Zauberhafte Zahlenspielereien

Zauberer können nicht wirklich zaubern. Jeder Zaubertrick besteht im Wesentlichen aus geschickter Ablenkung des Publikums: da wedelt der Illusionist mit einer Hand demonstrativ mit bunten Tüchern herum, während die andere hinter seinem Rücken blitzartig eine Spielkarte aus der Hosentasche fummelt. Oder so ähnlich. Das ist nicht nur simpel, sondern auch dreist – aber es funktioniert immer wieder. Die Frage sei gestattet: bestehen Ähnlichkeiten zwischen dem Vorgehen von Illusionisten und dem von Politikern? (Aktualisierte Version mit neuen Zahlen.)

Kurz vor der Abstimmung über das Bürgerbegehren zum Weiterbetrieb des Flughafens Lübeck bis Ende 2012 geschahen etliche Merkwürdigkeiten (wie zum Beispiel die völlig unerwartete Ankündigung neuer Ryanair-Verbindungen ab Lübeck), die noch ihrer Aufklärung harren. Aber darum soll es hier nicht gehen, vielmehr um ein Schreiben des Bürgermeisters – ein Ergänzungsblatt zum x-ten „Take-Off-Konzept“.

Die größte Zahl gewinnt

Unter dem Datum 25. März 2010 stellt der Verwaltungschef klar, daß der Weiterbetrieb der Senats-Landewiese bis Ende 2012 mehr als doppelt so teuer werden würde wie von den Initiatoren des Bürgerbegehrens behauptet, nämlich rund 16,5 Mio. Euro statt der genannten 7,5 Mio. Euro (die in der Presse sowieso immer gerne auf 4 Mio. Euro verkürzt wurden). Wie zaubert man diese peinliche Erkenntnis aus der Welt, oder wenigstens aus dem öffentlichen Interesse? Ganz einfach. Man wedelt mit bunten Tüchern herum.

Alles andere werde noch viel teurer, so der Bürgermeister seinerzeit, und er schmiß dabei nicht nur Äpfel und Birnen in einen Topf, sondern auch noch Glühbirnen. Guten Appetit! Die Kosten für eine Abwicklung werden unter dem Otto-Waalkes-Motto „Einen hab‘ ich noch“ mit immer neuen Posten (darunter etliche bereits gezahlte und damit sowieso verlorene Gelder) auf die astronomisch-fiktive Größe von 64,3 Mio. Euro aufgeblasen. Natürlich waren die Schlagzeilen dementsprechend unkritisch.

HL-Live am 27. März 2010: „Flughafen: Schließung kostet über 64 Millionen Euro“. Wo blieben eigentlich Schlagzeilen wie „Flughafen: Bürgerbegehren kostet doppelt so viel wie behauptet“ oder – als Kompromiß – „Flughafen: Sowohl Weiterbetrieb als auch Abwicklung werden viel teurer als erwartet“?

Ich kann mich an nichts dergleichen erinnern. Es scheint, daß sich die hiesige Presse relativ leicht mit Taschenspielertricks ablenken läßt. Die größte Zahl gewinnt die Schlagzeile; der Rest kommt in einen Absatz ganz unten.

Erstaunlicherweise hätte der Herr Bürgermeister diese fiktive Summe nochmal um zehn Millionen Euro aufblähen können, hat aber darauf verzichtet. Warum? Das wissen die Götter. Denn während der Herr Bürgermeister unter dem Datum 25. März 2010 in Bezugnahme auf eine Abwicklung behauptet:

Hinzu kommt die Übernahme der Verluste der FLG in einer Größenordnung von knapp 23,9 Mio. €,

betrug das Gesellschafterdarlehen der Hansestadt Lübeck, in dem die anfallenden Verluste des Flughafens gesammelt wurden und werden, am 31. März 2010 ausweislich der im März 2011 veröffentlichten Bilanz der FLG tatsächlich 35,8 Mio. Euro. Die freundlichste Erklärung ist natürlich, daß die Lübecker Verwaltung keinen Schimmer hatte, welches Ausmaß die Geldverbrennung am Flughafen bereits angenommen hatte. Nur stellt ihr das kein besonders gutes Zeugnis aus, erst recht nicht für die Zukunftsplanung.

Die Zauberei setzt sich fort im aller-allerneusten Gutachten zum Flughafen, erstellt von Putz & Partner. Lübecker Nachrichten, 29. Februar 2012:

Putz & Partner hat sechs Szenarien zur Zukunft des Flughafens unter die Lupe genommen. Das vorläufige Ergebnis: Eine Abwicklung des Airports wäre am teuersten, selbst der Weiterbetrieb in städtischem Eigentum wäre für die Stadt günstiger. Die Gutachter hatten neben zwei Modellen der Abwicklung und dem Weiterbetrieb noch die Varianten Verkauf, Kooperation mit dem Flughafen Hamburg und die Umwandlung in einen Verkehrslandeplatz geprüft.

