War da was?

Nöö. Ach was. Ein verschwundener Investor, ein untergetauchter Geschäftsführer, ein eingesetzter Notgeschäftsführer, Insolvenzantrag, die Betreiberin der Landewiese schuldet der Stadt hunderttausende Euro… ich hoffe, ich habe nichts vergessen. Und was sagen die meisten unserer lieben Lokalpolitiker? Alles in Ordnung, wir sind optimistisch und höchst beeindruckt vom Notgeschäftsführer – obwohl der nichts weiter tut als mit ollen Kamellen um sich zu schmeißen, als sei es Rosenmontag in Kölle.

Es ist klar, welche Legende im Moment von interessierten Kreisen gestrickt wird. Der Flughafen an sich sei kerngesund oder, na ja, wenigstens auf dem Weg der Besserung, den man jetzt unbedingt weiter gehen müsse. Die Ereignisse der letzten Tage waren lediglich eine kleine Panne, eigentlich nur ein dummes Mißverständnis – nicht der Rede wert. Also weiter so!

Wie anders könnte man Schlagzeilen wie diese erklären:

Flughafen: Politik bleibt optimistisch

HL-Live, 29. April 2014

Neue Ära im Anflug

Flughafen-Sanierer verbreiten Hoffnung am Airport Lübeck

Lübecker Stadtzeitung, 29. April 2014

Willkommen in Absurdistan

Daß viele Lübecker (beileibe nicht nur Lokalpolitiker), was die Landewiese angeht, in einem Parallel-Universum leben, vermuten inzwischen auch schon andere:

[D]ie Sehnsucht nach Bedeutung … wird in Lübeck manchmal so übermächtig, dass in dieser Stadt Dinge passieren, die für Nicht-Lübecker ganz schwer verständlich sind. Der Flughafen Blankensee ist so ein Fall.

Hamburger Abendblatt, 23. April 2014

Nichts, aber auch gar nichts erscheint mehr als so absurd, als daß man es nicht doch als „Lösung“ vortragen könnte. Den kürzlich hier erwähnten Satire-Artikel Kassel-Calden GmbH übernimmt insolventen Flughafen Lübeck haben einige Lübecker offenbar ernst genommen, wie Leserreaktionen z.B. bei HL-Live oder LN online zeigen. Und das trotz offenkundigen Blödsinns wie diesem:

Da der Flughafen Lübeck nur ein jährliches Defizit von sechs Millionen Euro erwirtschaftet und Calden derzeit acht Millionen Euro Defizit erbringt, bedeutet dies im Mittel eine Reduzierung des Beitrages der Steuerzahler für Calden um eine Millionen Euro.

Ich weiß nicht, wie es in Kassel aussieht, aber ich glaube inzwischen, in gewissen Kreisen der Lübecker Lokalpolitik wird tatsächlich so „professionell“ gerechnet.


Nachtrag 2. Mai 2014:

So haben Rheinland-Pfalz und das Saarland ihre Gespräche über eine Kooperation der verschuldeten Flughäfen Saarbrücken und Zweibrücken wieder aufgenommen. Bis Mitte Mai solle ein Konzept für eine gemeinsame Betriebsgesellschaft stehen. Das Ziel ist demnach eine «schwarze Null» bis 2024 für beide Airports, die nur 30 Kilometer voneinander entfernt liegen.

dpa via airliners.de, 1. Mai 2014

Die Verluste heben sich also gegenseitig auf? Kommentar überflüssig.


Aber der Reihe nach. Flughafenbetreiberin Yasmina bzw. deren Muttergesellschaft 3Y schulden der Hansestadt Lübeck bzw. mit ihr verbundenen Unternehmen nach derzeitigem Kenntnisstand folgende Beträge:

  • Pacht- und Mietzahlungen: 188.416,66 €

  • Stadtwerke Lübeck: 80.796,04 €

  • Entsorgungsbetriebe Lübeck: 19.880,83 €

  • Vorschußzahlung auf die Baugenehmigung für eine Glasfaserfabrik: ca. 45.000 €

Der öffentlich nicht bekannte Kaufpreis für die 11 Hektar, auf denen diese Fabrik entstehen sollte, sind offenbar auch nie geflossen. Noch übler ist die Tatsache, daß die Stadt am 6. März 2014 offensichtlich sogar eine Rechnung in Höhe von 21.712,11 € im Zusammenhang mit dem neuen Instrumenten-Landesystem beglichen haben soll. Laut Verschenkungsvertrag hätte die Yasmina das Geld bezahlen müssen.

