Super! Verein protokolliert Unregelmäßigkeiten im Flugverkehr, wo Behörden pennen

Erinnern Sie sich an den Vorfall aus dem November 2009, in dem sich das Dach eines Hauses in der Einflugschneise der Lübecker Landewiese spontan abdeckte, was mit einer Ryanair-Maschine im Landeanflug überhaupt nichts zu tun hatte (so versuchten das jedenfalls Flughafen-Fanboys schönzureden)? Was aus der Geschichte wurde, sprich: wer den Schaden bezahlt hat, entzieht sich meiner Kenntnis. Flughafen, Ryanair und Deutsche Flugsicherung bestritten jede Verantwortung für einen Landeanflug, der nach Augenzeugenberichten viel zu niedrig stattfand – und Beweise gab es wohl keine. Die Zeiten ändern sich: ein Verein namens Deutscher Fluglärmdienst e.V. kümmert sich um solche Fälle und liefert Beweise, wo Verantwortliche mauern und Behörden im Tiefschlaf schnarchen. Und Sie können ihm jetzt mühe- und kostenlos durch eine einfache Online-Abstimmung helfen.

Am 13. November 2009 zitierten die Lübecker Nachrichten die betroffene Hauseigentümerin:

,,Es schepperte plötzlich ganz furchtbar auf dem Dach meines Hauses. Ich habe einen furchtbaren Schreck bekommen.“ Dann sieht die 82-Jährige nur noch, wie das Dach ihres Hauses förmlich angehoben wird. ,,Schindeln und Teile des Schornsteins wurden weggerissen und durch den Garten geschleudert“ … Zum Glück habe sie etwas abseits gestanden.

Eine andere Augenzeugin berichtete, ihr hätte der Sog der tieffliegenden Maschine die Mütze vom Kopf gerissen. Ein Autofahrer bremste erschreckt, weil der Flieger die Kronen der Bäume entlang der alten B207 streifen zu schien.

Aufklärung konnte man kaum erwarten. Die Lübecker Nachrichten schrieben über „Rätselraten um den Ryanair-Flieger aus Bergamo“ – und das war‘s. Andere Stellen, die zuständig wären, stellten sich dumm. So hatte

der Tower keine Unregelmäßigkeiten beim Landeanflug der Maschine registriert … Auch Windböen oder Luftwirbel, die die Maschine über Groß Grönau hätten absacken lassen oder vom Kurs abbringen können, habe es nicht gegeben. …

„Wenn, dann hat Ryanair die Schäden am Dach zu verantworten“, sagt Nielsen [Assistentin der Geschäftsleitung des Flughafen Lübeck]. Die Airline will den Fall untersuchen, obwohl auch dort keine „Abnormalitäten festgestellt wurden“, so [Ryanair-]Sprecherin Henrike Schmidt.

Ja klar. Aber es kam noch schlimmer.

Die Flughafen-Begeisterten eines Fanclubs hatten offenbar einen qualifizierten Dach(ab?)decker in ihren Reihen. Und mindestens einen sehr geschickten Tatsachenverzwirbler, der sämtliche Schuld der betroffenen älteren Dame, den Flughafenkritikern und (das ist der Treppenwitz!) der von ihnen angeblich instrumentalisierten Lokalpresse anlastete.

So wurde die betroffene Hausbesitzerin laut Fanclub nicht etwa aufgrund des des eigentlichen Sachverhalts, also wegen Tiefflug und herabfallender Dachziegel und resultierendem Schock ins Krankenhaus gebracht, sondern (man höre und staune)

wegen des Presserummels.

Wegen eines Berichts in den LN? Überhaupt sei die betroffene Hauseigentümerin selber Schuld:

Unser Sachverständiger … hat … sich das Dach angesehen und konnte schon von der Ferne aus erkennen, dass das Dach und der Firstbereich auf Grund von Vermoosung einer dringenden Überprüfung bzw. Instandsetzung bedurft hätte.

