Variationen über das Thema „Seriosität“

Er kann es nicht lassen. Flughafen-„Investor“ Prof. Dr. med. Winfried Stöcker, zugleich Noch-Chef von Euroimmun, ist wieder mal auf einem seiner geistigen Tiefflüge. Wird er diesmal eine Bruchlandung hinlegen, oder kann er sich noch knapp mit einem Fallschirm retten?

Wann immer in den letzten Monaten über den vermeintlichen Retter der Lübschen Landewiese geschrieben wurde, durfte ein schmückendes Beiwort nicht fehlen: er sei ja soo seriöös. Ganz anders als die arabischen und chinesischen Flughafen-Hallodris vor ihm. Komisch: wenn ich über Herrn Prof. Stöcker nachdenke, fallen mir jede Menge Adjektive ein, nur das Wort „seriös“ ist nicht darunter. Das muß an mir liegen.

Auf den jüngsten Null-Artikel in der hiesigen Monopolpresse mit den üblichen Null-Aussagen des Flughafen-Geschäftsführers Friedel reagierte ein Leser des Blattes brieflich mit servilem Geschwampfe, und es klang fast so, als hätte der Herr Professor Stöcker die Epistel selbst verfaßt:

Es zeigt sich, dass ein seriöser Eigentümer in professioneller Weise sehr wohl den Flughafen erhalten und voranbringen kann.

Im Moment zeigt sich da gar nichts, aber das soll heute nicht das Thema sein. Einen ähnlichen Kommentar habe ich hier dokumentiert. Und weiter geht es mit den Lobpreisungen:

Der neue Betreiber ist die „Stöcker Flughafen GmbH und Co. KG“. Hinter dieser Gesellschaft steht Herr Prof. Dr. Stöcker, der in den vergangenen Jahrzehnten mit der Firma Euroimmun bewiesen hat, dass er ein seriöser Geschäftsmann ist, der wirtschaftliche Unternehmungen zu einem Erfolg führen kann.

Das schrieb niemand geringerer als Eckhard Graf im Bürgermeisterbrief II/2017 der Gemeinde Groß Grönau. Daraufhin entwickelte sich in der Kommentarsektion dieses Blogs eine Diskussion, welche Unternehmen – außer Euroimmun – der ach so „seriöse Geschäftsmann“ Stöcker zum Erfolg geführt hat.

Mir ist bislang keines eingefallen, anderen Lesern auch nicht.

Das berühmte Jugendstil-Kaufhaus in Görlitz beispielsweise, von Stöcker 2013 gekauft, läßt sich in der ursprünglichen Form „funktionell und wirtschaftlich“ nicht betreiben. Das sage nicht ich. Das sagt der Käufer inzwischen selbst.

Einen offiziellen Eröffnungstermin – früher hieß es immer Oktober 2015 – gibt es derzeit nicht; gemunkelt wird jetzt von 2021.

Unterdessen gibt es Forderungen an die Stadt Görlitz: ein moderner Anbau soll ans altehrwürdige Kaufhaus rangeklatscht, ein vorhandenes modernes Einkaufzentrum gegenüber angeschlossen werden – und dazu hätte der Herr Professor gerne die (noch öffentliche) Straße zwischen beiden Gebäuden in sein Eigentum übertragen. Gerne doch! Ein vertraglich festgelegtes Wegerecht für die Allgemeinheit wurde im Görlitzer Stadtrat abgelehnt.

Sieht so seriöse Planung aus? Erst kommt die viel bejubelte „Investition“, etwas später dann dürfen die Politiker nach der Pfeife des „Investors“ tanzen. Ein Modell auch für die Landewiese?

Interessant wäre zudem zu wissen, was Herr Bürgermeister Graf über einen „seriösen“ Unternehmer denkt, der seine Interessen über staatliche Vorschriften stellt:

Als er im vergangenen Jahr den Fußballplatz auf seinem Gelände [in Blankensee] bauen will, legt er ohne Baugenehmigung los. Er weiß, dass der Antrag abgelehnt werden würde, weil für den Bau alte Bäume gefällt werden müssen. … „Die Umweltbehörden behindern uns, wo sie nur können, und stellen ihre Vorschriften über die berechtigten Interessen unseres Unternehmens. Das lasse ich mir nicht gefallen.“

Die Zeit, 13. Oktober 2016

Ein Fußballplatz als „berechtigtes Interesse“ von Euroimmun, und vor allem: wichtiger als Vorschriften? Köstlich. L’état c’est moi. Mit so einem Mann versucht Groß Grönau, eine Mediation zu erreichen?

Und wie seriös war eigentlich die Forderung nach einer Transrapid-Verbindung Schwerin-Lübeck-Hamburg, die der Herr Prof. mit einer Kübelladung Verbal-Mist pauschal über Politikerköpfe ausgoß („Sie sind zu feige, um etwas Anständiges, Vernünftiges und Technologieorientiertes durchzusetzen“)? Steinzeittechnologie wie den Transrapid, den China zwar gekauft hat, der inzwischen selbst dort als grandiose Verschwendung von Steuergeldern kritisiert wird?

Shanghai bereut es heute, sich den teuren Zug angelacht zu haben. Die Hongkonger „South China Morning Post“ nannte den Transrapid kürzlich gar einen „weißen Elefanten, der den Beamten der Stadt die Schamesröte ins Gesicht treibt“.

