„Pimp my MiG“ und Seadrome: Unser Flughafen erfindet sich neu

Wie jeden Sonntagmorgen begrüßen wir Sie zum „Talk im Offenen Kanal“. Am Mikrofon ist wie immer Hermann Schwenkhahn, und zu Gast ist heute wieder mal unser lieber Flughafen-Geschäftsführer – Sie kennen ihn alle, ich muß ihn gar nicht weiter vorstellen. Und er hat mir im Vorgespräch gesagt, er hätte einige tolle Neuigkeiten, die er mir aber noch nicht verraten wollte. Wir sind too-tal gespannt! Einen wunderschönen guten Morgen, Herr Professor.

Schönen guten Tag! Ich freue mich, mal wieder hier zu sein zu dürfen.

Tschaa… jetzt sagen Sie mal, was ist das denn? Da komme ich neulich am Flughafen vorbei, und dann steht da doch so ein Militärflugzeug neben dem Windsack bei der Tanke. Was hat es denn damit auf sich?

Das ist ganz einfach. Der Flughafen erweitert derzeit sein Angebot und positioniert sich um. In diesem Fall, das ist übrigens eine russische MiG-21M aus NVA-Beständen, trat der der Eigentümer an uns heran und fragte, ob wir ihm bei der Renovierung der Maschine helfen könnten. Und das konnten wir.

Mig-21M am Flughafen
Pimp my MiG! Weitere Aufträge nimmt der Flughafen gerne entgegen

So unter dem Motto, „ihr habt doch sowieso so wenig zu tun, da könnt ihr euch hier mal ’n Euro hinzuverdienen“?

Das sehen Sie viel zu eng. Es handelt sich hier um den Beginn einer strategischen Neuausrichtung des Unternehmens Flughafen.

Gut. Eins nach dem anderen. Erstmal, wer ist denn dieser Kunde?

Es handelt sich um den Besitzer eines nahegelegenen Unternehmens, das sich auf Labordiagnostika spezialisiert hat. Er ist übrigens ein guter alter Freund des Flughafens.

Ist ja super. Und was machen Sie da jetzt genau mit seiner MiG?

Erstmal wird die alte Lackierung abgetragen und die Aluminium-Außenhaut sorgfältig auf Schäden untersucht. Die werden dann, wo sie vorhanden sind, ausgebessert.

Und das Innenleben?

Das gibt’s nicht mehr, das wurde schon früher entfernt.

Das ist aber schade. Die Maschine kann also nicht mehr fliegen?

Nein, absolut nicht. Es sind auch keine Waffen mehr an Bord.

Ja, nicht daß Ihnen dieser Kunde dann damit wegfliegt oder irgendwelche Ziele bombardiert!

Nein, nein (lacht). Das ist ausgeschlossen.

Und was soll dann weiter mit dieser MiG passieren?

Erstmal bekommt sie einen Rostschutz und dann einen neuen Anstrich.

Womöglich in den Farben der sächsischen Luftwaffe?

Nein, in den Firmenfarben mit einem großem Schriftzug, also mit dem Namen der Firma. Von einer sächsischen Luftwaffe weiß ich nichts. Aber es wird ja so viel kolportiert, bis hin zu einer angeblichen belgischen Königin-Beatrix-Gedenkplakette, die uns irgend so ein Vollpfosten neulich mal im Internet angedichtet hat… Pfft. Beatrix ist doch die belgische Königin, oder?

Weiß ich jetzt nicht soo genau. Bleiben wir mal beim Thema. Wenn die Maschine denn nun fertig ist, was kommt dann?

Der Kunde hat mehrere Optionen. Zum Beispiel könnte das Fluggerät auf dem Gelände des Betriebs-Kindergartens als Abenteuer-Klettergerät verwendet oder sogar in ein großes Karussell integriert werden. Wahrscheinlich aber wird es auf dem Flachdach des Pförtnerhauses als Wahrzeichen aufgestellt.

Ja, Wahnsinn! Aber nun mal Butter bei die Fische, Herr Professor: Damit kann man also so richtig Kohle verdienen, so unter dem Motto „Pimp my MiG“?

