Der Pannen-Flughafen

Hätte die Landewiese einfach nur weiter vor sich hingemickert, wäre der „Investor“ irgendwann ausgestiegen. Dann hätte die Stadt den Laden wieder an der Backe gehabt, und ich gehe fast jede Wette darauf ein, daß dafür längst ein Plan B in irgend einer Schublade liegt. Natürlich kein Plan, der die Probleme auch nur ansatzweise gelöst hätte, sondern einer, der erst mal das weitere Überwintern des Flughafens unter städtischem Dach ermöglicht hätte. So wie damals der Trick mit dem Bürgerentscheid.

Einen solchen Plan kann man jetzt in die Tonne treten, denn es kam völlig anders als alle gedacht hatten. Und so schlecht ist das vielleicht gar nicht.

Jedenfalls scheinen die kürzlichen Ereignisse einige Leute, die vorher etwas andere Meinungen zu vertreten schienen, zu durchaus zutreffenden Erkenntnissen geführt haben:

Ein Regionalflughafen ist ein Geschäftsmodell, das nicht funktioniert – ohne Geld vom Steuerzahler. … Lübeck kann die Millionen nicht zahlen, das Land will es nicht. Damit ist der Traum vom Fliegen wohl vorbei.

Josephine v. Zastrow, Lübecker Nachrichten, 24. April 2014, S. 2

„Die Stadt ist nicht in der Lage, den Airport zu betreiben.“ Zudem könne sie den Millionen Euro teuren Ausbau nicht bezahlen.

Andreas Zander (CDU), Lübecker Nachrichten, 25. April 2014, S. 3

Weder ein Privater noch die Stadt kann ihn wirtschaftlich betreiben.

Jan Lindenau (SPD), Lübecker Nachrichten, 25. April 2014, S. 3

Der Traum, dass Lübeck einen Großflughafen bekommt, ist geplatzt.

Björn Birr von Bismarck, Lübecker Nachrichten (online), 25. April 2014

Was ist los, Leute? Früher habt ihr etwas anderes erzählt, oder? Ich habe jetzt keine Lust, das aus dem Archiv rauszusuchen. Trotzdem: jeder dieser Aussagen stimme ich zu. Oh Schreck!

Bevor es hier zu flauschig wird und wir uns alle umarmen (muß ja nicht sein): natürlich gibt es auch weiterhin Lernresistente. Die ohnehin vorhersehbaren Ergüsse der IHK, der Fanboys und anderer lasse ich aus Zeitgründen einfach mal weg, das wäre Bitverschwendung. An deren Durchhalteparolen dürften nach den Erfahrungen der letzten Jahre immer weniger Leute glauben. Aber nehmen wir mal diese Nullnummer:

Der Airport hat eine weitreichende Bedeutung über die Stadtgrenzen hinaus.

Siegmar Weegen, Lübecker Nachrichten, 25. April 2014, S. 3

Der mysteriöse Notgeschäftsführer

Und damit wären wir beim Notgeschäftsführer Weegen, den man, wie der Name schon sagt, aus purer Not eingesetzt hat (denn sonst hätte man vielleicht einen anderen usw. usw.) Wie eine Schallplatte mit Kratzer erzählt er nach der Pleite exakt das selbe wie vor der Pleite.

Weegen wurde Anfang Oktober 2013 Geschäftsführer der Landewiese, just zu dem Zeitpunkt, als die ersten Probleme außerhalb des Flughafens (wenngleich nicht öffentlich) ruchbar wurden – zum Beispiel blieben zur gleichen Zeit die monatlichen Pachtzahlungen an die Stadt aus.

Öffentlich äußerte sich Weegen in der Folgezeit kaum. Und wenn, dann so:

Die Stimmung war und ist sehr gut. Der Stimmungswechsel fand bereits Anfang 2013 statt. Die Mitarbeiter sehen immer deutlicher, dass wir an Kraft und Zuversicht gewinnen und dass sie Teil dieser Entwicklung sind.

Und auf die Frage, wo er den Flughafen in fünf Jahren sehe:

Wir werden in einem rauschenden Fest unseren 100. Geburtstag gefeiert haben und unseren Gesellschafter damit erfreuen, dass wir positive operative Ergebnisse erwirtschaften.

