Tausend Jahre Quark

Wir werden uns in den nächsten zwei Wochen wohl noch auf mehr Reklame zum tausendjährigen Flughafenjubiläum einrichten müssen. Am Sonntag war das hiesige Monopolblatt dran, allerdings auf einer redaktionellen Doppelseite. Da wird einerseits die Vergangenheit der Landewiese nicht gerade bejubelt, andererseits das Märchen vom netten Onkel Winfried, der mal eben einen Flughafen kauft und damit die Region beglückt, nicht ernsthaft hinterfragt.

Ich will diese Artikelbatterie nicht komplett besprechen, nur einige besonders auffällige Fundstücke.

Die Ära Ryanair kommentiert LN-Lokalchef Helge von Schwartz wie folgt:

Die Eigentümerin der Flughafens, die Hansestadt Lübeck, verbrannte etliche Millionen Euro, die sie eigentlich gar nicht hatte. Und so endete die Scheinblüte mit dem Verkauf der Flughafens und mehreren Insolvenzen.

Lübecker Nachrichten, Lokalteil HL, 20./21. August 2017, S. 16/17

Nun hätte man das vielleicht schon damals gerne gelesen, als die Stadt mittendrin beim Geldverbrennen war, aber da jubelte die hiesige Monopolpresse lieber über jede neue Ryanair-Verbindung.

Man könnte man es wenigstens heute, im Lichte gewonnener Erfahrungen, versuchen: wie viele Millionen haben die Stadt und das Land Schleswig-Holstein für die Landewiese der Hanselmännchen verbrannt? Das kann man zwar schätzen (Hinweis: über 100 Millionen), aber nicht genau sagen. Warum nicht? Weil die Verwaltung sich weigert, Zahlen zu nennen und z.B. den letzten Jahresabschluß der städtischen Flughafen Lübeck GmbH zu veröffentlichen.

König Winfried I.

Damit wären wir fast ohne Umwege wieder beim Narrativ vom netten Onkel Winfried, der der Stadt ihre defizitäre Landewiese abnimmt und sie so sämtlicher Sorgen entledigt. Mehr Unsinn könnte man kaum in einen Satz packen. Zum Ausschneiden daher hier einige Fakten, die man sich auch in der Lübecker Lokalredaktion der LN gerne an die Wand heften darf.

Prof. Dr. med. Winfried Alexander Stöcker ist weder Eigentümer noch Betreiber des Flughafens Lübeck.

Betreiber ist die Stöcker Flughafen GmbH & Co. KG, deren haftender Gesellschafter nicht etwa Prof. Stöcker, sondern die Stöcker Flughafen Verwaltungs GmbH ist. Sie haftet mit ihrem Eigenkapital, das zur Zeit der ersten Eintragung ins Handelsregister 25.000 Euro betrug. Änderungen des Eigenkapitals sind bislang nicht veröffentlicht.

Solche Konstruktionen sind üblich und dienen der Haftungsbegrenzung. Wenn der unbedarfte Leser aufgrund schlampiger Berichterstattung (Lückenpresse?) glaubt, der Herr Professor hafte rechtlich zwingend mit seinem Privatvermögen, irrt er.

Weder Prof. Stöcker noch eine seiner Firmen hat je den Flughafen gekauft, und schon gar nicht von der Hansestadt Lübeck, die also auch keinerlei Einnahmen aus einem solchen Verkauf zu verzeichnen hatte. Schon gar nicht hat Prof. Stöcker bzw. eine seiner Firmen, wie es manche offenbar glauben, die Altschulden des Flughafens übernommen.

Die Stöcker Flughafen GmbH & Co. KG hat Teile der technischen Einrichtungen des Flughafens gekauft, aber nicht von der Stadt, sondern vom Insolvenzverwalter. Die eigentliche Betriebsfläche (inklusive gewisser Aufbauten) befindet sich nach wie vor im Besitz der Stadt, die sie an den Flughafenbetreiber verpachtet. Ebenso werden bestimmte technische Einrichtungen, die sich im Besitz der Stadt befinden, an den Betreiber vermietet. Was der dafür zahlt, ist öffentlich nicht bekannt.

Was die Stadt allerdings bereit ist, der Landewiese zu zahlen, ist bekannt: 5,5 Mio. Euro als Beihilfe für „Investitionen“. Um was für Investitionen es sich handeln könnte, ist öffentlich nicht bekannt.

Und selbst wenn die Stöcker Flughafen GmbH & Co. KG irgendwann einmal Kaufoptionen wahrnehmen sollte, die es gibt – und zwar zum absoluten Schleuderpreis – wird der Laden keineswegs ein Privatvergnügen, der Flughafen wird nämlich im öffentlichen Auftrag betrieben. Selbst ein König Winfried I. vom Grönauer Sonnenberg könnte daran nichts ändern.

Ebensowenig löst sich die Stadt in Luft auf, sondern hätte beispielsweise (als Untere Naturschutzbehörde, UNB) in Naturschutzbelangen weiterhin mitzureden. Wenn sie es denn wollte. Sie will es jedoch meist nicht.