Da sind wir ganz sicher. Sehen Sie, der Einzugradius unseres Flughafens beträgt 120 Autominuten. In diesem Gebiet leben über 7 Millionen Menschen, sprich potentielle Kunden. Und jetzt gehen Sie mal auf Ihren Dachboden, in Ihren Keller, Ihre Garage. Ich garantiere Ihnen: in irgendeiner Ecke findet sich bestimmt immer noch eine alte MiG. Die ist möglicherweise sehr wertvoll, wenn sie fachmännisch restauriert wird. Genau diesen Service bieten wir ab sofort an.

Das ist jetzt aber doch eine etwas gewagte Strategie, oder?

Nein, es muß natürlich nicht unbedingt eine MiG sein. Der Markt ist riesig. Denken Sie an Starfighter, Euroimmunfighter…

Euroimmunfighter? Was ist das denn?

Äh, Eurofighter, meinte ich. ‚tschuldigung. Also, wir denken uns das ja nicht einfach so aus! Wir haben die renommierte Unternehmensberatung Wisch&Weg mit einer Potentialanalyse beauftragt, und die kommt zu einem eindeutig positiven Ergebnis. Im übrigen haben wir noch einige Geschäftsideen mehr in der Pipeline, die allesamt untersucht und als höchst aussichtsreich eingeschätzt werden.

Da sind wir aber jetzt gespannt wie ein Flitzbogen.

Für den Kunden, über den wir jetzt schon gesprochen haben, suchen wir derzeit nach gebrauchten, aber prinzipiell flugtauglichen Wasserflugzeugen, wie zum Beispiel de Havilland Canada DHC-6 Twin Otter, Dornier Do 228, die wir dann…

Moment mal, das ist jetzt aber starker Tobak. Was wird das denn, wenn’s fertig ist?

…die wir dann aufmöbeln und modernisieren können. Was das wird? Die werden auf dem neuen Seadrome stationiert. Das wird nach längerer Unterbrechung der in dieser Stadt dringend benötigte Wasserflughafen, den es ja früher schon mal gab.

Jetzt spannen Sie uns mal nicht auf die Folter. An der alten Stelle können Sie den ja wohl nicht mehr einrichten.

Da haben Sie recht. Unser Kunde hat allerdings kürzlich einen See in der Nähe seines Firmensitzes erworben, der ideale Bedingungen für einen Wasserflughafen bietet. Der Ankauf angrenzender Grundstücke steht kurz vor dem Abschluß.

Das ist ja ganz doll, ein Wasserflughafen. Aber macht der Ihnen denn keine Konkurrenz?

Nein, ganz im Gegenteil. Durch die Synergie-Effekte entsteht hier eine Win-Win-Situation. Wir stellen unser umfangreiches Know-How im Betrieb eines äußerst erfolgreichen Flughafens zur Verfügung, außerdem können Infrastrukturen und Personal gemeinsam genutzt werden. Im Gegenzug bekommen wir eine zweite Start- und Landebahn, und das fast ganz ohne Landschaftsverbrauch! Kein noch so eifriger Naturschützer kann da noch irgendwas dagegen haben.

Das sind ja sensationelle Neuigkeiten, die Sie hier verkünden, lieber Herr Professor. Das müssen Sie uns jetzt aber alles ganz genau erklären.

Gerne. Wie Wisch&Weg schon früher festgestellt hat, stößt der Hamburger Flughafen demnächst an seine Kapazitätsgrenzen und braucht dringend ein dritte Start- und Landebahn. Diese Aufgabe soll unsere Runway übernehmen, aber das heißt, es könnte bei uns auch etwas eng werden. Wir platzen ja schon jetzt aus allen Nähten. Daher bietet es sich an, etwas weniger frequentierte Verbindungen – wir reden hier über solche mit rund 20 Passagieren pro Flug – auf das Seadrome auszulagern. Das gibt unserem Kunden außerdem die Möglichkeit, dort eine eigene exklusive Fluglinie einzurichten, die vor allem die Luftfahrt-Bedürfnisse der Executives seines Unternehmens bedient. Resttickets dieser Airline werden dann von uns auf den Markt gebracht. Und genau für dieses Joint Venture suchen wir diese Wasserflugzeuge.

