Wer hat uns verraten?

Es kam zwar mit Ansage (siehe Laßt Euch nicht hereinlegen), aber vielleicht schneller als erwartet.

Groß Grönaus Bürgermeister Eckhard Graf (SPD) will die Klage gegen den Lübecker Flughafen zurücknehmen.

LN-Online, 18. September 2017

Die Auszeichnung als Wendehals des Jahres dürfte ihm damit gewiß sein.

Übrigens: ist Ihnen die schlampige Formulierung der LN aufgefallen? Die Klage geht in Wirklichkeit gegen das Land und seine Planfeststellungsgenehmigung, nicht gegen den Flughafen. Aber das nur nebenbei.

[Nachtrag vom 20. September 2017 – Der Artikel in der Druckausgabe der LN stellt weiter unten im Text korrekterweise klar: „Formal richtet sich die Klage gar nicht gegen den Flughafen, sondern gegen das Land.“]

Richtig schön manipulativ auch eine Bildunterschrift des Artikels:

Lange sorgten sich die Groß Grönauer wegen vieler großer Flugzeuge. Jetzt ist es am Airport ruhiger geworden.

Einschläfern, einlullen lautet die Devise. Mag ja sein, daß man die Landewiese trotz der etlichen Flugmöhren mit Rasenmähermotor derzeit als leise empfindet, nur soll es nicht so bleiben. Schon ist wieder die Rede von einer Million Passagieren im Jahr. Da darf ich mal fragen, ob die Anwohner auch in Groß Grönau das Jahr 2005 in guter Erinnerung haben, als es rund 700.000 gewerbliche Passagiere gab? Was wäre mit einer Million?

Genaues über den Sinneswandel des Herrn Graf weiß ich derzeit nicht, da sich der entsprechende Artikel hinter einer Bezahlschranke befindet. Das hindert mich natürlich nicht daran, frühere Äußerungen des Herrn Bürgermeisters Graf zu zitieren. Und diese Äußerungen sind lediglich etwas mehr als ein Jahr alt. So schnell kann’s gehen…

Mein Geschwätz von gestern

Euroimmun-Chef Winfried Stöcker ist seit gestern neuer Eigentümer des Lübecker Airports, dessen Firmensitz ebenfalls in Groß Grönau ist. Gegen den Flughafen kämpft die Nachbargemeinde seit Jahren. Und das bleibt auch so.

„Ich gehe davon aus, dass die rechtliche Auseinandersetzung zu einem Ende geführt wird“, macht Groß Grönaus Bürgermeister Eckhard Graf (SPD) klar.

Lübecker Nachrichten, Druckausgabe, Lokalteil HL, 2. Juli 2016, S. 18

„Wie immer das Verfahren ausgeht, haben wir dann eine endgültige, rechtliche Klärung“, sagt Eckhard Graf (SPD). Wobei sich Groß Grönaus Bürgermeister ziemlich sicher ist: „Ich gehe davon aus, dass wir gute Chancen haben, das Verfahren zu gewinnen“. …

„Herr Stöcker kann nach Abschluss des Verfahrens mit seinen Planungen beginnen. Dann gibt es eine neue Situation zu bewerten, die wir gemeinsam diskutieren müssen. Wir werden das Gespräch mit ihm suchen“, erklärt Graf.

Lübecker Nachrichten, Druckausgabe, Lokalteil HL, 8. Juli 2016, S. 24

Notabene: nach Abschluß des Verfahrens!

Jetzt ist das alles nicht mehr wahr? Im Moment scheint es sich noch um die Einzelmeinung des wetterwendischen Herrn Bürgermeisters Graf zu handeln; die Klage zurückziehen kann nur die Gemeindevertretung. Aber vermutlich würde Herr Graf nicht vorpreschen, wenn er nicht schon mal die dortige Meinung sondiert hätte.

Wie bitte?!

Die Begründung, wie sie von den LN im Vorspann zum Artikel wiedergegeben wird, läßt einem dann die Haare zu Berge stehen:

„Ich möchte einen Dialog führen“, sagt Graf. Denn: Der wohlhabendste Bürger [des Dorfs Groß Grönau] ist jetzt Eigentümer des Airports.