Nordbayerische Nachrichten, 2. September 2016

Direktkurs aufs Fettnäpfchen

Die jüngste Stöcker-Affäre begann offenbar auf einer Weihnachtsfeier der Euroimmun AG in der Lübecker Jakobikirche. Dort trug der selbsternannte Philanthrop Stöcker, in anderen Ländern würde man ihn wohl einen Oligarchen nennen, vor 300 Mitarbeitern eine Weihnachts- oder Neujahrsansprache vor. Den Text, der weithin als frauen- und ausländerfeindlich interpretiert wird, stellte er unter dem Datum 21. Dezember 2017 auf seine Webseite, für jedermann einzusehen. Es geht hier also nicht, wie manche zu glauben scheinen, um eine Privatmeinung, die auf einer geschlossenen Veranstaltung geäußert wurde. Inhaltlich möchte ich nicht auf ihn eingehen; der Text disqualifiziert sich selbst.

Der Knackpunkt ist: man kann über fast alles diskutieren. Nur aus dem Duktus, aus der Wortwahl geht hervor, daß es Stöcker nicht darum ging, eine Diskussion anzuregen. Hier predigte der Firmen-Patriarch seinen Angestellten, so habt ihr zu denken, so habt ihr zu handeln: „Also glaubt niemandem, außer mir.“ Gruselig.

Kann das wirklich sein? Man möchte mildernde Umstände annehmen. War das vielleicht eine freie Rede, womöglich gehalten nach dem Genuß von etwas zu viel Glühwein? Zwar keine Satire an sich, aber, wie der Engländer sagen würde, tongue in cheek, auf Deutsch unzureichend übersetzt mit augenzwinkernd?

War das vielleicht launisch gemeint, was man beim Vortrag vor Publikum immerhin mit Mimik, Gestik und Intonation durchaus rüberbringen kann? Dann sollte man den Text besser nicht ohne Anmerkungen im Internet veröffentlichen, denn er könnte mißverstanden werden.

Aber nein:

Stöcker sagte am Freitag, er stehe weiterhin zu den Aussagen.

NDR, 12. Januar 2018

Dann kann man ihm wirklich nicht mehr helfen. Er muß selber wissen, was er tut, wenn er sich um Kopf und Kragen redet/schreibt. Natürlich hat er das Recht auf seine eigene Meinung. Natürlich darf er sie äußern, so dumm sie auch sein mag. Er darf sich nur über die Reaktionen nicht wundern, und daß ihn mancher vielleicht doch nicht mehr als sonderlich seriös betrachtet.

Die GAL fordert, „dass Lübeck aufhört, diesen vermeintlichen Retter der Lübecker Flughafenträume zu hofieren.“

LN online, 12. Januar 2018

Katjana Zunft, Kreischefin der Linken, fordert jetzt, die Stadt solle ihm beim Flughafen nicht entgegenkommen. Den hatte Stöcker im Sommer 2016 aus der Insolvenz gekauft – und er muss sich bei vielen Fragen mit der Stadt einigen. „Es ist grotesk, wie Stöcker seine Position bei Euroimmun ausnutzt“, sagt Mathias Henke (Grüne).

LN online, 13. Januar 2018

Ich kann mir die Bemerkung nicht verkneifen, daß es mich wundert, wenn Herrn Henke das erst jetzt aufgefallen sein sollte. Wenn nicht, hätte ich mich über eine derartige Kritik zu einem früheren Zeitpunkt gefreut. Aber diese Beschwerde meinerseits geht an fast alle Parteien.

Wo blieb die öffentliche Kritik vor Ort? Es war eine auswärtige Zeitung, die vor fast zwei Jahren mahnend schrieb:

Die Begeisterung der Hanseaten ist so groß, dass sie ganz zu vergessen scheinen, wer dieser Mann eigentlich ist.

shz.de, 24. April 2016

Die Hanseaten, jedenfalls die meisten, wollten es vergessen. Jetzt wurde die Hanselstadt™ von ihm selbst nachdrücklich daran erinnert.

Besonders interessant wird die Affäre im Hinsicht auf den Verkauf der Euroimmun AG an das US-Unternehmen PerkinElmer. Wird der neue Eigentümer geneigt sein, Herrn Prof. Dr. med. Stöcker als Vorstandvorsitzenden im Amt zu belassen, wenn er konstant für negative Schlagzeilen sorgt? Es würde dem Ruf des Unternehmens, nunmehr in US-Besitz, eventuell schaden.

Was wird nun passieren? Schon nach der letzten Stöcker-Affäre („reisefreudige Afrikaner“) war ich der Meinung, der Herr Professor sei gesellschaftlich erledigt. Selten hatte ich mich so geirrt!

Wenn Bargeld lockt, gehen alle Prinzipien über Bord. Nach einem halben Jahr, maximal einem ganzen, hatte sich der Sturm im Wasserglas gelegt, war Gras über die Sache gewachsen, seine plumpen und wenig sachdienlichen Äußerungen nur noch eine bloße Randnotiz.

Money talks, der Herr hat womöglich Geld zu verteilen, da stellten sich eben alle doof und nett, Politiker fast aller Parteien eingeschlossen, und hielten die Hand auf. So könnte, nein: so wird es auch diesmal wieder kommen.