Kein Aprilscherz: Flughafen setzt Salamitaktik fort

Wenn Sie heute einen auf eigenem Mist gewachsenen Aprilscherz erwarten, muß ich Sie enttäuschen. Dafür sorgt die Lübecker Landewiese mit ihrem Ausbau des Instrumenten-Landesystems (ILS) für einen, allerdings mit relativ strenger Note versehenen, Witz – wenn man die ewige Nacht-und-Nebel-Salami-Taktik nicht inzwischen satt hat. Immer deutlicher wird: entgegen dem eigenen Planfeststellungsantrag hat man für beide Betriebsrichtungen neue ILS-Antennen installiert, und betreibt auch sonst vorzugsweise sein eigenes Spiel – außerhalb der Öffentlichkeit und jeder politischen Kontrolle entzogen. Die Parteien betreiben derzeit lieber Wahlkampf, anstatt sich mit Sachfragen zu befassen.

Die Inbetriebnahme des neuen ILS zieht sich weiter hin, aber die technischen Veränderungen an den Anlagen sind jetzt schon offensichtlich. Die im Zusammenhang mit dem gegenwärtigen „Ausbau Light“ stehenden Maßnahmen kurz zusammengefaßt:

Übersicht ILS-Ausbau
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  1. Ausbau des gegenwärtigen ILS in Betriebsrichtung 07 von Cat. I auf Cat. II/III. Dies erfordert zwei neue Antennen, nämlich einen Landekurssender (LLZ 07, am Ostende der Landebahn) und einen Gleitwegsender (GP 07, im Westen). Vereinfacht ausgedrückt: der Landekurssender gibt landenden Flugzeugen an, ob sie im Landeanflug zu weit links oder rechts liegen, was kaum von der Landeschwelle abhängt. Der Gleitwegsender hingegen gibt an, ob der Flieger zu hoch oder zu niedrig einschwebt, und das ist zwangsläufig direkt von der Landeschwelle abhängig, die in einer bestimmten Höhe überflogen werden muß. Wird die Landeschwelle verlegt, muß deswegen zwangsläufig auch der Gleitwegsender versetzt werden.
  2. Da die Landeschwelle 07 nach Westen verlegt wird, mußte also auch der GP 07 nach Westen verschoben werden. Eine Verlegung des LLZ 07 ist nicht erforderlich und fand auch nicht statt; stattdessen wurde die alte sechspolige Antenne (ILS Cat. I) am selben Standort durch eine neue, sechzehnpolige (ILS Cat. II/III) ersetzt.

Das wäre, was die Sender angeht, alles gewesen, was für den beantragten Ausbau des ILS auf Cat. II/III in Betriebsrichtung 07 nötig gewesen wäre. Die ILS-Anlagen in Betriebsrichtung 25 hätten völlig unverändert bleiben können, weil schließlich das dortige ILS nicht ausgebaut und auch keine Landeschwelle verlegt werden sollte.

Die Extras – auf Kosten der Steuerzahler

Die Realität sieht, wie immer, ganz anders aus, wenn der Flughafen mal eine Baumaßnahme durchzieht. Da wird mitgenommen, was mitgenommen werden kann. Aus unerfindlichen Gründen wurden auch die Antennen LLZ 25 und GP 25 durch neue Typen ersetzt, die (jedenfalls dem optischen Eindruck nach) identisch sind mit den ILS Cat. II/III-Antennen für die andere Betriebsrichtung.

Eine offizielle Begründung gibt es dafür nicht, zumal diese Vorgehensweise auch nicht der beantragten entspricht. Es kursieren einige recht dünne Erklärungen, wie z.B., daß das eben „Stand der Technik“ sei. Aus Gründen der Kompatibilität seien die selben Antennen für beide Betriebsrichtungen notwendig.

Das ist, mit Verlaub, Kokolores. Dann hätte der Flughafen gar nicht erst auf das ursprünglich geplante ILS Cat. II/III in Betriebsrichtung 25 verzichten dürfen (und es waren ja ausgerechnet die organisierten „Naturschützer“, die sich dafür gefeiert haben, diesen Verzicht im Mediationsverfahren durchgedrückt zu haben.)

