Stillstand und Schweigen

Auch eine Pressemitteilung der Yasmina Flughafen Management GmbH, Betreiber der Lübecker Landewiese seit einem Jahr, bringt es an den Tag: entgegen vollmundiger Ansagen ist (m. E. zum Glück) nicht viel passiert.

Es gab eine Reihe sichtbarer Veränderungen, angefangen mit den neuen Unternehmensfarben und dem neuen Logo bis hin zu dem Wechsel des Geschäftsführers und personeller Anpassungen im Management Team. Auch diverse neue Spezial-Fahrzeuge, wie beispielsweise ein effizienteres Enteisungsfahrzeug sind hinzugekommen. Im September gab es ein tolles Konzert der norddeutschen Folk-Band Glenfiddle im Hangar auf dem Flughafen.

HL-Live, 14. Januar 2014

Ja, Wahnsinn. Glenfiddle! Das (und das Strandkorbrennen) ändert alles! Und das hier erst recht:

Des Weiteren liefert ab sofort Air BP die Flugzeugtreibstoffe am Lübeck Airport.

HL-Live, 14. Januar 2014

Und wo bleiben die neuen Fluglinien (hoffentlich nicht!), was macht Ryanair, und warum soll man die seit zwei Jahren gebetsmühlenartige wiederholte Ankündigung der Inbetriebnahme des ILS Cat. II ausgerechnet jetzt ernst nehmen? Was ist die Feststellung wert, daß die Passagierzahlen 2013 leicht gestiegen sind, wenn sie aller Voraussicht nach 2014 stark sinken werden?

Zwischenfall

Und was sagt man eigentlich zu dem von der Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung (BFU) als „schwere Störung“ eingestuften Zwischenfall vom Oktober 2010, in dem eine WizzAir-Maschine beinahe mit einem Segelflug-Schleppverband kollidierte?

Schlepp
Segelflug-Schleppverband

Die Schwere Störung ist darauf zurückzuführen, dass die Besatzungen der beteiligten Luftfahrzeuge die Kollisionsgefahr nicht beziehungsweise zu spät erkannten. Die Kurskorrektur des A320 erfolgte zu spät und war nicht ausreichend, um einen angemessenen Abstand zu dem Schleppverband sicherzustellen.

Jenseits aller ungerechtfertiger Schuldzuweisungen (es wurden vermutlich nicht mal Vorschriften verletzt), und jenseits allen Sensationalismus („Beinahe-Katastrophe“) wird hier ein fundamentales Problem der Landewiese deutlich. Radio Bremen berichtete am 13. Januar 2014:

Eine solche Situation sei nur in Lübeck denkbar gewesen, so eine Sprecherin der Flugsicherung. Alle anderen internationalen Flughäfen in Deutschland sind von einem geschützten Luftraum umgeben, in dem Sportflieger nichts zu suchen haben. Wegen des Nebeneinanders von allgemeiner und Verkehrsfliegerei gelten in Lübeck die Regeln des Sichtflugverkehrs. Die Flugsicherung könne Piloten dort nur beraten, aber keine Kurskorrekturen anweisen. In diesem Fall habe die Bremer Lotsin drei Mal entsprechende Hinweise gegeben.

Die DFS hat die Anflugrouten für den Flughafen Lübeck-Blankensee inzwischen geändert.Der Flughafen darf von Verkehrsmaschinen nur noch in einem neuen Winkel angesteuert werden. Das führt dazu, dass die Verkehrsflieger an der Stelle des Beinahe-Zusammenstoßes deutlich höher sind, als es die Maschine im Oktober 2010 war.

Technisch überzeugt mich diese Darstellung nicht. Richtig ist jedoch, daß es seitdem Änderungen gegeben hat. Im Luftfahrthandbuch gibt es inzwischen einen Warnhinweis, der noch 2012 fehlte:
Warnung

So in etwa: Instrumentenanflug kann durch Luftraumklasse E führen, und da gibt es Flugzeuge, die nach Sichtflugregeln fliegen, von denen die Luftaufsicht (Air Traffic Control [ATC]) aber nicht unbedingt etwas weiß. Nett! Die BFU erklärt das wie folgt:

Der Luftraum E ist ein kontrollierter Luftraum in dem sowohl Flüge nach Instrumentenflugregeln (IFR) als auch Flüge nach Sichtflugregeln (VFR) stattfinden.

