Fahrplan Blankensee

Vielleicht ist ein Blick auf die zeitlichen Begrenzungen, die mit der neuerlichen Flughafenverschenkung einhergehen, ganz nützlich, um abzuschätzen, wohin die Reise gehen könnte.

Das erste wichtige Datum ist der 31.12.2019, an dem die dreiseitige (Stadt, Flughafen, Naturschutzverbände) Mediationsvereinbarung abläuft. Wesentlicher Punkt war, daß sich die Naturschutzverbände ihr Klagerecht gegen Zahlung von 2,5 Mio. Euro haben abkaufen lassen, die übrigens die Hanselstadt™ bezahlt hat.

Weder verlängert sich diese Vereinbarung automatisch, noch ist in dem Dokument auch nur andeutungsweise etwas von einer geplanten Fortschreibung zu lesen. Das ganze war von vorneherein als Wegwerf-Dokument, als zehnjähriges Stillhalteabkommen angelegt:

Ab dem Jahr 2020 sind Maßnahmen – gegebenenfalls auf der Grundlage der hierfür durchzuführenden öffentlich-rechtlichen Zulassungsverfahren – auch in diesem Bereich uneingeschränkt möglich, wobei alle Einwendungs-, Widerspruchs- und Klagerechte der Verbände erhalten bleiben.

Übrigens: Ausbaumaßnahmen im westlichen Teil des Flughafengeländes sind bereits seit 2015 gestattet, und im östlichen Teil im Prinzip auch, wenngleich nur nach einer neuen Mediation. Ab 2020 heißt es für den Flughafen jedoch: carte blanche.

Ohnehin ist die Frage, was diese Mediationsvereinbarung je wert war. Beispiel Entwässerung. Die Stadt teilte dem damaligen Flughafenbetreiber am 30.12.2013 mit:

Der Yasmina GmbH wird bis zum Ablauf des 31.12.2017 die Befreiung erteilt, am Auslauf des Staukanals D im Naturschutzgebiet „Grönauer Heide, Grönauer Moor und Blankensee“ das Staukanalwasser nördlich des Moorgewässers „Chi-Chi-Teich“ im vorgelagertem Umgebungsbereich ausfließen und verrieseln zu lassen .

Ich lasse mal völlig außer acht, daß die vorhandene Entwässerung dem gesetzlich erforderlichen Stand der Technik nicht genügt. In Mediationsvereinbarung hieß es:

Die [Flughafen Lübeck GmbH] verpflichtet sich gegenüber den Verbänden … den Staukanal [D] bis zum Winter 2008/2009 – vorbehaltlich der erforderlichen behördlichen Genehmigungen – herzustellen.

Die Fertigstellung hätte also nach Vereinbarung bereits Ende März 2009 erfolgen sollen – und das lange vor allen Insolvenzwirren. Sie wird übrigens auch Ende 2017 nicht erfolgen, dazu hätte man bereits anfangen müssen. Was machten in der Zeit die „Naturschützer“?

Kleiner Exkurs

Ein schönes Beispiel für sinnentstellende Presseberichte findet sich in diesem Themenkomplex ebenfalls. Die jüngste Ausnahmegenehmigung bis Ende 2017 ertrotzte sich der Flughafenbetreiber mit kaum verhohlenen Drohungen. Ohne Ausnahmegenehmigung, so der damalige Geschäftsführer Siegmar Weegen, am 12.12.2013

… ist aus unserer Sicht die Weiterführung des uneingeschränkten Flugbetriebs gefährdet.

Die Verwaltung kuschte wie gewünscht. Und was machte die hiesige Monopolpresse daraus?

Lübecker Behörden haben dem Antrag des Flughafens Lübeck zugestimmt, sein Entwässerungssystem bis Ende 2017 neu zu bauen.

