Lärmschutzkonfusion

Es gibt sie noch, die „Kommission zum Schutz gegen Fluglärm und gegen Luftverunreinigung durch Luftfahrzeuge – Verkehrsflughafen Lübeck“. Zwischen den letzten beiden Sitzungen lagen lediglich zweieinhalb Jahre! Wie heißt es offiziell so schön auf der Seite des Landesbetriebs Straßenbau und Verkehr Schleswig-Holstein: „Die Kommission tagt mindestens einmal im Jahr“. So, so. Auf der dortigen Seite finden Sie ganz unten übrigens Links zu allen Protokollen.

Im folgenden picke ich aus den letzten beiden Protokollen (6. Sitzung vom 29. Oktober 2014 sowie 7. Sitzung vom 6. April 2017) einige Teilaspekte heraus.

Vorstellung eines Konzeptes zur Fluglärmminderung

Mit dem zuständigen Mitarbeiter von austrocontrol wurde Kontakt aufgenommen. Übersendung des TOP 4 der 6. Sitzung an austrocontrol mit der Bitte, über das weitere Vorgehen zu berichten, vgl. TOP 5 der 6. Sitzung.

7. Sitzung

(Was ist austrocontrol? Flapsig ausgedrückt: das österreichische Unternehmen versieht die hiesigen Fluglotsen, die de facto Angestellte der Landewiese sind, gegen Entgelt mit Lizenzen zur Ausübung ihres Berufs. De jure ist daher austrocontrol für die operative Landewiesen-Luftaufsicht verantwortlich.)

Das Konzept zur Fluglärmminderung bestand aus einem simplen Pfeil auf Karten für An- und Abflug; eine Idee des Lübecker Vereins für Luftfahrt. Die soll hier inhaltlich nicht weiter diskutiert werden, zumal die Maßnahme eher symbolischer Natur wäre und in der Praxis wahrscheinlich sowieso ignoriert werden würde.

Bemerkenswert ist, mit welchem Tempo man an dieser Minimal-Maßnahme arbeitet, denn vorgeschlagen wurde sie in der 5. Sitzung am 27. März 2014. Nur drei (3) Jahre später vermeldet man, siehe oben, Kontakt „[m]it dem zuständigen Mitarbeiter von austrocontrol“ aufgenommen zu haben. Immer langsam mit den jungen Pferden, wie?

Beschwerde wegen Fluglärm durch Flugschulen

Der Geschäftsführer der Fluglärmkommission berichtet über eingegangene Fluglärmbeschwerden seit der 6. Sitzung der FLK am 29. Oktober 2014. Mehrere Lärmbeschwerden richteten sich gegen Flugschulen, die das gerichtete Funkfeuer bei Stockelsdorf angeflogen hatten; dies gehöre zur Ausbildung von Piloten. Mittlerweile ist dieses Funkfeuer nicht mehr in Betrieb, sodass die dadurch veranlassten Schulungsflüge nicht mehr zu erwarten sind.

7. Sitzung

Bei Stockelsdorf? Na ja, eher Bad Schwartau oder noch genauer Klein Parin. Verwunderlich die ablenkende Auskunft, „dies gehöre zur Ausbildung von Piloten“. Ja und? Deswegen ist der Lärm weniger störend, oder wie? Gibt es von allgemeinen Lärmschutzregeln abweichende Vorschriften für Schulungsflüge?

Zum zweiten wäre interessant, wie denn die Lärmschutzkommission die jüngste „Polonaise Blankensee“ – fünf Lufthansa-Schulungsflugzeuge im nächtlichen Tiefflug-Ententanz über Lübeck – bewerten wird. Denn das inaktive Funkfeuer scheidet als Ausrede jetzt wohl aus. (Oh, wie ärgerlich.)

Flugschulen am Lübecker Flughafen

Nach Angaben des Geschäftsführers des Flughafens ist nicht geplant, neben den zurzeit ansässigen Flugschulen und Luftsportvereinen Gespräche mit weiteren Flugschulen oder -vereinen zu führen.

7. Sitzung

Eine typische Nullaussage des Geschäftsführers. Sie wird wohl aktuell zutreffen, ist aber überflüssig, und schon gar keine Garantie. Wen will man damit beruhigen? Jeder weiß, daß der Flughafen seine Planungen jederzeit ändern kann. Es könnten sich Interessenten von außerhalb unaufgefordert melden. Und, und, und…

Zumal es vielleicht auch geheime Flugschulen gibt, wer weiß? In der 6. Sitzung wurde die Frage

Welche Unternehmen nutzen den Lübecker Flughafen zu Schulungszwecken ?

in bester Idioten-Manier wie folgt beantwortet:

Der Vertreter des Flughafens erklärt, dass auf der homepage des Flughafens Flugschulen gelistet sind; wenn eine Flugschule nicht genannt werden will, darf der Flughafen darüber auch keine Auskunft geben.