Das paßt ja alles ganz hervorragend zusammen, wenn ich das so sehe. Ein richtig rundes Konzept. Sagen Sie uns mal, wer denkt sich sowas eigentlich aus?

Das ist natürlich Teamarbeit. Unsere Flughafen-Mannschaft bekam den vollen Support unseres Kunden, und umgekehrt natürlich, und die Experten von Wisch&Weg haben ebenso Ihren Teil beigetragen. Solche Jahrhundert-Ideen haben immer mehrere Urheber.

Und das geht jetzt alles ratz-fatz so über die Bühne, wie Sie sich das vorstellen?

Ich hoffe es! Ich will nicht verschweigen, daß es noch ein kleines Hindernis gibt. Führungskräfte des betroffenen Unternehmens müßten, wenn sie den Terminal des Seadromes erreichen wollen, zu Fuß eine öffentliche Straße überqueren. Das geht natürlich gar nicht! Der entsprechende Abschnitt der Straße muß also noch für den öffentlichen Durchgangsverkehr geschlossen werden, aber die Stadtverwaltung hat uns da bereits unter Hinweis auf einen Präzedenzfall unbürokratisches Entgegenkommen signalisiert.

Wir kommen so langsam zum Ende dieser Sendung. Im nächsten „Talk im Offenen Kanal“ am nächsten Sonntag wird dann unser Herr Bürgermeister zu Gast sein. Herr Professor, das wird auch sie interessieren: wir erhoffen uns Auskunft über die städtischen Pläne, in unmittelbarer Nachbarschaft des Flughafengeländes auf einem neuen Gewerbegebiet den zehnten Möbeldiscounter in unserer Stadt anzusiedeln. Da erwarten Sie doch auch auf jede Menge Frachtflugverkehr, oder?

Aber natürlich. Laut Wisch&Weg ist Möbelkauf-Tourismus per Flugzeug der neueste Trend, und wir hoffen, uns an die Spitze dieses Trends zu stellen.

Tja, und das war’s auch schon wieder für heute! Wir sind am Ende unserer Sendezeit. Lieber Herr Professor, ich darf mal sagen, die Zeit mit Ihnen ist wie im Flug vergangen.

Ja?

…wie …im …Flug!

Ach so! (lacht herzlich) Ja, danke.

Wir wünschen Ihnen immer eine Handbreit Wasser unterm Kiel…

Der Flughafen in Kiel wurde aber… ach so, ja… (lacht herzlich). Schönen Dank.

Dann wäre das also auch geklärt. Liebe Hörer, wir hoffen, Sie schalten auch am nächsten Sonntag wieder den „Talk im Offenen Kanal“ ein. Bis dann!


Musik: Thomas Dolby, „Airhead“

I buy her all the right clothes
and pretty jewels to wear
my friends say she’s a dumb blonde
but they don’t know she dyes her hair

it was us made her that way
it was us made her that way!

5 Antworten auf „„Pimp my MiG“ und Seadrome: Unser Flughafen erfindet sich neu“

  1. Herr Klanowski, wie wäre es denn mit einem Buch über die ganze Chose.
    Und haben Sie übrigens schon die neue Internetseite „und-tschuess.com“ des Flughafens gesehen? Da wundert man sich nicht mehr, die Investorensuche wurde sicher nicht mit soviel Einsatz und Ideenreichtum betrieben…

    1. Ein echtes Buch wird es (jedenfalls von mir) nicht geben, so reizvoll das auch wäre. Ich hatte schon überlegt, Artikel zu bestimmten Aspekten zusammenzufassen und als PDF anzubieten, aber auch das wäre arbeits- und zeitaufwendig.

      Zu der neuen Kampagne des Flughafens: die disqualifiziert sich in der Tat selbst, nicht nur inhaltlich.

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