LN, 26./27.01.2014, S. 11, Lokalteil Lübeck

Korrekt wäre gewesen: „Lübecker Behörden haben dem (mit einer Drohung bezüglich der Aufrechterhaltung des Flugbetriebs versehenen) Antrag des Flughafens Lübeck zugestimmt, ein neues Entwässerungssystem anders als geplant und vereinbart nicht vor Ende 2017 in Betrieb zu nehmen.“

Ich nenne so etwas Lückenpresse.

Zurück in die Zukunft

Das nächste interessante Jahr ist 2022, aus mehreren Gründen.

Klar ist aber, dass der Airport die nächsten fünf Jahre vor allem Geld kostet.

Lübecker Nachrichten, Druckausgabe, Lokalteil HL, 15. April 2016, S. 9

Da wäre also, großzügig gerechnet, bis Mitte/Ende 2021.

[…] Stöckers Konzept? Dem Vernehmen nach würde er den Flughafen zunächst auf Sparflamme betreiben, um die Kosten gering zu halten.

Also bis etwa so um die Drehe. Was passiert dann, außer daß die Mediationsvereinbarung mit den Umweltschützern schon lange obsolet sein wird?

Anfang 2022 kann Stöcker die Flughafenflächen inklusive Tower, Start- und Landebahn, Hallen, Zaun, Landesystem ILS-CAT II, Löschfahrzeugen und Vorfeldbeleuchtung von der Stadt kaufen. Der geschätzte Kaufpreis beträgt 2022 rund 5,6 Millionen Euro.

Zu dem Preis wird in einem späteren Beitrag noch etwas anzumerken sein. Die Stadt kann jedenfalls den technischen Krempel zu dem Zeitpunkt abstoßen, weil dann die finanzielle Förderung dieser Einrichtungen durch das Land so lange zurückliegt, daß keine Rückzahlungen seitens der Stadt mehr fällig werden.

Ach ja, da war noch der Reinhardt-Bonus von 5,5 Mio. Euro. Der wurde jetzt zeitlich begrenzt:

[…] bis Ende 2021. Bis dahin muss der Lübecker [?] Unternehmer den Airport ausgebaut und der Stadt die Rechnungen vorgelegt haben.

Irgendwie wird er das Geld schon verbraten, nur vermutlich weniger für einen schwachsinnigen Ausbau, der vor langer Zeit mal ausgekokelt wurde, um Billigfliegern wie Ryanair den Abflug von Lübeck mit vollbeladenen Maschinen zu nordafrikanischen Warmwasserzielen zu ermöglichen.

Bemerkenswert: der Zuschuß wird nur fällig, sollte der Planfeststellungsbeschluß vor Gericht bestehen:

Ist das Gerichtsverfahren gewonnen, will Stöcker elf Millionen Euro investieren. Dann kriegt er 5,5 Millionen Euro von der Stadt dazu.

Und dann, 2022?

Er kann sich vorstellen, sein Unternehmen auf dem [Flughafen-]Grundstück zu erweitern.

LN Online, 13. Juni 2016

Das er dann möglicherweise für’n Appel und’n Ei erworben hat. Aber das ist unabhängig von Ausbau, Planfeststellung und Reinhardt-Bonus. Vielleicht sogar vom Betrieb der Landewiese an sich, aber die Verträge diesbezüglich sind ja streng geheim. Einen Flächenbedarf in Lübeck-Blankensee hat Prof. Stöcker jedenfalls schon vor Jahren angemeldet.

Das merkwürdigste an der ganze Geschichte ist aber folgendes:

Bekannt ist … dass der Vertrag ihn verpflichtet, den Airport bis 2028 zu betreiben.

Eine solche Befristung hat es bei keinem Investor zuvor gegeben. Was aber kaum interessieren dürfte, denn ein Ausstieg aus wirtschaftlichen Gründen wäre natürlich auch vorzeitig jederzeit möglich.

Zudem sei darauf hingewiesen, daß (natürlich) nicht Euroimmun der Investor ist, sondern lediglich der Chef des Unternehmens, der zu dem Zweck die beiden von Euroimmun unabhängigen Gesellschaften Stöcker Flughafen Verwaltungs GmbH und Stöcker Flughafen GmbH & Co. KG errichtet hat.

