Frühlingserwachen am Flughafen

Lange hatten wir sie vermißt, jetzt sprießen sie wieder: Schuldzuweisungen, Dolchstoßlegenden und Verschwörungstheorien. Warum ein Atomkraftwerk die hiesige Landewiese gekillt hat beispielsweise, das volle Programm eben! Als Begleitvegetation wuchern qualifizierte Erklärungen, warum Lübeck unbedingt eine Landewiese braucht.

(Warnung: stellenweise stark erhöhte Ironiebelastung.)

Ich bin zwei Mal in die Türkei geflogen. Es wäre schade, wenn der Flughafen schließen müßte.

Ich möchte den Flughafen nicht missen und künftig lieber noch öfter von dort in den Urlaub fliegen.

Befragte Bürger in den Lübecker Nachrichten (Lokalteil HL) vom 18. April

Mit „großer Sorge“ verfolgt die Wirtschaft die Vorgänge. … Die Kaufmannschaft warnt davor, „mit dem Schicksal des Flughafens zu spielen“. Geschäftsführer Nicolaus Lange: „Es geht hier nicht um irgendein Unternehmen.“

Lübecker Nachrichten, 18. April 2014

Sie wissen schon, das ist der ex-Vorsitzende eines inzwischen aufgelösten Fanboy-Vereins.

„Der Verein Check-In hatte die Rettung des Flughafens zum Ziel. Das ist im vergangenen Jahr gelungen“, sagt Flughafen-Chef Jürgen Friedel, der bei der letzten Sitzung des Vereinsvorstands dabei war. Die maßgebliche Basis für Check-In sei nicht mehr gegeben, die Auflösung „ein Vertrauensbeweis in die neuen Investoren“, so Friedel.

Hansemarkt, 14. September 2013

Das war dann auch eine der letzten Äußerungen des damaligen Geschäftsführers, der rund zwei Wochen später aus Lübeck verschwand. Noch so ein toller Vertrauensbeweis?

Von Herrn Lange sind zu alledem keine Erklärungen überliefert; ebensowenig für seine Behauptung, die Landewiese sei „nicht irgendein Unternehmen“.

Zugegeben, bisher wenig unterhaltsam. Versuchen wir‘s mit

Verschwörungstheorien

Herr Saxe hat keine Schuld, sondern Groß Grönau und die Grünen in Lübeck.

Leserkommentar, HL-Live, 17. April 2014

Das erklärt natürlich das Verschwinden des Herrn Amar und die Unauffindbarkeit des Herrn Wagner: sie wurden von militanten Flughafengegnern, die sich in einer Geheimorganisation mit der Bezeichnung GrGrGr verschworen haben, in einer fliegenden Untertasse auf den Planeten Kepler 186f entführt! Jede Wette, daß GrGrGr auch hinter dem Verschwinden der meisten Geschäftsführer-Vorgänger stecken.

ufo-anzeigeNa ja, der Witz ging gerade so eben… daneben. Der nächste bitte!

Man darf hier nicht den Fehler machen und den SPD Bürgermeister von der SPD zu trennen. Die SPD war immer gegen den Flughafen, deshalb wurde auch das windigste Konstrukt für den Erhalt gewählt, in der Hoffnung den Flughafen durch die Hintertür abzuschaffen.

Leserkommentar, HL-Live, 18. April 2014

Die SPD war immer gegen die Landewiese? Der Herr Bürgermeister auch? Hä?! Die SPD war bzw. ist gespalten; die Herren Reinhardt und Lindenau fuhren einen Schlingerkurs – in der Regel unter dem traditionellen sozialdemokratischen Motto „links blinken, rechts abbiegen“.

Und war nur die SPD für dieses angeblich windige Konstrukt? Ähmm… das stimmt nicht so ganz:

Die Flughafen-Mitarbeiter sind jedenfalls dafür, dass Amar den Airport kauft. Betriebsrat Torsten Hülse hat den Deutsch-Ägypter Anfang Oktober über das Airport-Areal geführt. Als „sehr positiv“ beschreibt Hülse die Begegnung. Der Geschäftsmann habe einen „ruhigen und bescheidenen Eindruck“ gemacht. „Er hat Lust darauf, den Flughafen zu entwickeln“, so Hülse. Damit hat er offenbar auch bei den anderen Mitarbeitern des Flughafens gepunktet. Gestern haben sich die Beschäftigten in der Personalversammlung „mit großer Mehrheit“ für Amar entschieden, so Hülse. „Bei ihm ist das Gefühl am größten, dass es etwas werden könnte.“

Lübecker Nachrichten (Online), 28. November 2013

Zurück zur SPD. Die Flughafenverschenkung war angeblich das aller-allerletzte Mal:

Jan Lindenau (SPD) … stellt aber auch klar, dass Amar der letzte Versuch ist. Lindenau: „Wenn er wieder aussteigen sollte, kommt die Insolvenz.“

LN Online, 30. November 2012

LN: Ist das jetzt die letzte Chance des Flughafens?

Reinhardt: Mit Sicherheit. Wenn das jetzt nicht funktioniert – was ich nicht glaube –, war es das. Dann haben wir aber eine bessere Ausgangssituation. So ist das Personal jetzt nicht mehr bei der Stadt. Da konnten wir nur zustimmen.

