Fluggesellschaften sprießen wie Champignons

Her mit dem Popcorn! Fast kein Tag vergeht, ohne daß jemand glaubt, eine neue Fluggesellschaft gründen zu müssen, die ihre Flugzeuge auf der Lübecker Landewiese stationiert. Kein großes Kino, eher eine ewig wiederholte Billig-Sitcom auf einem Schrottsender wie RTL 5, die ihren Zenit überschritten hat und schon längst nicht mehr witzig ist.

Die guten, alten Zeiten (Stichwort: Ole Leo) habe ich gerade nochmal aufleben lassen. Dabei mußte der Pustefix-Teddy als Vergleich für die Produktion immer neue Seifenblasen herhalten und ist somit verbraucht. Versuchen wir stattdessen also das hier: laufend sprießen wie auf einer Champignonfarm (plöpp, plöpp) neue Fluggesellschaften ans Tageslicht.

Vermutlich habe ich hier im Februar 2011 die Anregung dafür gegeben… Entschuldigung, aber ich konnte ja wirklich nicht ahnen, daß jemand so blöd ist und das ernst nimmt.

Als erster darauf hereingefallen war der damalige Bürgermeister-Kandidat Harald Klix:

[D]er unabhängige Kandidat hat eine Idee, die aufhorchen lässt: Lübeck sollte eines Tages „eine eigene Fluglinie besitzen“, damit das Geld in der Stadt bleibe.

Harald Klix: Ein Taxi-Unternehmer will seine Heimatstadt retten (LN, 16.10.2011)

Den Unfug aufgegriffen hat dann Herr Prof. Dr.-med. Winfried Stöcker mit seiner „Lübeck-Air“, die ich leider öfter mal „Stöcker-Air“ genannt habe. (Warum „leider“? StöckAir wäre besser gewesen.)

Ein anderer Bewerber, sbc, gab an, drei in seinem Besitz befindliche Flugzeuge (die aus der Konkursmasse von Cirrus Airlines stammen) in Lübeck stationieren zu wollen.

Und der letztlich erfolgreiche Bewerber, Prof. Dr.-Ing. Mohamad Rady Amar, erzählte der hiesigen Monopolpresse:

Wir überlegen zudem, ob wir eine eigene Fluggesellschaft gründen.

Zu allem Überfluß scheint auch noch das letzte am Flughafen angesiedelte Reisebüro, betrieben von einer Gesellschaft bürgerlichen Rechts, ähnliche Pläne zu haben.

Wenn ich mich recht erinnere, gab es zeitweise bis zu drei Reisebüros an der Landewiese (unter anderem LN-Hapag Lloyd) – sie sind alle verschwunden, und derzeit findet sich dort lediglich das „Reisekontor Lübeck – Christian Au & Matthias Freitag GbR“. Vermutlich kein allzugroßes Unternehmen.

Hinter dieser unscheinbaren Tür verbirgt sich Lübecks neueste Fluggesellschaft

Immerhin gibt es seit ein paar Monaten die Webseite der „Lübeck Airways“ – aber natürlich keine Inhalte. Immerhin steht im Impressum:

Projektleitung‘
Reisekontor Lübeck GBR

Geschäftsführer
Christian Au

Pro Airport Lübeck e.V. zufolge ist

geplant, mit Jets des Typs Embraer 170 Linien- und Charterflüge ab Lübeck-Blankensee aufzunehmen, und somit einen guten Mix aus geschäftlichen und touristischen Destinationen anzubieten. Es sollen mindestens 2 große europäische Hubs bedient werden.

Die Gesellschaft soll zukünftig als GmbH firmieren und hat als Partner die InAvia Aviation Consultants GmbH gewinnen können.

Regionalflughafen 2.0

Das scheint das Geschäftsmodell zu sein, das gewisse „Berater“ (auch die sprießen scheinbar wie Pilze aus dem Boden) Regionalflughäfen andrehen wollen, nachdem immer deutlicher wird, daß die Sache mit den Billigfliegern nicht klappt. Kurz gefaßt: mit Siebzigsitzern wie der Embraer 170 sollen sowohl Geschäfts- als auch Touristikflüge angeboten werden – mal hierhin, mal dahin.

Ein Widerspruch in sich, denn Geschäftsflüge müßten schon zweimal (besser dreimal) pro Tag angeboten werden – morgens, evtl. mittags, und abends. Einen Touristikflug noch dazwischenzuquetschen dürfte schwierig werden.

