Das Osterei des Herrn Bürgermeisters

Es ist ein Gesetz in der Lübecker Lokalpolitik: immer wenn man denkt, es kann nicht irrer werden, wird es garantiert sofort irrer. Ein eben noch ergebenst beweihräucherter Flughafen-„Investor“ verschwindet unter Hinterlassung von Zahlungsausständen spurlos. Seine Firmen werden von einem Phantom übernommen, das keiner kennt – und schon gar nicht dessen Absichten. Hat man das nicht ahnen können? Zugegeben, in dieser Form nicht, aber daß die Landewiese in ihrem jetzigen Zustand selbst vom größten Finanzgenie nicht wirtschaftlich betrieben werden kann, schon. Was hat die Hansestadt von der spätestens seit Herbst 2013 bestehenden Schieflage gewußt, was hätten die hiesigen Medien wissen können? Jede Menge.

HL-Live archiviert Artikel leider nur unzureichend, unter anderem werden alle Leser-Kommentare sehr schnell entfernt. Hellhörig wurde ich beim folgenden, im Internet nicht mehr zu findenden Kommentar zu einem Flughafen-Jubelartikel („Flughafen meldet leicht steigende Passagierzahlen“):

kommentar

Wenn das stimmt, wurden nicht nur wie berichtet im März 2014, sondern auch schon vorher Gehälter nur mit Verzögerung gezahlt – so etwa seit Herbst 2013 vielleicht? Als sich ein Geschäftsführer und mehrere andere Mitarbeiter mal eben verabschiedeten ebenso wie das Flughafen-Restaurant; als sich einer der beiden Fanboy-Vereine auflöste (Insiderwissen?); als der Flughafen einem möglichen Kunden Räumlichkeiten verweigerte und der sich fragte, ob man da überhaupt Geld verdienen wolle?

Saxe in der Klemme

Und jetzt kommt heraus, daß seit Herbst 2013 die Flughafenbetriebsgesellschaft Yasmina mit Pachtzahlungen in Höhe von 200.000 Euro an die Stadt im Verzug ist. Der Herr Bürgermeister kommt in Erklärungsnot:

Die ausstehenden Pachtzahlungen hätten für Skepsis gesorgt, es sei immer gesagt worden: „Es sei alles gut!“

HL-Live, 17. April 2014

Und mit so einer Auskunft gibt man sich zufrieden? Angeblich nicht, aber viel hat man offenbar auch nicht unternommen:

Wir sind schon seit letztem Herbst da im Mahnverfahren und hoffen, daß das noch ausgeglichen wird. … Das ist ein geregeltes Verfahren wie in jedem Unternehmen, das auch die Hansestadt Lübeck so ausübt.

Richtig, das Verfahren ist geregelt. Und zwar laut Rechtsanwalt Markus Trenkler, Fachanwalt für Bank- und Kapitalmarktrecht, wie folgt: Nach einer Mahnung hat der Schuldner zwei Wochen (nicht sechs Monate!) Zeit, den fälligen Betrag zu begleichen. Und wenn nicht?

Reagiert der Schuldner auf den Mahnbescheid nach Ablauf der Zweiwochenfrist nicht, kann der Gläubiger gegen den Schuldner den Vollstreckungsbescheid beantragen und schließlich den Gerichtsvollzieher beauftragen.

Der Herr Bürgermeister wäre zu fragen, ob das auch so gemacht wurde. Erwähnt hat er einen Vollstreckungsbescheid oder den Einsatz eines Gerichtsvollziehers, wie es angemessen gewesen wäre, jedenfalls nicht.

Stellen Sie sich mal vor, Sie parken Ihr Auto falsch und werden von der Stadt zur Zahlung eines Verwarnungsgelds aufgefordert, zahlen jedoch nicht und werden angemahnt. Sie erzählen der Stadt, alles sei gut, Sie zahlen später… Ich muß das wohl nicht weiter ausführen?

Der Eindruck verstärkt sich, daß hier womöglich etwas unter den Teppich gekehrt wurde oder zumindest höchst angestrengt weggesehen wurde.

Wie dumm kann man sich stellen?

Die Naivität setzt sich ungebrochen fort. Der Herr Bürgermeister verlautbarte:

Wir wollen jetzt mit dem neuen Geschäftsführern, die zugleich ja auch Gesellschafter sind, Kontakt aufnehmen und wollen von ihnen erfahren, was sind Ihre Perspektiven, was sind ihre Vorstellungen, was haben Sie vor, wo wollen Sie hin?