LN Online, 9. Dezember 2012

Moment mal, da fällt mir ein, daß hier irgendwo noch ein Stapel Schuldzuweisungsformulare aus dem Jahr 2010 herumliegen muß. Die müßten eigentlich noch passen.

Der atomare Dolchstoß

In eine ganz andere Richtung gehen die Lübecker Nachrichten und der Herr Bürgermeister.

Saxes Vermutung: „Es muss etwas von außen passiert sein.“

Lübecker Nachrichten (Lokalteil HL) vom 18. April

saxe-anzeigeÜbersetzt: das hat alles nix mit dem Flughafen zu tun. Die LN sekundieren:

Es wird angenommen, dass ein Investment in ein Kernkraftwerk Amar den finanziellen Ruin beschert hat. Der Energiekonzern RWE hat 2009 fast das komplette Innenleben der stillgelegten Anlage Mühleim-Kärlich an Amar verkauft, der es nach Ägypten verschiffen wollte. … Sie sollen in Rotterdam im Hafen liegen – und dort nicht weggkommen. Möglicherweise fehlt die Ausfuhrgenehmigung … Klar ist aber, daß der Export eines Atomkraftwerks in ein sensibles Land heikel ist.

Es wird angenommen, sie sollen, möglicherweise. Knallhart recherchiert wie immer. Das ganze ist ziemlich daneben (möglicherweise mit einem kleinen Kern von Wahrheit). Es ging keineswegs um ein komplettes Atomkraftwerk oder sein Innenleben, sondern lediglich um das Innenleben des Maschinenhauses des Kraftwerks: Turbine, Generator, Nebenaggregate, die allesamt nicht zum radioaktiven Teil gehörten.

Zunächst ist bei dem Geschäft unklar, wer hier etwas gezahlt hat. Den meisten Berichten (z.B. Rheinzeitung vom 20. Juli 2011 oder Handelsblatt vom 2. November 2009) zufolge wurde 3Y von RWE mit dem Abbau beauftragt, müßte also eigentlich Geld (die Rede ist von 40 Mio. Euro) dafür bekommen haben – aber das überschlage ich einfach.

Die Teile wurden Ende 2011/Anfang 2012 nach Eemshaven in den Niederlanden verschifft, und möglicherweise sind sie tatsächlich noch dort. Das kann aber sehr viele Ursachen haben, die nicht notwendigerweise außerhalb des Unternehmens 3Y liegen.

Alles ist gut

In der bislang letzten Bilanz, die kurioserweise erst vor wenigen Tagen im Bundesanzeiger auftauchte, aber das Datum 30. November 2013 trägt, ist folgendes zu lesen:

Unsere wirtschaftliche Lage kann insgesamt als gut bezeichnet werden. …

Vorgänge von besondere Bedeutung nach Ende des Geschäftsjahres [das müßte eigentlich bedeuten: bis zum 30. November 2013] sind nicht eingetreten.

Natürlich war man sich gewisser Risiken bewußt, aber:

Zukünftige Risiken wurden durch Sicherungsgeschäfte kompensiert.

Die Außenhandelsgeschäfte werden hinsichtlich wirtschaftlicher und politischer Risiken durch Hermesbürgschaften abgesichert.

Wir betreiben eine Risikostreuung, da wir unterschiedliche Kunden in verschieden [sic] arabischen Ländern beliefern.

Ich lese Firmenbilanzen nicht täglich; vielleicht liegt es nur daran, daß mir eine Formulierung wie die folgende noch nie untergekommen ist:

Alle Zahlungsverpflichtungen wurden im Geschäfts [sic] vertragsgemäß erfüllt.

Muß man das denn extra erwähnen, daß man seine Rechnungen bezahlt? Bei einem gegenüber dem Vorjahr angeblich verdoppeltem Umsatz und einem angeblichen Bilanzgewinn von über 7 Mio. Euro?

„Angeblich“ deswegen:

Der Jahresabschluss wurde zur Wahrung der gesetzlich vorgeschriebenen Offenlegungsfrist vor der Feststellung offengelegt. … Die gesetzliche Jahresabschlussprüfung ist noch nicht abgeschlossen.

Ach so. Auf das Ergebnis der Prüfung bin ich mal gespannt.

Chance nutzen

Vielleicht spielen externe Ursachen wirklich eine Rolle im neuesten Flughafen-Desaster. Früher oder später wäre die Luftblase aber sowieso geplatzt. Die hiesige Politik sollte diese Überraschung als willkommene Gelegenheit begreifen und dankbar für die Möglichkeit sein, diesen Unsinn nun doch schneller als erwartet zu beenden, bevor er noch weiter ausufert.

Herr Reinhardt, Herr Lindenau: ein letztes Mal nehme ich Sie beim Wort (siehe oben). Ja, es wird schmerzhaft, es wird Geld kosten. (Vermutlich jedoch wesentlich weniger, als der Herr Bürgermeister und andere interessierte Kreise immer behaupten.)

Alles andere wird nicht besser laufen als die bisherigen Privatisierungsversuche und wird im Endeffekt noch teurer.

Sie hätten es vor ein paar Jahren wesentlich günstiger haben können. Ziehen Sie bitte Ihre Konsequenzen daraus.