Verspäteter Aprilscherz

Der diesjährige 1. April war ein Sonntag, an dem für gewöhnlich nicht gearbeitet wird. Hätte sich das Datum ansonsten für die offizielle Unterzeichnung eines „Kooperationsabkommens“ der Flughäfen Hamburg-Fuhlsbüttel (Geschäftsführer: Michael Eggenschwiler) und Lübeck-Blankensee (Geschäftsführer: Hon.-Prof. Dr.-Ing. Jürgen Friedel) angeboten? Eigentlich nicht, denn eine Aussage wie „Blankensee soll Reserve-Airport werden“ (und das laut Eggenschwiler über 20 bis 30Jahre!) würde selbst der unbedarfteste Leser sofort als schlechten Scherz identifizieren und ihn überhaupt nicht witzig finden. Mal abwarten, ob das in der Realität durchgeht – denn die sieht im Moment ganz anders aus.

Wie leider allzuoft besteht der Artikel in der hiesigen Monopolpresse (Onlineausgabe vom 3 März 2012, 00:00 Uhr) aus bloßem Nachgeplapper (man nennt das auch Verlautbarungsjournalismus). Wenn man das schon macht, sollte man tunlichst nicht auch noch wichtige Kernaussagen der Akteure unter den Tisch fallen lassen. Mehr dazu weiter unten.

Zunächst zum Inhalt des Vertrags, soweit bekannt. Laut Bäckerblume Lübecker Nachrichten

soll unter anderem Personal ausgetauscht werden, die beiden Airports fungieren gegenseitig als Ausweich-Flughäfen, und es wird zur Zusammenarbeit bei der Ausbildung und beim Einkauf geben.

Gähn. Hat‘s doch fast alles schon gegeben, ganz ohne Vertrag. LN:

Friedel kann Fachkräfte in Lübeck halten, indem er sie im Winter an Hamburg ausleiht.

Ja ja, das hat er im zurückliegenden Winter auch schon gemacht. Wobei nach seiner eigenen Aussage die nach Hamburg ausgeliehenen Mitarbeiter weiter von der FLG bezahlt wurden. Zwar erstattete Fuhlsbüttel eine „Leihgebühr“, ob die aber der von der FLG gezahlten Gehälter entsprach oder womöglich niedriger lag, ist nicht bekannt. Überhaupt ist es relativ erstaunlich, daß der Flughafen Lübeck offenbar die Vermittlung von Leiharbeitern als neues Geschäftsfeld erschließen will.

Show-Veranstaltung ohne Verpflichtungen

Die Sache mit den „Ausweich-Flughäfen“ ist übrigens auch ein Treppenwitz. Solange der Lübecker Flughafen genehmigt ist, unterliegt er einer Betriebspflicht und muß jedes Flugzeug (im Rahmen seiner technischen Möglichkeiten) landen lassen, das von einem anderem Flughafen – z.B. Hamburg – ausweicht. Auch das bedarf keines Vertrags, der im übrigen keiner Fluggesellschaft vorschreiben kann, wohin sie im Fall unvorhergesehener Ereignisse auszuweichen hat.

So ist es gängige Praxis des Lübecker Hauptkunden Ryanair, bei schlechtem Wetter in Lübeck nicht etwa nach Hamburg, sondern (soweit technisch möglich) nach Bremen auszuweichen, weil man dort weniger Landegebühren zahlt und außerdem eine eigene Basis unterhält. Das wird ebenfalls kein Hamburg-Lübecker Vertrag ändern.

Wozu also diese reine Show-Nummer, die niemanden zu etwas verpflichtet? Einen Extrapunkt für Ehrlichkeit bekommt Geschäftsführer Friedel, der laut LN

hofft, durch die Kooperation den Flughafen Lübeck am Leben zu erhalten, wirtschaftlicher zu betreiben und die Politik von dem Erhalt Blankensees zu überzeugen – bis ein privater Geldgeber in Sicht ist.

[Hervorhebung P.K.]

Darum geht es letztlich: mit lautem Tam-Tam die Öffentlichkeit im allgemeinen und Politiker im besonderen einzulullen, nach den diversen Take-Off-Rohrkrepiererkonzepten der Verwaltung nun mit dem Friedelschen Winterschlaf-Plan.

