Flying Merkel Superstar in Lübeck, und keiner merkt’s

Was erlauben Rolling Stones? „Am Sonntag warteten geduldige Fans am Hamburger Flughafen, um einen Blick auf den gen München abhebenden Privatjet der Multimillionäre werfen zu können.“ (Lübecker Nachrichten, 12. September 2017, S. 27). Die hätten gefälligst nach ihrem Hamburger Konzert noch in der Nacht abdüsen sollen – wie etliche „Superstars“ vor ihnen natürlich ab Lübeck! War nix.

Wenig später nahte Rettung in Person der Kanzlerin. Doch ihre Nutzung der Landewiese verpuffte eher unbemerkt, warum bloß? Weil da Fragen sind, wer die Wahlkampfflüge der Dame überhaupt bezahlt?

So geht sie dahin, die gute alte Tradition des Angebens der Landewiese mit Promis von Königin Beatrix bis zum angeblich „ältesten Fußball der Welt“. Aber was war das für ein stattliches Flugzeug, daß dort am Montagabend herumstand? Promi-Alarm!

Die Flugbereitschaft der Bundeswehr hatte niemand geringeren als die allseits beliebte Bundeskanzlerin Angela Merkel nach Lübeck befördert, wo sie einen Fernsehauftritt hatte.

Frau Eggers bitte, Frau EGGERS, Pressemitteilung möchten alle haben, aber subito! Irgendwo müssen die alten Textbausteine doch noch gespeichert sein. Also, ich denke da an folgendes:

Da staunte manch Fluggast nicht schlecht, als eine Maschine mit der royalen Kennung 14+04 am 11. September auf dem Vorfeld des Flughafen Lübeck auftauchte und ihre Majestät Kanzlerin Angela der Deutschlande ausstieg. Begrüßt wurde die Monarchin auf Deutsch von Flughafenbetreiber Prof. Stöcker persönlich: „Sie freut sich immer, bekannte Gesichter zu sehen und ist sehr, sehr freundlich zu uns allen“, sagte er.

„Tach, Professorchen,“ erwiderte die Kanzlerin, huldvoll in die Menge von mehreren hundert Flughafenmitarbeitern winkend. „Nette Landewiese haben Sie hier. Ganz doll! So, ich muß weiter zu meinem Huldigungstermin im Fernsehen. Sie kennen mich!“

Was für eine PR-Gelegenheit… verpaßt. Keine Fotos. Nicht mal eine Pressemitteilung. Traurig. Ich meine, das hier (Memento) – der Aufruf eines Aufrührers namens Stöcker zum Sturz der Kanzlerin – ist jetzt ja wohl verjährt, oder?

Geld…

Die Flüge der Dame Merkel in ihrer Funktion als CDU-Vorsitzende und Wahlkämpferin sind ins Gerede gekommen, seit ein Anwalt in Berlin eine Strafanzeige wegen Untreue gestellt hat. Zwar zahle die CDU für diese Flüge, aber lediglich einen symbolischen Betrag, der die wirklichen Kosten bei weitem nicht decke.

Merkel zahlt für sich und ihre Mitarbeiter im Wahlkampf jeweils nur den Preis eines Businessclass-Tickets der Lufthansa von rund 500 Euro pro Strecke, wenn sie die Helikopter oder Lear-Jets der Flugbereitschaft der Bundeswehr für Wahlkampf- und Parteitermine nutzt.

Die tatsächlichen Kosten für eine Flugstunde liegen jedoch laut einer vertraulichen Liste der Flugbereitschaft bei rund 18.000 Euro für die „Cougar“-Helikopter und mehr als 30.000 Euro für die Kleinflugzeuge vom Typ „Global 5000“.

Spiegel Online, 9. September 2017

Und tatsächlich stand eine Bombardier Global 5000 (Seriennummer 9417) am Montagabend auf der Landewiese, militärische Registrierung: 14+04. Laut Bundeswehr sind die Maschinen, vier davon hat man in Betrieb, jeweils mit

einer VIP-Kabine für kleinere Delegationen von bis zu 13 Personen ausgestattet.

Anders als vom Spiegel behauptet handelt es sich um kein wirklich kleines Flugzeug, nur nimmt die Luxuseinrichtung inklusiver breiter Ledersessel im Inneren natürlich einigen Platz weg. Außen ist man knapp 30 m lang und hat eine fast ebenso große Spannweite. Das maximale Startgewicht liegt über 40 Tonnen, und mit einer Reisegeschwindigkeit von über 900 km/h kommt man fast 9.000 km weit. Also bitte, keine falsche Bescheidenheit.

