Peinlich: Stöcker macht Wahlk(r)ampf

Prof. Dr. med. Winfried Alexander Stöcker ist mal wieder unzufrieden mit der Hanselstadt™ Lübeck. Das legt vor allem ein wirrer „Aufruf zur Lübecker Bürgerschaftswahl im Mai 2018“ nahe, der nicht nur kürzlich im Blog des Herrn Professors veröffentlicht, sondern in Papierform jetzt sogar als „Postwurfsendung – An alle Haushalte“ verteilt wurde. Das Wichtigste vorweg: der Herr Professor fordert, daß Parteien in der Bürgerschaft seine Pläne zur Schaffung eines „begrenzten Flugverkehrs“ – wie auch immer – unterstützen. War wohl nix mit der privaten Landewiese.

[Dieser Beitrag wurde bearbeitet und ergänzt am 29. und 30. April 2018.]

Zur äußeren Form: immerhin verwendet der Herr Professor (71) seinen eigenen Briefkopf, nicht den von Euroimmun, als deren Vorstandsvorsitzender er immer noch fungiert. Verteilt wurde die „Postwurfsendung“ offensichtlich nicht von der Post, auch nicht von der Konkurrenz Nordbrief, sondern von Beschäftigten aus dem Stöckerschen Imperium oder anderen Hilfskräften; auf jeden Fall ohne Frankierung.

Früher hat der Herr Professor in solchen Fällen Anzeigen in den Lübecker Nachrichten geschaltet. Aber mit der hiesigen Monopolpresse scheint er sich – aus mir nicht ersichtlichen Gründen – komplett überworfen zu haben, trotz der zu 99% flughafenfreundlichen „Berichterstattung“ des Blattes. (Manche würden statt „Berichterstattung“ eher von peinlichen Jubelarien sprechen.) Eine Verteilung der „Postwurfsendung“ durch Nordbrief schied wohl auch deswegen aus, weil es sich dabei um ein Unternehmen der Lübecker Nachrichten handelt.

Die wiederum gehören zur Madsack-Gruppe, und an der ist zwar nicht der Leibhaftige persönlich, sondern die Deutsche Druck- und Verlagsgesellschaft mbH mit 23,1% beteiligt. Und die gehört, oh Schreck, den pöhsen Kommunisten der SPD. Das reicht offenbar, um das Blatt trotz seines unkritischen Pro-Kapitalismus-Kurses (kaum ein Tag vergeht ohne Schlagzeile „die Wirtschaft fordert…“) in den Augen des Herrn Professors zu disqualifizieren.

Thema verfehlt

Es lohnt sich nicht, umfassend inhaltlich auf das konfuse Konvolut des Herrn Professors einzugehen. Auf den zwei A4-Seiten geht es komischerweise fast gar nicht um kommunale Fragen, sondern weitgehend um Bundespolitik, bis hin zur – sonst nur von der AfD verbreiteten – absurden Theorie einer internationalen Verschwörung (!) gegen den Deutschen Dieselmotor. Es fehlt eigentlich nur noch „Rettet den Deutschen Schäferhund“.

Insofern könnte man das ganze abtun mit „5 – Thema verfehlt“. Der Aufruf als solcher läßt sich auch kürzer formulieren: „Wählt bloß nicht SPD oder Grüne, sonst wird euer Winfried böse.“

Ganz unten gibt es allerdings Aussagen zur Landewiese, die aufhorchen lassen. Es läuft wohl doch nicht alles wie geölt.

Rot-Grün ist nicht kompromissfähig. Als Gegner des Lübecker Traditionsflughafens setzen sie die unredlichsten Mittel ein, um meinen Ruf als dessen neuer Betreiber zu schädigen.

Ich bin erschüttert. Nun, Butter bei die Fische: worin sollen diese Mittel bestehen? Beweis durch Behauptung? Wo sind die Belege? „Rot-Grün“ gibt es in der Bürgerschaft übrigens nicht als Koalition.

Deshalb appelliere ich an Sie, die Lübecker Bürger: Wählen Sie anständige Leute mit besseren Manieren ins Lübecker Stadtparlament, für die sich niemand schämen muss und die uns dabei helfen, in Lübeck einen begrenzten regionalen Flugverkehr zu schaffen.

Irgend jemand scheint dem Herrn Professor auf den Schlips getreten zu sein. Das anlaßlose Jammern und Wehklagen vom Groß Grönauer Sonnenberg in Richtung Lübeck hat schon immer zum Standardrepertoire gehört. Man fragt sich jedoch, ob hier etwas mehr dahintersteckt.

Networking

Meines Wissens ist die Sachlage folgende: die Stöckersche Flughafenbetriebsgesellschaft ist Eigentümer von Teilen des Flughafens, gekauft übrigens aus der Konkursmasse der Vorgängergesellschaft, nicht von der Hanselstadt™.

