Die Lübecker Gurkentruppe

Was geht in dem Laden eigentlich vor? Nach und nach schält sich heraus, daß die damalige Flughafengeschäftsführung 2009/2010 Ryanair weitere Zugeständnisse (sprich: Geldgeschenke) gemacht hat – und das pikanterweise parallel zum Bürgerentscheid. Juristisch mag das noch durchgehen; politisch und moralisch stinkt es zum Himmel.

So berichtete das NDR-Fernsehmagazin „Menschen und Schlagzeilen“ am 20. September 2011:

Anfang letzten Jahres [also 2010, PK] kündigte Ryanair an, den Flugplan aus Kostengründen auszudünnen. Die Flughafenleitung handelte. Von Juni bis Oktober 2010 mußte Ryanair für die Gepäckabfertigung gar nichts zahlen. Die sogenannten Handlingsentgelte – gestrichen. In einem Bericht schreiben die damaligen Geschäftsführer: die angekündigte Reduzierung konnte durch den Verzicht von Handlingsentgelten gemildert werden. Der Flughafen verzichtete so auf 200.000 Euro, um Ryanair zumindest teilweise von seinen Kürzungsplänen abzubringen.

Das ist an sich schon fragwürdig genug. Anfang 2010 lief aber auch der Wahlkampf in Sachen Bürgerentscheid, und da hätte eine drastische Ausdünnung der Ryanair-Flüge den Befürworten den Wind aus den Segeln genommen. Tatsächlich zauberte Ryanair im März 2010 für den Sommer des Jahres einen Flugplan aus dem Hut, der zum letzten Mal nach großer, weiter Welt klang, mit Flügen nach Alicante, Barcelona, Edinburgh, Faro, London, Mailand, Mallorca, Pisa und Stockholm.

Ging bei diesem Feuerwerk alles mit rechten Dingen, und vor allem ohne Sonderzuwendungen des Flughafens zu? War es ein eigens für den Bürgerentscheid von der damaligen Geschäftsführung inszeniertes und auf Kosten der Steuerzahler bezahltes, absurdes Theater?

Zudem gab es zur gleichen Zeit jede Menge heiße Luft – wenngleich nur in Form von Flugzeugabgasen, die Bürgermeister Saxe und andere Offizielle beim Dauerpendeln in die Dubliner Ryanair-Zentrale öffentlichkeitswirksam nach sich zogen. In Michael O‘Learys Vorzimmer, so kann man es sich heute zusammenreimen, warben sie vielleicht nicht mal um neue Fluglinien für Lübeck, sondern lediglich darum, die bestehenden Verbindungen vorerst weiter zu betreiben.

Es gab angebliche „Zusagen“, von denen sich keine einzige als bestandskräftig erwiesen hat. Überinterpretiert, mögen die einen sagen. Glatt gelogen, denken vielleicht andere. Realistisch waren sie, unabhängig vom Standpunkt des Beobachters, jedenfalls nie.

Das wurde nach dem Bürgerentscheid mehr als deutlich, gerade weil die verquaste Sprache in den gemeinsamen Pressemitteilungen von Geschäftsführung(en) und Aufsichtsrat bis heute immer noch die Vernebelung der Tatsachen bezweckt.

So hieß es am 13. Dezember 2010:

Am vergangenen Donnerstag (09.12.2010) trat der Aufsichtsrat zu seiner bislang sechsten Sitzung seit Neubildung des Gremiums im März 2010 zusammen. Die Geschäftsleitung informierte eingangs über den Sachstand der Verhandlungen mit dem Hauptkunden Ryanair. Danach wird nunmehr kurzfristig eine Einigung über die nicht in der Tarifordnung enthaltenen Entgelte erzielt werden können.

Und unter dem Datum 29. August 2011 wird verlautet:

Eine Senkung der Landegebühren im Jahr 2010 hat nicht stattgefunden. Eine entsprechende Vorlage der früheren Geschäftsführung wurde von dem Aufsichtsrat und dem Gesellschafter [Hansestadt Lübeck, PK] im Hinblick auf die wirtschaftliche Situation und eine gegebenenfalls beihilferechtliche Problematik abgelehnt. Für alle in Lübeck operierenden Fluggesellschaften gilt somit unverändert die Entgeltordnung vom 15.06.2006.

Wieder alles korrekt, nur geht es eben nicht um die Landegebühren, sondern um die Gepäckabfertigungsgebühren, die nicht in der Entgeltordnung des Flughafens festgelegt sind (siehe oben).

Und wenn man dem NDR glauben darf, feiern auch die vor geraumer Zeit zu Grabe getragenen „Werbekostenzuschüsse“ an Ryanair eine Wiederauferstehung. Man erinnert sich: allein zwischen 2006 und 2008 floß eine knappe halbe Million an die Iren, nur damit Lübeck überhaupt auf der Ryanair-Webseite (an dritter Stelle hinter zwei Artikeln über Hamburg, und vor mindestens drei weiteren über Hamburg) überhaupt erwähnt wurde. Ein Beispiel für die „professionelle“ Arbeit Ryanairs in dieser Hinsicht war die „Weihnachtsstadt“-Affäre.

Seit 2010 soll, so der NDR-Bericht, möglicherweise wieder Geld an Ryanair fließen. Zwar „nur“ 50.000 Euro, aber immerhin – und wo ist die Gegenleistung?

Selbst denen, die sich im Bürgerentscheid für den Flughafen ausgesprochen haben, müßte inzwischen klar sein, daß sie von interessierten Kreisen getäuscht wurden. Juristisch mag das keine Rolle spielen. Politisch schon; hoffentlich bereits bei der bevorstehenden Wahl des Bürgermeisters.