Frisches Grillhähnchen II

Während weite Teile Lübecks in Sachen Flughafen erfolgreich in einen Tiefschlaf versetzt wurden, in dem rosarote Träume von Flügen ab Haustür nach Malle vorherrschen, die ein philanthropischer Unternehmer bezahlen wird, ist in Rheinland-Pfalz die harte Realität eingezogen. „Frankfurt“-Hahn entwickelt sich zu einer ebenso großen Lachnummer wie Lübeck-Blankensee, schon alleine wegen der oberflächlichen Ähnlichkeit mit dem früheren Versuch, die hiesige Landwiese an einen chinesischen „Investor“ zu verschenken. Doch die Ähnlichkeiten liegen viel tiefer und haben nicht nur mit der Herkunft der Investoren zu tun.

Was sich in Lübeck über lange Monate abspielte, geschah am Hahn jetzt im Zeitraffer.

Der Verkauf des verschuldeten Flughafens Hahn an einen chinesischen Käufer steht vor dem Aus. Nach einem Besuch in China „zeichnet sich ein Abbruch des Verkaufsprozesses mit dem Unternehmen SYT ab“, teilte Innenminister Roger Lewentz (SPD) in Mainz mit. Staatssekretär Randolf Stich habe erfahren, dass die Shanghai Yiqian Trading (SYT) bisher keine Unterlagen für die Genehmigung zum Kauf von Anteilen bei der zuständigen Behörde eingereicht habe. Das widerspreche jedoch Angaben des Käufers und seiner Anwälte gegenüber dem Land.

Schwaebische.de, 6. Juli 2016

Staatssekretär Stich war am Montag eigens auf eine Erkundungsmission nach Shanghai geschickt worden, nachdem Medien vor Ort an den vom Hahn-Käufer angegebenen Adressen alles mögliche von Autoreifen bis hin zu Drogerieartikeln, nur nicht die angeblichen Firmen gefunden hatten. Hätte man mal vorher geprüft… Ach ja, hat man doch machen lassen durch die Firma KPMG – na, Sie wissen schon: „Keiner Prüft Mehr Genau“. Aber vielleicht war so eine genaue Prüfung vom Kunden ja auch nicht gewünscht?

Derweil mehren sich die Zweifel, ob der Auftrag, den die Regierung an KPMG erteilt hat, um die Reputation und Bonität der Käufer zu überprüfen, dafür wirklich geeignet war. KPMG hat in einem Schreiben an das Innenministerium mitgeteilt, dass der Prüfauftrag der Regierung in einem „limited research“ auf „Basis öffentlich zugänglicher Quellen“ bestanden habe, der die Suche in Datenbanken nach möglichen „Gesetzesverstößen und Bonitätsrisiken“ der SYT einschließe.

Dies sei aber „keine Wirtschaftsprüfung im eigentlichen Sinne“, sagte der F.A.Z. Paul Gillis, Professor für Wirtschaftsprüfung an der renommierten Peking Universität. Vielmehr handele es sich um eine „einfache Risikoprüfung“ (Due Diligence) auf sehr niedriger Stufe. „Im Grunde ist das nicht mehr, als die Namen einmal durch Baidu zu jagen.“ Baidu ist die chinesische Variante der Suchmaschine Google.

FAZ, 5. Juli 2016

Ein angeblicher Anteilseigner der SYT war immerhin erreichbar, ging aber dann auf Tauchstation:

Der chinesische Investor am Flughafen Hahn will sich erst wieder öffentlich zu seinem Unternehmen äußern, wenn der Verkauf endgültig unter Dach und Fach ist. Das sagte einer der Gesellschafter der Shanghai Yiqian Trading Company (SYT), Kyle Wang, am Montag einem ARD-Korrespondenten. Erst wenn der Deal unumkehrbar sei, solle es eine Pressekonferenz geben. Dann will Wang sich ausführlich zu seiner Firma, den dahinter steckenden Investoren und seinen Plänen für den Regionalflughafen äußern.

Ganz große Zahlen

Wen will der Mann denn mit so einem Verhalten überzeugen? Erst abstimmen, dann die Details? Noch haben die deutschen Landtage nicht ganz die Standards der Kommunistischen Partei Chinas übernommen.

Zuvor hatte er es noch mit der üblichen China-Strategie der großen Zahlen versucht, die man ja auch in Lübeck von Seiten der Firma PuRen (5.000 Flugschüler usw.) hat bewundern dürfen. Einige Vollpfosten hier waren wie besoffen und glaubten den Stuß sogar. Zurück zum Hahn:

Allerdings hatte der Investor Angaben über sein Geschäft gemacht, die Fachleute als unglaubwürdig einschätzen. So beschäftige die hinter der SYT stehende Baufirma für einzelne Projekte schon mal bis zu 200.000 Mitarbeiter. Auch winke ein Auftrag über umgerechnet 1,3 Milliarden Euro von Thyssen-Krupp. In Essen hingegen weiß man dem Vernehmen nach davon nichts.

Selbst, wenn das zutreffen sollte, sagt das nur etwas über das Mutterunternehmen aus, nicht über den Ableger SYT.