Ach ja, und natürlich steht ein „Investor“ möglicherweise vor der Tür. Seit wie vielen Jahren hören wir das jetzt eigentlich schon? Und welcher Investor hätte ein Interesse daran, für 20 oder 30 Jahre einen schockgefrosteten Reserve-Flughafen zu betreiben, der bestenfalls eine schwarze Null schreibt, und auf unabsehbare Zeit Gegenstand fast schon ungezählter laufender juristischer Verfahren ist? Da darf man sehr gespannt sein.

Es bleibt also bei unverbindlichen Absichtserklärungen, die eigentlich nur den jetzigen Stand der Dinge zusammenfassen. Leider erfährt das der LN-Leser nicht, denn folgende nicht ganz unwichtige Punkte spart man in der Jubelorgie aus: (1) wen verpflichtet der Vertrag zu was, und (2) vor allem: wie ist das mit dem Geld? Das liest man aber nur bei dpa (via Kieler Nachrichten), nicht in den LN.

Zu Punkt 1:

Konkretes ist aber noch nicht geplant.

Zu Punkt 2:

Eine finanzielle Beteiligung schloss Eggenschwiler aus.

Nichts Konkretes also, was man getrost so interpretieren darf, daß keine verpflichtenden Bestimmungen enthalten sind – und Geld fließt schon gar keines.

Außer Spesen und einem publikumswirksamen Fototermin ist also, soweit bislang bekannt, kaum etwas gewesen. Immerhin wird in der hiesigen Monopolpresse wenigstens erwähnt:

Hamburg gibt keinen [sic] Linien nach Lübeck ab.

Natürlich nicht. Hamburg kann überhaupt keine Fluglinien an Lübeck abgeben, weil selbst der dortige Flughafen (ich entschuldige mich für die Wiederholung) keiner Fluggesellschaft vorschreiben kann, welchen Flughafen sie anzufliegen hat. Man könnte höchstens eine freundliche Empfehlung abgeben und mit Sonderkonditionen locken. Wer aber sollte die gewähren? … Eben.

Und zum Abschluß etwas Süßes

Übrigens gibt es zwei aktuelle Beispiele in Norddeutschland, die die vorstehenden Ausführungen trefflich demonstrieren. Beide sind übrigens (nach derzeitigem Stand) schallende Ohrfeigen für den Möchtegern-Reserveflughafen Lübeck.

Zunächst geht es um Bremen. Laut Pressemitteilung vom 27. März 2012 wird Ryanair

ihre Basis in Bremen vom 6. bis 13. August 2012 für neun Tage schließen und den Flugverkehr vollständig einstellen. Um die Sanierungsarbeiten des Flughafens an Start- und Landebahnen zu erleichtern, werden die vor Ort stationierten Ryanair-Maschinen für diesen Zeitraum an anderen europäischen Basen eingesetzt.

Oder nutzt man vielleicht den Ausweichflughafen Lübeck, an dem es zwar keine Ryanair-Basis gibt, aber der nach Ryanair-Maßstäben irgendwo in der „näheren Umgebung“ liegt? Pustekuchen:

Die für diesen Zeitraum geplanten Flüge von und nach Bremen müssen ersatzlos ausfallen.

Die Passagiere bekommen immerhin ihr Geld zurück.

Doch die Krönung kommt ganz zum Schluß.

Der Hamburger Flughafen hat für Mai und Juni sowie August umfangreiche Instandhaltungsarbeiten an den Start- und Landebahnen angekündigt,

so dpa laut aero.de vom 20. März 2012.

Das wäre doch die Gelegenheit für den Reserveflughafen Blankensee! Aber nein, wieder nix:

Der Flugbetrieb werde durch die Wartungsarbeiten nicht beeinträchtigt. «Das muss ein Flughafen wie Hamburg abkönnen, dass mal eine Bahn gesperrt wird», sagte die Sprecherin.

Das muß man sich auf der Zunge zergehen lassen: da preisen Lübecker Provinzpolitiker den hiesigen Flughafen wie Sauerbier als dritte Start- und Landebahn für Fuhlsbüttel an – und dort hat man genügend Kapazitäten, zumindest vorübergehend (21. Mai bis zum 17. Juni sowie 13. bis zum 26. August) mit einer Bahn auszukommen – und das im passagierstarken Sommerhalbjahr.

Jeder weitere Kommentar erübrigt sich.

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