Es ist übrigens nur ein neuer Geschäftsführer bzw. Eigentümer, der inzwischen berühmt-berüchtigte Adam Wagner aus Berlin.

Das Jahr hat gut angefangen für Adam Wagner. Laut Handelsregister hat der Berliner in gleich vier Firmen die Geschäftsführung übernommen. … Was Wagner mit diesen Firmen vorhat, ist unklar. Am Mittwoch verdichteten sich die Hinweise, dass es nichts Gutes sein könnte. …

Im Januar wurde er laut Handelsregister Geschäftsführer der OBA Immobilien GmbH in Essen, die sich unter anderem mit Sportwetten beschäftigt. Die angegebene Telefonnummer ist nicht aktuell. Seit März ist Wagner Chef der Düsselbau GmbH. Sie hat ihren Sitz im Berliner In-Stadtteil Prenzlauer Berg und eine Düsseldorfer Telefonnummer. Eine Dame erklärt: „Die Düsselbau ist hier nicht mehr erreichbar.“ Wo die Firma erreichbar sei, wisse sie nicht. Seit dem 8. April ist Wagner Chef der Firmen „3Y“ und der Elite Schweißtechnik in Mainz. Jetzt kommt der Flughafen Blankensee dazu.

Die Welt, 17. April 2014

Und so ähnlich das Schleswig-Holstein-Magazin des NDR am 17. April 2014:

Wir haben versucht, mit diesen Unternehmen aus der Baubranche oder dem Geschäft mit Sportwetten zu telefonieren, allerdings ist dort absolut niemand erreichbar. … Kreditwürdig ist laut Firmenauskunftei Creditreform keines von ihnen.

Da sammelt offenbar jemand, ähhm… Problemunternehmen, um es nett zu sagen – zu welchem Zweck auch immer. Darunter auch Herrn Amars 3Y:

Recherchen des Schleswig-Holstein-Magazins haben dazu ergeben, daß die 3Y inzwischen mindestens 700.000 Euro Schulden hat, die sie offenbar nicht zurückbezahlen kann.

Und die hat nicht nur mit dem Flughafen Lübeck zu tun.

Auch anderswo zahlt die Yasmina-Mutterfirma „3Y“ offenbar nicht. Der Flughafen Schönhagen in Mecklenburg-Vorpommern [falsch! Der liegt in Brandenburg, südlich von Berlin-P.K.] verpachtet eigene Flächen an die 3Y und wartet nach Informationen von NDR1 Welle Nord seit Monaten auf Geld. Auch ein Grundstücks-Geschäft zwischen dem Jade-Weser-Port in Niedersachsen und der 3Y ist geplatzt.

NDR 1 Welle Nord, 17. April 2014

Die Flächen in Schönhagen/Trebbin wurden vermutlich von der Aquila Aviation GmbH, einem Hersteller von Kleinstflugzeugen, genutzt.

Klar ist, dass Amar sich auch von einer anderen Tochterfirma der 3 Y getrennt hat: Aquila Aviation GmbH. Zum 1. April hat Amar sie abgestoßen — an den Ägypter Yehia Farrag. Das bestätigt das Amtsgericht Potsdam auf LN-Anfrage.

Lübecker Nachrichten, 16. April 2014

Frohe Ostern

Ach ja, vielleicht ist es über Ostern etwas ruhiger, und ich komme dazu, die Seite mit den Goldenen Worten auf den neuesten Stand zu bringen, vielleicht auch mit diesem verbalen Lattenknaller des Herrn Bürgermeisters:

Wir hatten mit Herrn Amar einen, wie wir sicher waren, qualifizierten und auch leistungsfähigen Betreiber des Flughafens.

HL-Live, 17. April 2014

Muahahaha!

In diesem Sinne: schöne Feiertage.

7 Antworten auf „Das Osterei des Herrn Bürgermeisters“

  1. Vermutlich haben die Altbesitzer der in Finanziellen Schwierigkeiten geratenen GmbHs Herrn Wagner beauftragt, die GmbHs so gut es geht abzuwickeln. Sprich, man verhandelt mit den Gläubigern über einen Schulden Erlass. Bei den GmbHs ist wohl auch mit Insolvenz nichts zu holen, da dürften sich die Gläubiger evtl. auf einen Erlass einlassen.

    Aus den Schneider ist Herr Amer auch noch nicht. Einzelne Gläubiger könnten gegen Amer Strafanzeigen wegen Betruges (Beauftragung von Leistung im Festen wissen, dass man nicht zahlen kann bzw. will) oder wegen Insolvenzverschleppung stellen. Auch wenn es finanziell nichts bringt, da Amer wohl auch kaum Vermögen haben wird.

