Geheimer Schwanengesang

Langsam wird deutlich, um was es bei den Vorgängen um die Landewiese gehen könnte. Das Hamburger Abendblatt berichtet von einer „Geheimsitzung“ unter Leitung des Herrn Bürgermeisters und ratlosen Teilnehmern. (Warum lese ich so etwas eigentlich nicht in der hiesigen Monopolpresse?) Wer da allerdings im Geheimen beriet, wird nicht gesagt. Die gute Nachricht: es gibt angeblich keinen Plan B. Eine Insolvenz erscheint wahrscheinlich, und bei näherer Betrachtung ist das möglicherweise das für die Stadt optimale Szenario.

So ein Zufall – jetzt stellt sich heraus, daß das Thema Firmenbestattungen wohl doch eine gewisse Relevanz in diesem Zusammenhang besitzt. (Na gut, ich entschuldige mich für meine Ironieanfälle; der Rest ist allerdings bierernst.)

Insolvenzexperten sehen in den Ereignissen ein bekanntes Muster. Der vom Vorbesitzer Mohamad Radyamar vorgenommene, unangekündigte und sehr plötzliche Verkauf an einen völlig unbekannten Mann, der erst seit wenigen Wochen Geschäftsführer mehrerer anderer Firmen ist, die allesamt nicht erreichbar seien, lasse darauf schließen, dass Wagner als Strohmann fungiere, der die Firmen nicht weiterbetreiben, sondern abwickeln solle.

Hamburger Abendblatt, 19. April 2014

Offenbar hat der Herr Bürgermeister jetzt kein As mehr im Ärmel wie sonst, so das Blatt:

Wie es weitergeht, ist unklar. Der neue Eigentümer, der Berliner Adam Wagner, ist weiter nicht erreichbar. Und die Stadt Lübeck hat kein Notkonzept zur Fortführung des Flugplatzes … Das berichten Teilnehmer einer Geheimsitzung unter Leitung des Lübecker Bürgermeisters Bernd Saxe (SPD). Das wahrscheinlichste Szenario ist derzeit, dass die Flughafenfirma „3Y“ und ihre Betriebstochter Yasmina GmbH zahlungsunfähig werden.

Oder es bereits sind, möchte man ergänzen. Auch das Land steht nicht für Tricksereien zur Verfügung:

Wie es jetzt mit dem Airport weitergeht, darüber wollten weder Saxe noch [Schleswig-Holsteins Verkehrsminister] Meyer spekulieren. Eine Übernahme durch das Land im Fall einer Insolvenz schloss Meyer jedoch aus.

dpa via airliners.de, 17. April 2014

Immerhin etwas.

Bitte vergessen Sie alle finanziellen Horrorszenarien, die der Herr Bürgermeister früher für den Fall einer Insolvenz an die Wand gemalt hat. Sie betrafen eine Flughafenbetreibergesellschaft in städtischem Besitz, die es aber nicht mehr gibt. Die Insolvenz ist jetzt das Problem der privaten Yasmina Flughafenmanagement GmbH bzw. der Muttergesellschaft 3Y und deren Eigentümern. Die Altschulden der Landewiese (50 Mio. Euro) hat die Stadt im Rahmen der Flughafenverschenkung schon übernommen, der Posten fällt also weg. Neue Schulden sind Problem des neuen Eigentümers.

Insolvenz vermutlich beste Option für die Stadt

Der Stadt droht, so sehe ich das im Moment (lasse mich aber gerne eines besseren belehren) im Fall der Insolvenz lediglich die Rückzahlung von Fördergeldern in Höhe von etwa 4,7 Mio. Euro an das Land Schleswig-Holstein. Als Einnahme könnte man evtl. einen Teil der ausstehenden Zahlungen, größtenteils Pacht, aus der Insolvenzmasse erhalten. Laut Hamburger Abendblatt geht es hier mittlerweile um 240.000 Euro.

Alles andere, inklusive verzweifelter Rettungsversuche des Pleiteflughafens, wird garantiert teurer. Zu warnen wäre insbesondere vor Versuchen, die Landewiese loszueisen – ob das möglich wäre, sei dahingestellt – und z.B. an Herrn Birr von Bismarck zu übertragen. Wie bereits beschrieben, gehörte zu seinen Bedingungen ein „negativer Kaufpreis“ von 5 Mio. Euro, und das Angebot galt auch nur für einen schuldenfreien Flughafen.

Da sich weder an der Einnahme- noch auf der Ausgabeseite seit der Übernahme der Landewiese durch die Yasmina viel geändert haben dürfte, kann man davon davon ausgehen, daß der Flughafen Verluste in ähnlicher Höhe wie in den Jahren zuvor eingefahren hat – ich schätze mal 7,5 Mio. Euro für die letzten 15 Monate.

Jeder denkbare Versuch der Stadt, die Landewiese zu „retten“, würde sehr wahrscheinlich den Ausgleich dieser Schulden beinhalten müssen – unabhängig von der Frage der Zulässigkeit einer solchen Maßnahme.