Die Zahlen sind ganz andere, vermutlich realistischere als die früheren Annahmen der Verwaltung – aber auch hier muß man wieder genau hinsehen. Details des Gutachtens sind nicht bekannt (und werden vielleicht nie veröffentlicht werden). Daher ist es derzeit unmöglich, die genannten Kosten nachzuvollziehen, die für die wesentlichen Varianten laut Lübecker Nachrichten vom 26. Februar 2012 so aussehen:

  • Abwicklung: 14,2 bis 16,3 Mio. Euro
  • Rückstufung zum Verkehrslandeplatz: 12,9 Mio. Euro
  • Weiterbetrieb: 12,8 Mio. Euro
  • Verkauf: 6,2 Mio. Euro

Was da unter „Verkauf“ steht, stellt übrigens keineswegs einen Kaufpreis und somit Gewinn dar, sondern ebenfalls einen Verlust. Da es offenbar keine Käufer gibt, ist diese Zahl aber ohnehin nur von theoretischem Interesse. Immerhin taugt sie noch für die Beurteilung von Politikern, die nach dem Ausstieg von Infratil allen Ernstes erwartet haben, einen Super-Doofen zu finden, der Geld für einen Flughafen zahlt, der laut EU-Kommission unter marktwirtschaftlichen Bedingungen seinen Betrieb längst hätte einstellen müssen.

Besonders bizarr

Die Verwaltung hat vor zwei Jahren alles daran gesetzt, die Kosten für eine Abwicklung künstlich aufzublähen und dabei sämtliche Verluste auf die Rechnung gesetzt, die der Flughafen der Stadt eingefahren hat– inzwischen ist dieser Betrag, den Initiatoren des Bürgerentscheids sei Dank, um einen zweistelligen Millionenbetrag höher (man erinnert sich: selbst der Bürgermeister unterstellte Kosten in Höhe von 16,5 Mio. Euro bis Ende 2012; siehe oben).

Die von Putz & Partner untersuchten Szenarien klammern jegliche Schuldenübernahme komplett aus mit der Begründung, daß sie in jedem Fall notwendig wäre. Das ist zwar zutreffend, aber auch Blendwerk. So wie die Verwaltung diese Schulden damals willkürlich in die angeblichen Abwicklungskosten eingestellt hatte, weil sie ihr in den Kram gepaßt haben, wurden sie jetzt ebenso willkürlich wieder entfernt. Zahlenzauberei, denn unter Einbeziehung dieses Postens würden die ohnehin geringen Unterschiede zwischen den einzelnen Varianten praktisch bedeutungslos.

In Sachen Schulden kursieren mehrere Zahlen. In den Lübecker Nachrichten vom 26. Februar 2012 ist von Schulden in Höhe von 35 Mio. Euro die Rede, was aber lediglich dem Stand von Ende März 2010 entsprechen dürfte (siehe Bilanz 2009/2010). Seitdem hat die Landewiese weitere Verluste eingeflogen, die alle dem Gesellschafterdarlehen aufgeschlagen werden dürften. Selbst der legendäre Flughafen-Rambo, ex-Geschäftsführer Dr. Peter Steppe erklärte schon vor zehn Jahren, der Flughafen sei nicht nun mal nicht so liquide, daß Banken ihm Kredite gewähren würden (Lübecker Nachrichten, 23. April 2002).

Der aktuelle Stand der Verschuldung des Flughafens dürfte nach vorsichtigen Schätzungen bis Ende 2012 über 45 Mio. Euro erreichen. In diesem Falle ergäben sich in Vollkostenrechnung inklusive Schuldenerlaß folgende Zahlen:

  • Abwicklung: 59,2 bis 61,3 Mio. Euro
  • Rückstufung zum Verkehrslandeplatz: 57,9 Mio. Euro
  • Weiterbetrieb: 57,8 Mio. Euro

Wo bitte ist da noch der Unterschied, abgesehen davon, daß eine Abwicklung kurzfristig plan- und kalkulierbar ist, ein Weiterbetrieb über zehn oder mehr Jahre aber nicht? Planwirtschaft in solchen Zeiträumen hat schon im real existierenden Sozialismus nie funktioniert.

Natürlich werden diese Zahlen in der hiesigen Presse nicht genannt; sie wären zu peinlich. Vollkommen unabhängig von der letztlich gewählten Variante bleibt die Hansestadt Lübeck auf weit über 50 Mio. Euro sitzen, und was wirklich ärgerlich ist: dieses Mega-Desaster zog sich über die letzten zehn Jahre hinweg. Doch die verantwortlichen Dilettanten in der Verwaltung und der Politik, die diese Katastrophe zu verantworten haben, werden wohl nie persönlich zur Rechenschaft gezogen und haftbar gemacht werden können.

Putz und Planwirtschaft

Selbst ohne die Übernahme der Schulden ging die Hansestadt Lübeck Anfang 2010 von Abwicklungskosten von rund 40 Mio. Euro aus – Putz & Partner kommen auf höchstens 16,3 Mio. Euro ohne Schuldenschnitt (in welcher Höhe auch immer).

Hat da jemand falsch gerechnet? Vor meinem geistigen Auge sehen ich einen Verwaltungsvertreter, der glaubhaft versichert, das alles habe man ja nicht vorhersehen können. Dem stimme ich zu – und behaupte gerade deswegen, daß auch die Szenarien von Putz & Partner, die allesamt auf zehn Jahre (!) gerechnet sind, höchst spekulativ sind; zumal die Lübecker Verwaltung es nicht einmal geschafft hat, einen Überblick über gerade mal zwei oder drei Jahre zu behalten.

Als Bonbon zum Schluß ein Zitat aus der letzten Bilanz der Flughafen Lübeck GmbH für 2009/2010, veröffentlicht im März 2011:

Die wirtschaftliche Entwicklung der FLG für die kommenden 2 Wirtschaftsjahre ist nur sehr schwer und auch nur mit erheblichen Unsicherheiten abschätzbar.

Wohl wahr. Warum verbreitet die neue Geschäftsführung dann neue, völlig an den Haaren herbeigezogene Zehn-Jahres-Überwinterungs-Szenarien? Weil sie sich selbst nicht überflüssig machen möchte?