VEB Landewiese Lübeck

Die Koordinaten glühen, die Jahrhunderte verschwimmen. Immer deutlicher wird, daß der Flughafen Lübeck in der Menschheitsgeschichte eine ähnliche Bedeutung einnimmt wie die Cheops-Pyramide oder der Kölner Dom. Nur wissen das bislang nur wenige Eingeweihte. History in the making. Guido Knopp, übernehmen Sie!

Ihr profundes Geschichtswissen stellte unlängst Astrid Stadthaus-Panissié von den „Bürgern für Lübeck“ öffentlich zur Schau, als sie mehrfach (in der Bürgerschaftssitzung vom 23. Februar 2012 als auch in einer Pressemitteilung auf HL-Live) in übelster Manier darauf hinwies, daß finstere Sozis den Flughafen erdolchen wollten.

Noch vor wenigen Jahren wollte die SPD-Fraktion den Flughafen hochtrabend in „Thomas-Mann-Airport“ umbenennen, jetzt versetzt sie ihm den Dolchstoß.

Was die Dame unterschlägt: zu dem Zeitpunkt des zweifellos idiotischen SPD-Vorschlags (Februar 2006) hatte der Flughafen einen privaten Investor, nämlich Infratil, und der erzählte jedem, der es hören wollte, von dessen rosiger Zukunft. Man kann der SPD vorwerfen, daß sie auf den Kokolores hereingefallen ist; das trifft aber (vielleicht teilweise mit Ausnahme der Grünen) auf jede damals vorhandene Partei zu.

Fettnäpfchen

Noch erstaunlicher ist die Wortwahl, derer sich das eifrige BfL-Flughafen-Fangirl befleißigt: Dolchstoß! Wikipedia klärt auf:

Die Dolchstoßlegende (auch: Dolchstoßlüge) war eine von führenden Vertretern der deutschen Obersten Heeresleitung (OHL) initiierte Verschwörungstheorie, die die Schuld an der militärischen Niederlage des Deutschen Reiches im Ersten Weltkrieg vor allem auf die Sozialdemokratie abwälzen sollte. …

Sie gilt in der Zeitgeschichte als bewusst konstruierte Geschichtsfälschung und Rechtfertigungsideologie der militärischen und nationalkonservativen Eliten des Kaiserreichs. Sie lieferte dem Nationalsozialismus wesentliche Argumente und begünstigte seinen Aufstieg entscheidend.

Aber zwei Fettnäpfchen (Thomas Mann und Dolchstoß) genügen der Dame offenbar nicht. In den Lübecker Nachrichten vom 1. März 2012 wird sie zu angeblich vom Bürgermeister ventilierten Plänen für einen neuen Bürgerentscheid (der diese später dementiert hat) wie folgt zitiert:

Es scheint mir das Sinnvollste, die Bürger zu fragen. Immerhin gehört ihnen der Flughafen.

Auch das noch! Eben noch im niedergehenden Kaiserreich, jetzt schon in der DDR. Mit wird schwindlig. Der Flughafen als volkseigener Betrieb – VEB Landewiese Lübeck? Das mag auf dem Papier zutreffen, nur genau wie in der DDR seligen Angedenkens klaffen zwischen Theorie und Praxis gigantische Lücken.

Auf die Fiktion der „volkseigenenen“ Betriebe der DDR will ich hier gar nicht weiter eingehen.

Die Realität des VEB Landewiese Lübeck war (und ist immer noch) gekennzeichnet von Geheimverträgen, die nicht mal der Bürgerschaft vorgelegt wurden (bestenfalls irgendwelchen Ausschüssen unter der Auflage der Verschwiegenheit). Von von der Stadt entsandten Aufsichtsräten, die von Tuten und Blasen keine Ahnung hatten, und von der Bedeutung des Worts „Aufsicht“ schon gar nicht (zumindest das hat sich inzwischen geändert, immerhin). Von Nacht- und Nebelaktionen, von Intransparenz, von der Verwirrung der Öffentlichkeit (ob absichtlich oder aus bloßer Unfähigkeit, sei dahingestellt) und letztlich von Seiten der Verwaltung durch einen Stil, der sich (wenn man ganz nett sein will) durch das Wort Gutsherrenart charakterisieren ließe. Das Volk stört da nur.