Hanse Markt, 3. November 2013, S. 2

Dennoch ist der Geschäftsführer des Flughafens, Siegmar Weegen, optimistisch. «2014 wird es für den Flughafen vermutlich kein Wachstum geben. Aber wir planen langfristig und können das verschmerzen», sagt Weegen. …

«Derzeit macht der Flughafen Verluste, kostendeckend werden wir wohl erst in fünf Jahren arbeiten. Deshalb müssen wir strenge Kostendisziplin üben und neue Kunden gewinnen», sagte Weegen. Doch die Sorge, dass der Investor deswegen abspringen könnte, sei unbegründet. «Er hat die Kraft und die Ausdauer, das Unternehmen langsam aufzubauen», sagte Weege.

dpa via airliners.de, 13. Januar 2014

Einen Tag später kommentierte eine gewisse „Susanne“ auf HL-Live:

Eine gute Idee wäre schon mal, das Gehalt pünktlich zu zahlen für die Mitarbeiter! So kann man schlechte Stimmung schon mal vermeiden! Es ist nicht nur 1x vorgekommen, das kann es echt nicht sein.

Weegen legte sein Amt als Geschäftsführer Ende März 2014 nieder, aus gesundheitlichen Gründen, wie es hieß. Da war die Betreibergesellschaft Yasmina offenbar schon auf dem Weg in den Abgrund. Zu schade:

Auf die Frage des Schleswig-Holstein Magazins, wann er denn erstmals das mulmige Gefühl hatte, dass der Flughafen in Schwierigkeiten stecke, wollte Weegen am Freitag nicht antworten.

NDR Welle Nord, 25. April 2014

Übrig blieb der „Investor“ Amar, der schon immer (unbemerkt von der Öffentlichkeit) ebenfalls Geschäftsführer der Yasmina war. Wenige Wochen später verschwand er spurlos und hinterließ einen, sehr wahrscheinlich durch einen professionellen Firmenbestatter vermittelten Strohmann namens Adam Roman Wagner als unauffindbaren Geschäftsführer – dem Vernehmen nach ein polnischer Staatsbürger, der sich mit der Erlaubnis, seinen Namen und eine obsolete Adresse in Berlin zu verwenden, ein paar hundert Euro hinzuverdient hat.

Große Töne, alte Schallplatte

Man mag sich fragen, was ausgerechnet Herrn Weegen qualifiziert, nicht nur als Notgeschäftsführer zu fungieren, sondern schon wieder große Töne zu spucken (auch wenn es nur die antike Schallplatte ist, die er auflegt).

Vielleicht ist Herr Weegen ja tatsächlich der einzige, der im Moment einen Überblick hat. Das würde ein bezeichnendes Licht auf die 17-köpfige Verwaltung (ohne Geschäftsführer) des Flughafens werfen, in der dem Vernehmen nach ein ziemliches Chaos geherrscht haben soll.

Doch selbst die Flughafen-Mitarbeiter fangen trotz Maulkorb an zu murren.

[E]inige der 100 Mitarbeiter sehen ein anderes Problem auf den Flughafen zukommen. Beschäftigte, die anonym bleiben wollen, sagten NDR 1 Welle Nord, Notgeschäftsführer Weegen sei ein Teil des Problems – und nicht die Lösung.

NDR Welle Nord, 24. April 2014

Ähnlich klingt es hier:

Unter den Mitarbeitern ist er jedoch nicht unumstritten – trotz der hoffnungsvollen Töne am „Tag 2 einer neuen Ära“, wie Weegen den gestrigen Tag nannte.

Komisch: neue Ära, alte Parolen.

Auch Notgeschäftsführer Weegen äußerte sich optimistisch: „Wenn das Konzept aufgeht, das wir bereits 2012 entwickelt haben, und sich die positive Entwicklung von 2013 fortsetzt, könnte der Flughafen in den nächsten drei bis fünf Jahren nicht nur seine Verluste reduzieren, sondern auch operative Gewinne erzielen“, sagte Weegen.

Stormarner Tageblatt, 25. April 2014

Ja, wenn. Könnte.Hätte, wäre, wenn. Nur nebenbei, rechnen Sie das mal durch. Sehr wahrscheinlich lagen die Verluste des Flughafens auch 2013 bei 6 Mio. Euro; tendenziell eher höher. Nimmt man an, sie werden ab 2014 jährlich um 1 Mio. Euro verringert (wie eigentlich?), fallen bis zum Erreichen „operativer Gewinne“ Schulden in Höhe von weiteren 15 Mio. Euro an. Daß eine Bank einem neuen Betreiber der Lübecker Pleitewiese eine derartige Kreditlinie gewährt, erscheint unwahrscheinlich; er müßte das Geld schon selbst mitbringen.

