Hahnsinn: Die Presseschau

Gut, gut. Ich nehme zwar nicht alles zurück. Aber meine gestrige Behauptung, daß in der Berichterstattung zur Verramschung des Flughafens „Frankfurt“-Hahn an eine chinesische Firma „nicht einmal ansatzweise der Wille erkennbar ist, eigenständig – und sei es nur durch Internet-Recherche – näheres über den Investor herauszufinden“, ist so pauschal falsch. Zum Glück. Einige Medien haben doch etwas genauer hingesehen. (Hinweis: das Beste kommt zum Schluß.)

Zunächst schlägt die Süddeutsche Zeitung den ganz großen Bogen um alle deutschen Regionalflughäfen und kommt zu einem ernüchternden, wenngleich wenig überraschendem Ergebnis.

Der Flughafen Frankfurt-Hahn war eigentlich von Anfang an eine Mogelpackung, eine Augenwischerei. … Seinen Passagier-Aufschwung hat Hahn vor allem dem Zuspruch des irischen Billigfliegers Ryanair zu verdanken. … Warum sollten die Chinesen nun plötzlich das schaffen, was in den vergangenen 20 Jahren nicht gelang? Wer braucht überhaupt heute noch die kleinen Flughäfen?

SZ online, 6. Juni 2016

In einem anderen Beitrag des Blattes heißt es:

Auf gewisse Weise sind die kleinen Airports auch Opfer ihres früheren Erfolges geworden. Durch das starke Wachstum, das sie den Billigfliegern durch günstige Lande- und Abfertigungsgebühren ermöglicht haben, wurden die klassischen Regionalfluggesellschaften, die mit kleinen Turboprops oder 50-sitzigen Jets die Nebenstrecken bedienten, immer mehr verdrängt. Beispiel Friedrichshafen: Nach langen Schwierigkeiten meldete dort die kleine Intersky Ende 2015 Insolvenz an und stellte den Flugbetrieb ein. Die belgische VLM übernahm die Strecken, stellte aber im Mai selbst einen Insolvenzantrag. Die Friedrichshafen-Strecken sollen laut VLM weitergeführt werden.

SZ online, 6. Juni 2016

Das sogenannte Konzept des chinesischen Investors am Hahn wird ebenfalls zerpflückt.

Nach ihrem ersten, gescheiterten Verkaufsversuch im Jahr 2013 hat die Landesregierung mit weiteren Steuergeldern den Hahn etwas aufgepäppelt: Sie hat der Betreibergesellschaft 122 der 133 Millionen Euro Schulden abgenommen, ihr Grundstücke abgekauft. …

Aber die Maßnahmen nützen nun mal nichts, wenn kein tragfähiges Geschäftsmodell vorhanden ist. Und das ist auch nach den gestrigen Bekanntgaben nicht erkennbar. Stattdessen vermittelt der neue Investor den Eindruck, dass das ganze Projekt nur auf dem Prinzip Hoffnung ruht. Dass er noch dabei ist, die chinesische Frachtfluggesellschaft Yangtze River Express zur Rückkehr zu bewegen, lässt dabei tief blicken. Warum diese den Hahn wieder ansteuern sollte, ist ohnehin ein Rätsel. …

Und warum sollten chinesische Airlines ihre Kunden in den so abseits gelegenen Hunsrück fliegen, wenn es schon so viele Verbindungen von China nach Frankfurt gibt, das den Touristen aus dem Reich der Mitte auch noch lukrative Umsteigemöglichkeiten in andere europäische Metropolen bietet?

So scheint der Hahn – einst Einfallstor für die Billigfliegerei in Deutschland – letztlich auch ein Opfer des von ihm ausgelösten Booms der Discount-Flieger zu werden. Wer billig fliegen will, ist nicht mehr darauf angewiesen, stundenlang zum Hahn zu fahren. Sollte die Übernahme durch Shanghai Yiqian Trading also nicht gerade Teil eines wie auch immer gearteten Geheimplans sein, im Rahmen dessen Peking chinesische Airlines zwingt, den Hahn anzusteuern, ist für den Flughafen kein Höhenflug zu erwarten.

Frankfurter Neue Presse, 7. Juni 2016

Und, ja, man hat sich sogar auf die Suche nach dem Investor gemacht – und erwartungsgemäß fast nichts gefunden.