Und wieder jede Menge Bewerber

Der Insolvenzverwalter erzählt den Lokalpolitikern derzeit das, was sie gerne hören wollen:

Es gebe mindestens vier Bewerber für den Flughafen, die den Betrieb weiter führen möchten.

HL-Live, 29. April 2014

Wohl eher Interessenten. Aber das Spiel kennen wir doch zur Genüge. Da hatten früher mal um die 20 Interessenten erste Unterlagen angefordert, dann blieben acht „ernsthafte“ Bewerber übrig, und schließlich drei Bieter:

Die … konnte man guten Gewissens weder als Käufer noch als Investor bezeichnen. Alle wollten nicht bezahlen, sondern kassieren. Mohamad Radyamar versprach immerhin, die Pacht für das Flughafengelände zu zahlen. Vorher musste die Stadt die Altschulden übernehmen. Es sollen 50 Millionen Euro gewesen sein.

Hamburger Abendblatt, 23. April 2014

Dann ist da noch Plan B.

Gelinge es nicht, bis Juli 2014 einen neuen Betreiber zu finden, so bestehe zusätzlich die Möglichkeit der Eigensanierung per Insolvenzplan. In diesem Falle würden auch die Grundstücke, die die Yasmina Flughafenmanagement GmbH besitzt oder gepachtet hat, in den Insolvenzplan mit einfließen.

Lübecker Stadtzeitung, 29. April 2014

Spätestens jetzt müssen die Alarmglocken klingeln. Von Anfang gab es Verwirrung um diese Grundstücke abseits des Flughafens, die man der Yasmina als Bonus zur geschenkten Landewiese obendrauf gab.

Sieht das Szenario womöglich so aus, daß die Stadt dann ihr offenbar existierendes Vorkaufsrecht für die Flächen ausübt und dem Pleite-Unternehmen Yasmina für etliche Millionen die verschenkten Grundstücke abkauft, um es zu entschulden? Darüber hinaus ist die Rede von Flächen, die Yasmina gepachtet hat – dabei kann es sich praktisch nur um das Betriebsgelände des Flughafens handeln, auf das die Stadt dann offensichtlich verzichten soll, oder sehe ich das falsch?

Zeitdruck nach Ansage

Noch bedenklicher wird es, wenn man sich den Terminkalender der Bürgerschaft ansieht. Keine Sitzung im Mai, erst am 26. Juni. Letztmalig fließen die Insolvenzgelder für die Flughafenmitarbeiter im Juli, in dem Monat findet aber wieder keine Sitzung statt.

Es wird also fast unausweichlich so kommen wie bei der Flughafenverschenkung: die Verwaltung wird der Bürgerschaft die Pistole auf die Brust setzen wie damals. Man legt eine ebenso armdicke wie undurchsichtige Beschlußvorlage vor, ganz nach dem Juncker-Prinzip:

Wir beschließen etwas, stellen das dann in den Raum und warten einige Zeit ab, ob etwas passiert. Wenn es dann kein großes Geschrei gibt und keine Aufstände, weil die meisten gar nicht begreifen, was da beschlossen wurde, dann machen wir weiter. Schritt für Schritt, bis es kein Zurück mehr gibt.

Jean-Claude Juncker

Aus dessen Zitaten-Schatzkästlein stammt übrigens auch dieser, selbstverständlich satirische Spruch:

Wenn es ernst wird, muss man lügen.

Natürlich macht kein Politiker so etwas absichtlich 🙄

Hinzu kommt der Zeitdruck: ja, wollt Ihr denn, daß die armen Mitarbeiter auf der Straße stehen und der Flugbetrieb eingestellt wird? Die nächste Sitzung (nach Auslaufen des Insolvenzgeldes für die Mitarbeiter) ist erst im September. Wirklich, es ist absehbar.

Wunder-Weegen

Die Frage, was der Herr Bürgermeister von der sich abzeichnenden Malaise am Flughafen wußte (oder hätte wissen müssen, wenn seine Verwaltung funktionieren würde), klammere ich hier erstmal aus. Nur dieses Zitat aus der Stellungnahme des Herrn Bürgermeisters:

Betreffend die ausstehenden Pacht- und Mietzahlungen erklärte die Geschäftsführung im Februar 2014, dass dieses mit Prof. Amar geklärt wird.