Pleiten, Pech und…

Dem Insolvenzverwalter Prof. Pannen, der sich zweifellos erstmal in die Materie einarbeiten muß, bleibt nicht viel anderes übrig, als Herrn Weegen reden zu lassen. Irgendwelche Erzählungen Pannens über „viele Interessenten“ sollte man nicht zu ernst nehmen. Ähnlich wie bei Ausschreibungen fragen hier vermutlich etliche Unternehmen ohne ernsthaftes Interesse an, die auf diesem Weg an Details über andere (Konkurrenz-)Unternehmern herausfinden wollen. Haben sie sich dann die Bücher angesehen, sind sie eh‘ wieder weg.

Ungeachtet der Absichten: es handelt sich hier lediglich um Anfragen. Die eigentliche Aufgabe eines Insolvenzverwalters ist es, die Ansprüche der Gläubiger (nicht die möglicher Übernahme-Interessenten) zu befriedigen. Wie das geschieht, bleibt abzuwarten – am Ende könnte immer noch die Auflösung des Unternehmens und die Versteigerung von Wertgegenständen stehen. Für die Auktion böten die Hangars oder Abfertigungszelte sicherlich genügend Platz.

Und Unverständliches verbreitet der Insolvenzverwalter auch:

„In Lübeck gibt es eine Betriebsgenehmigung für 24 Stunden — das kann ein Großflughafen nicht von sich behaupten“, unterstreicht er die beste Seite des Flughafens.

Lübecker Nachrichten (online), 25. April 2014

Die beste Seite? So, so. Er übersieht folgendes: da der Flughafen bereits Teile des Planfeststellungsbeschlusses umgesetzt hat, trat auch die damit verbundene Nachtflugbeschränkung in Kraft, wie im Amtsblatt Schleswig-Holstein verkündet.

Bleibt Herr Birr von Bismarck. Positiv: er hält einen Flughafen-Ausbau für überflüssig und will auch kein Rückgaberecht eingeräumt bekommen. Negativ: er will Geld von der Stadt. Viel Geld. Nicht nur die 5 Mio. Euro, von denen die Stadt sagen könnte, sie seien ja ohnehin für einen Investor schon im Topf (die wollte man Amar zahlen, wenn er ausbaut). Aber dabei bleibt es ja nicht. Birr will für zehn Jahre auch nur eine symbolische Pacht/Miete für das Gelände und die technischen Einrichtungen zahlen. Auf den Kosten für Betrieb und Wartung z.B. des Instrumenten-Landesystems bliebe die Stadt sitzen, inklusive teurer Vermessungsflüge. Da sammelt sich schnell die eine oder andere Million an.

Tote Flughäfen und größenwahnsinnige Kleinstädter

Zum Schluß eine kleine Presseschau. Lübeck steht endlich im Fokus der Weltöffentlichkeit – hatte man sich das anläßlich des bevorstehenden Hansetags nicht gewünscht? Das Problem Regionalflughäfen wird zum Glück wieder breit thematisiert:

Bruchpiloten bevölkern die Provinz

Der Lübecker Flughafen ist zahlungsunfähig. Der Provinzflughafen ist kein Einzelfall. In ganz Deutschland kämpfen Regionalflughäfen ums Überleben.

FAZ, 25. April 2014

Provinzairports sterben am Passagiermangel

Das Netz der regionalen Airports ist in Deutschland zu dicht. Viele Flughäfen kämpfen wegen ihrer kleinen Passagierzahlen um die wirtschaftliche Existenz.

Die Welt, 25. April 2014

Selbst in Österreich wird man hellhörig. „Die Presse“ glossierte unter dem Titel „Die Bruchpiloten von Lübeck“:

Schuld sind der Größenwahn von Kleinstädtern und untergetauchte Investoren. … Die Politiker des hoch verschuldeten Städtchens wären den Landeplatz für Millionenverluste gern losgeworden. … 2009 verhinderten die Bürger das wirtschaftlich gebotene Aus – offenbar ist den Lübeckern seit den Zeiten der Buddenbrooks der Geschäftssinn abhandengekommen.

(Hervorhebungen P.K.)

„Größenwahn von Kleinstädtern“? „Städtchen“?! Wir sind eine Großstadt! Der Touristenmagnet des Nordens! Die größten und genialsten Geschäftsleute überhaupt! Waaah…!! Was für eine unglaubliche Unbotmäßigkeit dem Haupt der Hanse gegenüber. Der Autor erhält sofort Einreiseverbot in Lübeck, das ist mal sicher.