DAS ist die Begründung?! Ich kann nur im Sinne der Demokratie hoffen, daß die LN hier etwas mißverstanden oder falsch zitiert haben. Es kann doch wohl nicht angehen, daß der wohlhabendste Bürger eines Dorfes die Politik der Gemeinde bestimmt? Dann brauchen wir keine Bürgermeister, keine Gemeindevertretungen mehr. Dann regiert der schnöde Mammon. Wollen wir das? WIRKLICH? Und das kommt von einem angeblichen Sozialdemokraten?! Ich fasse es nicht.

Falls Herr Graf glauben sollte, die Stöcker Flughafen GmbH & Co. KG zahle Steuern in Groß Grönau, wenn sie denn in ferner Zukunft jemals Gewinne abwerfen würde, was zweifelhaft ist, befindet er sich im Irrtum – die Gesellschaft hat ihren Sitz in Lübeck.

Was der Herr Prof. Stöcker ansonsten der Gemeinde Groß Grönau spendiert, ist hoffentlich für Sachentscheidungen bezüglich des Flughafens unerheblich, ansonsten könnte leicht ein sehr unangenehmer Verdacht entstehen.


P.S.: Ach so, die Antwort auf die Frage „Wer hat uns verraten“: Sozialdemokraten! Aber das kannten Sie sicherlich schon.

P.P.S.: Die nächsten schleswig-holsteinischen Kommunalwahlen finden im Mai 2018 statt. Vielleicht merkt sich der eine oder andere ja, was hier gerade vorgeht.

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9 Gedanken zu „Wer hat uns verraten?“

  1. Noch ein Nachtrag:

    Ich persönlich glaube, dass die Amis Euroimmun in NullKommaNichts platt machen werden und das KnowHow in ihren Stall überführen. Sollte mich freuen, wenn ich Unrecht behielte, aber ich kenne sie – glaube ich zumindest!

    1. Ich stimme Ihnen grundsätzlich zu, erwarte aber eine Übergangsfrist von rund zwei Jahren. Sicherlich wird sich nichts ändern, solange Herr Prof. Stöcker Vorstandsvorsitzender ist. Das wird er aber nicht ewig sein, und wie lange er es bleibt, liegt letztlich nicht in seiner Hand, sondern in der der neuen Aktionäre (PerkinElmer). Soweit ich weiß, haben die angekündigt, Euroimmun bis auf weiteres („for the time being“) parallel zum eigenen Betrieb fortzuführen. Eine genaue Befristung dafür gab es nicht.

      Von Seiten PerkinElmers kenne ich keinerlei Garantie für die deutschen Beschäftigten oder die jetzigen Standorte einschließlich Lübeck und Groß Grönau. Es gab sie auch nicht in einer Telefonkonferenz („conference call“) von PerkinElmer am 19. Juni 2017, die nicht mehr online abrufbar ist. Auf Anfrage schicke ich jedoch gerne zu Forschungszwecken einen Mitschnitt (Warnung: alles auf Englisch).

      Da ging es fast ausschließlich um immaterielle Werte, die PerkinElmer erwirbt: vermutlich der gut eingeführte Markenname; außerdem beispielsweise Patente, oft genug durch deutsche staatliche Forschungszuschüsse gefördert, die Herr Prof. Stöcker nun zu seinem eigenen Vorteil zu Bargeld macht; und Vertriebswege nach China (da wird man wohl über kurz oder lang die Produktion in China verstärken, das kommt günstiger).

      Als Beschäftigter bei Euroimmun würde ich mir kurzfristig in der Tat keine Sorgen machen; mittelfristig (so ab zwei Jahren von heute spätestens) sehe ich durchaus Unwägbarkeiten.

  2. Nun,

    die Grönauer haben den meines Wissens einzigen juristischen Fachmann in ihrer Gemeindevertretung in die Wüste geschickt. Auch wenn ich nicht die Partei des Vorgängers wählen würde, so muß doch konstatiert werden, dass Herr Weißkichel wusste, worüber er sprach! Sich so eines Fachmanns zu entledigen, bevor die Lage vor Gericht endgültig geklärt ist, war einfach dumm. Der Herr Graf ist m.W. bei der Hansestadt Lübeck im Angestellten- / Beamtenverhältnis! Dümmer geht eben immer.