Jörg- Meinhard Rudolph, Ostasienexperte an der Fachhochschule Ludwigshafen:

Mit Chinesen fallen [Landespolitiker] immer auf den gleichen Zaubertrick rein. Und dieser ist so einfach wie nur irgendwas. Es ist die große Zahl. Es gibt 1,3 Milliarden Chinesen. Die geben dann Geld hier hin und da hin. Und wenn man das hätte, dann könnte man so schöne Sachen machen.

Report Mainz, 5. Juli 2016

Oh ja, und fast wie im Fall Lübeck gab’s ja auch noch ein Bonuspaket:

Ein Luxushotel am Hahn, ein Altenheim, eine alte Bahnstrecke zum Flughafen wieder in Gang bringen und dann irgendwie den Frachtverkehr verdoppeln.

Bis auf die Bahnstrecke kommt einem das alles sehr bekannt vor, zumindest aus den früheren Investoren-Gastspielen. Vielleicht kommt der neue Investor in Lübeck ja demnächst auf die Idee, die wertvolle Traditions-Infrastruktur Kaiserbahn wiederzubeleben, die schließlich die beiden „Nordländer“ verbindet.

Geschäftsfreunde unter sich

Richtig bizarr wurde die Geschichte am Hahn jedoch, als plötzlich Hans-Werner Müller, Bernsteinschleifer aus Idar-Oberstein, in ihr auftauchte. Der hat nämlich anstelle der Chinesen den Kaufvertrag unterschrieben.

Müller hat den damaligen Frachtpiloten Yu Tao Chou in seinem Geschäft im Idar-Obersteiner Ortsteil Tiefenstein kennengelernt. Der Mann aus China landete regelmäßig mit dem Yangtse River Express auf dem nahegelegenen Flughafen Hahn und entdeckte im Umland den Müllerschen Bernsteinhandel, so muss es gewesen sein. …

So unterschiedlich der weltgewandte studierte Arzt und Pilot aus Schanghai und der Bernsteinschleifer aus dem rheinland-pfälzischen Hinterland auch auf den ersten Blick sein mögen – sie sind beide Glücksritter. …

Irgendwann habe er eben erfahren, dass der Hahn verkauft werden solle und das habe er seinem Freund natürlich gesagt, schließlich kenne dieser den Hahn wie kaum ein anderer.

FAZ, 6. Juli 2016

Früher witzelten wir, „Kommt ’n Mann zum Arzt.“ Heute so: „Treffen sich zwei Geschäftsfreunde. Sagt der eine, Du, bei mir auf der Ecke is‘ gerade ’n Flughafen zum Verkauf, superbillich, un‘ krichs noch Geld dazu. Sagt er andere, boah, super ey, dat machen wer doch!“

Praktisch genau so war es bei den vorherigen beiden Lübecker Flughafen-„Investoren“ Amar und Chen; beim letzteren betätigte sich gar ein CDU-Bürgermeister (immer noch im Amt) als Kuppler. Lediglich bei Prof. Stöcker, dem allerneuesten Investor in Blankensee, war ein Postillion d’Amour nicht nötig, sitzt er doch selbst direkt an der Landewiese.

Aus der Tatsache, daß er sich die Landewiese für seinen Geschäftsflugbetrieb (und Leiharbeiterbedarf) gesichert hat, kann man annehmen, daß alle anderen Angebote von Flugzeugverschrottern usw. noch schlechter waren. (Gerade habe ich „Flugzeugverschrotter“ falsch geschrieben, und die Autokorrektur schlug mir stattdessen „Verzweiflungsschritt“ vor.)

Glücksritter allerorten

Doch bleibt das Resultat dieser Privatisierungen landauf, landab immer das gleiche: branchenfremde Investoren mit vagen Plänen, aber großen Versprechen werden angelockt, ob aus China, Luxemburg, den Niederlanden oder Groß Grönau.

Kennen Sie einen privatisierten deutschen Regionalflughafen, der von einem professionellen Flughafenbetreiber übernommen wurde? Oder auch nur einen, der von Amateuren erfolgreich und ohne Subventionen betrieben wird?

Noch wesentlicher ist folgende Lektion: kein Investor steht direkt für sein Engagement an einer Landewiese ein – er wäre ja schön dumm. Stattdessen werden Tochtergesellschaften gegründet mit überschaubarem Stammkapital, die, wenn es nicht läuft, geräuschlos abgewickelt werden können, ohne den Hauptkonzern zu belasten. Der haftet für eventuelle Fehltritte seiner Tochtergesellschaften selbstverständlich nicht. Und so ist es auch im Fall Stöcker in Lübeck. Verliert der Herr Professor, immerhin bereits 69, warum auch immer mal das Interesse an seinem neuen Spielzeug, dann ist Schicht im Schacht. Euroimmun jedenfalls haftet nicht und hat mit der Landewiese auch nichts zu tun, laut Handelsregister.

PS: Ist es wirklich nur ein Zufall, daß gerade jetzt der NDR mal wieder die Folge „Staatsbesuch“ aus der Reihe „Neues aus Büttenwarder“ ausgestrahlt hat? Das hat jedenfalls den Vorteil, daß man sie wieder online ansehen kann. Viel Spaß! Toll, toll, toll… ich geh‘ ma‘ aufe Tollette.

Beitragsbild: Kurt Bouda / pixelio.de

 

 

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