Everybody loves Hypnotoad

Der Verkauf des Flughafens an Euroimmun-Chef Winfried Stöcker findet in der Politik nicht überall Zustimmung“, schreiben die LN (Druckausgabe, Lokalteil HL, 17. Juni 2016, S. 20), und man meint, ein indigniertes, Unverständnis signalisierendes Kopfschütteln zwischen den Zeilen herauszulesen. Wie kann man bloß am neuen Landewiesen-Heilsbringer zweifeln? Ist das nicht schon Häresie?

Hat doch die hiesige Monopolpresse die Marschrichtung in den letzten Tagen mit unzähligen Wohlfühl-Jubel-Artikeln zur Landewiese vorgegeben, zwar manchmal mit einem locker-flockig eingestreuten „Ja, aber“, dabei aber geschickt sämtliche wichtigen Fragen umschiffend.

Wer durfte sich da nicht alles äußern, ob kompetent oder nicht. Lübecker… äh, na ja, acht an der Zahl.

Was muß man eigentlich rauchen, wie viele Folgen von Hypnotoad muß man gucken, um Überschriften wie diese hinzubekommen?

Das halten die Lübecker vom Flughafen-Deal

Drei Investoren und die Stadt scheiterten – Nun hat Euroimmun-Chef Winfried Stöcker den Airport in Blankensee gekauft – Hansestädter hoffen auf den Erfolg des Unternehmers

Lübecker Nachrichten, Druckausgabe, Lokalteil HL, 15. Juni 2016, S. 20

Oh, es gibt auch Kritik! Knallhart!

Ich finde es schade, dass erst in zwei Jahren touristisch geflogen werden soll. Von Lübeck aus in den Urlaub zu fliegen, würde mir wirklich gefallen.

Björn Zentarra (18) aus Schwerin

Ach so, ein Lübecker aus Schwerin? Und der liebe Onkel Winfried, der froh ist, die Linienflüge losgeworden zu sein (siehe unten), bezahlt Herrn Zentarra später mal seine Urlaubsflüge? Klar doch.

Und dann war da noch die „Lübecker Wirtschaft“ (Lübecker Wirtschaft begrüßt Stöckers Flughafen-Kauf, LN Online, 14. Juni 2016). Wer ist das? Sollte mich die Meinung der „Wirtschaft“ interessieren? Man hat ohnehin oft den Eindruck, die Lübecker Nachrichten seien das zentrale Presseorgan dieser ominösen „Wirtschaft“.

Die Sportflieger machen sich wieder Hoffnungen, was ihnen bzw. einem einzigen von ihnen am Sonntag die Seite 3 (!) der Druckausgabe sicherte („Abflug in eine neue Zukunft“; Lübecker Nachrichten, Druckausgabe, 19./20. Juni 2016). Als ob es nichts Wichtigeres in der Welt gäbe als das Hobby des Herrn Bierfreund vom Lübecker Verein für Luft- und Raumfahrt. Und zu guter Letzt plaudert im Lokalteil auch noch der Insolvenz-in-Permanenz-Verwalter Prof. Pannen aus seinem Nähkästchen.

Pannen plaudert

Die LN-Jubelarien weiter zu analysieren, hebe ich mir für spätere Beiträge auf. Mit Ausnahme der wohl interessantesten Aussage, und die kommt von Prof. Pannen:

Winfried Stöcker meldete sich erst, als Wizz Air wegging. Was für mich ein Tiefschlag war, war für ihn der Grund, sich zu engagieren.

Lübecker Nachrichten, Druckausgabe, Lokalteil HL, 18./20. Juni 2016, S. 24

Ach. Das ist ausnahmsweise sehr interessant. Der zeitliche Zusammenhang war aus dem Ablauf der Ereignisse zwar bekannt, aber Prof. Pannen impliziert hier einen kausalen Zusammenhang. Das bestätigt zunächst, daß das eigentliche Problem der Landewiese die Billigflieger waren (hohe Personalkosten, geringe bis gar keine Einnahmen aus Start- und Landegebühren). Der Abflug von Wizz Air machte dann die jüngste Welle des Personalabbaus und der damit verbundenen Kostenreduzierung möglich. Man kann das so interpretieren, daß Stöcker die Landewiese wohl doch eher für einige Jahre auf Sparflamme betreiben will, und daß es so etwas wie ein darüberhinausgehendes Konzept nicht gibt.

Aber zurück zur Politik. Marcel Niewöhner (BfL):

Die Fraktion habe großes Vertrauen in den Euroimmun-Chef. Mit seiner Kompetenz und seiner Willensstärke bekomme der Flughafen eine neue Chance. „Auch wenn sicherlich eine Durststrecke bevorsteht – zu nachhaltig wirken noch die Aktivitäten der Totengräber des Flughafens – kann der Airport neu Fahrt aufnehmen …“

Das selbe Vertrauen hatte Herr Niewöhner schon öfter. „Chinesen im Landeanflug auf Lübeck -sie wollen lange bleiben“, titelte die lübsche Luftfahrt-Jubelpostille am 10. Juli 2014, und im Beitrag hieß es:

Marcel Niewöhner (BfL) ist überzeugt: „Es wird neue Fluglinien geben.“

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Weder er noch seine Bürgerschaftsfraktion haben in der Vergangenheit große prognostische Fähigkeiten an den Tag gelegt. Als es an der Landewiese wegen ausbleibender Pachtzahlungen an die Stadt Mitte 2015 schon gärte, hatte BfL-Fraktionschef Lars Ulrich immer noch die rosarote Brille auf:

„Die Fraktion der Wählergemeinschaft Bürger für Lübeck“ (BfL) ist weiterhin zuversichtlich, dass sich der Flughafen Lübeck-Blankensee weiterentwickeln und sicher in die Erfolgsspur gelenkt wird.“ …

„Das erneute Genörgele über eine angeblich nicht ausreichend zufriedenstellende Entwicklung des Flughafens ist uns völlig unverständlich, die Motivation scheint aber klar: Persönliche Interessen und ideologisch verblendete Flughafenfeindlichkeit“, erklärt der flughafenpolitische Sprecher der BfL-Fraktion, Lars Ulrich.

