Wendehals des Jahres 2012: Jan Lindenau

Merkwürdiges spielt sich ab im World Wide Web. Wer die (seit langem nicht mehr aktualisierte) Seite des Bündnisses Nein zum Flughafenausbau Lübeck aufruft, bekommt seit dem zurückliegenden Wochenende folgendes zu lesen:

BÜRGERENTSCHEID „Ja zum Lübecker Flughafen“.

Er wird nämlich umgeleitet auf eine Seite der Hansestadt Lübeck, die Materialien zum Bürgerentscheid enthält, aber eben auch diese plakative Überschrift. Nein? Ja? Was denn nun? Womöglich ein Fall von Webseiten-Hijacking? Eine Spurensuche.

Das Bündnis Nein zum Flughafenausbau Lübeck bestand im wesentlichen aus SPD, Grünen, der Linken, der Schutzgemeinschaft gegen Fluglärm Lübeck, dem Verein Frauen helfen Frauen und einigen Jugendorganisationen. Deren Ziel, nach eigenem Bekunden:

Wir sagen NEIN zum Flughafen weil wir JA zu Lübeck sagen!

Wir fordern alle Bürgerinnen und Bürger der Hansestadt Lübeck auf, sich am Bürgerentscheid zum Flughafen zu beteiligen und dort mit NEIN zu stimmen.

Hätte man auf sie gehört, stünde die Hansestadt Lübeck heute um einige Millionen reicher und einige Probleme weniger da. Aber das nur nebenbei.

Dem bekanntlich anders ausgegangenen Bürgerentscheid folgten knapp drei Jahre Winterschlaf, in denen zumindest in den letzten Monaten von Seiten der Stadt hinter den Kulissen mächtig geschoben wurde. Trotzdem schien auch das Bündnis kurzfristig reaktiviert worden zu sein.

Ende August 2012 veranstaltete man eine Diskussionsveranstaltung, an der unter anderem der Flughafengeschäftsführer Hon.-Prof. Dr.-Ing. Jürgen Friedel teilnahm. Einen Vertreter der Stadt, dessen Teilnahme wesentlich wichtiger gewesen wäre, hat man dort übrigens vermißt.

Die Moderation der Veranstaltung übernahm Jan Lindenau, seines Zeichens Finanzexperte der Lübecker SPD und seit dem 1. Januar 2013 Fraktionsvorsitzender der SPD-Fraktion in der Lübecker Bürgerschaft, als Nachfolger von Peter Reinhardt.

Der wurde laut hiesiger Monopolpresse von der politischen Konkurrenz schon mal als

„Luftblasenproduzent“, „Dampfplauderer“ oder „Dieter Bohlen der SPD“ bezeichnet.

Lübecker Nachrichten, Druckausgabe, Lokalteil Lübeck, 1./2. Januar 2013, Seite 17

Ich denke, „Wendehals“ wäre auch nicht unbedingt unzutreffend. Nachfolger Lindenau scheint auf die selbe Parteischule wie Herr Reinhardt gegangen zu sein. Vermutlich befindet sie sich in der Wackelpudding-Produktionshalle von Dr. Oetker in Bielefeld.

Denn zum Zeitpunkt der Veranstaltung lief bereits das Ausschreibungsverfahren zum sogenannten Verkauf, besser: zur Verschenkung; noch besser: zur Entsorgung des Flughafens.

An den daraus resultierenden Verträgen, so brüstete sich Herr Lindenau wenig später gegenüber Dritten, habe er persönlich mitgearbeitet. Und moderierte derweil (oder kurz zuvor) ganz seelenruhig eine Veranstaltung des Bündnisses gegen den Flughafenausbau.

Es kommt noch besser. Vor ein paar Tagen beschwerte sich ein Kommentator bei HL-Live oder LN-Online darüber, daß der Herr Lindenau, der sich und die SPD jetzt als „Retter“ des Flughafens feiert, bis vor kurzem eigentlich eine ganz andere Position vertreten hat. Nämlich eben die des Bündnisses gegen den Flughafenausbau:

Wir sagen NEIN zum Flughafen weil wir JA zu Lübeck sagen!

Oh, wie peinlich für die SPD, die mal wieder wie so oft einen kunstvollen Salto rückwärts aufs Eis gelegt hat.

Versuch der Vergangenheitsfälschung?

Diese Inhalte sind übers Wochenende aus dem Web verschwunden und wurden mit einer Umleitung auf die Seite der Hansestadt Lübeck ersetzt. Wer, mag man fragen, kann so etwas machen? Klar, der Webmaster der Seite als technisch Verantwortlicher.

Blöderweise vergißt das Internet so leicht nichts. Und so lesen wir im Impressum der Seite, gespeichert von der Wayback Machine am 24. April 2010:

Webmaster: Jan Lindenau
E-Mail: webmaster@nein-zum-flughafenausbau.de

Was die anderen Mitglieder dieses Ex-Bündnisses wohl denken? Vielleicht, daß man sich weder auf eine SPD unter Reinhardt noch unter Lindenau verlassen kann. Vermutlich haben sie recht mit der Vermutung. Derweil freut sich das bürgerliche Lager über einen Konvertiten. Halleluja. Die große Koalition wirft Ihre Schatten voraus. Das Duo Zander/Lindenau wird unerträglich unschlagbar sein. Man möchte, ehrlich gesagt, ob dieser Aussicht aus Lübeck auswandern.

Tröstlich übrigens, daß die Manipulation der Vergangenheit durch Löschung oder Fälschung älterer Nachrichten oder Fakten, wie sie George Orwell in „1984“ beschrieb, nicht funktioniert.

Noch nicht. Aber was nicht ist…

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2 Gedanken zu „Wendehals des Jahres 2012: Jan Lindenau“

  1. Hallo Herr Klanowski,

    wie immer sauber recherchiert und aufgemerkt. Ich finde, der Unterhaltungswert unseres Superflughafens steigt immer weiter und ohne Ihren Blog wäre das alles nur halb so schön (bzw. traurig).

    Aber sollten Sie nicht den Link zur Website „Nein zum Flughafenausbau“ von Ihrer Website löschen? Ich finde es ja schon fast unseriös, wenn jetzt selbst ein Herr Klanowski auf die Lübeck-Seiten verlinkt (Nicht, dass Sie auch noch zum Wendehals werden).

    Nein, Spass beiseite. Machen Sie weiter so!!!

    Gruss
    Roland Wächter

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