Der Rest ist aufgrund rechtlich verbindlicher Verträge von der Hanselstadt™ an die Betriebsgesellschaft verpachtet, die in wenigen Jahren auch noch das Recht haben wird, den ganzen Rest zum Spottpreis zu kaufen.

Diese Verträge, und auch den verbindlich zugesagten Reinhardt-Bonus von der Stadt in Höhe von 5,5 Mio. Euro, wird der Betriebsgesellschaft niemand wegnehmen können, weil die Lübecker Bürgerschaft mehrheitlich eben so doof war, den Quatsch abzunicken. Im Wesentlichen hat das ausgerechnet immer wieder die SPD zum Nachteil der Allgemeinheit vermurkst. Statt die Sozis zu schelten, sollte der Herr Professor der SPD dankbar sein.

Fanboys und SPD waren sich zumindest in einer irrigen Auffassung einig: die Landewiese sei jetzt komplett Stöckers Privatsache. Das stimmt nur nicht.

Wie bereits berichtet, versucht der Herr Professor seit geraumer Zeit, sich verstärkt politisch zu vernetzen und dabei seine Landewiesen-Blütenträume diversen Parteien anzudienen. Nochmal: der Herr Professor wünscht sich

Leute [im] Lübecker Stadtparlament, […] die uns dabei helfen, in Lübeck einen begrenzten regionalen Flugverkehr zu schaffen.

Wie denn? Durch schöne Worte? Oder doch durch Subventionen?

Anfang 2016, also just zu dem Zeitpunkt, als er ernsthafte Ambitionen zu Übernahme der Flughafenbetriebs erkennen ließ, trat er der Groß Grönauer FDP bei (Lübecker Nachrichten, Druckausgabe, Lokalteil HL, 21. März 2018, S. 9). Zufall oder Kalkül?

Mit seinen, sagen wir mal: Gedanken zur Zukunft der Landewiese scheint er bei einigen Parteien nicht gelandet zu sein, was vielleicht auch mit seinen chronischen verbalen Amokläufen in Sachen Bundespolitik zusammenhängt (zu denen ihn übrigens niemand gezwungen hat, außer sein Ego).

Viele in diesen Parteien dürften die Polit-Predigten des Herrn Professors als kaum geeignet erachten, ihm den Anstrich eines seriösen Geschäftsmanns zu geben, wie viel Geld er auch immer verdient haben mag. Reich: ja. Seriös: ???

Gezeter

Oder gibt es konkrete Probleme? In der Bürgerschaft steht keine Abstimmung über irgendein Flughafen-Thema an. Warum also das Gezeter? Zwei rein theoretische Interpretationen dazu. Ich kann total daneben liegen, wie immer.

O-Ton Stöcker:

Wir wollen von Lübeck aus Städte, wie München, Zürich, Wien, London, Paris, Stockholm, direkt anfliegen und die Regionen Nordeuropas besser miteinander verbinden.

Nun ist es leider längst üble Tradition, daß Fluggesellschaften für die ersten drei Jahre nach Einrichtung einer neuen Verbindung eine kräftige Anschubfinanzierung erwarten (mindestens im sechsstelligen Bereich). Frühere Beispiele finden Sie hier.

Diese Subventionen wird der Herr Professor mit ziemlicher Sicherheit Land und Stadt aufs Auge zu drücken versuchen mit der Behauptung, die Landewiese würde ja nicht davon profitieren, sondern vor allem die Region. Siehe den Wunsch des Herrn Professors oben nach Leuten im

Lübecker Stadtparlament […] die uns dabei helfen

Vielleicht haben Sondierungen ergeben, daß eine solche Anschubfinanzierung von der Lübecker Bürgerschaft eher abgelehnt wird.

Die zweite Erklärung, aber die ist Wunschdenken meinerseits: die Bürgerschaft macht der Stadtverwaltung endlich mal Feuer unter dem Hintern, sie möge in Sachen der modernisierungsbedürftigen Flughafenentwässerung nicht länger beide Augen zudrücken und ständig Fristverlängerungen erteilen, die die Betriebsgesellschaft zum Nichtstun ermächtigen.

Programme

Sieht man sich die Wahlprogramme der flughafenkritischen Parteien an, findet man dort nichts zur Landewiese. Ziemlich kurzsichtig, denn das Thema wird zurückkehren. Auch in die Bürgerschaft.

Kritische Äußerungen hörte ich zuletzt von der GAL-Fraktion:

Die GAL Fraktion hofft, dass Groß Grönau beim Kampf gegen den Flughafenausbau nicht aufgibt, sondern rechtliche Möglichkeiten voll ausschöpft und vor dem Bundesverwaltungsgericht Revision erstreitet.

