Falsche Fährte

Gestern befaßte sich die NDR-Sendung Panorama 3 mit den  dubiosen Vorgängen um die Lübecker Landewiese, genauer gesagt: mit dem polnischen Phantom-Eigentümer und Geschäftsführer Adam Wagner. Neben einigen eher nebensächlichen neuen Details bewies der Beitrag aber, daß Herr Wagner einen Teil seines Auftrags – nämlich Verwirrung zu stiften, Zeit zu schinden und von den wirklich wichtigen Fragen abzulenken – immer noch erfüllt.

Teilweise war er nicht so erfolgreich, und das dank den Lesern von blankensee.info, die sehr frühzeitig darauf hinwiesen, was da wohl wirklich gelaufen war: eine Firmenbestattung dritter Klasse. Vermutlich illegal. Ich will nicht angeben, aber haben Sie das vorher irgendwo gelesen oder gehört? (Nochmal vielen Dank an die Leser.)

Ich wage zudem die Behauptung, daß ohne diese Kommentare die super-duper-professionelle Lübecker Verwaltung vermutlich heute noch versuchen würde, Herrn Wagner telefonisch oder schriftlich zu erreichen, wobei doch seine einzige Funktion erkennbar darin besteht, nicht erreichbar zu sein und im Zweifelsfall auch nichts zu wissen.

Selbst der Herr Bürgermeister, welch‘ Sensation, hat’s inzwischen geschnallt.

Insofern hat es ja wenig Sinn, es nun noch siebenunddreißig weitere Male zu versuchen.

Panorama 3, NDR, 20. Mai 2014

Damit zu den Details, die der NDR dankenswerterweise herausgefunden hat. Der „Verkauf“ der Yasmina Flughafenmanagement (und der 3Y Logistic und Projektbetreuung) lief nach Darstellung von Panorama 3 wie folgt ab:

Ende März kommt es zu einem Treffen bei einem Notar in Berlin. Der Käufer ist Adam Wagner, der Mann ohne Gesicht. Seinen Prokuristen hat er erst kurz vorher kennengelernt. Wagner versteht kaum Deutsch, ein Übersetzer muß helfen. Amar bietet den deutschen Konzern zum Kauf, auch der Flughafen Lübeck ist darunter. Aktuelle Geschäftsberichte sollen nicht vorgelegen haben. Und auch bezahlen braucht Wagner erstmal nichts für die Firmen, laut Urkunde sollte darüber später verhandelt werden. Keine Bücher, kein Kaufpreis, trotzdem ist der Deal perfekt. Macht man so ordentliche Geschäfte?

Das war’s auch schon im Wesentlichen. Fast alle interessanten Fragen bleiben ungestellt.

Wie war das eigentlich bei der Lübecker Flughafenverschenkung Ende 2012 – lagen da aktuelle Geschäftsberichte der Firma des „Investors“ vor? Meinen Informationen zufolge lediglich eine Bilanz der 3Y von 2009. Stattdessen mit aktuellen Bilanzen der Jahre 2010 oder 2011 gab sich die Hansestadt Lübeck mit einer „Bonitätserklärung“ von Amars Hausbank zufrieden, die lediglich aussagte, daß der Umsatz der 3Y über 20 Mio. Euro liege.

Das Landewiesen-Dreamteam: Prof. Dr. Mohamad Rady Amar, Hon.-Prof. Dr. Jürgen Friedel, Diplom-Sozialwirt Hans-Bernhard Saxe
Das Landewiesen-Dreamteam: Prof. Dr. Mohamad Rady Amar, Hon.-Prof. Dr.-Ing. Jürgen Friedel, Diplom-Sozialwirt Hans-Bernhard Saxe

Nun ist eine Bilanz ein formales Dokument, dessen Inhalt gesetzlich vorgeschrieben ist. Eine Bonitätserklärung ist lediglich ein völlig informelles Stück Papier (und ich kann nur hoffen, daß die Stadt sich wenigstens bei der Bank nach der Echtheit erkundigt hat).

Hinzu kamen einige Dokumente über Euler-Hermes-Ausfuhr-Pauschal-Gewährleistungen. Die sagen aber wenig über die Bonität des sie in Anspruch nehmenden Unternehmens aus, denn dabei geht es lediglich um eine Versicherung von Verkäufen ins Ausland. Ablesen kann man aus ihnen eigentlich nur, daß die 3Y Geschäfte mit dem Ausland getätigt hat, und daß diese Geschäfte mit einem gewissen Ausfallrisiko behaftet waren.

Aber Herr Amar kommt in dem Beitrag nur am Rande vor:

Man hört, er habe sich möglicherweise verspekuliert.

Wo er sich aufhält, wisse man nicht. Und das war’s – aber wäre das nicht die wesentlich interessantere Geschichte als die des Strohmanns Wagner, der für seine (Un)Tätigkeit maximal ein paar hundert oder tausend Euro bekommen hat?

Die wirklich wichtigen Fragen sind ungeklärt. Dabei geht es nicht nur um Vergangenheitsbewältigung, sondern um den aktuellen Stand. Dazu nur soviel in der Abmoderation:

Übrigens: im Rathaus der Hansestadt sieht man die Insolvenz als große Chance für die Zukunft. Zurückblicken mag man dort nicht, Hauptsache der Betrieb geht irgendwie weiter.

Und das wäre schon die nächste Frage: wer bezahlt den Weiterbetrieb im Moment? Vermutlich die Gläubiger, denen das irre Festhalten am Flugbetrieb unter dem Motto „weiter so“ wahrscheinlich auch noch das letzte bißchen aus der Insolvenzmasse raubt. In dem Fall, daß die Hansestadt Lübeck und mit ihr verbundene Unternehmen die größten Forderungen gegenüber der Yasmina haben, finanzieren sie also derzeit im Wesentlichen den Betrieb der Landewiese. Selbst unter Ausklammerung der Personalkosten (momentan durch Insolvenzgeld abgedeckt) dürften für drei Monate rund 800.000 Euro an Betriebskosten anfallen. Nochmal: wer bezahlt das am Ende? Und warum wurde nicht längst ein vorläufiger Gläubigerausschuß laut Insolvenzordnung §22a eingesetzt?

6 Antworten auf „Falsche Fährte“

    1. Wird dir die Woche mal viel zu lang
      dann gibt es heute ja Gottseidank
      in jeder Straße
      oh ja
      in jeder Stadt
      einen Fernsprechapparat.
      (Graham Bonney, „Wähle 3-3-3“)

        1. Bei einem hinter verschlossenen Türen stattgefundenen Treffen der Fraktionsvorsitzenden mit Bürgermeister Bernd Saxe (SPD) am vergangenen Mittwoch hat der Verwaltungschef offenbar kein gutes Bild abgegeben. Ein Besitzerwechsel sei kein Grund zur Beunruhigung, soll er nach Informationen des Hamburger Abendblatts gesagt haben. Die Tatsache, dass weder der neue noch der alte Eigentümer telefonisch erreichbar seien, ließe sich auch damit erklären, dass die beiden Flughafenchefs in den Osterurlaub geflogen seien.


          Hamburger Abendblatt, 23. April 2014

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