Nochmal kurz zurück in die Vergangenheit. Prof. Stöcker vor weniger als einem Jahr:

„Ich habe diesmal keine Aktien in dem Verfahren“.

Lübecker Nachrichten, Druckausgabe, 14. Oktober 2015, Lokalteil HL, S. 10

Dann aber doch, und ausgerechnet Insolvenzverwalter Prof. Pannen plapperte es heraus:

Winfried Stöcker meldete sich erst, als Wizz Air wegging. Was für mich ein Tiefschlag war, war für ihn der Grund, sich zu engagieren.

Lübecker Nachrichten, Druckausgabe, Lokalteil HL, 18./19. Juni 2016, S. 24

Klingt nicht nach großen Flughafenplänen, doch der Stadt erzählt man trotzdem noch so etwas wie

„Ziel ist es aber ebenso, den längst gefassten Planfeststellungsbeschluss bedarfsgerecht umzusetzen und den Weg für die Verkehrsfliegerei zu ebnen“.

Klar, die es hier ja nie gegeben hat!

2 Antworten auf „Fahrplan Blankensee“

  1. Hallo Herr Klanowski,
    warum nur haben Sie eine so schlechte Meinung von Herr Prof. Dr. Stöcker ?
    Dieser Mann hat doch bewiesen, das er ein Unternehmen managen und weiter
    entwickeln kann. Um den Airport weiter zu entwickeln, hat er sich logischerweise
    externen Sachverstand eingekauft.
    Vielleicht werden wir uns alle nach einem positiven Planfeststellungsbeschluss
    die Augen reiben. Ich jedenfalls sehe seit dem 1. Juli den Flughafen in guten Händen.

    Mit freundlichem Gruß
    Wolfgang Wilkens

    1. Ich habe überhaupt keine Meinung zu Prof. Stöcker, lediglich zu seinen Äußerungen und Aktionen in der Vergangenheit und Gegenwart. Aber nicht einmal darum geht es in diesem Blog. Es geht um den Flughafen Lübeck, und da hat sich de facto nichts geändert.

      Stöcker hat ein erfolgreiches Unternehmen aufgebaut? Kann man so sehen. Vermutlich, weil er Ahnung von seinem Fachgebiet hat. Von Flughäfen hat nach eigenem Bekunden keine.

      Ach ja, der „externe“ Sachverstand, eigentlich eher ein interner. Hon.-Prof. Dr.-Ing. Friedel, der dem Herrn Professor von eben jenem Abenteuer Flughafen abgeraten hat. Sie erinnern sich sicherlich.

      Und, na ja, können Sie mir sagen, was Friedel mit seinem Sachverstand in seinen zweieinhalb Jahren am Flughafen erreicht hat? Und warum er dann ging?

      Letztlich ist das alles egal. Solange es ungeklärte Fragen gibt, die auch die Stadt betreffen (und die gibt es im Zwölferpack) sehe ich keinen Grund, an meiner Aktivität in diesem Blog etwas zu ändern.

      Es ist nicht böse gemeint, nur ein guter Rat: wenn Sie das stört, lesen Sie etwas anderes. Aber stolpern Sie nicht auch über Äußerungen wie diese in den LN:

      Jürgen Friedel stimmt zu: „Wir werden den Airport zunächst vorwiegend für Geschäftsflieger offenhalten. Dann soll der Weg für die Verkehrsfliegerei geebnet werden.“

      Nee, Verkehrsfliegerei hat’s hier ja nie gegeben, auch keine 700,000 Passagiere pro Jahr! Jetzt soll’s mal wieder der ebenso berüchtigte wie überflüssige Ausbau richten. Ohne den könnte man zwar auch weit über 1 Mio. Passagiere abfertigen, aber leider wohl keine Fördergelder von der Stadt abgreifen. Für was die dann verwendet werden? Noch so eine ungeklärte Frage.

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