Es ist auch technischer Unsinn; etliche Flughäfen betreiben unterschiedliche ILS-Kategorien oder haben ILS überhaupt nur in einer Betriebsrichtung. Alles das ist sehr wohl machbar.

Eine andere Erklärung: die Antennen wurden zu einem Zeitpunkt gekauft, als tatsächlich der Ausbau in beide Richtungen geplant war. Da das mit kräftiger finanzieller Mithilfe des Landes Schleswig-Holstein geschah, ist das kaum Privatsache der Flughafen Lübeck GmbH. Es stellt sich die Frage, ob das Land nicht zu viel gezahlte Zuschüsse für die jetzt installierten, technisch aber nicht benötigten Antennen zurückfordern müßte.

Das umso mehr, als daß nicht nur die Erneuerung, sondern auch die erfolgte Versetzung des Landekurssenders 25 nach Westen (bis kurz vor den Flughafenzaun) nichts mit dem ILS-Ausbau zu tun hat. Die erfolgte nämlich vorsorglich im Rahmen der geplanten Verlängerung der Landebahn in Richtung Westen, die aktuell aber gar nicht ansteht. Auch aus diesem Grund wären die bislang gewährten Zahlungen des Landes nochmal zu überprüfen.

Was darf man also erwarten? In Angesicht der vergangenen Erfahrungen nichts anderes als den Vertreter mit dem Fuß in der Tür. Sehr bald wird es heißen, man habe ja die technischen Einrichtungen für ILS Cat. II/III auch in Betriebsrichtung 25, und es wäre doch so schaaade, wenn man die nicht nutzen würde, wo sie doch schon mal bezahlt und installiert wurden, und könne man nicht bitte eine (Ausnahme-)Genehmigung haben. Komplett am Planfeststellungsbeschluß und auch am politischen Willen vorbei. Ich gehe jede Wette darauf ein, daß es so kommen wird – nicht mal das Amen in der Kirche ist so sicher.

Reflexionszone: planmäßig verlottert?

Doch es könnte noch „besser“ kommen. Die Gleitwegsender benötigen sogenannte Reflexionszonen. Das sind im wesentlichen hindernisfreie Flächen, mit denen sichergestellt werden soll, daß gesendeten Signale nicht abgelenkt werden und landende Flugzeuge dadurch auf einen falschen Anflug schicken. Im Westen soll dafür eine Fläche nicht nur befestigt, sondern sogar asphaltiert werden. Im Osten hat man im Planfeststellungsverfahren auf eine ähnliche Maßnahme verzichtet, weil die dortige Fläche als ökologisch wertvoll gilt. Nur halbwegs eben müßte sie wohl schon sein.

Die Besichtigung vor Ort bietet Ende März ein ganz anderes Bild. Haben hier die deutschen Monstertruck-Meisterschaften stattgefunden? Tiefe Pfützen (trotz anhaltender Trockenheit – es handelt sich eher schon um Teiche), Reifenspuren, sogar Bauschutt ist zu sehen.

Ein Zusammenhang mit den derzeitigen Ausbaumaßnahmen ist nicht ersichtlich; der neue Gleitwegsender 25 steht in einiger Entfernung und wird nicht über diese Fläche angefahren. Ökologisch ist dieses Areal derzeit kaum noch wertvoll, eher ein Kriegsschauplatz, der vielleicht nicht mal mehr technisch als Reflexionszone taugt.

Sogenannte Reflexionsfläche
Sogenannte Reflexionsfläche

Wann beantragt der Flughafen wohl die Befestigung, ob „nur“ mit Zuschütten und Dampfwalze oder gleich per Asphaltdecke? Ein Schuft, wer schlechtes dabei denkt (und Absicht vermutet). Ist ex-Geschäftsführer Dr. Peter Steppe eigentlich immer noch „technischer Berater“ des Flughafens? Nur so eine Frage…