Ausbau-Märchen – Die Fortsetzung

Ryanair und der Boß dieser Fluggesellschaft erzählen viel, wenn der Tag lang ist. Meistens war das Public-Relations-Müll, mit dem man auf Biegen und Brechen in die Medien kommen wollte. Da durfte man also gespannt sein, was hinter der jüngsten Ankündigung Ryanairs steckt, künftig auch größere Flughäfen anzufliegen (mit Ausnahme von London-Heathrow, Paris-Orly und Frankfurt am Main; die sind dann wohl doch etwas zu groß und haben zu lange Abfertigungszeiten). Wieder nur Bla-bla, um die Konkurrenz zu irritieren?

Augenscheinlich nicht. Man hat bereits damit angefangen, und damit dürfte irgendwann auch Hamburg-Fuhlsbüttel ins Visier der Iren geraten. Was wird dann aus der knuffigen Ryanair-Landewiese in Lübeck-Blankensee?

aero.de berichtete am 28. November 2013:

Bei Ryanair zeichnet sich ein strategischer Richtungswechsel ab. Künftig will der Lowcostcarrier ‚zweigleisig‘ fliegen, für Privatkunden billig ab Sekundärflughäfen, im Geschäftsverkehr günstig ab den großen Hubs. Mit seinem Angebot preiswerter Zubringer für Alitalias Langstrecken ab ihrem Hub Rom-Fiumicino holte sich der Carrier allerdings eine erste Abfuhr. Alitalia habe eigene Pläne, „wir können mit den Preisen der LCC [dt.: Billiglieger] durchaus mithalten“, erklärt Alitalia.

Und am Tag zuvor hieß es:

„Wir haben viele Pläne für die Hauptflughäfen in Deutschland“, sagte er. Konkrete Angaben machte er [Ryanair-Boß Michael O‘Leary] nicht.

Bislang ist Ryanair auf zwölf deutschen Flughäfen vertreten, darunter Weeze bei Düsseldorf oder Memmingen bei München. Auch an diesen Standorten wolle die Fluglinie weiter wachsen, sagte O’Leary.

Bei aero.de klingt es danach, als ob sich Ryanair einfach ein zweites Standbein schaffen wolle: zusätzliche Angebote, gerne etwas teurer, weil für Geschäftsreisende, und das von etablierten Flughäfen. Dabei würde das bisherige Geschäft wie gewohnt weiterlaufen.

AnnaLyse

Aber eine etwas genauere Analyse von anna.aero zeigt, daß man zumindest aus den bisherigen Schritten Ryanairs noch keine klare Strategie ableiten kann. Zusammengefaßt:

The new Ryanair bases in Rome and Brussels Zaventem mark a striking change in strategic network planning. Normally new Ryanair routes face no direct competition, as one or both airports involved are usually secondary airports, whereas nine of the 10 routes from Brussels are directly competed.

Ryanair hat also Basen auf den Hauptflughäfen in Rom und Brüssel eingerichtet, und bedient zumindest im letztgenannten Fall in neun von zehn Fällen Verbindungen, die dort bereits von Wettbewerbern angeboten werden – höchst unüblich für Michael O‘Leary‘s Flying Circus. Ein Versuchsballon? Gut möglich, aber klappen könnte es trotzdem.

Für Provinzflughäfen wird‘s wohl noch teurer

Was lernt die hiesige Landewiese daraus (wenn sie was lernt) ?

  • Hamburg-Fuhlsbüttel ist ab sofort nicht mehr tabu für Ryanair.
  • Auch die Tatsache, daß ab Hamburg bereits etliche Billigflieger starten, ist nicht notwendigerweise ein Grund für Ryanair, den dortigen Flughafen zu meiden, selbst wenn Konkurrenten die selben Ziele anbieten wie Ryanair (siehe Brüssel).
  • Das bedeutet nicht automatisch das Aus für Ryanair-Flüge ab Lübeck, doch auf jeden Fall kann man davon ausgehen, daß nicht jede neue Fluglinie Ryanairs von und nach Norddeutschland in Lübeck (oder Bremen) eingerichtet werden wird.

