Josephines Märchenstunde

Oh je, oh je. Wieder mal erleben wir Josephine von Zastrow im Geschichtsklitterungslabor. Die Dame ist Lokalredakteurin der LN und hat trotzdem bis heute nicht verstanden, was an der lübschen Landewiese eigentlich vor sich gegangen ist. Eigentlich sehr peinlich.

Ihr blödes Gejubel

Der Flughafen hat Recht bekommen. Er wurde freigesprochen in allen Punkten.

Lübecker Nachrichten, Druckausgabe, Lokalteil HL, 3. März 2018, S. 11

läßt außer Acht, daß es in in jenem Verfahren um sehr spezifische Punkte ging, die Groß Grönau und die von der Gemeinde beklagte Einschränkung der ihrer baulichen Planungsfreiheit betrafen. Keineswegs war das ein General-Freispruch.

Gänzlich aus der Realität verabschiedet sich Frau v. Zastrow mit folgenden Ausführungen:

Zehn, elf, zwölf Jahre Rechtsstreit haben die Lebensader des Airports abgeschnitten. Seine himmlische Hochzeit mit den Neuseeländern 2005 ist darüber zerbrochen. Die Investoren gaben 2009 auf.

Wo fängt man an, den Unsinn auszusortieren? Nein, der Rechtsstreit hat weder „die Lebensader des Airports“ abgeschnitten noch den neuseeländischen Investor Infratil verscheucht. Das ist Kokolores. Dumm Tüch. Gerade Infratil hatte es geschafft, die wichtigsten Kläger – die Naturschutzverbände – mit einer Mischung aus abgespeckter Planung und großzügig gezahlten 2,5 Mio. Euro ruhigzustellen.

Der Abgang Infratils ist vielmehr der realistischen Einschätzung des Unternehmens zu verdanken, daß man mit Billigflughäfen in Europa kein Geld verdienen kann. Bekanntlich hat Infratil seine europäischen Flughafenbeteiligungen längst alle abgestoßen.

Aber weiter in Josephines Märchenstunde.

Die gemeinsame Hoffnung Ryanair hat sich schließlich 2014 aus dem Staub gemacht. Mit der Billig-Airline sollten 5,6 Millionen Passagiere pro Jahr zu 43 Zielen fliegen können.

„Gemeinsame Hoffnung“ – von wem? Kapiere ich nicht. Ryanair verschwand im Rahmen einer Neuausrichtung weg von subventionierten Provinzlandewiesen (nicht nur Lübeck), weil sie a) nicht auf alle Ewigkeit subventioniert werden würden und b) große Flughäfen wie Hamburg publikumsattraktiver sind. Lübecker Befindlichkeiten haben da keine große Rolle gespielt.

Im übrigen kommt Märchen-Josephine mal wieder mit den Zahlen durcheinander: 5,6 Mio. Passagiere gab es vielleicht mal in den feuchten Träumen, die dem ersten Planfeststellungsverfahren zugrunde lagen. Im zweiten waren es „nur“ noch 3,5 Millionen. Ganz ohne Ausbau – und trotz laufender Verfahren – hat man in Lübeck zeitweise über 700.000 Passagiere abgefertigt; 1.800.000 wären theoretisch möglich. Ohne Ausbau.

Frau von Zastrow strickt mal wieder an der alten Legende, ewige Nörgler hätten den Flughafen zu seinem jetzigen Dornröschenschlaf verurteilt.

Völliger Quatsch – das waren unfähige Politiker im Zusammenspiel mit wechselnden, mehr oder weniger dubiosen Investoren (und – darf ich das sagen? – einer komplett unkritischen Lokalpresse). Und genau das Spiel geht jetzt weiter.

Frau von Zastrow merkt allerdings doch, daß da etwas müffelt:

Im Gerichtstermin am OVG mussten angebliche Verhandlungen mit Ryanair und Wizz Air herhalten für die Debatte um die Nachtflüge. Taktik oder Tatsache? Dazu wird geschwiegen.

Warum wohl? Würde ein Journalist da möglicherweise nachfragen? Immerhin: für den süffisanten Kommentar muß man Frau von Zastrow ja doch irgendwie dankbar sein.