HL-Live, 1. Juli 2015

Keine drei Monate später war die Chensche Betreibergesellschaft trotz inniger Glaubensbekenntnisse der BfL pleite und meldete Insolvenz an. Kein Zweifel, daran waren pöhse Flughafenfeinde und Totengräber schuld, die überall lauern. Da helfen nur noch Aluhüte. (Wobei Totengräber, das übersieht Herr Niewöhner, normalerweise nur Leichen unter die Erde bringen. Will er damit andeuten, die Landewiese sei das sprichwörtliche tote Pferd?)

Und diese Leute hat jemand in die Bürgerschaft gewählt? Erstaunlich. Ganz erstaunlich.

Berechtigte Fragen

Die GAL sieht dagegen immer noch wenig Perspektive für Blankensee. „Der Verkauf an Stöcker war ja zu erwarten, und auch die Jubelausbrüche der üblichen Verdächtigen können niemanden überraschen“, sagt Antje Jansen, Fraktionsvorsitzende der GAL in der Bürgerschaft. „Das Problem ist nur: Klarheit über die Zukunft des Flughafens schafft der Verkauf nicht. Stattdessen wird die Entscheidung einfach vertagt und in eine Hängepartie mit vielen offenen Fragen überführt.“

(Hinweis für Nicht-Lübecker: die GAL ist eine relativ neue Fraktion in der Lübecker Bürgerschaft, die von abtrünnigen Grünen gegründet wurde, der sich zudem Antje Jansen – ehemals in der Fraktion der Linken – angeschlossen hat.)

Hier die Anfrage der GAL in der letzten Sitzung des Hauptausschusses der Bürgerschaft:

1. Wann werden die Mitglieder der Bürgerschaft den Kaufvertragsentwurf mit Winfried Stöcker einsehen können?

2. Welche Grundstücke erwirbt der Käufer? Was genau beinhaltet die Kaufoption für weitere Flächen ab 2022, die dem Käufer lt. Lübecker Nachrichten eingeräumt wurde?

3. Wie hoch ist der Kaufpreis?

4. Welche konkreten Planungen hat der Käufer für den Flughafen bzw. die Flächen, die erworben werden?

5. Wird im Kaufvertrag abgesichert, dass die Segelflieger langfristig den Flugplatz nutzen können? Wenn ja, für wie lange?

6. Welche Sonderklauseln gibt es im Falle, dass der Käufer den Flughafen nicht dauerhaft betreiben kann/möchte?

7. Hat der Käufer die Möglichkeit den Flugbetrieb einzustellen, wenn dieser nicht rentabel ist? Fallen die Grundstücke an die Stadt Lübeck zurück, wenn der Käufer den Flughafen nicht rentabel betreiben kann? Oder gibt es für die Stadt ein Rückkaufsrecht zum jetzigen Kaufpreis?

8. Wurde den Schwartauer Werken das Airport Business Gelände oder Teile der Flächen zur Umsiedelung dorthin angeboten? Wenn nein, warum nicht?

Wir bitten um mündliche Beantwortung der Fragen am 14.6.2016 im Hauptausschuss und schriftliche Nachreichung.

Vorlage – VO/2016/03870

Eine Antwort soll es in der nächsten Sitzung des Hauptausschusses geben, in allerbester Tradition der Verwaltung in allerletzter Minute. Eigentlich unfaßbar: die nächste Sitzung des Hauptausschusses ist für den 28. Juni angesetzt, und im nichtöffentlichen Teil geht es dann unter Tagesordnungspunkt N 13.1 um den „Flughafen Lübeck – Dreiseitige Vereinbarung (Anlage wird nachgereicht – Hierzu wird Herr Prof. Dr. Pannen anwesend sein.)“

Auf der Tagesordnung der Bürgerschaft zwei Tage später, am 30. Juni, steht ebenfalls nichtöffentlich unter N 15.7: „Flughafen Lübeck – Dreiseitige Vereinbarung (Diese Vorlage wird nachgereicht)“. Und am Tag darauf, am 1. Juli, soll bereits die Übergabe der Landewiese an den „Investor“ stattfinden.

Einerseits ist es löblich, daß wenigstens eine Fraktion Fragen stellt. Andererseits hätte sich der Fragesteller vielleicht doch etwas mehr mit der Materie beschäftigen sollen, denn er kriegt da einiges durcheinander. Klar, die Medien haben zwar immer etwas vom Flughafenverkauf geschwafelt, aber ohne zu erwähnen, daß der Verkäufer der Insolvenzverwalter ist, nicht die Stadt. Und die Segelflieger nutzten bisher auch nicht den Flugplatz, den sie überhaupt nicht brauchen, sondern ihr eigenes Gelände am südlichen Rand.

Letztlich ist es egal. Was immer Prof. Stöcker vorhat, es wird mit breiter Mehrheit abgesegnet werden, alleine schon, um sich nicht mehr mit dieser peinlichen Angelegenheit Landewiese befassen müssen, und sei es nur für eine weitere Atempause von ein paar Jahren. Man wird noch nicht einmal ein Konzept einfordern, sondern blind abstimmen – wie schon bei den letzten „Investoren“. Bananenrepublik Hanselstadt™.

Beitragsbild: Wolfgang Diehl

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