Laßt euch nicht hereinlegen!

Offenbar versucht derzeit der (inzwischen nicht mehr ganz) neue Flughafenbetreiber, die Stöcker Flughafen GmbH & Co. KG, die Gemeinde Groß Grönau und die Schutzgemeinschaft gegen Fluglärm in Lübeck und Umgebung (SGF) zu einer außergerichtlichen Einigung zu bewegen, sprich: beide sollen ihre Klagen gegen den Planfeststellungsbeschluß zurückziehen. Was bislang offen auf dem Tisch liegt, ist eher mau. Aber selbst bei weitergehenden Zugeständnissen wären Zweifel mehr als angebracht.

[A]ußergerichtliche Verhandlungen mit den Klägern der Schutzgemeinschaft gegen Fluglärm in Lübeck und Umgebung sowie der Gemeinde Groß Grönau könnten schon bis Ende des Jahres abgeschlossen werden, hofft Stöcker.

Doch Grönaus Bürgermeister Eckhard Graf stellt klar: „Bevor wir unsere Klage zurückziehen, müssten wir die Ausbaupläne des Herrn Stöcker genau kennen. Da gab es bisher noch keine konkreten Gespräche.“ Ein bisher angedachtes Nachtflugverbot zwischen Mitternacht und 5 Uhr morgens sei zu wenig, unterstreicht Graf. Für die Gemeinde Groß Grönau ist die Einhaltung eines Flugverbotes zwischen 22 Uhr und 6 Uhr morgens nach Angaben von Graf sehr wichtig.

NDR, 6. August 2017 (Memento)

Und dem NDR Schleswig-Holstein Magazin stammelte Prof. Stöcker am 2. September höchstselbst ins Mikrofon:

Wir werden vielleicht aufhören, in der Nacht zu fliegen, also das wird dann das Nachtflugverbot dann eingehalten. Und dann sagt auch Groß Grönau, sie werden uns das durchgehen lassen und werden uns nicht mehr verhindern wollen.

Das wird wohl nur wenige überzeugt haben, schon aufgrund der mangelnden sprachlichen Qualität. Seine Majestät König Winfried I. wird das Nachtflugverbot also gnädigerweise „vielleicht einhalten“, wenn Hoch Dero Gnaden Lust haben, habe ich das so richtig verstanden? Und was für ein „Nachtflugverbot“?

Die derzeit geltende Regelung steht im wesentlichen sinngemäß inhaltsgleich sowohl im Amtsblatt für Schleswig-Holstein vom 25. Februar 2013 als auch in der Benutzungsordnung des Flughafens Lübeck. Demnach sind laut Amtsblatt

verspätete Starts und Landungen … bis 24.00 Uhr zulässig, wenn die planmäßige Start- oder Landezeit bei spätestens 23.30 Uhr liegt. Planmäßige Flugbewegungen in der morgendlichen Nachtrandstunde sind ab 5.30 Uhr zulässig. Ab 5.00 Uhr sind verfrühte Landungen zulässig, wenn die planmäßige Landezeit nach 5.30 Uhr liegt.

Also de facto fröhliches Fliegen bis 24 und ab 5 Uhr. Vielleicht hat Herr Bürgermeister Graf ja etwas mißverstanden, wenn er andeutet, das sei der „angedachte“ Vorschlag des Flughafenbetreibers. Kann das sein?

Das ist doch die aktuell geltende Regelung, die allerdings, da hat Herr Graf recht, unzureichend ist. (Ich bin zwar kein Grönauer, obwohl viele das kurioserweise denken, aber als Lübecker trotzdem von Fluglärm betroffen und deswegen mit vielen Grönauern solidarisch.)

Caveat emptor

Doch selbst wenn es eine Zusage für ein Nachtflugverbot (im Gegensatz zu einer „Nachtflugregelung“) zwischen 22 und 6 Uhr geben sollte, wäre ich höchst skeptisch. Keine Verbote ohne Ausnahmen, und die Ausnahmegenehmigung ist die Regel, das ist mein Fazit nach über 15 Jahren Beschäftigung mit Flughäfen im allgemeinen und dem vor der Haustür im besonderen.

