Absurdes Theater und Fanboy-Urgestein

Es ist ein Satz wie in Stein gemeißelt:

Der Blick von außen legt das absurde Theater an der Trave bloß.

shz, 25. Mai 2014

Man kann das auch von innen sehen; man muß es nur wollen. Doch vielen Lübecker Politikern, und leider auch der hiesigen Presse, fehlt der Blick über den eigenen Kochtopf hinaus – man rührt lieber in der Sauce der eigenen Luftfahrt-Fehleinschätzungen, die schon jahrelang vor sich hinköchelt. Ab und zu wird mal etwas Flüssigkeit hinzugegeben, damit die Pampe nicht anbrennt. (Sprich: gutes Geld wird schlechtem hinterhergeworfen).

Natürlich wird man dann auch eine Kritik wie die folgende auf shz.de wohl nie (ich lasse mich gerne eines Besseren belehren!) in den Lübecker Nachrichten lesen:

In der Lübecker Verwaltung hatte man sich schon daran gewöhnt, dass der private Flughafen-Betreiber quasi von Anfang an in Sachen Pacht und Miete ein säumiger Kunde war …

Gerade so, als hätte der sogenannte Investor gesagt, „Wann ich meine Pacht zahle, bestimme ich und nicht die Stadt“. Hätte der sich nicht sang- und klanglos abgesetzt, was wäre dann geschehen? Hätte die Stadt ihm tatsächlich den Gerichtsvollzieher auf den Hals gehetzt, wie man es bei jedem Normalbürger gemacht hätte? Immerhin war seine Firma Yasmina doch Inhaber der ach so wichtigen Flughafen-Betriebsgenehmigung, ohne die wir alle sterben müssen. Man weiß es nicht.

Späte Zweifel

Zu Wort meldet sich auch Flughafen-Fanboy-Veteran Thomas Schalies, ex-Mitglied der FDP. Er wird gefragt:

Wie lächerlich hat sich Lübeck mit dem Rady Amar-Deal gemacht? Schalies: „Scheinbar sprach aus damaliger Sicht auch nach den Bonitätsprüfungen alles für diesen Investor. Ich sehe deshalb nicht, dass sich Bürgerschaft oder Verwaltung mit dem Deal sonderlich blamiert hätten.“

Wenn(!) die bisher bekannten „Prüfungen“ alle waren, hätte man sich schon blamiert – es waren eine formlose Umsatzbestätigung von Amars Hausbank und ein paar in diesem Zusammenhang irrelevante Euler-Hermes-Ausfuhrgarantien für die Auslandsgeschäfte des „Investors“. Aktuelle Bilanzen? Fehlanzeige. Das störte in der Verwaltung offenbar niemanden. Ich habe mit Geschäftsleuten gesprochen, die diese Vorgehensweise der Stadt für schlimmer als nur lächerlich halten. Genauer gesagt: sie konnten es nicht fassen.

Es wäre nicht die einzige Fehleinschätzung des Herrn Schalies. Gefragt, ob er es bereue, den Bürgerentscheid mitinitiiert zu haben, der die Stadt zwang, die Landewiese zweieinhalb Jahre in Eigenregie weiterzubetreiben, verneint er.

„Die Stadt steht nach allem, was öffentlich bekannt ist, trotz des bislang enttäuschenden Verlaufs der Privatisierung besser da als vor dem Bürgerentscheid, denn es drohen auch im Falle einer Einstellung des Flugbetriebes wesentlich geringere finanzielle Lasten als vorher.“

Nach allem, was öffentlich bekannt ist? Aha. Da bin ich mal gespannt, ob noch mehr öffentlich bekannt wird. Selbst wenn nicht: wie die meisten Flughafen-Fanboys beherrscht Herr Schalies die hohe Kunst der Finanzverdrehung nach wie vor.

In der Tat drohen im Falle einer Einstellung des Flugbetriebes geringere finanzielle Lasten als vorher. Warum? Man muß die Altschulden des Flughafens nicht mehr übernehmen. Das hat man nämlich im Rahmen der Flughafenverschenkung bereits getan – mal eben 50 Mio. Euro.

Hätte man den Flughafen vor dem Bürgerentscheid abgewickelt, wären es nur 35 Mio. gewesen. Die zweieinhalb Jahre des Weiterbetriebs haben die Stadt rund 15 Mio. Euro zusätzlich gekostet, aber richtig: alle diese Verluste sind bereits verbucht – im Haushalt einer Stadt, die inzwischen 1,5 Mrd. Schulden hat.

Immerhin:

Ob der Flughafen Lübeck überhaupt noch eine Existenzberechtigung hat, vermag Schalies heute nicht mehr mit einem klaren Ja zu beantworten. … Eine Chance und zugleich Existenzberechtigung kann der Lübecker Flughafen nur dann haben, wenn sich ein privater Investor mit branchenspezifischen Kenntnissen und Verbindungen findet.

Aber wir hatten die Vollprofis doch schon alle hier zu Gast. Infratil zum Beispiel. Dann den Geschäftsführer Friedel, zweifellos mit „mit branchenspezifischen Kenntnissen und Verbindungen“ ausgestattet und überdies selbsternannter Retter des Flughafens:

Ich bin mächtig stolz, den Flughafen Lübeck gerettet zu haben.

Lübecker Nachrichten (online), 1. Oktober 2013

Diese Äußerung anläßlich seines Abflugs (natürlich, wie es in solchen Fällen immer so schön heißt, im gegenseitigem Einvernehmen mit dem „Investor“) kam nur ein halbes Jahr vor dem Insolvenzantrag.