Lärm mal anders

In diesem kurzen Beitrag geht es um die Landewiese, einen (Ex-)Bruchpiloten und Lärm. Aber es hängt alles ganz anders miteinander zusammen als Sie vielleicht denken.

Mein gestriger Abendspaziergang galt eigentlich dem nördlichen Teil des Naturschutzgebietes Grönauer Heide, wo die Stiftung Rinderwahn derzeit giftiges Jakobskreuzkraut es masse anbaut. Dazu folgt später ein separater Artikel.

Auf dem Rückweg von der Bushaltestelle Strecknitzer Tannen nach Blankensee wurde ich freundlicherweise mit Musik beschallt, oder mit Geräuschen, die andere „Musik“ nennen. Ich ahnte schon, wem ich diese Wohltat zu verdanken hatte.

Meine erste Begegnung mit der Freiluftdisco direkt gegenüber dem Flughafen-Terminal hatte ich einige Wochen zuvor, als mich fröhliche Klänge bereits am Blankenseer Dorfplatz am Eingang zum südlichen Teil der Grönauer Heide umschmeichelten.

Im Ausbildungspark nebenan hängen zwar öfter Leute herum, die es offenbar cool finden, ihr Auto dort zu parken, alle Türen aufzureißen und die Kfz-Beschallungsanlage auf 100% zu drehen. Aber das hier klang anders, nicht nach der üblichen Proll-Basswumme im Kofferraum, eher nach Bühnenbeschallung.

Gab es mal wieder ein tolles Konzert in einer Halle der Landewiese? Nein, das konnte nicht sein. Dann hätte man ja vorher alle dort abgestellten Flugzeuge nach draußen aufs Vorfeld schieben müssen. (Einmal mit Profis arbeiten!) Da standen aber keine.

Es sollte sich herausstellen, daß die munteren Klänge tatsächlich aus rund 1,4 Kilometer Entfernung (Luftlinie) kamen – aus der Blankenseer Straße 102. Dort befand sich früher die Gaststätte „Zum Bruchpilot“, die während der Konkursfestspiele der vergangenen Jahre in keinem Fernsehbericht über die Landewiese als Lokalkolorit-Tüpfelchen fehlen durfte.

Bruchpilot Anfang 2016

Nachdem der vorherige Besitzer endgültig aufgegeben hatte, eröffnete im Oktober 2016 dort ein Schicki-Micki-vegetarisch-veganes Restaurant (siehe Beitragsbild ganz oben), das als Namen das ziemlich beknackte Wortspiel „Van Koch“ trägt; im Untertitel: „Der virtuose Gaumenpinseler.“ Noch beknackter.

Man möchte dort offensichtlich Gäste aber nicht nur mit köstlichen Spezereien versorgen, sondern auch immer wieder mit lauter Musik – und, das ist der Knackpunkt, die ganze Umgebung in rund 1,5 km Umkreis gleich mit.

Ich rede natürlich nicht davon, daß in der Gaststätte eine Stereoanlage dudelt, oder daß dort jemand die Klampfe auspackt. Nein, das ganze findet, elektrisch hochleistungsverstärkt, auf einer „Draußenbühne“ im Garten statt (bei schlechtem Wetter können Gäste in dort aufgebaute Partyzelte flüchten). Angesagt war derartige Live-„Musik“ beispielsweise für den 20. Mai, den 3. und den 16. Juni.

Für den 8. Juli gab es folgende Ankündigung (alle Fehler im Original):

Wir laden ein zu einer „Summer Jam Session“ an und auf unserer Gartenbühne bei Van Koch – Der virtuose Gaumenpinseler in Blankensee direkt am lübecker Flughafen. Es wird euch eine offene, überdachte Draußenbühne mit reichlich Möglichkeit an spontaner Performance kredenzt. Djs, Raps, Beats & Flows & das von Sonne über Lagerfeuer bis Sternenhimmel. … BEGINN: 14 Uhr – Open End

Van Koch“ Webseite

Zwischenbilanz also: jede Menge Freiluft-Lärm, und das regelmäßig. Es ist nicht die berühmte Party, wo einmal im Jahr die Sau rausgelassen wird und die Nachbarn im Voraus um Nachsicht gebeten (oder gar eingeladen) werden.