    Herr Wagner wird wohl Versuchen den Betrieb des Flughafens wieder an die Stadt Lübeck zurück zu übertragen. Da hat Saxe ein teures Problem.

    1. Herr Wagner als Firmen-Abwickler, das ist eine interessante Theorie. Nur warum hört und sieht man von dem Herrn Wagner nichts? Osterferien? Wer mit so einer verantwortungsvollen Aufgabe betraut ist, kann sich wohl kaum Ferien ohne Handy leisten. Und wenn doch: warum hat er keine gültige Adresse angegeben? Ein Brief der Kieler Luftfahrtbehörde kam laut LN als unzustellbar zurück. Hmm.

  2. Ich spekuliere jetzt einfach mal darauf los, auch auf die Gefahr hin, dass ich falsch liege. Es ist einfach zu verlockend:
    Diesen Wagner stelle ich mir als einen Herumtreiber vor, der keinen anständigen Beruf ausübt, der sich mal mit diesem und mal mit jenem halbseidenen Geschäft durchschlägt, immer auf der Suche nach dem schnellen Geld oder überhaupt nach Geld. Er hat sich ein paar Firmen aufschwatzen lassen, deren Geschäftsgegenstände ihm völlig schnuppe sind. Die Akten hat man ihm vielleicht in irgendeiner Garage auf einem Berliner Hinterhof abgeladen. Im Zweifel hat er dafür Bargeld erhalten, deswegen hat er den Deal gemacht. Ihm ist wohl bekannt, dass er Ärger bekommt, wenn die Sache auffliegt. Spätestens, wenn er sich nicht um diese Firmen kümmert. Aber dieser drohende Ärger kratzt ihn nicht, denn bei ihm ist ohnehin nichts zu holen. Er weiß das, und sieht der Sache deswegen gelassen entgegen. An sein Bargeld kommt ja niemand heran. Vielleicht ist es auch schon aufgebraucht, wer weiß. Wie Herr Amar an ihn heran getreten sein könnte, dazu fehlt mir leider die Phantasie. Jedenfalls gehörte dazu einige kriminelle Energie, sich in den Kreisen eines Herrn Wagner nach demselben umzuhören. Aber Amar brauchte diese Verbindung, er musste eine Unterschrift eines Nachfolgers und Käufers für seine bankrotte 3Y erhalten. Da kein anständiger Mensch solch einen Laden kaufen würde, brauchte er jemanden, der sich mit Bargeld zufrieden gibt und keine Fragen stellt. Nur ein paar gekritzelte Namen auf ein paar Papieren – und schon war Amar aus der Sache heraus. Gerade noch rechtzeitig, denn der Flieger nach Ägypten musste schnell bestiegen werden. Wenn man am Flughafen Trebbin, am Jade-Weser-Port und in Lübeck-Blankensee dahinter käme, bevor er den Abflug machte, dann wäre es für Amar womöglich unangenehm. Aber es hat geklappt. In Ägypten oder sonstwo kann man ihn nun nicht mehr erreichen. Dem Ärger ist er geschickt entkommen. Und Herrn Wagner? Den wird man wohl bald finden, er ist sicher noch in Deutschland. Soviel Geld wird es nicht gewesen sein, dass es für die Karibik gereicht hätte. Aber es spielt gar keine Rolle, ob man seiner habhaft wird oder nicht. Er ist nichts und her hat nichts. Einzig seine vermutlich zweifelhafte gesellschaftliche Stellung ist ein Sinnbild für den Tiefpunkt, auf dem der Flughafen und alle Verantwortlichen angelangt sind. Eine kleine Hoffnung habe ich aber: Ein Herr Wagner wird keine Kraft und Intelligenz aufweisen, die Stadt Lübeck weiter zu schädigen. Die ihm zugefallenen Firmen und Grundstückswerte wird er nicht gegen die Stadt ausspielen können. Ob ich mit dieser wilden Spekulation wohl richtig liege? Wenigstens tendenziell? Solange her Saxe – wie er selbst sagt – mit Hochdruck daran arbeitet, diesen Herrn Wagner und diesen Herrn Amar telefonisch zu erreichen, und es nicht schafft, können meine Vermutungen so verkehrt doch nicht sein.

  3. Passend zum Osterfest:
    Und Gott sprach: Lächle mein Sohn, es hätte schlimmer kommen können.
    Und ich lächelte, und es kam schlimmer. 🙂
    Ich befürchte, die Lübecker sind sehr schnell wieder „stolze“ Besitzer
    eines Flughafens. 🙁

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