Null-Ereignisse in Null-Medien

Steht denn eigentlich nur noch gequirlte PR-Scheiße (pardon, das mußte sein) in der sogenannten deutschen Qualitätspresse? Und ich meine hier mal nicht das hiesige Monopolblatt – da muß ich erst die Druckausgabe abwarten. Was für ein Null-Ereignis! „Ryanair Fluggast Nr. 5.555.555 in Lübeck“. Meine Fresse. Sind noch Kartoffelchips da?

Irgendeinem gelangweilten Praktikanten bei der Deutschen Presseagentur ist dieser Dünnschiß aus Versehen durchgerutscht und findet sich nun in „Qualitätszeitungen“ in der halben Republik – mal mehr, mal weniger ausführlich. So ein Mist wird tatsächlich gedruckt?

Das reiht sich nahtlos ein in früheren Reissack-In-China-umgekippt-Blödsinn wie diesen:

…und so weiter, und so weiter. Nichts gegen faktuelle Berichterstattung über Passagierzahlen – aber sowas ist nur noch Hund ganz hinten. (Kommt Beatrix eigentlich wieder zu Sylvester nach Lübeck?)

Abseits der Null-Medien: wenig mehr

Selbst in die, sagen wir mal großzügig, Fachpresse verirrt sich der Blödsinn. Etwas detaillierter, aber nicht ohne Fehler. „Am Flughafen Lübeck lässt der große Ansturm auf sich warten“, titelt airliners.de durchaus korrekt, und berichtet:

Nach der Privatisierung von Lübeck-Blankensee gab es mehrere Initiativen zur Gründung von Regionalfluglinien, die aber alle mit Startschwierigkeiten zu kämpfen haben.

Na gut, das hat man aber schon irgendwie gemerkt, daß den großspurigen Ankündigungen bisher keine Taten gefolgt sind. Dann das übliche:

Wir führen ständig Gespräche mit Fluglinien und Reiseveranstaltern,

wird der Flughafengeschäftsführer zitiert. Geschenkt; das hört man doch seit Jahren. Resultate? Hoffentlich keine, im Sinne der Flughafenanwohner.

Gravierender sind Falschaussagen im Artikel wie diese:

Der ehemals städtische Flughafen war nach langem politischen Streit Ende 2012 vollständig privatisiert worden. Der neue Eigner, die Firma 3 Y Logistic und Projektbetreuung GmbH, deren Geschäftsführer Rady Amar ist, will in den nächsten Jahren 20 Millionen Euro in den Flughafen investieren.

Der Reihe nach: der Flughafen ist keineswegs vollständig privatisiert worden. Der neue Betreiber (nicht Eigner) ist auch nicht die Firma 3Y, sondern ein Ableger namens Yasmina Flughafenmanagement. Sie ist die Betreiberin des Flughafens, und zwar im Auftrag der Trägerin Hansestadt Lübeck, die außerdem das eigentliche Flughafengrundstück sowie Teile der Infrastruktur besitzt und lediglich verpachtet.

Ja, das ist kompliziert, und all diese Purzelbäume sind deswegen nötig, um die Rückzahlung früher gewährter stattlicher staatlicher Subventionen zu vermeiden. Wobei es übrigens sein könnte, daß die eventuelle Rückzahlung vom aktuellen Nutzer der Infrastruktur zu leisten wäre, also von der Yasmina Flughafenmanagement.

Eine vollständige Privatisierung (inklusive aller Risiken) sähe ganz anders aus. Im Moment muß die Stadt offenbar immer neue Konstrukte erfinden, um den „Investor“ von allen möglichen Risiken freizuhalten – selbst auf Kosten hoher Abschreibungen im eigenen Haushalt.

Aber so etwas wird eben gerne mal übersehen und führt dann zu Kommentaren wie dem von „malehrlich“, der zu recht folgendes beklagt: In Kassel-Calden sei

eine Fehlinvestition mit öffentlichen Geldern im grossen Stil gemacht worden 271 Mio. Euro! Dieser unnütze Flughafen wird dann auch noch mit mehr als 10 Mio. Euro subventioniert – über bestimmt noch 10 – 15 Jahre zusätzlich zu den Baukosten und ohne Aussicht auf Wirtschaftlichkeit!

Lübeck-Blankensee lobpreist er hingegen als Beispiel einer gelungenen Privatisierung und wünscht viel Glück – offenbar in Unkenntnis der aktuellen Lage und erst recht der Vorgeschichte, die vielleicht nicht ganz so teuer war. Aber deutlich über 100 Mio. Euro werden Stadt und Land seit den fünfziger Jahren schon in die hiesige Landewiese gepumpt haben.

Und die Zahl von 20 Millionen Euro, die angeblich investiert werden sollen, hat sich nach dem Stille-Post-Prinzip verselbständigt. Da wurde eben mal von interessierter Seite Blödsinn erzählt und eilfertig von allen nachgeplappert. Die 20 Millionen stehen in einem von einer Bank ausgestellten Umsatz(!)nachweis, den „Investor“ 3 Y bzw. im Rahmen der Flughafenverschenkung vorlegte. Das hat nichts mit Gewinnen oder liquiden Mitteln zu tun, und Betreiber ist außerdem eben nicht 3 Y, sondern eine Tochtergesellschaft und somit nicht die selbe juristische Person.

Hinzu kommt, daß man für die Umsetzung des Planfeststellungsverfahrens (die man angeblich weiterhin anstrebt) deutlich über 60 Mio. Euro aufwenden müßte. Da sind die 5,5 Mio. Euro an neuen Subventionen, die die Stadt zugesagt hat, allerdings eher mager. Wie das alles zusammenpaßt, hat bisher niemand schlüssig erklären können. Der „Investor“ schon gar nicht.

Zurück in heimische Gefilde

Natürlich wird der ganze PR-Müll auch ohne weitere Recherche auf HL-Live verbraten, aber immerhin sind die Leser-Kommentare interessant.

Da setzt man die in den letzten Jahren versenkten 50 Milliönchen Euronen in Bezug zur Passagierzahl und kommt zu dem Schluß, daß jedes Ryan- oder WizzAir-Ticket alleine von der Stadt mit 10 Euro pro Stück subventioniert wurden. (Der wahre Betrag dürfte deutlich höher liegen; bei den 50 Millionen handelt es sich lediglich um die von der Stadt übernommenen Verluste der Landewiese seit 2004, exklusive Marketingzuschüsse für Ryanair usw.; ebensowenig sind Subventionen des Landes Schleswig-Holstein enthalten.)

Hinzuzufügen bliebe: kassiert haben das Geld natürlich nicht die Passagiere, sondern letztlich die derart geförderten Fluggesellschaften.