Natürlich: wem Ryanair sein Dach ruiniert (das unter normalen Verhältnissen, also ohne Tiefflugverkehr, noch lange gehalten hätte) hätte selbst vorsorgen müssen.

Zynischer ging‘s kaum, und das von einem Verein, der stets behauptete, auch die Interessen der Flughafen-Anwohner berücksichtigen zu wollen. Aber das mußte man ja sowieso nie glauben.

Weiter fantasierten die Fanboys:

Im Übrigen ist der Landeanflug korrekt erfolgt, so dass der Fluggesellschaft Ryanair kein schuldhaftes Verhalten nachzuweisen ist …

Woher wußten die denn, daß der Landeanflug korrekt erfolgte? Weil die Maschine gar nicht anders als korrekt landen konnte? Weil nicht sein konnte, was nicht sein durfte? Also bitte. Selbst die vom Fanclub gescholtene Lokalpresse erging sich noch in hirnrissiger Verharmlosung:

Laut Luftverkehrsordnung müssen Flieger über „bewohntem Grund“ minimal 300 Meter (1000 Fuß) hoch sein.

Papperlapapp. Nicht im Landeanflug. Das ILS-Anflugverfahren aus Richtung Osten führt per Standard (!) in einer Höhe von ca. 60 (sechzig) Metern über die Wohnbebauung beiderseits der Grönauer Hauptstraße hinweg – hier die Details.

Kurz aus dem verlinkten Artikel geklaut:

Wenn der geneigte Leser sich jetzt die Frage stellt, ob die Entscheidung „Landung oder durchstarten“ unter kritischen Sichtbedingungen wirklich erst ungefähr in Höhe der Grönauer Sporthalle stattfindet, nach dem Überqueren der Hauptstraße also, und in einer Höhe von 60 m, lautet die Antwort: Ja! Genau so ist es.

Daß man in diesem Fall kein Fehlverhalten des Piloten beweisen konnte, mag angehen. Unter anderem weil, wie gesagt, Behörden permanent im Tiefschlaf liegen (man denke nur an diesen peinlichen Dauerwitz Lärmschutzkommission Flughafen Lübeck, wenn sie denn überhaupt mal tagt).

Mögliche Verursacher haben sowieso kein Interesse an einer Aufklärung solcher Zwischenfälle, die sie nur Geld kosten würde. Auch die Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung schwieg sich aus in Sachen „Ereignisse im November 2009“. In Lübeck oder Groß Grönau wäre demzufolge überhaupt nichts passiert. Kaputtes Dach, heile Welt!

Behörden schlafen, Bürger wachen

Wir schreiben 2016, und mit solchen Ausreden ist inzwischen Schluß. Massivem Versagen der staatlichen Aufsicht wird Bürgerengagement entgegengestellt. Beispiel Frankfurt-Flörsheim.

Am 31.03.2016 landete der Lufthansa Cargo-Flug LH8401 von Shanghai nach Frankfurt um 14:00:28 auf der neuen Landebahn 07L in Frankfurt und verursachte beim Überflug in Flörsheim einen weiteren Wirbelschleppenschaden.

Wieder mal ein Dach abgedeckt. Doch Ausreden ziehen hier nicht mehr: der Deutsche Fluglärmdienst e.V. hat in Zusammenarbeit mit der Stadt Flörsheim eine Kamera installiert, deren Aufnahmen zweifelsfrei bewiesen, daß die Lufthansa-Maschine trotz ILS zu tief anflog (warum auch immer, das ist hier unerheblich).

Es ist natürlich sch… äh, schade, daß es erst eines Vereins bedurfte, der die Aufgaben übernimmt, die eigentlich Aufsichtsbehörden zufallen sollten:

Der DFLD e.V. archiviert alle Unregelmäßigkeiten im Luftverkehr zuverlässig und offen zugänglich – er stellt sicher, dass solche Vorfälle wie in Flörsheim nicht unbehandelt bleiben und erhöht somit den Druck auf die Politik zum Aktiv werden.

