Lückenpresse

Neulich machte die Meldung die Runde, daß die Hanselstadt™ Lübeck auf 100.000 Euro Anwaltskosten sitzenbleibt, die eigentlich AirBerlin hätte erstatten müssen, nachdem das Unternehmen juristische Auseinandersetzungen mit der Stadt verloren hatte. Bekanntlich ist AirBerlin jedoch insolvent, und die Stadt wird vermutlich keinen Pfennig Cent aus der Insolvenzmasse bekommen. Sowohl die hiesige Monopolpresse als auch Die Welt berichteten, vergaßen aber zu fragen: Insolvenz, da war doch schon mal was? Und wie sieht’s überhaupt finanziell aus für die Stadt in Sachen Landewiese? In der Presse: Gähnende Leere. Ohrenbetäubendes Schweigen.

Gleich anschließend hätte die Frage gestellt werden müssen, wie viel die Stadt denn aus den Insolvenzmassen der jeweiligen früheren Flughafenbetreiber erhalten hat. Von der Grünen-Fraktionschefin in der Lübecker Bürgerschaft, Michelle Akyurt, war letztes Jahr zu hören,

Bei den beiden vorherigen Pleiten sei die Stadt auf insgesamt 700 000 Euro an offenen Forderungen sitzen geblieben.

Lübecker Nachrichten, Druckausgabe, Lokalteil HL, S. 18, 25. Juni 2016

Das ist nicht alles. Wenden wir uns kurz dem Eigentum der Stadt an der Landewiese zu. Dazu gehören unter anderem etliche Gebäude, von denen zwei marode waren – die Halle F sowie die alte Warenannahme an der Blankenseer Straße (siehe Beitragsbild oben). Der vorgehende Flughafenbetreiber (PuRen) kürzte eigenmächtig die Pacht, die der Stadt gezahlt wurde, und forderte den Abriß der Gebäude.

Das ist inzwischen geschehen. Bliebe zu fragen: hat die Stadt den Abriß ihres Eigentums genehmigt? Hat sie den Abriß bezahlt und/oder einer Pachtkürzung zugestimmt?

Halle F, inzwischen abgerissen; Ansicht von der Blankenseer Straße (Aufnahme vom April 2017)

Zum Eigentum der Stadt gehört ferner das Instrumentenlandesystem (ILS). Das konnte im November rund zweieinhalb Wochen nicht in Kategorie II betrieben werden. War da etwas kaputt?

C3202/17 - ILS CATEGORY 2 UNSERVICEABLE. 05 NOV 10:00 2017 UNTIL 23 NOV 08:00 2017. CREATED: 05 NOV 09:14 2017

Wer bezahlt in solchen Fällen die Reparatur? Und wenn das ILS nicht wie vorgesehen genutzt werden kann, erhält der Pächter (Stöcker Flughafen GmbH & Co. KG) eine Pachtminderung? [Siehe Nachtrag unten.]

Extrapunkte hätte sich die Presse mit der Lektüre des aktuellen Haushaltsplans der Hanselstadt™ verdienen können. Die Tatsache, daß das gescheiterte Flughafen-Abenteuer die städtische Bilanz über die sechs Jahre von 2016 bis 2021 mit durchschnittlich über einer Million Euro im Jahr belasten wird, ist dabei nicht neu, wurde aber von den Qualitätsmedien (hüstel) m.W. noch nie erwähnt.

Zwar könnte der Flughafenbetreiber die Reste der Landewiese 2022 von der Stadt kaufen, das aber unter Wert. Immerhin würde das 5,6 Millionen Euro in die leere Kommunalkasse spülen, aber sicher ist das nicht. Bei dem Kaufpreis handelt es sich lediglich um eine Schätzung.

Selbst wenn sie zutrifft, gibt es da immer noch den inzwischen legendären „Reinhardt-Bonus“, den ein offenbar völlig überforderter ehemaliger SPD-Fraktionschef in der Lübecker Bürgerschaft jedem „Investor“ versprochen hat, der ihm wie auch immer die mega-peinliche Landewiese vom Hals schafft (zumindest vorerst). Diese Subvention beläuft sich auf 5,5 Millionen Euro – da ist der „Gewinn“ aus dem möglichen Flughafen-Resteverkauf praktisch schon wieder weg.

