Wie die Wolken…

Wie die Wolken, so wandern
Maschinen von einem zum andern
Harter Stahl bricht Dir das Herz

Joachim Witt, „Lust auf Industrie“

Die folgende Geschichte ist verwirrend, und nicht nur, weil sie inkomplett ist. Wollen Sie klare Aussagen, lesen Sie sie bitte gar nicht erst. Es kommt mir vor, als hätte ich eine Kiste mit Puzzleteilen gefunden und auf dem Tisch ausgeschüttet. Das ist noch schwieriger als ein reguläres fabrikneues Puzzle, bei dem es „nur“ darum geht, die Teile zusammenzusetzen. Hier ist aber weder gewiß, daß das Puzzle vollständig ist; noch ist garantiert, daß überhaupt alle Teile zu ein und demselben Puzzle gehören. Ach so: worum geht‘s? Vordergründig um Almania Airlines, die allerneuste Lübecker Fluggesellschaft. Aber eigentlich geht es um um eine Branche, die umso rätselhafter erscheint, je länger man sich mit ihr befaßt.

Fangen wir einfach mit einem Zitat aus den Lübecker Nachrichten an (4. Juni 2013, Lokalteil HL, S. 11).

Mit zunächst einem Flugzeug, […] einem Airbus A 319 (124 bis 159 Sitze), will die Almania Airlines (AA) täglich ab Lübeck zu noch nicht benannten innerdeutschen Zielen abheben. Das bestätigt Siegmar Weegen von der Aviation & Aircraft Assets GmbH in Hamburg, die alleiniger Gesellschafter von Almania Airlines ist. „Ende 2013 oder Anfang 2014 wollen wir den Airbus in Lübeck stationieren“, erklärt Weegen. Geschäftsführer von Almania ist ein alter Bekannter in Blankensee – der frühere Lübecker Flughafen-Chef Dr. Peter Steppe.

Immerhin haben wir damit schon einmal zwei Namen eingeführt: Herr Weegen, derzeit „Head of Airport“ bei Aviation & Aircraft Assets (AAA), zuvor Geschäftsführer des Flugplatzes Egelsbach bei Frankfurt, und Dr. Steppe, Geschäftsführer sowohl von AA als auch von AAA.

Ihre Wege haben sich eventuell schon früher gekreuzt. Das erste, grandios gescheiterte Planfeststellungsverfahren zur Erweiterung der Landewiese wurde von der German Airport Consulting (einem Tochterunternehmen des Hamburger Flughafens) vorbereitet, deren Geschäftsführer Herr Weegen zeitweise war. Und der Geschäftsführer des Lübecker Flughafens war seinerzeit Dr. Steppe.

Nach einigen Umwegen heuerte letzterer als Technikchef bei Hamburg International (HHI) an, einem relativ kleinen Flugunternehmen, das zeitweise auch Lübeck anflog und 2010 Insolvenz anmelden mußte. (Da war man aus Lübeck aber längst wieder weg.)

Ein dritter Name ist schnell eingeführt: Dr. Mohamad Rady Amar, der Ende 2012 das Verschenkungsverfahren um die hiesige Landewiese (und einige weitere Grundstücke) gewann. In der Folgezeit trat Herr Weegen öffentlich als Berater und Sprecher von Dr. Amar auf. Da gibt es zwei Möglichkeiten: er tat das im Auftrag des Steppeschen Beratungsunternehmens AAA – oder aber er hat‘s zum Spaß in seiner Freizeit gemacht. So oder so, unzweifelhaft gibt es hier Beziehungen.

Eben jener Dr. Amar kündigte seinerzeit an, eine eigene Fluggesellschaft namens „Air Lübeck“ vor Ort etablieren zu wollen. Seither hat man nichts mehr davon gehört.

Dockland

In Internetforen als auch in Fachpublikationen werden inzwischen mögliche Verbindungen zwischen AA bzw. AAA und einer Hamburger Reederei diskutiert. Das wird nicht nur damit zu tun haben, daß beide unter der selben Adresse (Van-der-Smissen-Straße 9 in Hamburg) domizilieren. Das Dockland genannte Gebäude dient nämlich als Niederlassung Dutzender von Firmen.

