Das Terminal des Polykrates

So. Ein Wochenende kollektiver (und lärmintensiver) aeronautischer Selbstbefriedigung der Fanboy-Gemeinde liegt hinter der Landewiese, auf der König Winfried Stöcker I. vom Blankensee zwei Tage lang Hof hielt und sein neues Spielzeug quasi-offiziell in Betrieb genommen hat, mit einem Rahmenprogramm übrigens, das – abgesehen von den präsentierten Flugzeugen – eher an eine drittklassige Dorfkirmes in Vorpommern erinnerte. (Ich war auf einigen solcher Veranstaltungen.)

Jetzt soll es ein neues Terminal für die Landewiese geben, was die versammelte Presse pflichtgemäß berichtet – natürlich ohne die Fragen zu stellen, die wirklich interessant wären. Denn ein Terminalneubau würde unweigerlich eine ganze Kette von notwendigen Folgemaßnahmen in Gang setzen, was aber niemand erwähnt.

Die folgende vorläufige Diskussion basiert auf einer vom Flughafen ausgestellten Visualisierung, die Sie bei den LN als Bild Nr. 23 in einer Fotogalerie finden können. Bitte sehen Sie es sich an, am besten neben diesem Artikel. Das Bild ist für das Verständnis der folgenden Ausführungen wichtig. Aufgrund fehlender Rechte kann ich es hier nicht einbinden. Ich bitte um Nachsicht dafür, daß ich eigene Grafiken und Berechnungen erst später nachliefere, wenn gewünscht. Hier vorerst ein kursorischer Überblick.

Man sieht den Terminal-Neubau im nördlichen Zipfel des Flughafengeländes, jedoch nicht parallel zur Blankenseer Straße. Dadurch kann der derzeitige Parkplatz P3 erhalten bleiben, vermutlich weitere Parkplätze vor dem Terminal eingerichtet werden. Sollten die nicht reichen, gibt es da noch einen Bebauungsplan für Grundstücke nördlich der Blankenseer Straße, außerhalb des Flughafengeländes. Dafür müßten allerdings eventuell einige Anwohner vertrieben werden, die derzeit noch dort leben.

Südlich des neuen Terminals wird ein Vorfeld für die kommerzielle Luftfahrt angelegt, das mindestens nochmal so groß ist wie das vorhandene links daneben. Diesem ganzen Komplex müssen die meisten vorhandenen Hallen weichen, nämlich E, G, H und die vier Rundhallen R1 bis R4. (Halle F wurde, wie berichtet, inzwischen wegen Baufälligkeit plattgemacht.)

Die noch vorhandenen Hallen E, G und H beherbergen einerseits technische Betriebsdienste der Landewiese (die sollen laut Planfeststellungsbeschluß in die vorhandenen Hallen A bis C umziehen) sowie die allgemeine Luftfahrt („General Aviation“, GA, inklusive Flugschulen). Die soll das alte Terminal nutzen, ansonsten aber komplett in einen neuen Hallenkomplex im Süden verlagert werden. Letzteres steht jedenfalls im Planfeststellungsbeschluß, und so sieht es auch im oben verlinkten Bild der LN aus.

Etwas hat mich trotzdem irritiert, als ich versucht habe, das Planfoto über ein Luftbild des Ist-Zustandes zu legen. Im Süden stimmte etwas nicht. Was waren das für seltsame Grenzen des Flughafengeländes? Ich kam erst darauf, als ich mich am ehemaligen Sportplatz (das Oval der Laufbahn ist noch gut erkennbar) und der links danebenliegenden Fläche orientierte.

In der Planzeichnung ist dem Flughafengelände der berühmte Airport Business Park, neuerdings wieder Gewerbegebiet Flughafen genannt, bereits der Landewiese zugeschlagen! (Im Bild links unten.) Für den Hallenkomplex im Süden würden durchaus schon dessen Flächen angeknabbert werden, im Westen bis direkt an die Straße „Am Flugplatz“.

Im Osten gehört auch eine Fläche des sog. Schönen Dreiecks, das sich die organisierten Naturschützer von der Stadt unter Vorwand fadenscheiniger Gründe aus dem Kreuz haben leiern lassen, zum neuen Flughafengelände. Dumm gelaufen für die professionellen „Naturschützer“ von BUND GmbH & Co. KG! So habt ihr Euch das wohl nicht vorgestellt? Keine Angst, das geht erst richtig los, wenn Eure ohnehin dysfunktionale Mediationsvereinbarung mit dem Flughafen Ende 2018 ausläuft.

