Wundersames aus der Welt der Glasfaser

Presseberichten zufolge, die sich übrigens praktisch ausschließlich auf Angaben der Verwaltung stützen, ist südlich des Flughafens die Errichtung einer Glasfaserfabrik geplant. Bislang richtete sich die Aufmerksamkeit der interessierten Öffentlichkeit vor allem auf einen 46 Meter hohen Turm und seine Auswirkungen auf den Flugverkehr und die Umwelt. Übersehen wurden weitere Auswirkungen, die die Ansiedlung einer Glasfaserproduktion mit sich ziehen kann. Hier ein Ausblick auf das, was kommen könnte.

Erst hat er den defizitären Airport in Blankensee gekauft [geschenkt bekommen wäre zutreffender-P.K.], jetzt will Prof. Mohamad Rady Amar im Gewerbepark am Flughafen ein Glasfaser-Kabelwerk errichten. In der Fabrik sollen Glasfasern für die Telekommunikation produziert werden. … Markantestes Gebäude des Glasfaser-Kabelwerks wird ein 42 Meter hoher Turm im östlichen Teil des Gewerbeparks sein. Die erhitzten Glasfasern sollen sich durch Schwerkraft in die Länge ziehen.

Lübecker Nachrichten, 30. April 2013

Glasfaserherstellung
Quelle: U.S. Environmental Protection Agency; Lizenz: Public Domain

Das ist auch schon alles, was derzeit öffentlich bekannt ist. In den Unterlagen zum Bebauungsplan findet sich lediglich ein einziges Mal ein Wort mit dem Bestandteil „Glasfaser“, nämlich „Glasfaserkabelwerk“, und das auch nur in Klammern. Fast hat es den Anschein, als wolle man – Verwaltung und/oder Investor – jede Festlegung vermeiden (die dann weitere Untersuchungen der zu erwartenden Luftschadstoffe erforderlich machen könnte). „Amtliche“ Details gibt es also nicht. Konkret erwähnt wird einzig ein Blockheizkraftwerk (BHKW) mit einer Leistung von 10 Megawatt für das gesamte Gewerbegebiet.

Glasherstellung

Große Mengen an Glas werden in kontinuierlich betriebenen Wannen hergestellt, die in der Regel mit Gas oder Öl beziehungsweise einer Mischung der beiden Brennstoffe befeuert werden. Zusätzlich kann eine elektrische Heizung installiert sein. Kleinere Wannen können auch ausschließlich elektrisch beheizt werden.

Umweltbundesamt, „Glas- und Mineralfaserindustrie“ (Hervorhebung P.K.)

Weiter heißt es dort:

In der Glaswanne wird das Gemenge abhängig von der entstehenden Glasart bei einer Temperatur zwischen 900 und 1600 Grad Celsius geschmolzen. … [Damit] gehört die Glasherstellung zu den energieintensiven Herstellungsprozessen. Entsprechend hoch sind auch die energiebedingten CO2-Emissionen und durch die hohen Schmelztemperaturen auch die NOx-Emissionen. Weiterhin treten Staubemissionen sowie je nach verwendetem Heizöl SOx-Emissionen auf.

Es gibt Möglichkeiten zur Reduzierung durch entsprechende Maßnahmen, die allerdings Geld kosten dürften. Natürlich stellt sich hier die Frage, ob ein BHKW den Energiebedarf einer Glasfaserfabrikation decken kann – und ob das überhaupt vorgesehen ist. (Das wird jedenfalls nirgendwo explizit erwähnt.) Die erzeugte Heizungswärme dürfte kaum die nötige Temperatur haben, um Glas zu schmelzen, und elektrische Beheizung kommt laut Umweltbundesamt bestenfalls als Ergänzung oder für kleinere Anlagen in Frage. (Es ist derzeit nicht bekannt, ob die geplante Anlage dazuzurechnen ist; inoffizielle Ankündigungen sprechen eher gegen eine kleine Anlage.) Daher scheint es möglich, daß die geplante Fabrik zusätzlich eine gas- oder ölbetriebene Heizung für die Glasschmelze benötigen wird, die eigene Abgase erzeugt.

