Wer bietet weniger?

Und weiter geht‘s mit den Ohrfeigen für Lübecker Flughafen-„Experten“. Die vor wenigen Tagen veröffentlichte „Gutachterliche Vorarbeit zur Erstellung eines Norddeutschen Luftfahrtkonzepts“ belegt, daß Billigflieger, die die hiesige Landewiese nutzen, noch viel weniger Geld zahlen als bisher angenommen. Da darf man sich über jahrelange Millionenverluste nicht wundern.

Verglichen werden die an den Flughäfen Bremen, Hamburg, Hannover, Lübeck und Rostock erhobenen Entgelte. Da die Entgeltordnungen sehr unterschiedlich sind, hat man dankenswerterweise einen Grobvergleich vorgenommen, und zwar

für einen Airbus A 320, der mit 150 Fluggästen an Bord landet und mit der gleichen Fluggastanzahl wieder startet. Die Entgelte wurden basierend auf den veröffentlichten Entgeltordnungen berechnet. Als maximales Startgewicht (MTOW) wurden 75 Tonnen angenommen. Der Flugzeugtyp A 320 wurde unterstellt, weil Flugzeuge dieses Typs bzw. dieser Größenordnung ab allen fünf verglichenen Flughäfen regelmäßig eingesetzt werden.

[Hervorhebung P.K.]

Das ist übrigens (wenigstens im Bezug auf Lübeck) schon übertrieben. Ein Airbus 320 faßt 180 Passagiere, so daß 150 Fluggäste einer Auslastung von 83% entsprechen. In den letzten Jahren hat laut Deutschem Statistischem Bundesamt in Lübeck jedoch keine Verbindung (weder von Ryanair noch von WizzAir) einen derart hohen Auslastungsgrad erreicht. Aber gut, es ist eben ein Grobvergleich und keine exakte Kalkulation. Die Zahlen, selbst wenn sie nicht ganz genau sein sollten, sprechen schon größenordnungsmäßig für sich. Halten Sie sich fest.

Flughafen Entgelt gesamt pro Passagier
Hannover 2 504 € 8,35 €
Hamburg 1 868 € 6,23 €
Bremen 1 818 € 6,06 €
Rostock 1 165 € 3,88 €
Lübeck 578 € 1,93 €

Wer bietet weniger? Niemand. Bemerkenswert ist zunächst, daß Ryanair im Jahr 2006 eine Basis in Bremen eingerichtet hat und den dortigen Flughafen weiterhin nutzt – und das trotz der mehr als dreimal so hohen Abfertigungsentgelte wesentlich intensiver als Lübeck. Am Geld kann es also nicht liegen (es sei denn, Bremen gewährt versteckte Subventionen, was ich nicht beurteilen kann und auch nicht behaupte. Immerhin tat Lübeck genau das lange Zeit in Form von sogenannten „Marketingzuschüssen“ in Höhe von mehreren hunderttausend Euro pro Jahr, die an Ryanair gezahlt wurden, ohne daß der Öffentlichkeit bisher detailliert bekannt ist, welche Gegenleistungen die Fluggesellschaft dafür erbracht hat.)

Wenn es noch eines Beweises bedurft hatte, daß die diversen Take-Off-Konzepte der Lübecker Verwaltung weniger Fakten enthalten haben als die „Kinder- und Hausmärchen“ der Brüder Grimm – hier ist er. In der „Fortschreibung des Take-off-Konzept inkl. Business- und Investitionsplanung“ vom 12. März 2010 (kurz vor der Abstimmung zum Bürgerentscheid veröffentlicht) geht man selbst für ein Einfrieren des Flughafens („middle case“) von 590 000 Passagieren aus, bei Erlösen von 1,8 Mio. Euro aus der Luftfahrt – wohlgemerkt ohne Zusatzeinnahmen aus Vermietungen / Einzelhandel / Parkplätzen. Das wären etwas über 3 Euro pro Passagier statt der aktuellen 1,93 Euro. Wo der Extra-Euro pro Passagier hätte herkommen sollen, wäre interessant zu wissen (selbst wenn er nie im Leben ausgereicht hätte, um die defizitäre Landewiese auch nur in die Nähe der Gewinnzone zu bringen.)

Übrigens predigt Uniconsult auch das Gefrierschrank-Szenario, sieht aber im Ausblick auf 2020 nur 260 000 Passagiere pro Jahr, und lediglich 310 000 bis 360 000 im Jahr 2030, was wohl nicht nur pessimistischer ist als Bürgermeister Saxes historische Märchensammlung, sondern auch unter der Erwartung der derzeitigen Geschäftsführung liegt. Wie das bei einer unveränderten Entgeltordnung überhaupt kostendeckend gehen soll, hat Uniconsult nicht untersucht – vermutlich, weil es unmöglich ist.