Ausreden wie immer

Gerade höre ich beispielsweise, daß die Landewiese die gesetzlich vorgeschriebene Erneuerung der Entwässerung mal wieder jahrelang hinausschieben will.

Die Stadt teilte dem damaligen Flughafenbetreiber auf Antrag am 30.12.2013 mit, alles beim alten belassen zu wollen:

Der Yasmina GmbH wird bis zum Ablauf des 31.12.2017 die Befreiung erteilt, am Auslauf des Staukanals D im Naturschutzgebiet „Grönauer Heide, Grönauer Moor und Blankensee“ das Staukanalwasser nördlich des Moorgewässers „Chi-Chi-Teich“ im vorgelagertem Umgebungsbereich ausfließen und verrieseln zu lassen .

Die Befreiung (unter anderem erkauft mit dem Hinweis darauf, daß das alles so schnell nicht ginge wegen Vorlaufzeiten, notwendigen Ausschreibungen; und mit Drohungen, anderenfalls den Flugbetrieb einstellen zu müssen, und bla bla bla) läuft demnächst aus.

Hat die Stadt inzwischen mal nachgefragt, was die Bauarbeiten denn so machen, man hätte doch vier (!!) Jahre Zeit gehabt, endlich mal anzufangen? Offenbar nicht.

Stattdessen kommt vom Flughafen das selbe Argument wie damals: es hätte doch keinen Zweck, jetzt noch anzufangen, bis zum Ablauf der Frist werde das doch nichts. Wohl wahr.

Daher beantragt man eine Vertagung auf mindestens 2022 – dem magischen Datum, bis zu dem

  • der Flughafenbetreiber alle noch in städtischem Besitz befindliche Flächen für einen Schleuderpreis kaufen können wird;
  • nicht mehr an einen Mediationsvertrag mit Naturschutzverbänden gebunden sein wird;
  • und an dem sich der eigentlich unerwünschte und teure Ausbau der Landewiese mangels Rechtskraft des Planfeststellungsbeschlusses erledigt haben wird. (Das soll nicht heißen, daß man bis dahin nicht versuchen wird, sich genau die Rosinen aus dem Beschluß herauszupicken, die man brauchen könnte.)

Super-Genie Stöcker: der hundertjährige Chefplaner

Man ist also offenbar unfähig, auf vier Jahre den Bau einer dem gesetzlich verlangten Stand angemessenen Entwässerung zu planen? Gut, daß Onkel Winfried übernommen hat, der ist nämlich Hellseher. Meint offenbar sein Adlatus und Co-Geschäftsführer Hon.-Prof. Dr.-Ing. Jürgen Friedel:

„Mit Herrn Stöcker haben wir einen Investor, der weiter guckt als mancher Politiker, und einen, der in Generationen denkt“, so Friedel. Derzeit sei man dabei, die nächsten 100 Jahre zu planen. „Und zwar richtig und gründlich.“

Lübecker Nachrichten, Lokalteil HL, 20./21. August 2017, S. 16/17

Wie geht es Ihnen, wenn Sie so etwas lesen? Nimmt so einen Unfug jemand wirklich ernst? (Kann sein.)

Die Reaktionen von Lesern, die ich bisher mündlich bekommen habe, reichen von Beschädigung heimischer Auslegeware (inklusive Bißspuren) durch rotierende Lachanfälle auf dem Fußboden bis hin zu Gehirnerschütterungen durch stundenlanges Hände-vors-Gesicht-Schlagen.

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Ich selbst als Science-Fiction-Fan bin fasziniert, denn irgendwie scheint sich das Stöckersche Imperium in einem Paralleluniversum zu befinden, sein König und seine Vasallen nicht von dieser Welt zu sein, oder zumindest eine Zeitmaschine zu besitzen.

Wer traut sich zu sagen, daß dieser König keine Kleider anhat, stattdessen von Günstlingen (Presse eingeschlossen) umgeben ist, die ihm schmeicheln und jeden Unsinn glauben nachplappern in der Hoffnung, den einen oder anderen Vorteil zu erlangen?

Ich denke, mit dieser Äußerung zu einer 100-Jahre-Planung hat die Flughafengeschäftsführung jegliche eventuell noch verbliebene Glaubwürdigkeit komplett verspielt.

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2 Gedanken zu „Tausend Jahre Quark“

    1. Worauf schlichtere Gemüter vermutlich antworten würden, der Herr Prof. Stöcker bezahle doch jetzt alles! Falsch – von der Stadt hat er, wie erwähnt, eine Zusage für einen „Investitionskostenzuschuß“ in Höhe von 5,5 Mio. Euro. Und ich gehe jede Wette ein: dabei wird es nicht bleiben, zumal in Kiel jetzt eine Landesregierung am Ruder ist, die der Landewiese wesentlich gewogener sein dürfte als ihre Vorgängerin. Warten wir’s ab! („Wickeln wir’s ab“ würde mir allerdings besser gefallen.)

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