsrück gehe es dagegen um sichere, auch von der EU-Kommission geprüfte Business-Pläne.

Au weia. Im Fall Lübeck kamen bislang sämtliche „Investoren“ anfänglich ihren finanziellen Verpflichtungen nach, das war nie das Problem, sondern das, was danach geschah. Und daß die EU-Kommission die angeblichen Business-Pläne des „Investors“ für den Hahn geprüft habe, dürfte ins Reich der Legende gehören. Geprüft wurde wahrscheinlich, ob das Land einem Betreiber weiterhin Subventionen gewähren darf, und das auf Grundlage von Angaben der Landesregierung.

Beitragsbild: Alex E. Proimos, Lizenz CC-NC-BY

4 Antworten auf „Was kann da schon schiefgehen?“

  1. Es sollte doch kein Problem sein, Hahn zuretten, ja, es ist geradezu eun MUSS
    Schließlich residiert dort auch das „Gusto Bene“, das dürfte beste Beziehungen zu einem Flughafenexperten haben.
    Wenn man ins Impressum vom „Gusto Bene“ schaut, findet man auch ein schönes Bild von diesem Experten.(echt gelungen!!!)
    Ist der überhaupt noch als Berater für den Flughafen Lübeck tätig, oder für Herrn Pannen, oder für das Kontorwerk, oder für das Gusto Bene, oder oder oder??????
    Wenn der Investor vom Flughafen Hahn schlau ist, kauft er sich diesen Berater ein, der hat schon ganz andere Aufgaben (nicht?) hingekriegt, aber ist ein wahrer Tausendsasser.
    Und wo man sein Berater/Expertenhonorar herbekommt, ist doch wohl völli egal, oder??

    1. Bio-Weisswein und Bio-Rotwein aber nur in kleinen Flaschen ! … 😉 … ein Automagazin … und nebenbei wird auch noch mal die Luftfahrtindustrie beraten, oder war es umgekehrt? So richtig stringent sieht das irgendwie nicht aus, oder?

  2. Ich sehe das inzwischen sportlich. Auch der Flughafen Hahn wird wohl nicht das letzte Stück Infrastruktur sein, dass man einem chinesischen Investor feierlich und mindestens kostenfrei übergibt. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass sich damit wieder ein Ausländer an der deutschen Betonbürokratie aufreibt und scheitert, aber – die Chinesen zum Einen verfügen sie über 6000 Jahre Erfahrung im Umgang mit Hofschranzen und Schergen, zum Anderen, sie lernen sehr schnell und zum Letzten, nicht zu vergessen, sie haben Geduld.

    Die Chinesen wissen, dass der Besitz der Infrastruktur einer Region Schlüssel zu allem anderen ist und wenn es denn zwei Kaiser lang dauert, dann dauert es so lange. Lübeck ist ein schönes Beispiel einer Loose-Loose Strategie der Stadt und ja, die Politik in Lübeck kann man als „sehr spezielle Sachverhalte“ titulieren, aber viel besser scheint es woanders auch nicht zu sein.

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