Sehr blöd gelaufen

Gerade die Provinzfürsten außerhalb der großen Städte mit etablierten Flughäfen sollten sich jetzt fragen, was es ihnen gebracht hat, über ein Jahrzehnt lang Ryanair Geld in den Hintern geblasen zu haben. Was für genialer Schachzug übrigens: für eben jene Provinzfürsten wird es in Zukunft noch schwieriger bzw. teurer, Ryanair im eigenen Beritt zu halten.

anna.aero faßt es treffend zusammen:

A lot of airport bosses across Europe with Ryanair flights will suddenly be doublechecking the agreements they have with the airline to see what it says regarding capacity/frequency/network commitments, over the coming seasons. As Ryanair has demonstrated many times over the years, it has no qualms about shifting capacity between airports, as and when it feels the need to.

Viele Flughafenbosse in Europa (staatlich subventioniert oder nicht) werden sich jetzt plötzlich ihre Verträge mit Ryanair genauer ansehen müssen in Hinsicht auf die Verpflichtungen, die die Fluggesellschaft tatsächlich eingegangen ist. (Hätten sie es mal vorher getan!!1) Ich möchte ergänzen: sie sollten auch untersuchen, welche Sanktionen bei Nichterfüllung gegenüber Ryanair greifen – ich vermute, keine.

Und halbwegs wörtlich:

Wie Ryanair vielfach in den letzten Jahren demonstriert hat, hat man keinerlei Skrupel, Kapazitäten zwischen Flughäfen hin- und herzuschieben, sollte man das für nötig halten.

Aber das ist wie gesagt nichts neues. Damit muß jeder Flughafen, der Ryanair als „Hauptkunden“ hat, rechnen. Das hat übrigens auch der gestern erwähnte Luftfahrtexperte Cord Schellenberg schon immer gesagt. Damit wir uns nicht mißverstehen: das meiste, was ich bisher von ihm gehört habe, war völlig korrekt. Zum Beispiel das hier:

Luftfahrtexperte Cord Schellenberg empfiehlt: „Lübeck braucht starke Airlines neben Ryanair, sonst funktioniert das Geschäft nicht.“ Mit Hamburg habe Lübeck schließlich einen hochattraktiven Flughafen in der Nähe.

LN, 7. September 2009

 Ja, eben! Doch Lübeck wäre durchaus auch ohne Ausbau leistungsfähig. (Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich will nicht mehr Flugverkehr ab Lübeck, ganz im Gegenteil. Von mir aus kann die Landewiese sofort dichtmachen. Nur sehe ich die Widersprüche zwischen dem Planfeststellungsverfahren von anno dunnemals, aktueller Entwicklung und angekündigten Planungen sowie Experten-Äußerungen.)

Zu komisch, daß man von der neuen Flughafen-Geschäftsführung in Lübeck zu diesen und anderen Themen inzwischen gar nichts mehr hört. Seit dem Abgang des stets redseligen Ex-Geschäftsführers Friedel, der allerdings auch nicht immer glücklich agiert hat, scheint man an der Blankenseer Straße – für einen Flughafen höchst ungewöhnlich und eher von U-Booten gewohnt – auf Tauchstation gegangen zu sein.

Wir warten immer noch gespannt auf das große LN-Sonntagsinterview mit dem neuen Geschäftsführer Weegen, das hoffentlich etwas aussagekräftiger ausfällt als das nichtssagende Geplänkel neulich im „Hansemarkt“ (links oben auf der Seite), das Herr Weegen vermutlich dem Flughafen-Afficionado Alexander von Steenbeck, neuerdings Redakteur des Reklameblättchens, in die Feder diktiert hat und das nichts als unverbindliche Allgemeinplätze enthält.

Substantielle Äußerungen des neuen Flughafen-Geschäftsführers sind bislang nicht überliefert. Keine Aussage ist auch eine Aussage.