Ach ja, die Nachbarn habe ich noch nicht erwähnt. Es ist natürlich etwas anderes, wenn man die Van Kochschen Geräusche in 1,5 km Entfernung noch hört oder im eigenen, nur rund 100 oder 200 Meter entfernten Haus ertragen soll. Gegen die Bums-Bässe helfen weder Schallschutzfenster noch Ohropax.

Was denken sich die Veranstalter eigentlich bei so einer Frechheit?

Ich traf zufällig eine Anwohnerin, der langsam die Galle hochzukommen schien. Diese Beschallung sei unerträglich, und das ginge jetzt schon tagelang so. Ein Blick auf die Van-Koch-Webseite klärte mich darüber auf, daß es sich bei dem jüngsten Lärmspektakel um die „Klangtage Lübeck“ handeln sollte, die vom 13. bis 16. Juli stattfänden.

Das Programm soll Menschen aller Kulturen verbinden und was ist da passender als das Medium Klang und Schwingung! Die nonverbale Kommunikation im Trommelkreis für jung und alt, die Gong Meditation und das Party Konzert sind dafür bestens geeignet.

Das trieft nur so von Esoterik-Soße. Wenn ein paar Freaks ihre Klangschalen anschlagen und Mantras brummen, na gut. Trommelkreis? Ist schon fieser:

Trommeln für Kinder, Eltern und alle, die kommen mögen. lntuitives Trommeln verbindet uns mit unserem eigenen Rhythmus, schafft Erdung, Kraft, Vitalität und Freude!

Klangtage-Webseite

Bumm, bumm! Auch für die, die das vier Tage lang jeweils 90 Minuten lang ungewollt anhören müssen, weil das ganze draußen stattfindet?

Den Abschluß bildete dann jeweils von 20 bis 22 Uhr

Kosmische Klangmusik zum guten Abend –
Gong Meditations Konzert und kosmische Live Musik

Nur eben nicht am Sonnabend, als ich zufällig vorbeikam. Da gab es stattdessen ein „Samstag Spezial – Party“. Laute, sehr laute Techno-Mucke, wenn Sie mich fragen, nicht mehr. Anwesend übrigens, aufgrund der Partyzelte schlecht zu schätzen, vielleicht ein Dutzend Leute. Wahrscheinlich gibt es dort mehr unfreiwillige Zuhörer (sprich: Nachbarn) als zahlende Gäste. (Eintritt 20 Euro.)

Selbst wenn ich über New-Age-Sülze und Meditations-Quark hinwegsehe und mich auf den Klang konzentriere: einen schlechteren Ort für öffentliche Musikvorführungen gibt es kaum. In 100 Metern Luftlinie befinden sich genau gegenüber dem Van-Koch-Garten die Flughafengebäude mit ihren praktisch ebenen Metallfassaden, die den Schall natürlich reflektieren. Der kommt dann im Garten mit einer Verzögerung von 2/3 Sekunden an. Das Resultat ist akustischer Schrott, den ich vermutlich duplizieren könnte, wenn ich mich mit einem Radio in einen großen Müllcontainer setze.

Genau gegenüber von Van Koch ist übrigens noch etwas, und zwar in einem Flughafengebäude: eine Polizeistation. Sie scheint nicht besetzt zu sein.

5 Antworten auf „Lärm mal anders“

  1. Wie betrachtet das eigentlich die Obrigkeit?
    Auf der Website steht unter Eintritt:“Ein Hut wird im Laufe des Abends kreisen.“
    Wie verbucht man das beim Finanzamt?
    Der Wirt in meiner Stammkneipe erklärt mir bei jedem zweiten Bier, dass er die Einnahmen über eine vorgeschriebene elektronische Kasse eingeben muss und diese alles speichert…. somit bekam ich kein Freibier, er hätte es nicht verbuchen können.
    Und in Lübeck geht das noch mit einem kreisenden Hut?
    Da müssen einige Leute vom Finanzamt und dem Ordnungsamt den Besitzern wohl sehr wohlgesonnen sein.
    Es ist aber auf der Website auch zu lesen, dass die „Klangtage“im Rahmen des „interkulturellen Sommers Lübeck“ stattfinden.
    Tja, vielleicht ist das Gedudel und Getrommel sogar kulturell von der Stadt gefördert???