Derzeit bewirbt sich der DFLD e.V. um den „Deutschen Engagementpreis“ des Bundesverbands Deutscher Stiftungen e.V. Jeder kann abstimmen (gültige Email-Adresse erforderlich). Weitere Hinweise zur Abstimmung auf der Webseite des Deutschen Fluglärmdiensts.

Bitte nehmen Sie an der Abstimmung teil. Selten habe ich im Zusammenhang mit Flughäfen ein derart sinnvolles Projekt gesehen. Der Preis ist mit 10.000 Euro dotiert, die der Verein in ein Feinstaubmeßgerät investieren würde. Ich will nicht hoffen, daß er hier in Lübeck mal aktiv werden müßte, aber man weiß nie.

 

 

 

 

5 Antworten auf „Super! Verein protokolliert Unregelmäßigkeiten im Flugverkehr, wo Behörden pennen“

  1. Ich wurde von einem Fliegerkameraden drauf aufmerksam gemacht, dass ich im obigen Kommentar einen Fehler hineingebastelt habe: der anvisierte Aufsetzpunkt liegt 1.000 Fuß hinter der Bahnschwelle, ergo etwa 300 m und nicht 3.000 Fuß. Danke, Hein und sorry an alle Leser, CC

    1. Danke für Ihren Kommentar und die Korrektur, die meine Rechnungen bestätigt (immer plus/minus ein paar Meter). Das kann eigentlich auch jeder auf Google Earth ausmessen („Lineal anzeigen“) und dann mit einem Taschenrechner durchkalkulieren.

      Ich bin nie von der Landeschwelle ausgegangen, sondern vom Aufsetzpunkt (wie auch in dem früheren Artikel aus dem Jahr 2011, da ist es schon ausführlich beschrieben). Den Aufsetzpunkt kann man im Luftbild an der dicken Markierung erkennen und am „Gummi“ auf der Landebahn.

      Für Interessierte: der Anflugwinkel beträgt bei ILS meistens (immer?) 3 Grad. Die Höhe des landenden Flugzeugs in Abhängigkeit von der Entfernung zum Aufsetzpunkt läßt sich sehr einfach berechnen aus a = d * tan(3°), wobei a die Höhe ist, d die Entfernung zum Aufsetzpunkt, und tan(3°) = 0,05.

      Der sog. middle marker (die Antenne auf der Grönauer Sporthalle an der Hauptstraße) befand sich in einer Entfernung von ca. 1200 m vom Aufsetzpunkt, somit hätte ein planmäßig landendes Flugzeug dort eine Höhe von 1200 * 0,05 = ca. 60 m, wie beschrieben.

      Und Wikipedia weiß folgendes (keine deutsche Version vorhanden):

      When the aircraft is above the middle marker, the receiver’s amber middle marker light starts blinking, and a repeating pattern of audible morse code-like dot-dashes at a frequency of 1,300 Hz in the headset. This alerts the pilot that the CAT I missed approach point (typically 200 feet (60 m) above the ground level on the glideslope) has been passed and should have already initiated the missed approach if one of several visual cues has not been spotted.

      Wie von mir beschrieben: mit dem alten ILS Cat. I lag die Entscheidungshöhe (also die Antwort auf die Frage ‚Landeabbruch oder nicht‘?) bei 60 m Höhe, und die war planmäßig eben beim Passieren des middle markers erreicht. Hinzuzufügen wäre, daß die letzten Häuser am Torfmoor beim ILS-Anflug aus dem Osten sogar in noch geringerer Höhe überflogen werden, nämlich in rund 45 Metern.