Hä? Flugschule, was ist das? Kennen wir nicht. Vielleicht stehen welche auf unserer Homepage. Inzwischen steht dort keine einzige mehr – wie gesagt, das war die 6. Sitzung im Herbst 2014. Wie die Zeit vergeht! Zu dem Zeitpunkt hatte gerade der chinesische Hoffnungsträger PuRen die Geschäfte der Landewiese übernommen und plante eine eigene Flugschule.

Um der vergeßlichen Verwaltung der Landewiese mal auf die Sprünge zu helfen, hier eine aktuelle Liste der Unternehmen, Vereine und Einzelpersonen, die Luftfahrtschulungen verschiedenster Art in Lübeck anbieten und/oder durchführen.

Sämtliche Informationen sind öffentlich verfügbar und werden im Internet angeboten, einige Anbieter werden regelmäßig in der hiesigen Monopolpresse abgefeiert; von Geheimhaltungsbedarf kann also keine Rede sein.

Habe ich wen vergessen? Täte mir leid. Vielleicht kriegt man ja auch irgendwann heraus, welche Flugschulen im Geheimen an der Landewiese wirken, wie es die Antwort ihres damaligen Vertreters aus Sitzung 6 nahelegt.

Nur: wie kann eine solche Ausbildung überhaupt geheim sein – mit unsichtbaren Flugzeugen womöglich? Wäre schön, wenn sie zudem unhörbar wären, denn das würde alle Probleme lösen.

Kernproblem bei Schulungsflügen: schier endlose Sichtflug-Platzrunden, die zudem logischerweise vornehmlich bei gutem Wetter stattfinden. Ein Kritiker beschwerte sich schon vor Jahren, er wohne selbst in der Umgebung des Flughafens und könne von seinem Haus aus jeden Start und jede Landung in Blankensee beobachten (und hören).

Und ich weiß noch genau, wie die Sportflugzeuge vor zwanzig Jahren, abends und an den Wochenenden … wie Rasenmäher für eine permanente Geräuschkulisse sorgten. Helfen Sie mit mit, dass der Lübecker Flughafen nicht wieder zu einem Hummelnest für laute Motorflieger herabgestuft wird.

Richtig, das stammte vom Noch-Chef des Unternehmens Euroimmun, Prof. Stöcker (Anzeige in den LN vom 25./26. April 2010), und seine vollkommen beknackte Lösung bestand darin, die Landewiese für noch mehr Linienflüge auszubauen – denn „Flüsterjets“, wie andere die Billiglärmbomber von Ryanair und Co. in grotesker Verharmlosung nannten, seien ja ganz harmlos und unhörbar.

Heute ist Prof. Stöcker Betreiber der Landewiese. Getraut hat er sich erst, so erzählte es der Insolvenzverwalter Prof. Pannen, nachdem sich mit Wizz Air der letzte Linienfluganbieter vom Acker machte. (Lübecker Nachrichten, Druckausgabe, Lokalteil HL, 18./19. Juni 2016, S. 24).

Hummelnest reloaded

So viel also aus der Abteilung „mein dummes Geschwätz von gestern“. Maßnahmen zu Reduktion des durch Flugschulen verursachten Lärms sind auch nach einem Jahr Stöckerscher Landewiese nicht mal ansatzweise zu erkennen. Das Hummelnest brummt unter der Obhut des Herrn Prof. Stöcker weiter.

Der Vertreter der Bundesvereinigung gegen Fluglärm wendet ein: „Die Flugschulen sind unser Problem. Die Flugschulen sollten angehalten werden, größere Kreise zu fliegen.“ …

Der Vertreter der Flugsicherung weist darauf hin, dass das Überfliegen bewohnter Gebiete – außer unmittelbar bei Start oder Landung – ohnehin zu vermeiden ist.

6. Sitzung

*Prust* Schön wäre das, aber Zeit ist Geld. Wenn man es etwas sportlich angeht und sich nicht so sklavisch daran hält, kann ein Fluglehrer in 60 Minuten im Süden (das ist der Regelfall) rund zehn Platzrunden durchziehen. Je weiter die Runde geflogen wird, desto weniger Landeanflüge sind pro Stunde möglich – vielleicht sieben. Wer kontrolliert das schon?