Nehmen Sie Fuhlsbüttel als Beispiel. Dort gilt eine Nachtflugregelung, die restriktiver ist als die in Lübeck. Und was/wem nützt es? Jeden Abend kurz vor Toresschluß herrscht regelmäßig großer Andrang. Sie können sich das selbst hier (fast) in Echtzeit ansehen, am besten werktags ab 22 Uhr.

Vorbildlich: dort sieht man aktuelle Werte von Lärmmeßstationen. Es gibt eine Anzeige von Flugzeugen auf der Karte. Wenn man einen eigenen Standort festlegt, kann man sich Entfernung und Höhe jedes landenden oder startenden Flugzeugs ansehen und sogar einen individuellen Lärmpegel errechnen lassen.

Sie müssen aber nicht genau hinsehen, können das nebenbei laufen lassen. Kritische Meßwerte sind gelb, orange und schließlich rot eingefärbt; das kann man auch aus dem Augenwinkel beobachten.

Man kann dieses Musterbeispiel an Transparenz nicht hoch genug loben. Und das vermindert den allabendlichen Fluglärm über Hamburg auf welche Weise?

Äh, na ja…

Leider gar nicht.

Selbst dann nicht, wenn man auf dieser Webseite sehen kann, daß Maschinen schon vor dem Endanflug in rekordverdächtig niedrigen Höhen einschweben und so für mehr Lärm bis hin nach Bad Oldesloe und Bad Segeberg, ja teilweise sogar bis Lübeck sorgen. Was daran liegt, daß kurz vor Toresschluß viele Flugzeuge wie Perlen auf einer Kette bis zum Endanflug aufgereiht werden müssen – und vorher weite Bögen über das Umland fliegen, um Zeit zu verbraten und sich danach zeitgerecht in die Pipeline einreihen zu können.

Der Flughafen Hamburg hat selbst eingesehen, daß es so nicht geht und Strafen für Zu-Spät-Kommer eingeführt. Allerdings lachen die Fluggesellschaften recht herzlich über die rund 10 Euro, die sie pro Passagier und Nachtlandung abdrücken müssen – das wird sowieso alles eingepreist.

Zudem gibt es individuelle Ausnahmegenehmigungen für Maschinen, die noch später kommen. (Wie hat man sich das vorzustellen? Entscheidet die Nachtschicht der Hamburger Luftfahrtbehörde?) Das sind zwar nicht viele pro Jahr, und vermutlich zahlen sie noch mehr. In den Ausnahmegenehmigungen steht immer als Begründung nur lapidar entweder „Verkehrsstörung“ oder „öffentliches Interesse“.

Nur: wie viele Anfragen auf eine Nachtlandegenehmigung abschlägig beschieden wurden, wäre interessant zu wissen. Eine derartige Statistik habe ich bisher nicht gefunden. Soll ich raten? Keine derartige Anfrage ist abgelehnt worden, wollen wir wetten?

Klare Sanktionen!

Ein Nachtflugverbot ohne spürbare (!) Sanktionen macht keinen Sinn. Ich hätte da einen netten Vorschlag. Für jeden Verstoß gegen ein Nachtflugverbot (mit Ausnahme nachgewiesener Notfälle; sprich: Flugzeug kann erwiesenermaßen und unverschuldet nicht ausweichen) wird der Verkehr auf dem jeweiligen Flughafen an einem Tag des Folgemonats für 24 Stunden komplett gesperrt. Der Flughafen hat betroffene Fluggesellschaften bzw. Passagiere für Ausfälle an dem Tag zu entschädigen.

Solange die Stöcker Flughafen GmbH & Co. KG sich nicht auf eine derartige Regelung einläßt, sehe ich wenig Sinn in Kompromißbereitschaft.

Lektion gelernt?