Was allerdings nicht nur angeknabbert werden würde, sondern ganz wegfällt, ist das Vereinsgelände des Aero-Club von Lübeck (nicht die Betriebsfläche der Segelflieger). Auf der Planzeichnung findet sich das derzeitige Vereinsgelände nicht mehr. Das steht in Übereinstimmung mit der ursprünglichen Planung, derzufolge „eine Überplanung der bestehenden Gebäude der Segelflieger bzw. der Fliegerclubs unumgänglich“ sei. (Plan der baulichen Anlagen, Unterlage C – 2.1, Juli 2007 – sage keiner, er habe es nicht gewußt.)

Natürlich kann es sein, daß unser König Winfried den Segelfliegern finanziell unter die Arme greift und/oder ihnen eine der neuen Hallen zur Verfügung stellt. Im Planfeststellungsbeschluß ist derartiges nicht verpflichtend vorgesehen.

Fröhliches Versiegeln

Ganz grob geschätzt würden sich unter der vorgestellten Planung die versiegelten Flächen des Flughafens verdoppeln: ein neues Vorfeld für die kommerzielle Luftfahrt im Norden, ein neues Hallenvorfeld für die allgemeine Luftfahrt im Süden, außerdem die Verlängerung der Start- und Landebahn um 115 Meter zuzüglich der Anlage von breiten Wendehämmern an beiden Enden – auf allen fällt potentiell schadstoffbelastetes Oberflächenwasser (Reifenabrieb, Enteisung, Öl- bzw. Treibstofflecks, Havarien…) an.

Nur: wohin damit? Gerade eben hat, wie berichtet, der Flughafen beantragt, die eigentlich im Planfeststellungsbeschluß vorhergesehene Modernisierung der Entwässerung auf den Stand der Technik bis zum St.-Nimmerleinstag zu verschieben. Wen wollen die eigentlich verarschen?

Schon die Behauptung der Landewiese, im Moment sei das alles nicht nötig, darf getrost bezweifelt werden. Vollends absurd wird dieses „Argument“, wenn man – wie jetzt geschehen – eine Planung vorstellt, die die versiegelten Flächen signifikant erhöht. Und das womöglich innerhalb kürzester Frist. Geschäftsführer Friedel „rechnet mit einem Baubeginn im Jahr 2018“, so dpa via shz vom 2. September 2017.

Vorne hui, hinten pfui?

Die Diskrepanz ist in vielerlei Hinsicht auffällig. Veranschlagte der Planfeststellungsbeschluß, den man ja angeblich nutzen will, lediglich etwas mehr als ein Jahr für die komplette Erneuerung der Entwässerung, wurden im ersten Antrag der Landewiese auf Verschiebung (2014) daraus bereits drei Jahre. Inzwischen faselt man etwas von fünf Jahren und behauptet, deswegen gar nicht erst anfangen zu müssen – man könne es ja sowieso nicht schaffen.

Und noch ein Widerspruch. Man behauptet, mit der Entwässerung nicht loslegen zu können, weil der Planfeststellungsbeschluß nicht rechtskräftig sei. Mag sein, aber kein Gericht würde den Rückbau einer modernen Entwässerung verfügen, die dem gesetzlich vorgeschriebenen Stand der Technik entspricht, selbst wenn die Maßnahme durch den Planfeststellungsbeschluß nicht gedeckt ist.

Aber lassen wir das Argument der Landewiese der mangelnden Rechtskraft spaßeshalber gelten. Mit dem neuen Terminal, das ebenso wie die Entwässerung unter Vorbehalt der Rechtskraft des Planfeststellungsbeschlusses steht, kann man aber trotzdem einfach so vorpreschen und Planungen vorlegen, trotz mangelnder Rechtskraft? Klar. Geld für ein Protz-Terminal? Aber immer. Baubeginn 2018? Kann sein.

Dann lieber an der Entwässerung sparen und Schietwasser auf Ewigkeit, aber mindestens bis 2022, in Teiche der Umgebung verklappen, oder wie? Vorne hui, hinten pfui? Hier hat der Flughafen erheblichen Erklärungsbedarf, und man kann nur hoffen, daß sich Politiker nicht von den Luxus-Plänen König Winfrieds I. blenden lassen. Und schon gar nicht für sie zahlen.

Alte Weisheit

Wieso übrigens fällt mir bei Prof. Winfried Stöcker immer wieder der gute, alte Friedrich Schiller ein?

Er stand auf seines Daches Zinnen,
Er schaute mit vergnügten Sinnen
Auf das beherrschte Blankensee Samos hin.
„Dies alles ist mir unterthänig,“
Begann er zu Lübecks Ägyptens König,
„Gestehe, daß ich glücklich bin.“ –

Friedrich Schiller, Der Ring des Polykrates

Schillers Geschichte von Polykrates endet jedoch düster. Sie beginnt in der letzten Strophe mit der berühmten Zeile „Hier wendet sich der Gast mit Grausen“. Ich kann den Gast verstehen.

Beitragsbild: Halle F, inzwischen abgerissen

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