    Kann es sein, dass Adsche und Brackelmann von Büttenwarder nach Blankensee gezogen sind? Dann würde das Ganze einen Sinn ergeben.
    Deren „Geschäftsideen“ waren meist nicht lange erfolgreich.
    Also, liebe Anwohner, es gibt noch Hoffnung auf ein baldiges Ende.

    1. Eine Förderung durch die Stadt ist mir nicht bekannt (was aber nichts heißen muß!) Vom Ordnungsamt genehmigt war die ganze Chose wohl, laut Anwohnern unter Vorspiegelung falscher Absichten vom Veranstalter, was ich nicht beurteilen kann – aber das war auch nie mein Punkt.

      Ich fand es einfach zu viel laut in Hinsicht auf die Nachbarn und die weitere Umgebung, Genehmigung hin oder her, zumal es sich nicht um eine einmalige Veranstaltung handelte, sondern das ganze seit Wochen so geht. Ach ja, und die Polizeistation genau gegenüber ist an Wochenenden tatsächlich nicht besetzt… wie passend.

      Es sieht sehr nach einer Aktion von Adsche und Brackelmann aus, die so auch in Büttenwarder hätte stattfinden können. Bio-Eso-Vegan-Ihhwents mit Krawall-Klangwelten für die Schicki-Mickis aus Klingsiel oder gar Hamburg.

      Sobald ich 300 Euro angespart habe (vielleicht kann ich ja mein Mofa verkloppen), kaufe ich eine Lizenz der Drehbuch-Software Drama Queen und lege wenig später 13 Folgen „Neulich in Blankensee“ vor; eine Serie, die „Neues aus Büttenwarder“ aber ganz alt aussehen läßt!!1! Das gibt Nennwert.

  2. Mit großer Aufmerksamkeit habe ich Ihren sehr zutreffenden Bericht gelesen.
    Zur Ergänzung kann ich nur anfügen mit welchen Mitteln der Betreiber zu einer Genehmigung,
    durch das Ordnungsamt, für diese „Klangbelästigungsveranstaltung“ gekommen ist. Dieser erschlich sich durch Vorspielung von falschen Tatsachen „es wird ein wenig Gitarrenmusik auf der Terrasse gemacht“ die Unterschriften älter Anwohner „um Musik machen zu dürfen“.
    Dieses kann und wird natürlich nicht so stehen bleiben schon in hinblick auf evtl. noch geplanter Veranstaltungen. Eine Unterschriftensamlung gegen solche „Lärmveranstaltungen“ ist iniziert und ein Anwalt ebenfalls tätig.

    1. Noch eine kleine Ergänzung zu der Geschichte. Sie zeigt, daß da wohl einiges ganz arg entgleist ist. Nach kurzer Inaugenscheinnahme der Szenerie vor Ort sprach ich mit nochmal der Anwohnerin, woraufhin aus dem Restaurant jemand herausgeschossen kam und uns mit Blitzlicht – es war kurz vor 22 Uhr und halbdunkel – fotografierte. (Wenn die Fotos was geworden sind, schickt sie mir bitte!)

      Liegen da womöglich die Van-Kochschen Nerven blank? So macht man sich jedenfalls in der Gegend nicht beliebt. Allen Anwohnern wünsche ich viel Glück dabei, ihre berechtigten Interessen durchzusetzen. Lärmschutz am Flughafen ist schon diffizil genug, aber einen Odiösen Ohrenbohrer nach Art von Van Krach braucht man bestimmt nicht noch obendrauf.

  3. Ich hab mir mal die Website von dem Laden angeschaut.
    Hätte nie gedacht, dass so etwas in der Region läuft, oder hoffen das nur die Betreiber?
    Ich würde ja gern mal mein Karnickel zum Essen da vorbeibringen, aber dem kann man den Lärm nicht zumuten und dann das abkassieren, indem ein Hut herumgeht, könnte bei Kaninchen ein Trauma hervorrufen.
    Aber im Ernst, bleibt den Anwohnern dort gar nichts erspart?
    Bei dem Angebot und der Aufforderung der Betreiber, Jeder möge mitmachen, kann ich mir nur zu gut vorstellen, welche Katzenmusik dort entsteht. Aber so etwas scheint heute „in“ zu sein, laut, schräg, geistlos und absolut talentfrei.
    Viel Spass in Blankensee und Umgebung.

Kommentare sind geschlossen.