Fragen Sie die organisierten „Naturschützer“ von BUND & Co. KG, die sich sämtliche Klagerechte in Sachen Landewiese schon 2008 auf zehn Jahre haben abkaufen lassen. Ein altbewährtes Geschäftsmodell. Ihre schöne Mediationsvereinbarung mit dem Flughafen ist Makulatur, wesentliche Teile wurden nie umgesetzt. Jetzt stehen die organisierten Naturschützer zwar mit 2,5 Mio. Euro mehr da, die übrigens die Hanselstadt™ bezahlt hat, aber in der Sache (es ging doch um Naturschutz, nicht um Geld, oder?!) mit weitgehend leeren Händen. Und vor allem mit noch weniger Möglichkeiten, aktuell drohendes Unheil zu verhindern.

Zudem hat man gerade eben noch richtig schön Salz in die Wunden gerieben bekommen. BUND & Co. KG hatte sich einen Teil des Naturschutzgebiets von der Stadt bzw. ihrem Beteiligungs-U-Boot KWL für Gewerbezwecke abschnacken lassen. In den neuesten Plänen des Flughafens taucht der Streifen plötzlich als Teil der Stöckerschen Landewiese auf! Blöd gelaufen.

Sei nett, gib nach, sei kompromißbereit… und sie legen dich rein, sobald sie können. Gib ihnen den kleinen Finger, und sie nehmen nicht nur die ganze Hand, sondern praktizieren noch einen gekonnten Karate-Überwurf, nach dem Du platt am Boden liegst.

Hoffentlich hat man die Lektion wenigstens in Groß Grönau, wenn schon nicht bei den organisierten „Naturschützern“,  gelernt.

Beitragsbild: Maret Hosemann/pixelio.de

 

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2 Gedanken zu „Laßt euch nicht hereinlegen!“

  1. Volle Zustimmung!
    Den Grönauern ist zu wünschen, dass sie die Kraft haben, die Klage durchzuziehen. Sie sind sowieso schon viel zu lange hingehalten worden.

    1. Ich will niemandem Ratschläge erteilen, weise aber darauf hin, daß schon ganz andere auf freiwillige Zusagen und sog. Mediationen hereingefallen sind, und das vor langer Zeit. Man könnte, wenn man wollte, daraus lernen. Siehe diesen uralten Artikel:

      http://regionalflughaefen.info/blankensee/?p=118

      Zitat:

      Dort [Frankfurt-„Hahn“] verzichtete der BUND auf eine Klage gegen die Verlängerung einer Startbahn und bekam im Gegenzug die Zusage, daß statt 60 Hektar Wald nur noch 30 Hektar gerodet würden. Die verbleibenden Bäume mußten allerdings aus Gründen der Flugsicherheit gekappt werden, was auch geschah.

      Nur leider unfachgemäß, obwohl das laut einem Bericht des Trierischen Volksfreunds (TV) unter Mitwirkung des BUND geschah. Resultat: Die meisten der Bäume, die erhalten werden sollten, sind inzwischen tot. Der BUND schiebt die Schuld teilweise auf unerwartete Stürme. Erwin Manz, Landesgeschäftsführer des BUND Rheinland-Pfalz, ist trotzdem unzufrieden: „Wenn wir das gewusst hätten, hätte es diese Einigung mit uns nicht gegeben.“

      Selbst eine Lokalzeitung urteilte:

      Das war wohl nix. Was 2006 als Kompromiss gefeiert wurde, scheint sich zum Rohrkrepierer zu entwickeln. Wieder einmal schauen Menschen in die Röhre, wenn es um den Flughafen Hahn und den Ausgleich von Interessen geht. … Anscheinend lohnen sich Kompromisse nicht sonderlich, wenn es um den Flughafen geht.

      Das war 2010. Den letzten Satz sollten sich Verantwortliche landauf, landab einrahmen und an die Wand hängen. Langsam müßte man doch mal kapieren, wie der Hase läuft?

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