Etwas auffälliger war dann schon, daß AA anfangs als Internet-Mailserver (MX) den Rechner mail.nsc-ship.com verwendete (siehe hier, auf der Seite ganz unten). Und die Telefonnummern…

NSC Holding GmbH & Cie. KG 808053-500
Aviation & Aircraft Assets 808053-588

…sehen nach Nebenstellen ein und der selben Telefonanlage aus.

Spätestens jetzt wird es Zeit für den vierten Namen: Roberto Alejandro Echevarria von Gusovius, Chef des NSC-Firmenimperiums.

Man könnte natürlich vage Hinweise auswerten, wie zum Beispiel den aus der Welt vom 1. Januar 2006:

Echevarria liebt aber nicht nur die Seefahrt. Seine zweite große Leidenschaft ist das Fliegen. Und so besitzt er eine Fluglizenz und darf ein- und zweimotorige Flugzeuge bis zu einem Gesamtgewicht von 5,6 Tonnen steuern.

Zugegeben: das ist sehr dünn und muß gar nichts heißen. Merkwürdiger ist schon, daß man in einigen Firmenverzeichnissen im Internet (die in der Regel automatisch voneinander abschreiben und deshalb nicht unbedingt hundertprozentig korrekt und/oder aktuell sind) auf Einträge wie diesen stößt:

Firmenname: HI Hamburg International Luftverkehrsgesellschaft mbH & Co. Betriebs-KG
Rechtsform: KG
Name: Roberto Alejandro Echevarria von Gusovius
Straße: Van-der-Smissen-Straße
Hausnummer: 9

Und von Hamburg International und deren ehemaligem Technikchef Dr. Steppe war ja weiter oben schon die Rede. (Auf airliners.de wurde darauf hingewiesen, daß HHI ihr Büro schon immer in der Hindenburgstraße in der Nähe des Flughafens Fuhlsbüttel hatte. Dabei wird übersehen, daß das auf die Hl Hamburg International Luftverkehrsgesellschaft mbH zutraf und nicht unbedingt auf die Holdinggesellschaft HI Hamburg International Luftverkehrsgesellschaft mbH & Co. Betriebs-KG. Auf dem Papier wird gerne viel hin- und hergeschoben, wie noch zu zeigen sein wird.)

Also: irgendwie ist da was, aber was? Zum Glück muß man sich nicht auf Vergleiche von Adressen oder Telefonnummern verlassen. Doch dafür muß ich eine Extrarunde drehen (es ginge auch einfacher, aber dieser Umweg hat schon seine Berechtigung.)

Exkurs: Flugzeugfonds

Passagierflugzeuge sind der größte Umsatzbringer für die Emittenten geschlossener Fonds, berichtete die Welt am 21. November 2010. Daran ist also nichts Ungewöhnliches. Es funktioniert so: der Fonds (der typischerweise von einer Bank aufgelegt wird) sammelt Geld von Anlegern ein, mit dem ein Flugzeug gekauft und an eine Fluggesellschaft verleast wird.

So auch beim Fonds Global Transport 02 Aviation, den 2008 ein Hamburger Bankhaus auf 170 Seiten Anlegern anpries, inklusive eines Abschnitts „Über das Fliegen“. Dabei ging es um den Erwerb eines Flugzeugs vom Typ Airbus 319, das dann an HHI verleast werden sollte. Klingt soweit ganz einfach. Ist es aber nicht.

Denn der Verkäufer des Flugzeugs war die Zweite HI Verwaltungsgesellschaft mbH, eine hundertprozentige Tochter der Hl Hamburg International Luftverkehrsgesellschaft mbH & Co. Betriebs-KG. Die Maschine blieb also im Unternehmenskreis, wurde physikalisch nicht einen Millimeter bewegt. Der de-jure-Eigentümerwechsel erzeugte jedoch jede Menge Papier und Geldflüsse. Finden Sie das ebenso merkwürdig wie ich? So ist eben unser Wirtschaftssystem.

Nun sollte man denken, so eine fiktive Verschiebung innerhalb eines Unternehmenskreises bedürfe jedenfalls keiner großen Vermittlung. Weit gefehlt! Es bedurfte sehr wohl eines Vermittlers, der eine planmäßige Vergütung von 2% des Brutto-Verkaufserlöses erhielt (fast 250 000 Euro). Und dieser Vermittler war niemand anders als die NSC Holding GmbH & Cie. KG.

