Autor für Wirtschaftskrimi gesucht!

Vielleicht ist es ganz nützlich, sich die Ereignisse rund um den Bürgerentscheid in chronologischer Reihenfolge anzusehen. Für Korrekturen und Ergänzungen bin ich (wie übrigens immer!) dankbar. Mit dieser Auflistung sollen keine kausalen Zusammenhänge zwischen einzelnen Ereignissen angedeutet oder behauptet werden. Jeder Leser ist vielmehr eingeladen, sich seinen eigenen Reim auf die Abfolge der Ereignisse zu machen. Oder einen phantasievollen Wirtschaftskrimi zu schreiben. (Diese Seite wird wird derzeit kontinuierlich bearbeitet. Neuere Einträge erscheinen in Dunkelblau.)

Man möge es mir nachsehen, daß ich hier aus Gründen der Aktualität weitgehend auf die zeitaufwendige Einarbeitung von Quellenangaben verzichte. Sie sind auf Anfrage per Email natürlich jederzeit erhältlich, wenn gewünscht.

Oktober 2009

Mitte Oktober 2009: nach dem angekündigten Ausstieg des 90%-Investors „auf Probe“ Infratil ventilieren SPD und Grüne einen Bürgerschaftsantrag zur Rückstufung des Flughafens zu einem Verkehrslandeplatz (d.h. keine Linien- und Charterflüge mehr). Er wird jedoch nicht eingebracht.

29. Oktober 2009: Michael O‘Leary erzählt der Welt, er sehe

Chancen, Lübeck in zwei Jahren als Basis ausbauen … Dafür müsse der Flughafen aber mit dem Preis heruntergehen. „Denn gegenwärtig zahlen wir in Lübeck viel zu viel“, sagte O’Leary.

31. Oktober 2009: endgültiger Ausstieg Infratils aus dem Flughafen. Ein hektisch gesuchter Nachfolgeinvestor konnte bis zu diesem Datum nicht gefunden werden. Die Hansestadt Lübeck muß Infratil 25,5 Mio. Euro zahlen (ursprünglicher Kaufpreis plus seit dem Kauf auf Probe angefallene Verluste).

November 2009

29. November 2009: Die Lübecker Bürgerschaft bewilligt Mittel für den Weiterbetrieb des Flughafens bis Ende März 2010. Von Bürgermeister Saxe beantragte 4 Mio. für den „Ausbau Light“ werden hingegen nicht genehmigt. Spätestens nach dieser Bürgerschaftssitzung hecken Politiker von CDU, FDP und BfL Pläne für einen Bürgerentscheid aus, der einen Weiterbetrieb des Flughafens bis Ende 2012 und den „Ausbau Light“ ermöglichen soll.

Dezember 2009

Anfang Dezember 2009: Der Bürgerentscheid wird initiiert. Bis zum 7. Januar 2010 müssen Unterschriften von mehr als 10% der Wahlberechtigten gesammelt werden, was gelingt. Die eigentliche Abstimmung kann frühestens Mitte/Ende April 2010 stattfinden.

Ende Dezember 2009: Der noch von Infratil installierte Geschäftsführer Tom Wilson gibt sein Amt ohne Angaben von Gründen auf, nachdem er noch rund einen Monat zuvor einen Treueschwur auf den Flughafen Lübeck abgelegt hat (und das vor der versammelten Bürgerschaft). Nachfolger werden Doris Böhmke, Bilanzbuchhalterin und Betriebsrätin des Flughafens, und Michael Lange, bislang Controller bei der Hansestadt.

Außerdem: WizzAir kündigt für den Sommerflugplan neue Verbindungen nach Kattowitz und Kiew an.

Januar 2010

15. Januar 2010: Bürgermeister Saxe sowie die neuen Flughafen-Geschäftsführer fliegen nach Dublin, um mit Ryanair über den Sommerflugplan 2010 und eine mögliche Basis zu sprechen.

17. Januar 2010: Laut LN denkt Ryanair darüber nach, den Sommerflugplan 2010 leicht zu reduzieren. Das berichtete Saxe nach einem Gespräch mit der Ryanair-Spitze in Dublin.

Februar 2010

16. Februar 2010: Ryanair kürzt den Sommerflugplan. Gestrichen werden die Verbindungen nach „Frankfurt“-Hahn und Alghero. Die Verbindung nach Stansted wird ausgedünnt.

25. Februar 2010: Der Trierische Volksfreund zitiert Ryanair-Sprecherin Sarah Seiter mit den Worten, Ryanair wolle den Flughafen Lübeck nach dem Sommer 2010 gar nicht mehr nutzen, die Nachfrage dafür sei hinter den Erwartungen geblieben. (Aus dem Artikel geht nicht hervor, wann genau sie diese Äußerung gemacht hat.)

25. Februar 2010: SPD, Grüne, Linke und Bunt lehnen im Zuge der Haushaltsberatungen die von Bürgermeister Saxe beantragten vier Millionen Euro für die erste Ausbaustufe ab.

26. Februar 2010: Urplötzlich verkündet Ryanair zwei neue Ziele im Sommerflugplan: Edinburgh und Faro. Doris Böhmke und Michael Lange, Geschäftsführer am Flughafen Lübeck, verknüpfen diese Ankündigung unmißverständlich mit dem bevorstehenden Bürgerentscheid:

Das unterstreicht wieder einmal das Vertrauen, das Ryanair dem Flughafen Lübeck entgegenbringt, und das nach wie vor ungebrochen ist. Wir hoffen, dass alle Lübecker Bürger diese gute Entwicklung durch eine positive Stimmenabgabe beim Bürgerentscheid am 25. April dieses Jahres nachhaltig unterstützen.