Flughafenausbau: GAL ermutigt zu weiterem Widerstand, 2. März 2018

So sollte es sein. Sie können das gerne als Wahlaufruf meinerseits verstehen. Andere Parteien mit ähnlichen Ansichten? Bitte melden, dann mache ich auch Reklame für Euch 🙂

Die SPD braucht sich allerdings nicht zu melden; deren ständig wiederholtes Umfallen und Einknicken in Sachen Flughafen macht sie komplett unglaubwürdig – egal, was sie heute sagt.

Mehr Gemecker

Damit nicht genug: auch wegen Euroimmun ist Herr Professor Stöcker nicht glücklich mit Lübeck. Wie gesagt, das war er noch nie; und weswegen er es hier nach Jahren des Zeterns noch aushält, kapiere ich nicht. Fast möchte man ihm in Anlehnung an frühere Zeiten zurufen: „Wenn’s Dir hier nicht paßt, geh‘ doch nach drüben.“

Jetzt aber scheint das Ungemach einen neuen Höhepunkt erreicht zu haben.

In unserem Lübecker Revier sind wir in der Expansion eingeschränkt und werden bei unseren Baumaßnahmen durch die Behörden über Gebühr behindert. Deshalb sind wir schon auf zwei Standorte in Mecklenburg-Vorpommern ausgewichen. Was wir in Lübeck etabliert haben, bleibt bestehen.

Leipziger Volkszeitung, 25. April 2018

Irgendwie scheint das Konzept von Naturschutzgebieten den geistigen Horizont des Herrn Professors zu übersteigen. Wenn man sich (als absolutes Schnäppchen, wie üblich beim Herrn Professor) ein Gelände unter den Nagel reißt wie am Blankenseer Seekamp, das nun mal mitten im Naturschutzgebiet liegt, darf man sich über mangelnde Expansionsmöglichkeiten nicht beklagen.

Aber wie klang das doch gleich vor kurzem?

Andererseits bietet der Flughafen direkt neben dem Sitz der Firma dem Investor die Möglichkeit, mit seinem Betrieb auch räumlich auf dem Gelände des Airports zu expandieren. Schließlich hat Stöcker mit dem jetzt unterschriebenen Vertrag auch ein Vorkaufsrecht für die Flächen erworben, die er jetzt von der Stadt Lübeck pachtet.

Hamburger Abendblatt, 14. Juni 2016

Ich bemühe mich übrigens, mit meiner Firma Euroimmun Synergieeffekte zu nutzen. Ich will für sie ein Fabrikgebäude auf dem Gelände des Flughafens bauen. … Und zudem bekommt der Flughafen dadurch Mieteinnahmen.

www.aerointernational.de 2/2017

Jetzt doch nicht? Hindernisse? Wo?

Ich denke, Lübeck ist für Herrn Professor Stöcker eine Nummer zu groß. Es ist wohl kein Zufall, daß die Euroimmun-Standorte in Deutschland allesamt in der tiefsten Provinz liegen, wo man Probleme vielleicht am Rande der Jahresfeier des örtlichen Kaninchenzüchtervereins bei einem Bierchen mit den Dorfhonoratioren regeln kann. So provinziell die Hanselstadt™ auch sein mag – das funktioniert hier so einfach nicht. Hier wird anders geklüngelt.

Beitragsbild: Maret Hosemann / pixelio.de

2 Antworten auf „Peinlich: Stöcker macht Wahlk(r)ampf“

  1. Noch eine kurze Anmerkung: „begrenzter Flugverkehr“ – die nächste Ablenkung. Eine peinliche Mogelpackung. Sollte das Planfeststellungsverfahren vor Gericht bestehen, sind über 3 Millionen Passagiere pro Jahr genehmigt! Da kann der Betreiber nicht viel ausrichten, selbst wenn er es wollte. Bestenfalls könnte man an der Gebührenschraube für Starts und Landungen drehen, aber die Entgeltordnung muß vom Land genehmigt werden. Und sie hat diskrimierungsfrei zu sein: wer hier fliegen will, darf es auch; ohne willkürliche Beschränkungen eines Betreibers, der offenbar glaubt, allmächtig zu sein, oder zumindest so tut. Stichwort: Betriebspflicht aufgrund der Betriebsgenehmigung.

    Natürlich glaube ich auch nicht an drei Millionen Passagiere. Ich glaube aber ebensowenig, daß Herr Prof. Stöcker Einfluß darauf nehmen kann, wer „seinen“ Flughafen – der nach wie vor in öffentlichem Auftrag betrieben wird – in welchem Umfang nutzt. Solche Versprechen sind nichts wert.

  2. Ich habe dieses Schreiben heute auch mit völliger Fassungslosigkeit von einer jungen Dame am Briefkasten überreicht bekommen, die vom Aussehen her eher dem alternativen Lager zuzuschreiben war.
    Ich denke nicht dass Sie weiß was für eine gedankliche Gülle Sie hier als Schülerjob verteilt.
    Da kann man ja nur hoffen dass die Stadt endlich mal aufwacht und auch die Universität sich DEUTLICH von ihrem Honorarprofessor distanziert.

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