Aktenzeichen FR … ungelöst

Die fieberhafte Suche nach verschwundenen Ryanair-Flugzeugen hat sich mittlerweile auf halb Europa ausgedehnt. Täglich erreicht die Europol-Soko MOL-666, die die Ermittlungen übernommen hat, neue Meldungen über spurlos verschwundene Maschinen, die an notleidenden Flugplätzen dringend fehlen. Dort herrscht schiere Verzweiflung; man hofft, daß die Flugzeuge später vielleicht wieder auftauchen. Noch mehr Rätsel gibt Europol aber das plötzliche und unerwartete Auftauchen verschwunden geglaubter Ryanair-Flugzeuge aus heiterem Himmel an anderen Orten auf. Die unschuldigen Opfer können sich an nichts erinnern – Filmriß. Selbst hartgesottene Ermittler stehen vor einem Rätsel. Was geht da vor?

Aber Sati(e)re beiseite: weiter geht die Umverteilung von Ryanair-Maschinen. Auch andere Meldungen legen nahe, daß ein baldiges Ende der früheren Flughafen-Blase bevorsteht. Passend dazu: Infratil verkloppt europäische Flughäfen. Und: Leere an der Landewiese.

Zunächst bestätigt die hiesige Monopolpresse, daß die Verbindung von „Hamburg“-Lübeck nach „Stockholm“-Skavsta eingestellt wird, und zwar (das ist neu) schon zum 10. Januar.

Flugzeuge verzweifelt gesucht

Grund für das Linien-Aus nach Stockholm sind fehlende Flugzeuge. „Das betrifft nicht nur Lübeck, sondern auch alle anderen Städte“, erklärt [Ryanair-Sprecherin] Schmidt. Die Flotte besteht aus 305 Boeing 737-800 – und wird erst ab 2015 aufgestockt. Bis dahin fliegt Ryanair auf Sparflamme.

LN 19. Dezember 2013, Druckausgabe, Lokalteil HL, S. 15

Ach ja? Wie schon mal dargelegt mit 290 statt mit 305 Flugzeugen. So recht überzeugen kann die Begründung daher nicht. Schon gar nicht, weil man (wer erzählt es Ryanair?) Flugzeuge heutzutage auch von anderen Anbietern leasen kann. Ja, ehrlich, das gibt‘s! Kein Personal vorhanden? Kein Problem, das gibt‘s bei der „wet lease“ gleich dazu. Könnte Ryanair doch machen, aber vermutlich rechnet sich das nicht. Wobei wir wieder bei der Wahrheit wären: Grund für die Verschiebungen der Verbindungen sind knallharte wirtschaftliche Gründe und nicht „fehlende“ Flugzeuge – das ist wohl der absurdeste Unsinn, den je eine Fluggesellschaft von sich gegeben hat.

Der Fall Skavsta

„Stockholm“-Skavsta ist übrigens ein sehr interessanter Fall. In den letzten Jahren war die Verbindung von/nach Lübeck nur sehr schlecht ausgelastet (Durchschnitt Januar-September 2013: rund 55%), so daß es verwundern mußte, wieso Ryanair sie nach wie vor bediente. Mit halbvollen Maschinen macht kein Billigflieger Profit. Meine Vermutung, es seien kräftig Subventionen geflossen, wird dadurch unterstützt, daß die Linie nach fast genau zehn Jahren eingestellt wird – das riecht nach einem dieser Zehn-Jahres-Verträge. Offen bleibt, wer die Subventionen gezahlt hat. Es könnten natürlich auch die Schweden gewesen seien.

Nun auch Hahn…

Die bisher bekannten Ryanair-Kürzungen (die schon mehr als 15 Maschinen umfassen dürften und eher eine Verlagerung an profitablere Flughäfen darstellen dürften) sind keineswegs die einzigen. Nach „Hamburg“-Lübeck traf es „Karlsruhe“-Baden-Baden, „Magdeburg“-Cochstedt und etliche Flughäfen in Schweden.

Damit nicht genug.

Der wichtigste Kunde am angeschlagenen Flughafen Hahn, Ryanair, speckt seinen Flugbetrieb im Hunsrück deutlich ab. Die irische Billigfluglinie werde 2014 weniger Flieger in ihrer Flotte haben als noch im Jahr zuvor, davon sei auch der Hahn betroffen, teilte der Flughafen heute mit. Im Hunsrück werden im Sommer statt bisher neun nur noch sechs Maschinen stationiert sein. Das bedeute ein Minus bei den Verkehrszahlen für das Gesamtjahr im Vergleich zu 2013 um knapp 15 Prozent (300.000 Passagiere).

airliners.de, 18. Dezember 2013

… und Maastricht und Weeze?

Wer glaubt, es handle sich um ein spezifisch deutsches Problem (Luftverkehrsabgabe), sollte zur Kenntnis nehmen, daß Ryanair seine gerade erst vor einem Jahr eingerichtete Basis in Maastricht-„Aachen“ schon wieder auflöst („Budget airline Ryanair to close Maastricht base“, DutchNews, 17. Dezember 2013).

Wittert da die nahegelegene Konkurrenz, womöglich der Flughafen Weeze, etwa Morgenluft? (Mehr als 40 Prozent der Passagiere in Weeze sind Niederländer.) Man sollte sich dort nicht zu früh freuen.

Am Airport Weeze geht die Sorge um, dass das Flugangebot zum Frühjahr erheblich ausgedünnt werden könnte. Von bis zu 18 Verbindungen, die derzeit im Flugplan stehen, aber noch nicht buchbar sind, ist die Rede. Anders als angekündigt ist der Sommerflugplan noch immer nicht komplett freigeschaltet.