Das Argument der Arbeitsplatzsicherung zieht einfach nicht mehr; die Zahlungen der Vergangenheit waren schon jenseits aller Verhältnismäßigkeit. Hier muß das Wohl der gesamten Hansestadt Lübeck (welche Option kostet uns am wenigsten?) gegen das der angeblich 100 Flughafenmitarbeiter abgewogen werden.

Meine unmaßgebliche Empfehlung auf Basis der bislang vorliegenden Fakten: die Stadt sollte, als einer der Gläubiger der Yasmina Flughafenmanagement GmbH, am Dienstagmorgen einen Insolvenzantrag gegen die Gesellschaft stellen. Gut möglich, daß es andere Gläubiger ohnehin tun werden.

Genießen Sie die Feiertage. Ab Dienstag geht‘s wahrscheinlich (vermutlich nach weiteren hektischen Beratungen der Lokalpolitiker über Ostern) Knall auf Fall.

6 Antworten auf „Geheimer Schwanengesang“

  1. Hatte ich mir eigentlich auch gedacht, dass dies ironisch gemeint war,
    War aber für mich nicht explizit zu erkennen.
    Keine Ahnung wie die Rückgabemodalitäten mit der Hansestadt vereinbart sind, ein kurzer Brief per Einschreiben/Rückschein dürfte aber reichen. Und den kann
    Man auch aus einer Höhle in Pakistan absenden. Achtung: Ironie!

  2. Wenn die Stadt Lübeck kein Geld mehr locker macht, dürfte der Flughafen so gegen Ende Juni dicht sein. Drei Monate übernimmt während der Insolvenz die Agentur für Arbeitslosigkeit die Löhne. Das dürften dann die April bis Juni Löhne sein. Da werden sich Ryanair und Wizz kurzfristig neue Flughäfen suchen müssen. Oder die Zahlen Kostendeckende gebühren. Was wohl eher unwahrscheinlich ist.

  3. Keine Ahnung wie Frau Borsutzky darauf kommt, hier unsere Lokalpolitiker in den Himmel zu loben. Wenn die kolportierten Aussagen zum Vertrag mit dem
    Ägypter stimmen, wird Lübeck den FH zurücknehmen müssen, und danach werden dann 3Y und Yasmina Insolvenz anmelden. Was das für die Verträge mit Ryanair bedeutet kann ich nicht sagen, aber eine Betriebspflicht wird man wohl
    Nicht von heute auf Morgen loswerden. Unterm Strich dann wohl doch wieder eine größere Summe, die Lübeck sich ans Bein bindet.
    Insofern findenich die Lobhudelei auf unsere Feierabendpolitiker eher
    Völlig unangemessen.

    1. Ich dachte eher, das Lob sei ironisch gemeint.

      Zum Rücktrittsrecht: das müßte der neue Eigentümer expressis verbis in Anspruch nehmen. Da die einzige Funktion des Herrn Wagner aber (bis zum Beweis des Gegenteils) vermutlich die ist, unauffindbar zu sein, erscheint mir das eher unwahrscheinlich. Ob die Stadt den Vertrag von sich aus kündigen kann, weiß ich nicht.

      Zur Betriebspflicht: die liegt, solange der Vertrag gilt, bei der Yasmina. Rein rechtlich hat sich bislang ja nichts geändert: die Yasmina gehört nach wie vor der 3Y, und daß die 3Y jetzt jemand anderem gehört (demnächst vermutlich einem Insolvenzverwalter) ist juristisch erstmal irrelevant.

      Und wie sollte die Stadt überhaupt einen Flughafen betreiben, der ihr in weiten Teilen gar nicht gehört? Dürfte sie das überhaupt?

  4. Saxe und den Kommunalpolitikern von SPD,CDU, FDP und insbesondere auch der BfL sei Dank. Sie haben großen Schaden von Lübeck ferngehalten.
    Das die Landewiese nicht profitabel als Verkehrslandeplatz betrieben werden kann, war doch wohl spätestens 2010 bekannt. Mit der 3 Y und Yasmina hat man einen Vertrag geschlossen, der zumindest bis heute dem Lübecker Steuerbüttel ein paar Millionen Euro Betriebskosten erspart und vor allen Dingen die 100 Mitarbeiter vom Hals geschafft hat. Außerdem sind die zu erwartenden Rückzahlungen an das Land doch auch noch wegen der Abschreibung gesunken. Also eine prima Sache, nur nicht für die Beschäftigten, die wurden aber immer schon vera…. .

    1. Bitte bedenken Sie: die Mitarbeiter sind vollkommen freiwillig zur Yasmina gewechselt – sie hatten die Wahl! Und von Herrn Amar waren sie laut Betriebsrat Hülse überzeugt: „Bei ihm ist das Gefühl am größten, dass es etwas werden könnte.“ Ich betreibe ja auch gerne mal Politikerschelte, aber hier wurden die Mitarbeiter (und alle anderen Gläubigen) wohl eher von Herrn Amar vera…t.

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