WizzAir hat die Anweisungen für seine Piloten zum Lübeck-Anflug inzwischen so modifiziert, daß sie sich anhören wie eine Anleitung zum Überflug feindlichen Territoriums im Krieg – immer genau hinsehen und ausweichen.

WARNING: See and avoid rules apply at all time. Trajectory below FL 100 is susceptible to enter class E airspace. High concentration of VFR traffic.

DESCENT

Trajectory below FL 100 is susceptible to enter class E airspace. In good weather conditions there is a high probability to meet VFR traffic with or without transponder, known or unknown by ATC.

Auch hier: man muß immer mit Flugzeugen im Sichtflugbetrieb rechnen, von denen die Luftaufsicht nicht unbedingt Ahnung hat.

Wer zieht jetzt den Kürzeren? Werden jetzt die Segelflieger aus Gründen der Flugsicherheit weggeekelt, oder geben die Billigflieger auf?

3 Antworten auf „Stillstand und Schweigen“

  1. Nur so viel zu Radio Bremen: ich habe auch nicht so ganz kapiert, was der Sender mit seiner Übersimplifizierung ausdrücken wollte. Ich erwähnte ja, daß ich das technisch nicht nachvollziehen kann. Aber immerhin: man hat nicht bei dpa oder LN abgeschrieben, sondern selbst nachgefragt. Das allein ist heute schon viel wert und sollte anerkannt werden.

    Abseits des Sensationsjournalismus anderer Medien glaube ich jedoch festhalten zu können, daß es am Flughafen Lübeck ein Problem gibt, das andernorts nicht existiert. Kein Wunder: diese unsere Landewiese wurde nie in Hinsicht auf Flugzeuge wie B737-800 oder A320 konzipiert; das Problem ist historisch gewachsen und wurde durch übereifrige Lokalfürsten und ihre Prestige-Pläne forciert. Plötzlich sollte man ab Lübeck im Großraumjets praktisch in fast die ganze Welt (na gut, bis zum Mittelmeer) fliegen können… und die wieseln unter dem bekannten Zeitdruck mit hohem Tempo durch den Sichtflugverkehr, und das teilweise abseits der IFR-Standardanflugrouten im Norden? Na ja, wenn das so gewollt ist…

    1. Moin und nein, das „Problem“mit Mischverkehr gibt es anderswo auch , z.B. gleich um die Ecke in Parchim und Rostock. Es gibt bei der Flugsicherung einen Kriterienkatalog, der beschreibt, unter welchen Umständen welche Luftraumstruktur geboten ist. Misst man Lübeck an diesen Kriterien, dann gibt es hier zu wenig Instrumentenflugverkehr, so dass gravierende Einschränkungen für den Sichtflugverkehr unverhältnismäßig wären. Und das ist in meinen Augen auch richtig so. In der Konsequenz heisst das dann aber u.a., dass die Strahlflieger eben nicht einfach „draufhalten“ dürfen. 250 Knoten ist die Höchstgeschwindigkit, und das scheint sich noch nicht bei allen Verkehrspiloten herumgesprochen zu haben.
      Gruß, CC

  2. Guten Morgen Herr Klanowski,

    beim Thema Pressemitteilung des Flughafens stimme ich Ihnen voll und ganz zu. So einen dünnen Kaffee habe ich schon sehr lange nicht mehr vorgesetzt bekommen. Interessant finde ich in dem Zusammenhang den Kommentar einer Leserin auf hl-live, die andeutet, dass es mit der pünktlichen Zahlung der Gehälter auch nicht immer klappt. Vielleicht kann ein Leser / Betroffener mehr dazu sagen.

    Hinsichtlich des Vorfalls am Himmel über Buchholz mahne ich zur Zurückhaltung. Berichte, wie der von Ihnen in Teilen zitierte von Radio Bremen enthalten grobe sachliche Fehler. Die Presse stürzt sich ja geradezu auf das Thema, und selbst ein Mitarbeiter der Landesluftfahrtbehörde in Kiel (hier namentlich bekannt) lässt sich von einem ortsbekannten Starreporter eine Stellungnahme, die eine Schuldzuweisung beinhaltet, aus der Nase ziehen, die sich dann via dpa über das Land verbreitet und eine Einzelperson „öffentlich hinrichtet“. Das erfüllt m.E. den Straftatbestand der üblen Nachrede, und wird meines Wissens auch von den Betroffenen so zur Anzeige gebracht werden.