Beitragsbild: Johannes Heide / pixelio.de

4 Replies to “Josephines Märchenstunde”

  1. Diese Josephine sollte sich vielleicht mit der Materie befassen bevor sie irgendwelche Meldungen nachplappert und leider auch noch druckt.
    5,6 Millionen Passagiere, da hätte ihr Wikipedia schon weitergeholfen, um die örtliche Presse etwas glaubwürdiger zu machen:
    Nur mal zwei Beispiele: Die Flughäfen Halle-Leipzig und Dresden ZUSAMMEN kommen auf knapp über 4 Mio Passagiere.
    Hannover hatte 2017 ca.5,8 Mio Passagiere usw.usw.
    Dann sollte sie mal weiter recherchieren und wird feststellen, das solche Flughäfen wesentlich längere Startbahnen haben, womit dann auch größere Flieger mit mehr Passagieren starten können, als in Lübeck.
    Und nicht zuletzt: Die erwähnten Flughäfen haben keinen Großflughafen in 80 km Entfernung als Konkurrenz.
    ich glaube, selbst die Bildzeitung würde solche Zahlen nicht einfach übernehmen, wenn die jemand vor sich hinmurmelt.
    Man kann es sich nur so vorstellen, dass „die rasenden Reporter“ von den LN durchs Land flitzen, ihr Aufnahmegerät in irgendeine Diskussion halten, und den Text dann ungefiltert abschreiben und drucken.
    Nach meiner persönlichen Meinung hat das mit seriöser Berichterstattung nichts zu tun.

    1. Leider ist aber der Irrglaube (womöglich absichtlich?!) weit verbreitet, die hochtrabenden Pläne für die Landewiese wären an irgendeiner mangelnden Rechtssicherheit bezüglich des Ausbaus gescheitert. Das ist einfach Käse. Die Verlängerung der SLB war einzig und allein auf Ryanair und die Erreichbarkeit nordafrikanischer Warmwasserziele maßgeschneidert. Etwas anderes steckte nie dahinter. Die meisten anderen Maßnahmen dienten dazu, Ryanair zur Einrichtung einer Basis in Lübeck zu bewegen.

      Doch auch ohne vollbesetzte und -betankte Flieger nach Marokko usw. schicken zu können, sogar ohne Einrichtung einer Basis, ganz ohne Ausbau *) hat uns Ryanair bekanntlich weit über zehn Jahre mit ihrer Anwesenheit „beglückt“ – also, das kann es nicht gewesen sein.

      Problem: nicht nur die LN, viele Leute glauben das Ausbau-Märchen immer noch. Es hat sich längst verselbständigt und dient als x-te Ausflucht, warum an der Landewiese nix läuft.

      [Orakel an] Worum es dem derzeitigen Flughafenbetreiber im Bestreben um Rechtssicherheit im Planfeststellungsverfahren möglicherweise geht, wird sich vermutlich in knapp zwei Wochen zeigen. Um Flugverkehr wohl – vorerst – weniger. [Orakel aus]

      *) Okay, nicht ganz ohne. Das neue, auf eigenes Risiko für einen zweistelligen Millionenbetrag errichtete neue ILS CAT II hat’s aber auch nicht gebracht. Die Vollzugsmeldung nach jahrelangen Verzögerungen kam im Februar 2014. Im Herbst 2014 war Ryanair komplett aus Lübeck verschwunden, nachdem schon vorher etliche Verbindungen eingestellt worden waren. Pfft.

      Funktionieren tut es heute noch nicht richtig.

  2. Etwas mehr Sorgfalt wäre doch wohl angebracht gewesen – zum Beispiel die Erwähnung der Tatsache, daß sich Ryanair während der ersten Insolvenz vom Acker gemacht hat, Wizz Air während der zweiten. Selbst das hatte weniger mit den Insolvenzen an sich zu tun, der Flugbetrieb ging ja weiter. Nein, die beiden Gesellschaften haben jeweils die Ausnahmesituation genutzt, ihre Sonderverträge mit der Landewiese vorzeitig zu kündigen – sehr wahrscheinlich, weil sie längst andere Pläne hatten. Und wenn die LN sich mal wirklich investigativ betätigen wollen: was bitte stand in diesen selbstverständlich geheimen Verträgen?

    Und der erste Investor, Infratil, hatte folgende Ausstiegs-Klausel im Vertrag:

    Sollte der Ausbau des Airports nicht stattfinden *oder* die Passagierzahl bis Jahresende unter 1,2 Millionen bleiben, können die Neuseeländer vom Kauf zurücktreten. Die Stadt müsste dann für die aufgelaufenen Verluste geradestehen.

    LN, 28.05.2008 (online nicht mehr abrufbar)

    Tatsache ist, daß die Passagierzahl unter 1,2 Millionen Euro blieb, was als Kündigungsgrund für Infratil völlig reichte. Da ohne Ausbau bis zu 1,8 Millionen Passagiere hätten abgefertigt werden können, kann der nicht erfolgte Ausbau kaum der Grund für den Abgang des Investors sein.

  3. Vielen Dank Herr Klanowski,

    Sie bringen exakt auf den Punkt, was mir beim Lesen des Zastrow’schen Pamphlets durch den Kopf gegangen ist.

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