Es ist sowieso alles im grünen Bereich:

Die Kanzlerin bekräftigt, sie halte sich an jene Regeln, die schon ihre Amtsvorgänger genutzt hätten. Zudem sei sie als Kanzlerin „immer im Dienst“ und müsse in Notfällen schnell zurück nach Berlin fliegen können.

Spiegel Online, 9. September 2017

Was für ein elender Blödsinn, in doppelter Hinsicht.

Erstens: wenn die Dame in Berlin gebraucht wird, soll sie im Interesse des Landes dort bleiben und jemand anders in die Provinz schicken, um dort Wahlkampf zu machen. Auf Kosten der CDU, versteht sich. Punkt.

… und Fernsehen

Zweitens: in diesem spezifischen Fall ging es um eine Fernsehsendung, die man auch ebensogut in Berlin hätte produzieren können. Man hätte Frau Merkel sogar aus dem Kanzleramt zuschalten können – aber dann wäre wohl vielen klargeworden, daß es sich bei der Veranstaltung um eine Sendung des deutschen GEZ-Staatsfernsehens mit direktem Draht in die Machtzentrale gehandelt hätte.

Durchaus konservative Beobachter wie Stephan Paetow fühlten sich nach dem Ansehen der Sendung an ganz andere Formate erinnert:

Wladimir Wladimirowitsch Putin pflegt seit 15 Jahren das TV-Format „Direkter Draht“, bei dem Bürger dem Präsidenten Fragen stellen dürfen. …

Der deutsche Zuschauer bekam heute eine ähnliche Veranstaltung serviert, die „Wahlarena“ in der ARD. Hier haben die TV-Macher dem Bürger die Arbeit abgenommen, Fragen einzusenden, stattdessen wurde mit allen technischen Raffinessen eine Gruppe Bürger ausgewählt, die die Moderatoren nicht ohne Stolz als „Deutschland in Klein“ bezeichneten. Was natürlich Quatsch ist. …

Schön ist es in Klein-Deutschland zu sein, fast so wie in Groß-Russland. Obwohl die Fragen beim angeblich diktatorischen ‚Nachbarn‘ gelegentlich weitaus ehrlicher sind als in unserer lupenrein demokratischen Heimat: „Putin, glaubst du wirklich, dass das Volk dir diesen Zirkus mit inszenierten Fragen abnimmt?“ So weit sind wir bei der ARD noch lange nicht.

Tichys Einblick, 12. September 2017

Wie zur unfreiwilligen Bestätigung titeln die Lübecker Nachrichten am 12. September 2017 auf S. 6: „Jubel statt Buhrufe: Angela Merkel in der ‚Wahlarena‘“. Die Autoren Dordowsky und Hammer konnten sich vor Begeisterung kaum einkriegen.

„Welch ein Empfang … weder Tomaten noch Pfiffe … Im Gegenteil, 30 Mitglieder der Jungen Union waren mit dem Bus gekommen …“ – nein danke, ich lese ab dort nicht mehr weiter. Politzirkus reinsten Wassers.

Nur. Noch. Peinlich.


P.S.: Jaja, das Beitragsbild. Ich weiß. Es ist die erwähnte Maschine 14+04, aufgenommen in Lübeck am Abend des 11. September 2017 gegen 20 Uhr Ortszeit. Leider hat meine Kamera gesponnen und irgendein feinsinniges Foto im völlig überflüssigen „Aquarell-Modus“ aufgenommen. (Keine Ahnung, wieso man so einen Unfug in Kamera-Software einbaut, der sich dann auch noch ungewollt einschaltet.)

Im Nachhinein finde ich, das war ein Glücksfall. Dieses verwässerte, verschwommene Wischiwaschi-Foto ohne erkennbare Details stellt ein perfektes Sinnbild für die Politik der Kanzlerin dar.

Max Goldt war offenbar ein Visionär, als er mit Foyer des Arts vor rund 35 Jahren die „perfekte Königin, prima prima Königin“ besang. Abgewandelt: So fliegt sie durch ihr Reich … sie fliegt und fliegt ganz ungeniert, und wie toll sie dabei noch regiert!

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2 Gedanken zu „Flying Merkel Superstar in Lübeck, und keiner merkt’s“

  1. Mit dem Flughafen ist der Blog-Schreiber bekanntlich unzufrieden,
    nun kommen noch weitere Unzufriedenheitsfaktoren hinzu:

    – Angela Merkel und die CDU
    – Grönaus Bgm und die SPD
    – GEZ-„Staatsfernsehen“
    – …

    Fehlt nicht mehr viel und er gibt Wahlempfehlungen für zweifelhafte Parteien ab…

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