Und der Geschäftsführer war damals wer? Siegmar Weegen. Hat er‘s geklärt in den ein bis zwei Monaten bis Ende März, als er sich aus „gesundheitlichen Gründen“ von der Geschäftsführung zurückzog? Wohl eher nicht. Hat er den Herrn Bürgermeister davon in Kenntnis gesetzt? Weiß man nicht.

Der selbe Herr Weegen, der eigentlich nur aus formalen Gründen zum Zweck der Einreichung eines Insolvenzantrags (wieder-)installiert wurde, spielt jetzt den Retter. Dazu hätte er doch jede Menge Zeit gehabt. Anläßlich der Entsorgung des alten Geschäftsführers Friedel wurde berichtet:

Für den neuen Geschäftsführer Siegmar Weegen ist die Anlage in Blankensee kein Neuland. Weegen, der seit 25 Jahren in der Luftfahrt arbeitet, beriet Amar beim Kauf des Airports und hatte seitdem ein Büro im Flughafengebäude.

Lübecker Nachrichten (online), 1. Oktober 2013

Ob und wann er dort auch anwesend war, ist zugegebenermaßen unbekannt. Er muß ja auch keine echte Ahnung haben, er beherrscht das Repertoire, auf das flughafengeile Provinzpolitiker in der ganzen Republik abfahrenfliegen, aus dem Eff-eff.

Dem insolventen Flughafen Lübeck liegt ein unterschriftsreifer Vertrag mit der ungarischen Billigfluglinie Wizz Air vor. Die Ungarn, die seit 2006 am Airport in der Hansestadt sind, wollen drei weitere Jahre von Blankensee aus fliegen und zu den bisherigen Zielen Kiew und Danzig zwei weitere ansteuern.

Bitte merken: einen Flughafen mit Betriebsgenehmigung darf jede Fluggesellschaft ansteuern, ganz ohne Vertrag. In solchen Verträgen geht es in der Regel lediglich um Vergünstigungen, die man den Firmen gewährt. Mit Vergünstigungen verdient man aber kein Geld. Zudem sind in manchen Fällen angebliche Garantien über Passagierzahlen kaum das Papier wert, auf dem diese Verträge stehen.

Not-Geschäftsführer Siegmar Weegen führt außerdem Verhandlungen mit zwei weiteren Fluggesellschaften über die Einrichtung neuer Linienverkehre. „Diese Verhandlungen befinden sich in der Endphase“, erklärte Weegen auf LN-Anfrage am Rande der Sondersitzung des Hauptausschusses.

Muß ich diesen Quatsch, den man in Lübeck seit 60 Jahren hört, wirklich weiter kommentieren? Das ganze Gerede der letzten paar Jahre klang immer genauso: „im Gespräch mit allen“, „kurz davor“ – wie wär‘s mal mit was Neuem?

Und selbst wenn. Um den Lieblingsspruch eines ehemaligen Geschäftsführers zu zitieren: Das wird den Flughafen auch nicht retten. Da hatte er mal recht.

Die vorläufig gute Nachricht zum Schluß:

Problem für den Not-Geschäftsführer: So lange nicht klar ist, ob der Airport überlebt und der Flugbetrieb auch ab Juli weitergeht, kann er die Verträge nicht unterzeichnen. Weegen: „Deshalb darf der Flugbetrieb jetzt nicht eingestellt werden.“

Lübecker Nachrichten (online), 29. April 2014

Die schlechte Nachricht: das ist natürlich ein weiteres Druckmittel, die Hansestadt Lübeck zu unüberlegten Handlungen zu verleiten. So unter dem Motto, da kommen neue Kunden, die könnt ihr doch nicht einfach wegwerfen. Käse. Niemand braucht Kunden, die nichts zahlen.

Aus irgendeinem unerfindlichen Grund kommt mir ein Kommentar im Forum von airliners.de in den Sinn:

Die einzigen Profiteure sind die engagierten GF,s dieser Flughäfen …. die in den meisten Fällen immer wieder dumme finden die Ihre Gehälter bezahlen, obwohl die Billanzen tief rot sind !

Verschwörungstheoretiker mögen sich die Frage stellen, wer eigentlich hinter dieser Zuckerbrot- und Peitsche-Strategie steht, die Stadt offenbar weiterhin zu melken. Psychologen mögen erkunden, warum Lübecker Lokalpolitiker das so willenlos mitmachen. Der Fall, denke ich langsam, ist hoffnungslos.