Gleichzeitig dementiert Ryanair-Managerin Henrike Schmidt den Bericht des Trierischen Volksfreunds.

März 2010

29. März 2010: Geschäftsführerin Böhmke unterzeichnet eine Zusatzvereinbarung mit Ryanair, die einerseits den am 31. Mai 2010 auslaufenden Vertrag bis Ende Oktober 2010 verlängert, gleichzeitig aber auch den Zuschuß pro landendem Passagier zumindest für diesen Zeitraum von 3,07 Euro auf 5,07 erhöht. Einer nicht näher bezeichneten „Marketingfirma“ werden außerdem 50.000 Euro zugesagt, vermutlich für den selben Zeitraum. Der Flughafen verzichtet außerdem auf von Ryanair zu zahlende Gepäckabfertigungsgebühren von Juni bis Oktober 2010, ein weiterer Verlust von 200.000 Euro.

Außerdem: der Aufsichtsrat der Flughafen Lübeck GmbH wird neu gebildet.

April 2010

19. April 2010: Der WizzAir-Versuch mit Kattowitz erweist sich als Rohkrepierer. Die Linien wird nach gerade mal vier Wochen wegen katastrophaler Auslastung (unter 50%) wieder eingestellt.

25. April 2010: Im Bürgerentscheid stimmen etwas mehr als 20% der Wahlberechtigten für den Antrag auf Weiterbetrieb und Ausbau des Flughafens, was für die Annahme ausreicht, da es weniger Gegenstimmen gibt.

Juni 2010

Ende Juni 2010: Bürgermeister Bernd Saxe, Flughafen-Geschäftsführerin Doris Böhmke und der neue Wirtschaftssenator Sven Schindler fliegen nach Dublin. In der Ryanair-Zentrale hat man ihnen laut LN gesagt, daß „viele neue Flugziele kein Problem“ seien. Unterschiedliche Vorstellungen gebe es noch über die Höhe der Landegebühren, so Schindler seinerzeit.

September 2010

14. September 2010: Pressemitteilung des Aufsichtsrats.

In Bezug auf die Zusammenarbeit mit Ryanair wurde die Geschäftsleitung beauftragt, auf Grundlage der geltenden Tarifordnung eine Neuverhandlung der nicht tarifierten Leistungen möglichst kurzfristig zum Abschluss zum (sic) bringen.

Oktober 2010

Der damalige Geschäftsführer M. Lange verlängert den Vertrag des Flughafens mit Ryanair bis zum 1. November 2013, ein Jahr nach dem Auslaufen des Bürgerentscheids. (Interessant wäre zu wissen, ob er eigenmächtig oder auf Weisung des Alleineigentümers, der Hansestadt Lübeck, handelte.)

Dezember 2010

9. Dezember 2010: Nach einer Pressemitteilung des Aufsichtsrats informierte ihn die Geschäftsleitung

über den Sachstand der Verhandlungen mit dem Hauptkunden Ryanair. Danach wird nunmehr kurzfristig eine Einigung über die nicht in der Tarifordnung enthaltenen Entgelte erzielt werden können. Hinsichtlich der Planungen für den Sommerflugplan 2011 liegen noch keine konkreten Angaben vor …

Ohne weitere Erläuterungen verlautet man außerdem:

Weiterhin wurde eine Geschäftsanweisung für die Geschäftsführung auf Grundlage einer Musteranweisung der Hansestadt Lübeck durch den {Aufsichtsrat] beschlossen und in Kraft gesetzt.

Februar 2011

1. Februar 2011: Doris Böhmke „legt [ihren] Posten aus privaten Gründen Ende April nieder und verlässt Europa, um zu heiraten”, so Wirtschaftssenator Schindler. Wenig später erklärt auch Co-Geschäftsführer M. Lange seinen Rückzug.

Mai 2011

2.Mai 2011: Der neue Flughafen-Geschäftsführer, Hon.-Prof. Dr.-Ing. Jürgen Friedel, tritt sein Amt an.

August 2011

29. August 2011: Die neue Geschäftsführung und der Aufsichtsrat erklären gemeinsam:

Eine Senkung der Landegebühren im Jahr 2010 hat nicht stattgefunden. Eine entsprechende Vorlage der früheren Geschäftsführung wurde von dem Aufsichtsrat und dem Gesellschafter im Hinblick auf die wirtschaftliche Situation und eine gegebenenfalls beihilferechtliche Problematik abgelehnt. Für alle in Lübeck operierenden Fluggesellschaften gilt somit unverändert die Entgeltordnung vom 15.06.2006.

Siehe dazu März 2010.

Der Rest

Nachwort

Ein begabter Autor könnte aus diesen Rahmendaten sicherlich einen passablen Wirtschaftskrimi zaubern; es fragt sich nur, wie viel Phantasie er dafür aufwenden müßte. Im schlimmsten Fall, so steht zu befürchten, gar keine.

Wie auch immer man die Zahlungen an Ryanair bewertet: ein Politiker wird sich nicht auf Unwissen berufen können, und das ist Bürgermeisterkandidat Saxe. Wer den Flughafen de facto zur Chefsache, quasi sogar zur Lübschen Staatsräson erklärt hat und persönlich mehr als einmal zu Verhandlungen mit Ryanair nach Dublin gedüst ist, wird mit Firmenvertretern dort kaum nur über das Wetter geplaudert haben.