Und in der Tat, der „Investor“ hat jetzt Bedarf angemeldet, so steht es jedenfalls im neuen Haushaltsplan der Hanselstadt™. Es soll gleich der ganz große Schluck aus der Pulle sein: 2,5 Millionen Euro alleine im Jahr 2018. Als Zahlung eingeplant hatte die Stadt nur 150.000 Euro. Mal sehen, wo sie das Geld auf die Schnelle zusammenkratzt.

Zur Klarstellung: dieser Reinhardt-Bonus ist in dem oben genannten flughafenbedingten Bilanzverlust von über 6 Millionen bis Ende 2021 nicht enthalten, sondern kommt obendrauf!

Flughafensubventionen: Blau – von der Stadt zur Auszahlung vorgemerkt / Orange – vom Flughafenbetreiber zur Auszahlung angefordert (Haushaltsplan 2018)

Malen mit Zahlen

Zum Abschluß noch ein schönes Beispiel für den kreativen Umgang mit Zahlen durch teilweise Auslassung. Auf der Sitzung des Hauptausschusses der Bürgerschaft, in der es u.a. um den oben erwähnten Haushaltsplan ging, durfte auch Flughafen-Geschäftsführer Hon.-Prof. Dr.-Ing. Jürgen Friedel nette Plaudereien zum Besten geben. Zum Beispiel von der

Mannschaft am Airport, die von einst 100 auf 15 geschrumpft war und jetzt wieder 40 Köpfe zählt …

Lübecker Nachrichten, Druckausgabe, Lokalteil HL, 14. November 2017, S. 10

Jo mei, denkt sich da der Leser, ein toller Hecht, dieser Investor Stöcker. Hat mal eben die Zahl der Arbeitsplätze an der Landewiese mehr als verdoppelt, von 15 auf 40, also fast verdreifacht! Ein Genie!!1!!11

Das ist natürlich nicht die volle Geschichte, sondern eher ein Weihnachtsmärchen für Leichtgläubige. In der Tat arbeiteten zum Zeitpunkt der letzten Insolvenz rund 100 Beschäftigte an der Landewiese, von denen der Insolvenzverwalter Prof. Pannen kurz vor dem Verkauf der Insolvenzmasse an die Stöcker Flughafen GmbH & Co. KG rund 65 entließ.

Zufall oder nicht: das erhielt dem damals vor der Tür stehenden „Investor“, Herrn Prof. Stöcker, sein arbeitnehmerfreundliches Image und bewahrte ihn davor, auch nur ansatzweise mit Massenentlassungen in Verbindung gebracht zu werden.

Es blieben also 35 Mitarbeiter (siehe u.a.: Lübecker Nachrichten, Druckausgabe, Lokalteil HL, 18./19. Juni 2016, S. 24), die der „Investor“ übernahm. Von seinerzeit 35 auf nunmehr 40 zu kommen ist allerdings deutlich weniger imposant als von 15 auf 40.

Vor allem: wenn es denn zeitweise tatsächlich nur 15 Beschäftigte waren, was ja sein kann: wer hat zwischenzeitlich (nach der Übernahme der Landewiese durch Stöcker) die anderen 20 entlassen? Oder hat Prof. Stöcker diese Leute anderweitig beschäftigt, z.B. bei Euroimmun?

Mag sein, und das wäre sicherlich lobenswert gewesen – aber in dem Fall kann man schlecht von der Schaffung neuer Arbeitsplätze sprechen, sondern lediglich von einer Verschiebung.

Ich bezweifle nicht, daß die von Friedel genannten Zahlen de facto korrekt sind, vermute aber stark, daß sie nicht die ganze Geschichte wiedergeben.

Entscheiden Sie selbst, wo Sie solche Zahlenspielchen im Spannungsfeld zwischen fahrlässiger Schlamperei und bewußter Manipulation einordnen wollen, und vor allem: ob die etablierten Medien bei einer neutralen Darstellung des Gesamtzusammenhangs gute Arbeit leisten.


Nachtrag 27. November 2017: das ILS Cat. II ist nochmal für rund zwei Wochen außer Betrieb (u/s = unserviceable).

C3466/17 - ILS CAT II U/S. 25 NOV 14:00 2017 UNTIL 07 DEC 08:00 2017. CREATED: 25 NOV 12:03 2017
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