Doch wer sind überhaupt die chinesischen Unternehmer? Darüber herrscht Rätselraten. Im Internet findet sich fast nichts zur Shanghai Yiqian Trading Company (SYT), deren Generalbevollmächtigter Yu Tao Chou am Montag schwärmerisch seine Kaufpläne am Hahn vorgestellt hat. Zwar existiert ein Unternehmen selben Namens in Shanghai, das im Import von Getränken und Lebensmitteln tätig ist. So führte es einen Softdrink aus Spanien, „Zenpure“, auf dem chinesischen Markt ein. Ob diese Gesellschaft und das am Montag vorgestellte Unternehmen identisch sind, ist nicht bekannt.

Allgemeine Zeitung, 7. Juni 2016

Fängt ja gut an, kommt aber noch besser.

Die chinesische Handelskammer in Deutschland kennt den neuen Investor am Hahn nach einem Bericht der Nachrichtenagentur dpa bislang nicht. Allerdings sei die hinter der SYT stehende Baufirma Shanghai Guo Qing Investment Company ein bekanntes, großes Unternehmen.

Steht hinter dem Investor? Oder, wie es zuvor hieß, „unterstützt“ ihn? Wie denn, finanziell, beratend, moralisch, ideell? Wie war das in Lübeck beim deutsch-ägyptischen Investor Amar doch gleich?

Das Geld der Firma kommt aus Saudi-Arabien. Und dabei scheint es sich um viel Geld zu handeln: Zwei Millionen Euro beträgt das Stammkapital, 62 Millionen Euro der Umsatz 2011.

LN Online, 28. November 2010

Tja, komisch, auch der angebliche saudische Milliardär im Hintergrund hat da nichts retten können… oder wollen. Zurück nach China und der SYT.

Laut „Süddeutscher Zeitung“ gibt es in Shanghai zwei Unternehmen mit diesem Namen. Bei einer Firma habe es geheißen, man habe keinen Flughafen gekauft, bei der anderen Firma landete der Redakteur bei einer Privatnummer und ebenfalls in einer Sackgasse.

Einmal mit Profis arbeiten! Mit den Profis von KPMG, versteht sich:

Dem entgegnet Carsten Jennert von der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG, sein Unternehmen habe die Geschäftspläne genau unter die Lupe genommen: „Damit wollen wir sicherstellen, dass wir Szenarien wie in Lübeck oder Parchim vermeiden können.“

SZ online, 6. Juni 2016

Die Investoren auch in Parchim und Lübeck hatten auch Geld und irgendwelche abenteuerliche Businesspläne vorgelegt – na und? Letzteres war bedrucktes Papier, in das man heute bestenfalls tote Fische einwickeln kann.

Dem CDU-Oppositionspolitiker Alexander Licht hingegen verschlug es am Telefon förmlich die Sprache, als er hörte, dass SYT der chinesischen Handelskammer nicht bekannt ist. Er warf die Frage auf, wie das Parlament auf dieser Basis einem Hahn-Veräußerungsgesetz zustimmen solle. … „Es ist abenteuerlich“, so der Politiker.

Allgemeine Zeitung, 7. Juni 2016

Wie man da eine Zustimmung erreichen kann? Einfach nach dem Modell der Hanselstadt™ Lübeck vorgehen! Also, das geht so wie bei PuRen im Jahr 2014: in letzter Minute einen Vertrag abschließen und (möglichst in den Sommerferien) vom jeweiligen parlamentarischen Gremium in einer Sondersitzung absegnen lassen. Zwei Drittel der Parlamentarier haben keine Lust auf die Lektüre der Verträge; wer aber doch Interesse hat, hat aufgrund der Terminsetzung nicht genügend Zeit.

Auf der Sondersitzung reicht dann eine PowerPoint-Präsentation des Investors, und fast alle sind sich einig: sollen die Chinesen das doch machen, die sind genial, und wir haben nichts mehr damit zu tun. Ein gefährlicher Irrtum. Wer oder was der „Investor“ PuRen war, hat in Lübeck und Lauenburg (der dortige CDU-Bürgermeister Thiede schleppte die Firma an) nie jemand ernsthaft geprüft. Man weiß es bis heute nicht wirklich.

Beitragsbild: Kurt Boud / pixelio.de

 

 

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