Die reinen Geschäftsflug-Modelle sind bislang alle abgestürzt; egal, ob sie von ehrgeizigen Provinzfürsten subventioniert wurden (Kiel, Hof) oder ob die lokale Geschäftswelt den eigenen Fieberträumen geglaubt hat (Memmingen).

Das alles ist, mit Verlaub, bis zum Beweis des Gegenteils halbgarer Quatsch, mit dem man vermutlich nur weitere Subventionen kassieren (und „Berater“ beschäftigen) will.

Beraterflut

Auf Seiten des Herrn Prof. Dr.-Ing. Amar gehören dazu nicht nur der ehemalige Geschäftsführer der Lübecker Landewiese, Herr Dr. Steppe (inzwischen Geschäftsführer von Aircraft Assets), zu seinen Verdiensten es gehört, die Verluste der Flughafengesellschaft vor etwas über zehn Jahren explodieren zu lassen.

Ebenfalls dabei ist Berater Sigmar Weegen. Nach einer Mitteilung der Hessischen Flugplatz GmbH (HFG) in Egelsbach (in der Nähe von Frankfurt am Main) vom Juli 2009

war der Hamburger Flughafenexperte Siegmar Weegen Anfang Juli zum Nachfolger des langjährigen HFG-Geschäftsführers Peter Lehmann bestellt worden. In seinem ersten Statement sagte Weegen, er sehe für den Flugplatz Frankfurt-Egelsbach „klare wirtschaftliche Perspektiven zum Wohle aller Beteiligten im Rhein-Main-Gebiet: für Arbeitnehmer, Arbeitgeber, für die Anteilseigner der HFG und auch für die Anwohner.”

Und am 28. September 2012 berichtete die Offenbach-Post:

Geschäftsführer Siegmar Weegen wird die Hessische Flugplatz GmbH zum 15. Oktober verlassen – nach Informationen unserer Zeitung auf eigenen Wunsch.

Inzwischen taucht er als ständiger Begleiter und Berater des Herrn Prof. Dr.-Ing. Amar in Sachen Lübecker Landewiese auf.

Fortsetzung folgt (wahrscheinlich). Wie gesagt: besorgen Sie sich Popcorn. Diese Lachnummer ist noch lange nicht vorbei. Vermutlich geht sie erst jetzt richtig los.

Eine Antwort auf „Fluggesellschaften sprießen wie Champignons“

  1. Sehr geehrter Herr Klanowski,

    immer wieder beeindruckt bin ich, auf welch gründlicher Recherche die Beiträge in Ihrem Blog basieren, obgleich sich diese mehrheitlich auf für jedermann zugängliche Quellen im Internet zu beschränken scheint. Offenbar ist diese Arbeit jedoch einigen sogenannten „Journalisten“ bereits zu mühsam.
    Obwohl oder besser gerade weil sich nach der Veräußerung des Lübecker Luftdrehkreuzes an Herrn Amar eine gewisse Ruhe über dieses Thema zu legen droht, wünsche ich mir sehr, dass uns Ihr Blog als informative und nicht zuletzt sehr unterhaltsame Quelle weiter erhalten bleibt.
    Anlässlich des Beitrages „Fluggesellschaften sprießen wie Champignons“ habe ich einmal die Seite von „Lübeck-Airways“ aufgerufen und dabei festgestellt, dass der Eintrag bei PAL zu dieser neuen Airline augenscheinlich plagiiert ist. Er ist bis auf den letzten Satz wortgleich unter der Rubrik Neuigkeiten auf der Webseite von „Lübeck-Airways“ nachzulesen, ohne mit den üblichen „Tüttelchen“ und Quelleninformation gekennzeichnet zu sein. Wer hier von wem abgeschrieben hat, vermag ich nicht zu beurteilen.
    Auch enthält die „Lübeck-Airways“-Seite bereits eine Reihe von Ankündigungen zu dem überaus ambitionierten Unterfangen, den Flughafen mit „mindestens zwei europäischen Hubs“ zu vernetzen. Das liest sich alles so vielversprechend, dass ich umgehend die offerierte Kurzbeschreibung anfordern werde.
    Da entwickelt sich ganz gewiss etwas Großartiges, das noch einigen Anlass für Ihre Recherche bieten dürfte. Machen Sie bitte weiter und treiben Sie die „Journalisten“ vor sich her.

    Ich wünsche einen besinnlichen 2. Advent und verbleibe

    mit freundlichen Grüßen
    Wolfgang Schrimpff

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