Textilglasfasern

Hergestellt werden sollen offenbar sog. Textilglasfasern.

Textilglasfasern (Endlosfasern) besitzen einen annähernd gleichmäßigen, meist runden Querschnitt. Sie sind verspinnbar und finden Anwendung als Dämmmaterial, in textilen Materialien, als Verstärkung von Kunststoffen, Gummi, Papier, Bitumen, Gips oder als Lichtleiter („Glasfaser“).

Bayerisches Landesamt für Umwelt, „Künstliche Mineralfasern“

Bei Textilglasfasern könnte eine ganz spezielle Art vom Emissionen hinzukommen.

Bei dem Spinnprozess kommt es zur elektrostatischen Aufladung der Glasfasern, was aufgrund der weiteren Verarbeitung des Materials zu einem textilen Glasfaserband vermieden werden muss. Prozessbedingt kann dies nur durch den Einsatz eines Glykol-Luft-Gemisches in feinstverteilten Tröpfchenaerosolen erreicht werden, mit dem die Fasern während des Spinnprozesses benetzt werden. Über den Maschinenumwind gelangen die Aerosole in die Abluft, welche erfasst und abgeführt wird.

Für die Reinigung der Abluft … gibt es auf Grund der speziellen Eigenschaften des Aerosols bislang noch keine brauchbaren Abscheidemöglichkeiten und die Umwelt wird durch Geruchsbelastung, nebelartiger Lufttrübung und „schmierigem“ Niederschlag entsprechend belastet.

Reduzierung der Emission von Gesamtkohlenstoff insbesondere Glykol in der Abluft der Glasfaserherstellung, Abschlussbericht AZ UBA: 50 441-16/2 (Bericht im Auftrag des Umweltbundesamts)

Der Bericht (veröffentlicht 2005) beschreibt eine mögliche Abscheidemöglichkeit, die einem thüringischen Glasfaserwerk erprobt wurde. Unbekannt ist, ob die Methode inzwischen in dem Werk (oder andernorts) überhaupt angewandt wird.

Festhalten kann man jedenfalls, daß zumindest bei bestimmten Arten der Textilglasfaserproktion erhebliche Mengen an Glykol benötigt werden und u.U. in die Umwelt gelangen. In dem untersuchten Fall betrug der Glykolbedarf für die Produktion rund 7 Tonnen im Jahr, was die Größenordnung des Problems erahnen läßt. Im Lübecker Fall, wenn denn Glykol freigesetzt werden würde, ist zu erwarten, daß der „schmierige Niederschlag“ teilweise auch im ohnehin schon vorbelasteten Blankensee landen würde – und in der bewohnten Umgebung sowieso. Die Anwohner werden begeistert sein.

Abstand halten!

Das ist noch nicht alles. Das Land Nordrhein-Westfalen regelt in einen Abstandserlaß „Abstände zwischen Industrie- bzw. Gewerbegebieten und Wohngebieten im Rahmen der Bauleitplanung und sonstige für den Immissionsschutz bedeutsame Abstände“. Für die Glasherstellung werden mindestens 500 Meter Abstand gefordert:

Ausschlaggebend für die Festlegung des Schutzabstandes sind im wesentlichen die Geräuschemissionen, die durch die Öfen, Förder- und Gebläseanlagen und den Freiflächenverkehr verursacht werden und wegen des in Glashütten dieser Art üblichen Nachtbetriebs von besonderer Bedeutung sind. Auf einen Schutzabstand von 500 m kann deshalb bei der fabrikmäßigen Herstellung von Glas nicht verzichtet werden.

Ministerium für Klimaschutz, Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz des Landes Nordrhein-Westfalen, „Immissionsschutz in der Bauleitplanung“ (Hervorhebung P.K.)