    So wie der BFU-Bericht explizit keine Schuldzuweisung vornimmt, spricht er aber auch niemanden frei. Wie sich dann ein Bürgermeister einer Randgemeinde dazu hinreißen lassen kann, einer an dem Geschehen beteiligten Gruppe einen Freispruch via örtlicher „Fachpresse“ zu erteilen, ist für mich nicht nachvollziehbar, und zwar in formaler sowohl als auch in fachlicher Hinsicht.

    Zur Sache: der geringste Abstand betrug nicht etwa die reißerisch genannten 31 Meter, sondern, wenn man die Radaraufzeichnungen als toleranzfrei ansieht (sind sie nicht) 124,9 m. (Das errechnet man mit dem Satz des Pythagoras, meine Damen und Herren von der Presse. Die Fläche des Quadrates über der Hypotenuse ist gleich der Summe der Quadrate über den Katheten eines rechtwinkligen Dreiecks. Die Länge der Hypotenuse ist dann die Wurzel daraus).

    Der normale vertikale Staffelungsabstand zwischen Verkehr nach Sicht- und nach Instrumentenflugregeln (VFR/IFR) ist 500 Fuß, also 152,4 m. Die Unterschreitung dieses Wertes ist der Grund für die Kategorisierung als schwere Störung, zumal sich die beiden Ziele bei Unterschreitung des Staffelugswertes auch noch weiter annäherten. Wer und was diese Situation fahrlässig oder durch Arbeitsfehler herbeigeführt hat, werde ich hier (obwohl ich da eine sehr klare Meinung habe) nicht diskutieren, möchte aber darauf hinweisen, dass die Sicherheitskette am Ende eben doch hielt, weil das TCAS des Airbus ein Ausweichkommando generiert hat. Voraussetzung dafür war der Einbau und Betrieb eines Gerätes in den Motorsegler, das vom TCAS erkannt werden konnte.

    Der Einbau eines solchen Gerätes in den Motorsegler ist jedoch nicht vorgeschrieben und erfolgte durch den Halter des Motorseglers freiwillig, und der Pilot hatte es auch eingeschaltet. Das Problem des „Mischverkehrs“ im Luftraum E ist dann keines, wenn sich alle umsichtig, regelkonform und situationsangemessen verhalten. Dazu gehört z.B. auch, dass Flugzeugführer schneller Strahlflugzeuge nicht unbedingt mit der dort zulässigen Höchstgeschwindigkeit fliegen. Wenn Sie mit der innerorts zulässigen Höchstgeschwindigkeit an einer Gruppe spielender Kinder vorbeifahren und eines auf die Straße springt, wird man Ihnen auch vorhalten, ihre Geschwindigkeit nicht der Situation angepasst zu haben. Außerdem sind die Dienststellen der Flugsicherung (nicht der Luftaufsicht, das ist etwas anderes) verpflichtet, im Rahmen der Möglichkeiten Verkehrsinformationen zu geben. Die sollen natürlich rechtzeitig gegeben werden und inhaltlich richtig sein.

    Das Problem Lübeck unnötig tief anfliegender Verkehrsflugzeuge ist aber nicht neu, und die örtlichen VFR-Piloten haben seit Jahren immer wieder vor einem solchen Zwischenfall gewarnt. Allein die Piloten der Lübeck anfliegenden Fluggesellschaften scheinen (schienen) sich des Problems nicht bewusst zu sein. Die örtliche Flugsicherungsdienststelle allerdings auch nicht… die „fachlichen Kommentare“ zu diesem Thema von dort waren immer sehr aufschlussreich. Außerdem sind niedrige Flughöhen aus flugmechanischen Gründen für Düsenflugzeuge nicht vorteilhaft, weil der Verbrauch zu- und die Fluggeschwindigkeit abnimmt. Mehr will ich aber dazu nicht sagen, dazu wird sich an anderer, nichtöffentlicher Stelle ausreichend Gelegenheit ergeben. Es sind ja bereits Maßnahmen umgesetzt worden, und eine ggf. notwendige strafrechtliche Aufarbeitung wird die Verantwortlichkeiten aufzeigen.

    Das machen in Deutschland aber immer noch Gerichte und nicht Medien oder Bürgermeister. Deswegen rate ich allen, die kein diesbezügliches Mandat besitzen, einfach inne zu halten und abzuwarten. Aber sicher wird das die Geduld der Medien überfordern. Das plakative „an die Wand nageln“ einzelner binnen 48 Stunden verkauft sich eben besser.

    Mit freundlichen Grüßen, Claus Cordes

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