RP-Online, 19. Dezember 2013

Der WDR berichtete am 19. November 2013:

Am niederrheinischen Flughafen Weeze sorgte am Montag (18.11.2013) eine Meldung für Unruhe: Ryanair wolle eine neue Basis in Amsterdam errichten. Offenbar war dies zwischenzeitlich tatsächlich geplant, bestätigte der dortige Flughafen. Bei Ryanair schweigt man zu dem Thema. …

Eine konkrete Aussage gibt es dann aber doch von Ryanair-Pressesprecherin Schmidt zum Flughafen am Niederrhein: „Wir haben keine Pläne, uns hier zurückzuziehen aus Weeze!“ Aber auch dies schließe Expansionspläne der Fluglinie in den Niederlanden ja nicht unbedingt aus.

Eben. Fragen Sie mal den Chef:

Earlier this month, Ryanair chief executive Michael O’Leary told a news conference he hoped to be flying out of [Amsterdam-]Schiphol airport within five years.

DutchNews, 17. Dezember 2013

Man sieht schon, wohin die Reise geht – und wohin die neuen, bei Boeing bestellten Flieger wohl gehen. Die Annahme, daß Ryanair derzeit dabei ist, das bisherige Spiel mit Zuckerbrot und Peitsche auf weitere Flughäfen auszudehnen, erscheint plausibel.

Ruhe in Frieden: Infratil Airports Europe

Aus diesem Affentheater hat sich übrigens ein alter Bekannter verabschiedet. Infratil Airports Europe, einst Mehrheitsgesellschafter der Lübecker Landewiese, weilt nicht mehr unter uns. Die restlichen Flughäfen Glasgow-Prestick und Kent hat man verkloppt und eine recht bittere Bilanz gezogen: diese Investitionen, so heißt es im Bericht zum Ende der ersten Hälfte des Geschäftsjahres 2013 (30. September 2013), seien nicht erfolgreich gewesen, wofür man allerdings nichts könne. ‘tschuldigung.

Noch vor fünf Jahren, so Infratil, hätten sich Investoren alle zehn Finger nach Flughäfen geleckt, aber das sei nun vorbei. Schuld waren nicht etwa überzogene Erwartungen, sondern die GFC (Global Financial Crisis) und natürlich pöhse Ökosteuern auf den Flugverkehr. Mal sehen, was andere „Investoren“ dazu sagen.

Vielleicht erinnert sich noch jemand an Tom Wilson, den von Infratil zuletzt nach Lübeck entsandten Geschäfstführer. Richtig – der, der Ende November 2011 (nach dem Ausstieg Infratils) vor der Lübecker Bürgerschaft auf Schottisch noch heilige Treueeide auf die Landewiese ablegte, sich aber schon einen Monat später auf die Heimreise nach Glasgow machte. Er fand dann wieder Unterschlupf bei Infratil Airports Europe, ist jetzt aber keineswegs arbeitslos, sondern „Executive Chairman, Prestwick Aviation Holdings“. Schön für ihn. Den Flughafen hat übrigens die schottische Regierung übernommen.

Abwärtsspirale?

Irgendwie hat man den (keineswegs unangenehmen) Eindruck, daß an gewissen Flughäfen derzeit alles zusammenkracht. Wirtschaftsblasen platzen eben ab und zu, was Ihnen Infratil bestätigen wird.

Heute bin ich im Bus am Lübecker Flugplatz vorbeigefahren. Auf dem großen (billigen) Parkplatz vielleicht zwei Dutzend Fahrzeuge, auf dem kleinen (teuren, vor dem Terminal) rund acht. Die Leuchtreklame des ehemaligen Kioskbetreibers: abmontiert. Vermutlich gibt es auch kein Restaurant und kein Bistro mehr. Jubelmeldungen über einen per 1. November 2013 gesuchten neuen Betreiber: bislang Fehlanzeige. Wurde der alte Pächter rausgeschmissen oder ging er mangels Erfolgsaussichten aus freien Stücken? Man weiß es nicht.

Im Winter kommt sowieso kein neuer Pächter, und nach jetzigem Stand wird die Landewiese im Jahr 2014 kaum mehr als 240.000 Passagiere abfertigen (Änderungen sind noch möglich); weit über 100.000 weniger als 2013. Keine guten Voraussetzungen, ein neues Geschäft am Flughafen zu eröffnen. Mit neuen Fluggesellschaften gibt es wohl auch Probleme. Das alles klingt nach einer klassischen Abwärtsspirale.

Es würde mich allerdings nicht sonderlich ärgern.

2 Antworten auf „Aktenzeichen FR … ungelöst“

  1. Der Hahn hat für nächstes Jahr noch einen Ryanair Vertrag. Ab 2015 wird wohl neu verhandelt.

    „Der CDU-Abgeordnete Alexander Licht wies darauf hin, dass im kommenden Jahr auch der Vertrag von Ryanair mit dem Hahn auslaufe.“
    http://www.wiesbadener-tagblatt.de/wirtschaft/wirtschaft-regional/ryanair-bestaetigt-zahl-der-flugzeuge-am-flughafen-hahn-wird-im-sommer-von-neun-auf-sechs-reduziert_13718300.htm

    Der Passagierverlust vom Hahn dürfte auch eher bei 800.000 liegen.

    Das Geschäftsmodell von Ryanair ist, dass die Ticketpreise bei guter Auslastung steigen. Ryanairs Auslastung in Deutschland war wohl nicht so hoch, so dass Ryanair nur die Schnäpchen Preise nehmen konnte. Die Ryanair Aktionäre waren auch mit den Renditen unzufrieden. Nächstes Jahr werden die Flughafen Eigner werden den höheren Verlusten noch mehr stöhnen.

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