Merkwürdigerweise sind dort Anlagen zur Herstellung von Glasfasern, die für medizinische oder fernmeldetechnische Zwecke bestimmt sind, von der Regelung ausgenommen, was sachlich nicht begründet wird und vermutlich wirtschaftlich motiviert ist – für sie wird in der Tat gar kein Mindestabstand festgelegt. Es ist unklar, wieso solche Anlagen weniger Lärmemissionen verursachen sollen. Lediglich die Verarbeitung von Altglas(scherben) als Rohstoff scheidet bei der Herstellung optisch hochwertiger Glasfasern für die Telekommunikation aus.

Das ist hier letzlich unerheblich, denn leider gibt es einen solchen Abstandserlaß in Schleswig-Holstein m.W. nur für Windkraftanlagen. Doch zum Vergleich: die geplante Blankenseer Glasfaserfabrik befindet sich lediglich in 300 Metern Entfernung zum nächstgelegenen Wohngebiet.

Inoffiziell wird schon mal gesagt, daß alles ganz harmlos sei: die geplante Glasfaserfabrik erhielte etwa fußballgroße Glaskugeln als Ausgangsprodukt, und die würden dann zwecks Weiterverarbeitung eingeschmolzen. Aber woher kommen die Glaskugeln? Werden sie quer durch die Republik oder gar aus dem Ausland herangekarrt? Selbst wenn das wirtschaftlich sein sollte, erzeugt das Verkehrslärm und zusätzliche Abgase.

Einen Hinweis, daß diese Glaskugeln wohl doch eher vor Ort aus anzuliefernden Rohstoffen angefertigt werden sollen, was vor Ort noch mehr Verkehr erzeugen würde, gibt ein Artikel in den Lübecker Nachrichten:

Das Glasfaser-Kabelwerk wird Hallen für die Vorfertigung, für die Lagerung und für die eigentliche Herstellung haben.

LN Druckausgabe, Lokalteil HL, 1./2.Mai 2013, S. 13 (Hervorhebung P.K.)

Fiese Fasern?

Zu guter Letzt ist auch die Verarbeitung von Glasfasern nicht unproblematisch, und das betrifft auch „Endlosfasern“, die ja doch irgendwann einmal geschnitten werden müssen. Dabei entsteht Faserstaub.

Derzeit gibt es keine präzise und wissenschaftlich ausreichend begründete Definition der Faktoren, die eine kanzerogene [krebserzeugende] Wirkung von Fasern ausmachen. Allerdings hat man Hinweise auf die krebserzeugende Wirkung von Fasern mit kritischen Abmessungen. Zusätzlich müssen die Fasern ausreichend biobeständig sein. Die für die Tumorauslösung notwendige Mindestbeständigkeit ist jedoch nicht bekannt. Die verschiedenen Verweilzeiten der Fasern im Organismus werden auch als Folge der jeweiligen chemischen Zusammensetzung der Fasern angesehen. …

Bisher reichen die toxikologischen Untersuchungen nicht aus, um für den Menschen die krebserzeugende Wirkung von KMF [künstlichen Mineralfasern] eindeutig zu bestätigen oder zu widerlegen. Allerdings wurde im Tierversuch für fast alle anorganischen Fasern eine kanzerogene Wirkung nachgewiesen. Daher werden auch alle anorganischen Fasern als für den Menschen krebsverdächtig angesehen …

Bayerisches Landesamt für Umwelt, „Künstliche Mineralfasern“

Ach so, nichts genaues weiß man nicht. Wie beruhigend! Davon abgesehen, erzeugt Glasfaserstaub unzweifelhaft Reizungen der Atemwege, der Augen und der Haut.

Zusammenfassend: Kohlendioxid, Stickoxide, Schwefeloxide, Glykol und schmieriger Regen, Lärm durch Öfen, Förder- und Gebläseanlagen (rund um die Uhr) und unklares Krebsrisiko durch Glasfaserstaub. Möglicherweise. Das sind keine Prophezeiungen, sondern Warnhinweise.

Aber die zu erwartenden Arbeitsplätze rechtfertigen das Risiko doch sicherlich, oder?