Es geht voran

Keine Atempause, Geschichte wird gemacht. Den ganz großen Blick in die Zukunft hat inzwischen Flughafen-Geschäftsführer Hon.-Prof. Dr.-Ing. Jürgen Friedel.

Es sei von generationsübergreifender Bedeutung, wie die Region heute mit dem Flughafen rund 70 Kilometer nordöstlich von Hamburg umgehe, sagte Flughafenchef Jürgen Friedel letzte Woche am Rande der ITB in Berlin

laut airliners.de vom 13. März 2012. Mich würde interessieren, wo der Mann seine Kristallkugel her hat, die es ihm erlaubt, „generationsübergeifend“ zu planen – das haben die sozialistischen Planwirtschaften nicht einmal ansatzweise geschafft, und vermutlich mit ihren Fünf- bis Zehn-Jahres-Plänen auch nicht mal beabsichtigt.

Umso erstaunlicher, daß sich in Sachen VEB Landewiese Lübeck gerade die bürgerlichen Parteien von CDU über FDP bis BfL immer wieder auf dieses geschichtlich gescheiterte Horrorinstrumentarium namens Planwirtschaft berufen.

Wer weiß denn heute, ob die nächste Generation überhaupt noch so gedankenlos durch die Luft düsen kann wie wir? Dagegen spricht nicht unbedingt die Vernunft, denn die wird immer wieder gerne ausgeblendet, sondern der Rohölpreis. Das geht heute schon los, und logischerweise trifft es die Billigheimer wegen ihrer besonderen Treibstoffpreisanfälligkeit zuerst:

Seit 2010 hat Ryanair die durchschnittlichen Ticketpreise um sage und schreibe 30% erhöht, deutlich mehr als die Konkurrenz, und ob in dieser Zahl die ebenfalls immer üppiger erhobenen Zusatzgebühren enthalten sind, darf bezweifelt werden. Ein Analyst schätzte sogar, daß sich Ryanairs Treibstoffkosten pro Passagier von 2010 bis März 2014 auf nahezu 28 Euro verdoppeln werden.

Sicher, auch das ist ein Blick in die Kristallkugel. Die jüngsten Preiserhöhungen bei Ryanair und deren Kürzung unrentabler Flugverbindungen (nicht zuletzt ab „Hamburg“-Lübeck) sind jedoch unleugbare Realität.

Butter bei die Fische, Zahlen auf den Tisch!

Wer behauptet, noch über 15 Jahre oder mehr planen zu können, setzt sich in der Branche der Lächerlichkeit aus. Doch unverdrossen baut Hon.-Prof. Dr.-Ing. Friedel generationsübergreifend am zweiten Lübecker Dom:

Schon in rund 15 Jahren benötige die Region mehr Kapazitäten.

„Schon in rund 15 Jahren,“ ach so. Und bis dahin? Wir erwarten jetzt zumindest die Veröffentlichung des aktuellen Zehnjahresplans des VEB Landewiese Lübeck, am besten als Anzeige in der hiesigen Monopolpresse (zeitgleich begleitet von einem bewegenden Guido-Knopp-Historiendrama zum fünfundneunzigjährigen Jubiläum des Flughafens im ZDF).

Nur Mut, Herr Friedel – oder fürchten Sie das Volk und seine nachfolgenden Generationen? Selbst Frau Stadthaus-Panissié ist der Ansicht, daß der Flughafen den Lübecker Bürgern gehört. Sie, Herr Friedel, sind den Bürgern also unmittelbar Rechenschaft schuldig.

Die Lübecker Bürger verdienen als Eigentümer des Flughafens volle Transparenz, und das verstehe ich als berechtigte Forderung der BfL (abgesehen von anderen peinlichen verbalen Entgleisungen von Mitgliedern der Gruppierung, wie oben aufgeführt).

 

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