      Darin ändert übrigens auch die Verwendung des neuen ILS Cat. II nichts, das den alten middle marker rein technisch nicht mehr nutzt. Vor allem ändert das nichts am Anflugwinkel und den Überflughöhen, lediglich die Entscheidungshöhe ist geringer als 60 Meter. Wenn das ILS Cat. II denn läuft.

      Daß das nie auf den Meter exakt hinkommt, ist völlig klar. Nur war die Argumentation der Schönredner damals eine ganz andere: das System ist perfekt, also kann so etwas gar nicht vorkommen.

      Nur ob das ILS überhaupt genutzt wurde oder nicht womöglich doch ein Sichtanflug stattfand, wurde m.W. nie geklärt. Wenn sich das im Nachhinein nicht mehr feststellen läßt, weil angeblich nichts dokumentiert ist und alle Beteiligten mauern, läuft irgend etwas falsch.

  2. Sie machen es sich etwas zu leicht, Herr Klanowski, auch wenn Ihre Einwürfe grundsätzlich in Ordnung sind.
    Der 3° Gleitweg ist mit den Mitteln der ebenen Trigonometrie leicht auf alle örtlichen Verhältnisse zu übertragen. Ausgangspunkt ist der Aufsetzpunkt 3000 Fuß hinter der Schwelle. Aber auch beim Abfliegen des Gleitpfades gibt es Toleranzen nach oben und nach unten. Da der Trichter, in den man hineinfliegt, bei Annäherung an die Bahn immer enger wird, wird es zunehmend schwerer, den Gleitpfad exakt einzuhalten. Ausserdem müssen auch Anflugrichtung und Fluggeschwindigkeit noch kontrolliert werden. Der Pilot muss also drei Größen, zwei davon mit immer enger werdender Toleranz, gleichzeitig kontrollieren, buchstäblich mit Händen und Füßen. Natürlich kann man da saubere Arbeit verlangen, aber Petrus macht es einem auch mal nicht ganz leicht dabei. Bei auftretenden Abweichungen ist also immer erst zu überprüfen, ob diese innerhalb der zulässigen Toleranz lagen. Dann sind die äußeren Umstände zu überprüfen, wie Wetter oder evtl. techn. Probleme am Flugzeug, die, wann immer sie auftraten, ja die Landung nicht vermeidbar machen. Und letztlich spielen Umstände wie Ermüdungsgrad der Besatzung oder optische Täuschungen durch Wettereffekte oder Gegenlicht auch eine nicht zu unterschätzende Rolle – eben deswegen gibt es ja auch Toleranzen. Das sollen alles keine Ausreden sein, die jeweiligen Umstände dürfen aber nicht außer Acht gelassen werden. Bei der Bestimmung der „Landeminima“ findet alles das Berücksichtigung. Deswegen gelten z.B. auch für Cat II / III Anflüge höhere technische Anforderungen an Flugzeug- und Bodenausrüstung und auch an die Besatzungen. Ich habe ja auch schon mehrfach darauf hingewiesen, dass die Behauptung, ein höherwertiges ILS erhöhe die Flugsicherheit, schlicht ein Zeugnis von Unkenntnis oder Unredlichkeit ist.
    In dem von Ihnen angesprochenen Fall in GG sind mir später Unterlagen zugesteckt worden, die in der Tat den Anschein erweckten, dass gezielt vertuscht wurde. Ich bin damals jedenfalls zu ganz anderen Schlußfolgerungen als die Untersuchungsbehörden gekommen – die Sache stank aus allen Ritzen, aber als nicht Betroffener war ich nicht gefragt.
    Ja, es ist gut, wenn auch den Behörden auf die Finger geguckt wird, immer und überall – aber Vorsicht, die Dinge sind eben auch nicht ganz einfach.
    Ganz d’accord bin ich mit Ihnen, wenn es um das dümmliche Gerede der „Fanboys“ geht, das war (wie eigentlich immer) allerunterste Schublade. Apropos, was machen die eigentlich ???

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