Wundersame Vermehrung der Arbeitsplätze

Im ersten Schritt sollen 130 neue Arbeitsplätze entstehen. „Im Endausbau soll das Werk auf 300 Arbeitsplätze erweitert werden“, erklärt Bürgermeister Saxe …

Lübecker Nachrichten, 30. April 2013

Dem Bericht zufolge wollte der Investor „bislang seine Glasfaserfabrik in der Nähe von Bonn bauen“, was frühere Presseberichte bestätigen. Aber da hieß es noch:

Die Firma „3Y“ will hier künftig Glasfaserkabel herstellen und verlegt eine Produktionsstätte von London nach Troisdorf. „Anfänglich entstehen dort 40, später noch einmal 60 Arbeitsplätze“.

Kölner Stadtanzeiger, 14. April 2011

Kennen Sie die Geschichte von dem Angler, dessen Fang je größer wird, desto öfter er die Geschichte erzählt (hier gleich ein Faktor von drei)? Demzufolge hat die Hansestadt Lübeck wohl gerade einen ausgewachsenen Wal am Haken. So jedenfalls das Anglerlatein der hiesigen Verwaltung, die ihre Fischfangqualitäten allerdings nicht zum ersten Mal gnadenlos überschätzen würde.

Zum Vergleich: 2012 gab es in Deutschland 33 glasfaserherstellende Betriebe mit insgesamt 3.638 Beschäftigten, also rund 110 pro Betrieb. (Glasindustrie in Deutschland – Branchenreport 2013 – Informationsdienst des IMU Instituts – Heft 3/2013). Wie realistisch die vom Herrn Bürgermeister herausposaunte Beschäftigtenzahl von 300 in Blankensee ist, vermag ich nicht zu beurteilen. Es würde jedenfalls auf einen untypisch großen Betrieb mit dann wohl entsprechend umfangreichen Schadstoff- und Lärmemissionen hindeuten.

Arbeitsplatzunintensiv

Sonderlich arbeitsintensiv ist die Branche nicht, wie sie selbst zugibt. Sie wundert sich gerade deswegen über Konkurrenz aus Fernost:

Die europäischen Hersteller von Glasfasern wollen sich gegen die Billigkonkurrenz aus Asien wehren. Sie haben die Behörden der Europäischen Union aufgefordert, die Zölle auf China-Importe anzuheben. Massive Subventionen von der chinesischen Regierung hätten den dort ansässigen Produzenten ermöglicht, die Preise in Europa zu unterbieten, hieß es zur Begründung. Das bedrohe die Zukunft der Branche.

GlassFibreEurope, eine von Konzernen wie Owens Corning und dem deutschen Spezialchemieunternehmen LANXESSAG angeführte Gruppe von europäischen Herstellern, hat Beschwerde bei der EU-Kommission eingereicht. Sie beantrage eine Untersuchung dieser Subventionen, teilte der Verband mit.

Dow Jones Newswires, 26. November 2013

Normalerweise profitiert die Konkurrenz aus China von den billigeren Löhnen vor Ort, doch das sei hier dem Bericht zufolge eben nicht der Fall:

„Sie haben keinen komparativen Vorteil“, sagte Axel Jorns, Generalsekretär des Verbands. „Die Branche ist nicht arbeitsintensiv, sie ist kapitalintensiv.“

Also, das merken wir uns jetzt aber mal. Glasfaser: Kapital statt Arbeit. Sehr interessant.

Eine Antwort auf „Wundersames aus der Welt der Glasfaser“

  1. Hallo Herr Klanowski,
    Mit Interesse lese ich regelmäßig Ihre Beiträge über unseren Lübecker / Grönauer „Regionalflughafen“. Auch wir sind gespannt, wie es mit unserem gemeinsamen Sorgenkind weitergeht.
    Heute waren zur Abwechselung kleine bunte Flugzeuge am Himmel zu bewundern. Für Nikolausi zu spät und für den Weihnachtsmann ein bißchen zu früh.
    Wir haben aber die Hoffnung, dass die Piloten wenigstens einen Abstecher auf den lübschen Weihnachtsmarkt gemacht haben ( mit Übernachtung ) und die Lübecker Wirtschaft ankurbeln. Es soll sogar schon eine LH- Flugschulencrew dort gesichtet worden sein:)

    Frohe Weihnachtstage

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