Und jetzt der Kurzschluß

Wie gesagt, ich hätte es mir und Ihnen einfacher machen können – indem ich nämlich gleich erwähnt hätte, daß Roberto Alejandro Echevarria von Gusovius 13% der Anteile an HHI gehalten hat. Aber interessant ist eben, daß HHI nicht alle ihrer neun Flugzeuge (zum Zeitpunkt der Insolvenz) selbst besessen hat, und daß die Maschinen deshalb auch nicht unbedingt zur Insolvenzmasse gehörten. Wie auch immer: sie dürften teilweise bei der Nachfolgegesellschaft Hamburg Airways gelandet sein, teilweise eventuell derzeit auf dem freien Markt herumschwirren – oder irgendwo in der Wüste abgestellt leise weinend auf eine Wiederverwendung warten.

Wo kommt der Airbus 319 her, den Dr. Steppes AA in Lübeck stationieren will? Wem gehört er derzeit? Und wie soll das ganze finanziert werden? Denn daß Dr. Steppe mit etwas Klimpergeld aus der Portokasse des von ihm geleiteten Unternehmens AAA (ob es ihm auch gehört, sei dahingestellt ;-)) beim Hersteller Airbus mal eben eine brandneue Maschine kauft, glaubt wohl niemand ernsthaft. Ich jedenfalls nicht, dann schon eher an eine Wiederverwendung der Restbestände aus dem Unternehmenskreis Hamburg International.

So ähnlich plant das ja auch jemand anders:

Die im vergangenen November gegründete Lübeck Airways [nicht zu verwechseln mit Dr. Amars Air Lübeck] will drei Maschinen vom Typ Embraer (76 Sitze) in Blankensee stationieren und 18 Flüge pro Woche nach Düsseldorf und zu einem Ziel in Süddeutschland anbieten.

Die Maschinen stammen allem Anschein nach aus dem Umfeld der ebenfalls insolventen Cirrus Air. Diese Pläne wurden unlängst noch einmal bestätigt (Lübecker Nachrichten, 4. Juni 2013, Lokalteil HL, S. 11).

Flugzeug-Pingpong

Will man insbesondere im Umfeld der Regionalfluggesellschaften wirklich mit Flugzeugen Geld verdienen, indem man Passagiere von A nach B befördert – oder sind die Maschinen vielmehr bloße Finanzvehikel; Spielbälle im virtuellen Ping-Pong zwischen Banken, Fonds und Unternehmen samt ihrer eigens für diese Sportart gegründeten Tochterunternehmen („765. Vermögensverwaltungsgesellschaft mbH“), in der Flugzeuge lediglich auf dem Papier hin- und hergeschoben werden, und jede dieser Scheinbewegungen jedesmal aufs neue Geldströme erzeugt – ganz legal, versteht sich?

Welch‘ Wunder, daß die Kisten ab und an auch noch tatsächlich fliegen. Die Branche jammert, keiner verdient richtig Geld – aber versucht wird‘s trotzdem immer wieder.

Von den 195 europäischen Regionalfluggesellschaften, die in den letzten fünf Jahren existierten, überlebten nur noch 130. […] Doch bei neu gegründeten Regionalairlines ist die Sterberate noch viel höher. Von den 42 in den letzten fünf Jahren neu gegründeten Anbietern gaben 22– mehr als die Hälfte – wieder auf.

aeroTELEGRAPH, 22. März 2013

Übrigens: der Artikel erwähnt auch Maastricht Airlines. Die ging erst kürzlich in die Insolvenz (das macht dann schon mal 23), ohne je einen Flug absolviert zu haben.

Die Fluglinie wurde von der Stadt Maastricht und von der Provinz Limburg mit insgesamt 335.000 Euro subventioniert, weil man sich Verbesserungen auf dem regionalen Arbeitsmarkt erhoffte. Jetzt sucht man dringend nach einem neuen Hauptinvestor.

Wie immer. Finanzprofis und naive Provinzpolitiker. Berater und naive Investoren. Der traurige Ausgang dieses Spieles ist jedesmal aufs neue vorhersagbar.

Nur eines ist sicher: irgendwer verdient daran, sonst wäre der absurde Spuk längst vorbei.