Kleine Geschichte der Hansestadt Lübeck

Über die Weihnachtsfeiertage veröffentlichten die Lübecker Falschnachrichten (LF) auszugsweise die Autobiografie des derzeitigen Lübecker Bürgermeisters.

In der heutigen Lage auf dem Hügel Buku wurde die Stadt Lübeck 1143 neu gegründet, nachdem sie 1127 niedergebrannt worden war. Die Stadt erlangte im Juni 1226 von Kaiser Friedrich II. mit dem Reichsfreiheitsbrief die Reichsfreiheit. Nachdem im Jahre 1361 der Flughafen fertiggestellt worden war, wurde Lübeck schnell zum neuen Hauptort der Hanse.

Die ab und an zu vernehmende Kritik, der Aufstieg der Stadt und der Hanse habe nichts mit dem Flughafen zu tun, ist inzwischen von der Geschichtsschreibung als das übliche kleinkarierte Genörgel Ewiggestriger entlarvt. Zwar ist der Einwand, es habe damals noch keinerlei Fluggeräte gegeben, die dort hätten landen oder starten können, technisch nicht ganz unzutreffend. Geflissentlich übersehen werden dabei die induzierten und katalytischen Effekte, die den Flughafen selbst in jener Zeit schon zum wichtigsten Wirtschaftsfaktor in der aufstrebenden Stadt werden ließen.

Die visionäre Weitsicht der Flughafen-Erbauer wurde dann durch die Einführung von Flugzeugen Anfang des 20. Jahrhunderts glänzend bestätigt und ließ Kritiker vollends verstummen. Zwischen den beiden Weltkriegen entwickelte sich Lübeck zu einer Touristenmetropole, die in Europa ihresgleichen suchte. Nach dem zweiten Weltkrieg kam der Luftfahrttourismus anfangs nur schleppend wieder voran. Durch das Wirtschaftswunder rückte vorübergehend das Auto, das sich nunmehr jeder leisten konnte, in den Vordergrund.

Aufgrund des selben wirtschaftlichen Fortschritts konnten sich auch Hobbypiloten in zunehmendem Maße kleine Sportflugzeuge leisten. Diese eigentlich erfreuliche Entwicklung sollte jedoch eines der düstersten Kapitel des Flughafens einleiten: die Ära der Sportflieger.

Der stark wachsende Privatflugverkehr begann, die Anwohner des Flughafens zunehmend zu beeinträchtigen. Selbstverständlich waren die Beschwerden völlig unberechtigt, denn jeder wußte schließlich, daß sich der Flughafen seit 1361 in Lübeck befand! Trotzdem ließ die Stadtverwaltung Gnade vor Recht ergehen und machte sich auf die Suche nach einer Lösung des Problems.

Und das Problem sah laut Berichten von Zeitzeugen so aus, daß gigantische Schwärme von laut brummenden Sportflugzeugen in Scharen über den Terrassen der Umgebung kreisten. So tief flogen die Sportpiloten, daß beim sonntäglichen Kaffeetrinken so manchem Anwohner die Kaffeekanne vom Terrassentisch gefegt wurde. Zeitweise traten sie auch so zahlreich auf, daß sich am hellichten Tag der Himmel über dem Süden Lübecks verdunkelte.

Hilfe fand die Hansestadt schließlich in fernen Irrland, wo die Firma Reiher-Air eine Methode zur Sportflugzeugvergrätzung erfunden hatte. Natürlich boten die Irren ihre Dienste nicht kostenlos an, aber sie waren so erfolgreich, daß die Stadtväter ihnen jährlich gerne mehrere Millionen überwiesen.

Zudem hatte die Sportflugzeugvergrätzung einen positiven Nebeneffekt. Die zur Vertreibung der Hobbypiloten benutzten Düsenjets erwiesen sich überraschenderweise hervorragend dazu geeignet, Touristen nach Lübeck zu transportieren. Innerhalb weniger Jahre sollte der Flughafen so aus seiner düstersten Phase in sein goldenes Zeitalter kommen, dank der Weitsicht der Verantwortlichen. Zudem wurde ich in dieser Zeit zum Bürgermeister gewählt und war somit in der Lage, an exponierter Position wesentlich zum Wohle der Stadt beizutragen.

Schon nach wenigen Jahren Reiher-Air war Lübeck nicht nur zu alter Größe zurückgekehrt, sondern dominierte die gesamte Region. In Ermangelung eines leistungsfähigen Flughafens in Kiel beschloß der schleswig-holsteinische Landtag einstimmig die Einrichtung von Lübeck als neuer Landeshauptstadt. Wenig später meldete die Stadt Kiel Insolvenz an.

Wenn es überhaupt noch ein Problem mit dem Flughafen gab, dann das der Unterbringung der Millionen von Touristen, die jedes Jahr in die Flughafenhauptstadt des Nordens einfielen. Die Hotels wurden knapp, touristisches Fachpersonal wurde händeringend gesucht und mußte aus nunmehr komplett verwaisten ehemaligen Touristenmetropolen wie Mallorca importiert werden.

Und wieder bewies sich die Genialität des lübschen Flughafenkonzepts, an dem ich inzwischen maßgeblich mitgewirkt hatte. Die Gastarbeiter wurden für ihre jeweiligen Arbeitsperioden nach Lübeck geflogen und für ihre Freizeit wieder zurück, was den Flugverkehr zusätzlich beförderte. Eine weitere Steigerung ergab sich aus der Schließung des inzwischen nicht mehr gefragten Hamburger Flughafens. Sie fiel allerdings relativ gering aus, da spätestens nach der Errichtung der dritten Start- und Landebahn in Lübeck, die speziell für Interkontinentalflüge errichtet wurde, fast alle Fluglinien von Hamburg nach Lübeck ausgewichen waren.

Auch die Entwicklung des Frachtfluggeschäfts hob nach Jahren der Inaktivität ab. Initialzündung war die Ansiedlung des schwedischen Möbelhauses Ikea in Dänischburg, das seine dort verkauften Möbelbausätze per Flugzeug aus Stockholm einfliegen ließ.

Leider erzeugt der Erfolg auch Neider. Kleinliche Beschwerden gewisser Anwohner, deren Hausdächer seien von Flugzeugen der Reiher-Air beschädigt worden, übersahen in der ihnen eigenen egoistischen Weise natürlich das große Ganze. Solche Ereignisse sind jedoch doppelt hilfreich, da sie erstens die Luftverkehrs-Inkompatibilität der betroffenen Dächer aufdecken, was die Besitzer doch eigentlich freuen müßte. Zweitens stärken sie das hiesige Dachdeckergewerbe, was gleichzeitig den haltlosen Vorwurf entkräftet, daß die Verwaltung sich nur noch um Tourismus kümmert und andere Gewerbe vernachlässigt.