    1. Eckhard Graf, ehrenamtlicher Bürgermeister von Groß Grönau, arbeitet im Hauptberuf in der Verwaltung der Hansestadt Lübeck im Fachbereich 4 – Kultur und Bildung unter der Leitung von Senatorin Kathrin Weiher und ist dort zuständig für den „Fachbereichsservice“, was immer das sein mag. Nur zur Kenntnis – das kann man öffentlich nachlesen, ob man das jetzt für relevant hält oder nicht :mrgreen:

  3. Der Vollständigkeit halber hier der Link auf den neuen Bürgermeisterbrief:

    http://www.gemeindegrossgroenau.de/tl_files/pdf%20allgemein/Bgm-Brief%202017-2%20Druckversion.pdf

    Sie finden das Thema Flughafen dort zwischen „Herbsthäckselaktion“, „Straßenreinigung und Rückschnitt von Pflanzen im Straßenraum“, und „Waschbären in Groß Grönau“.

    Zitat:

    Seitens der Gemeinde Groß Grönau werden sich die Gremien mit der neuen Lage auseinandersetzen und nach gründlicher Beratung darüber entscheiden, welche Haltung gegenüber dem Flughafen eingenommen werden soll.

    Nun, nichts anderes hatte ich geschrieben, allerdings ergänzt um einen wesentlichen Punkt:

    …die Klage zurückziehen kann nur die Gemeindevertretung. Aber vermutlich würde Herr Graf nicht vorpreschen, wenn er nicht schon mal die dortige Meinung sondiert hätte.

    Und überhaupt, wieso neue Lage? Daß Herr Prof. Dr. Stöcker inzwischen Eigentümer der Landewiese ist, weiß man seit spätestens Juli 2016 – siehe die entsprechenden Äußerungen seinerzeit von Herrn Graf, als er sich (im Gegensatz zu heute) ganz sicher war, die Klage zu gewinnen.

  4. Noch mehr Perlen aus der Feder des Herrn Graf (SPD). Als sich die organisierten „Naturschützer“ ihr Klagerecht vom Flughafen abkaufen ließen, wetterte der Spezialdemokrat:

    Als Gegenleistung werden die Umweltverbände ihren Widerstand gegen den Flughafenausbau einstellen. Für die SPD in Groß Grönau stinkt diese Handlungsweise zum Himmel. …

    Enttäuschung macht sich … darüber breit, dass die Umweltverbände zur Realisierung ihrer lokalen Ziele auf ein aus unserer Sicht unmoralisches Angebot der Flughafenbefürworter eingegangen sind und sich aus unserer Sicht haben kaufen lassen. Hinsichtlich der Klimaprobleme, deren Auswirkungen weltweit zu spüren sind, sind wir von der Handlungsweise der Umweltverbände entsetzt.

    Pressemitteilung der SPD Gr. Grönau, 1. Februar 2008 (Memento)

    Aber egal, was geht Herrn Graf sein Geschwätz von gestern an? Scheiß auf das Klima, oder was?

    Darf ich jetzt sagen, daß Herr Graf zur Realisierung seiner lokalen Ziele auf ein aus meiner Sicht unmoralisches Angebot des Flughafenbetreibers eingegangen ist und sich aus meiner Sicht hat kaufen lassen, und daß ich von seiner Vorgehensweise – die zum Himmel stinkt – entsetzt bin?

    Das war exakt die Wortwahl des Herrn Graf, als er über andere urteilte, und ich fand sie zutreffend, aber lang ist’s her. Solche Maßstäbe an sich selbst anzulegen ist wohl von Herrn Graf zuviel verlangt.

    1. Lieber Herr Klanowski, Sie haben ja so recht mit allem was Sie zu diesem Thema geschrieben haben.
      Ich kann gar nicht so viel essen wie ich ko…….. muss und hoffe inständig, dass er noch einen Denkzettel bekommt.

      1. Danke für Ihren Kommentar. Nicht jeder ist Ihrer oder meiner Meinung. Eine Grönauerin hat mich persönlich angemailt (ja gut, schreckliches Wort), und obwohl ich ihr geantwortet habe, daß ich ihren Kommentar gerne veröffentlicht und im Blog beantwortet hätte, kam von dort keine Reaktion.

        Nur zur Kenntnis hier Teile meiner per Email an die Leserin gesendeten Antwort:

        Weil ich es immer wieder betont habe, muß ich hier sicherlich nur ganz kurz darauf hinweisen, daß ich kein Grönauer bin und auch nicht beanspruche, für „die Grönauer“ oder auch nur einen Teil der Einwohner zu sprechen. Ebensowenig bin ich Mitglied in einem Verein, auch nicht der SGF, oder einer Partei. Was Sie auf blankensee.info lesen, ist meine Privatmeinung (bzw. die von Gastautoren oder Kommentatoren).