Es geht aber noch schlimmer.

Mehrere Kommissionsmitglieder beschweren sich, dass ein Anwohner mit einem Tragschrauber regelmäßig über Wohngebieten im Bereich Groß Grönau fliegt. Der Vertreter des Flughafens wird gebeten, die „schwarzen Schafe“ persönlich anzusprechen. Er sagt dies zu.

Anwohner ist gut, der Herr wohnt weder in Groß Grönau noch in Blankensee, sondern in sicherer Entfernung. (Viele Akteure an der Landewiese wohnen, warum wohl, nicht in der unmittelbaren Nähe der Landewiese. Flughafen-Geschäftsführer schon gar nicht.)

In geringer Höhe über diesen Ortschaften wurden der entfernte Anwohner und sein, wie Spötter ihn bezeichnen, „fliegender Gartenstuhl“(siehe Beitragsbild ganz oben)  jedoch öfter gesehen und gehört.

Wohlgemerkt abseits der Platzrunden, von denen eben die Rede war, sondern kreuz und quer im Tiefflug durch die Landschaft. Wohngebiete? Scheiß der Geier drauf!

Trike über einem Blankenseer Vorgarten

Gleiches gilt für das ebenfalls in Blankensee stationierte Trike, das ich zuletzt am 5. Juli 2017 abends in geringer Höhe über Blankensee und anderen Teilen St. Jürgens gesehen habe. Zuletzt gefeiert in der hiesigen Monopolpresse unter der Überschrift Auf dem Motorrad der Lüfte in der Ausgabe vom 5. Juli 2017, Seite I. Unbezahlte Werbung?

Die geringe Flughöhe mag damit zu tun haben, daß die Inhaber dieser fliegenden, äh…, Kisten nicht nur Schüler, sondern auch zahlende Gäste mitnehmen, und die wollen schließlich etwas sehen. Besonders hoch können diese Flugkisten sowieso nicht kreisen.

Was übrigens die „schwarzen Schafe“ zu den in der 6. Sitzung angesprochenen Vorwürfen zu sagen hatten, erschließt sich nicht aus dem Protokoll der 7. Sitzung. Wurde das Thema nur vergessen oder unter den Teppich gekehrt?

Fazit

Die Kommission tagt selten, Fragen werden zudem über Jahre verschleppt, viele Beteiligte mauern – und ich habe hier nur Randthemen herausgepickt. Die richtig harten Nummern, bspw. Entschädigung für Lärmschutzmaßnahmen der Anwohner, muß ich anderen überlassen. Ich fürchte, ohne Rechtsanwalt kommt man da nicht weiter. An den guten Willen der Landewiese glaube ich erst nach Beweis des Gegenteils.


PS, nur so zum Spaß:

Ein Landeanflug eines Drachentrikes am Flughafen Lübeck-Blankensee ist am Mittwochvormittag missglückt. Die Fluglehrerin und ihr Schüler wurden bei der Bruchlandung leicht verletzt.
Am Vormittag trainierte die hauptamtliche Fluglehrerin mit dem 51-jährigen Flugschüler mehrfach den Landeanflug mit dem Drachentrike. Gegen 9.30 Uhr missglückte dann eines der Landemanöver. Der Flieger kippte auf der Landebahn nach vorn über und blieb auf der Nase liegen. Die beiden Personen erlitten leichte Schürfverletzungen.

Stormaner Tageblatt, 22. Juni 2016

Alarm auf dem Flugplatz Blankensee: Am Sonntagabend hätte es dort beinahe einen Unfall mit einem Ultraleichtflugzeug gegeben. Gegen 19.50 Uhr bekam die Pilotin des Fliegers Probleme. „Die 42-Jährige meldete dem Tower eine mögliche Notlandung“, teilt die Polizei mit. Bevor die Rettungskräfte allerdings auf dem Flugplatz eintrafen, konnte das mit zwei Personen besetzte sogenannte Drachentrike ohne Probleme und ohne weitere Hilfe landen. Ein Einsatz von Polizei und Feuerwehr, die mit Löschzug und Rettungswagen ausgerückt waren, sei nicht notwendig gewesen.

Lübecker Nachrichten, 16. Mai 2017, Lokalteil HL, S. 17

Wer bezahlt eigentlich die Polizei- und Feuerwehreinsätze bei diesen offenbar regelmäßigen Beinahe-Bruchlandungen der Trike-Pilotin?