        In die Grönauer Kommunalpolitik will ich mich auch nicht einmischen – nur: wenn Entscheidungen der Gemeinde in Sachen Flughafen auch Auswirkungen auf Lübeck, Blankensee und mich persönlich haben, muß es mir erlaubt sein, mich zu äußern.

        Ich finde es schade, daß Sie Ihre Stellungnahme nicht als Kommentar eingestellt haben, denn ich würde gerne auch öffentlich darauf antworten. Einen kleinen Teil habe ich in einem neuen Ergänzungs-Kommentar meinerseits abgehandelt.

        Generell kann ich Ihre Kritik nicht nachvollziehen. Ich habe Herrn Graf lediglich mit seinen früheren Äußerungen konfrontiert, die alle in einem Kernpunkt seiner jetzigen Haltung widersprechen. Erst wollte er die Klage durchziehen, und da war Stöcker bereits Eigentümer; jetzt auf einmal gilt das nicht mehr. Für diesen Sinneswandel finde ich auch im neuesten Bürgermeisterbrief keinerlei glaubhafte Begründung. Worin, bitteschön, besteht die „neue Lage“?!

        Ich persönlich hätte Rhetorik wie „in unserer/meiner Sicht käuflich“ übrigens nicht als erster verwendet, aber wenn das die Ausdrucksweise des Herrn Graf – nicht meine! – gegenüber den Umweltverbänden war, dann darf ich dieses Wort in einer sehr ähnlichen Situation nach seiner 180-Grad-Wende wohl zitieren und auf den Urheber spiegeln.

        Im übrigen habe ich das alles nicht mit „Steuerzahlungen aus einem Firmenverkauf von Herrn Stöcker“ in Zusammenhang gestellt. Ich habe im Gegenteil meine Hoffnung zum Ausdruck gebracht, daß damit (oder mit anderen, auch finanziellen Aktivitäten des Herrn Prof. Stöcker oder Euroimmun in Groß Grönau, z.B. Kauf der Alten Schule) keinerlei Zusammenhang besteht.

        Fazit: Ich habe von meinem Kommentar kein Wort zurückzunehmen.

        Fällt es Ihnen nicht auch auf, daß hier plötzlich von Seiten Stöckers extremer Zeitdruck aufgebaut wird? Ich unterstelle Herrn Graf durchaus gute Absichten in dem Sinn, daß er das beste für Groß Grönau herausholen will (was, wie gesagt, nicht unbedingt meinen Interessen entspricht).

        Dann aber sollte er nicht dem auf einmal ausgeübten Zeitdruck des Herrn Stöcker nachgeben, sondern im Gegenteil auf eine weitere Vertagung des Verfahrens drängen, wozu auch gehören würde, die Klage jetzt nicht zurückzuziehen, bevor es nicht gerichtsfeste (!) Zusagen gibt. Bis vor kurzem war das doch die Strategie des Herrn Graf.

        Während einer solchen weiteren Vertagung könnte man tatsächlich diskutieren. Genau das ist aber nicht das beabsichtigte Verfahren, stattdessen will Stöcker alle Kläger jetzt ratz-fatz, Pistole auf die Brust überrumpeln. Altbewährte Taktik, immer wieder gerne angewandt.

        Jahrelang wurden die Kläger planmäßig eingeschläfert, von wem auch immer. Kaum ergibt sich eine Gelegenheit, geht’s los – und so ein Zufall, daß gerade Herbst- und Weihnachtsferien vor der Tür stehen…

        Sie kennen das Juncker-Prinzip? Jean-Claude Juncker, Präsident der EU-Kommission, Sie wissen schon.

        „Wir beschließen etwas, stellen das dann in den Raum und warten einige Zeit ab, was passiert. Wenn es dann kein großes Geschrei gibt und keine Aufstände, weil die meisten gar nicht begreifen, was da beschlossen wurde, dann machen wir weiter – Schritt für Schritt, bis es kein Zurück mehr gibt.“


        Der Spiegel, 27. Dezember 1999

        Hinzuzufügen wäre: ernsthafte, gerichtsfeste Zugeständnisse des Flughafenbetreibers (im Gegensatz zu freiwilligen, unverbindlichen Bla-bla-Zugeständnissen) würden vermutlich ein Planänderungsverfahren benötigen. Auch das bräuchte Zeit.

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