Viel Lärm um nichts?

Ein erster Interessent für den insolventen Flughafen scheint seinen Hut öffentlich in den Ring geworfen zu haben: die Düsseldorfer Firma sbc, Ende 2012 schon Kandidat im Rennen um die Flughafenverschenkung. Zwar ist mir keine Stellungnahme der Firma bekannt, unterstützt wird sie jedoch (vermutlich nicht gegen ihren eigenen Willen) von Unternehmern, Mitarbeitern, Besuchern und Anwohnern, so Matthias Freitag, Eigentümer eines Reisebüros am Flughafen.

Der hatte Anzeige gegen den Not-Geschäftsführer der Landewiese, Siegmar Weegen, wegen Insolvenzverschleppung und Betrugs gestellt und seine Ablösung beantragt, ebenso die Ablösung des Insolvenzverwalters Prof. Pannen. Letztere Forderung hat man inzwischen zurückgenommen:

„Wir hatten ein Kommunikationsproblem“, sagt Freitag. Durch ein langes Gespräch seien die Probleme beseitigt worden.

Lübecker Nachrichten, Druckausgabe, Lokalteil HL, 27. Mai 2014, S. 11

Herr Freitag

schlägt vor, unter der Führung von Pannen einen runden Tisch zu bilden. An diesem sollen Land, Stadt, Airport und Betriebe teilnehmen. Ziel sei es, ein tragfähiges Gesamtkonzept zu erstellen. Um dem Ganzen Nachdruck zu verleihen, hat Freitag in Zusammenarbeit mit dem Restaurant Unterschriften gesammelt. Bisher unterstützen 68 Personen … die Forderung, das Konzept der SBC als Grundlage für weiterführende Gespräche zu nutzen.

shz, 27. Mai 2014

Man ahnt die Richtung: von Land und Stadt wird vermutlich erwartet, nicht nur gute Laune und eigene Getränke mitzubringen, sondern Geld. Der shz-Bericht schlägt einen eleganten Bogen drumherum und erläutert stattdessen:

Das dahinter stehende Konzept beruhte auf vier Säulen: Neben dem Linien- und Charter-Verkehren sollte Blankensee zum Stützpunkt für „Offshore-Windpark-Support“ [Warnung: Hubschraubereinsatz (laut) – P.K.] werden. Außerdem war vorgesehen, den Flughafen „als Event-Location zu positionieren.“

Bei sbc und deren Partner InAvia hätte man zwei Kernkompetenzen zumindest vermuten können, die andere Bewerber garantiert nicht hatten: Firmen-Restrukturierung in Krisensituationen und Flugbetrieb. (Ob das Konzept dann aufgegangen wäre, ist eine andere Frage.) Natürlich wird sbc den alten Vorschlag so nicht wieder vorlegen können, da die Ausgangssituation eine völlig andere ist als 2012.

Was wollte sbc?

Trotzdem hier zu Vergleichszwecken die Forderungen, die man seinerzeit an die Stadt als Eigentümerin der Flughafen Lübeck GmbH stellte.

Zunächst wollte man einen negativen Kaufpreis von -5,75 Mio. Euro. Zu dumm, daß da die Bilanz der Hansestadt für das Jahr 2010 noch nicht fertig war. Wie sich herausgestellt hat, verfügt die Stadt inzwischen über ein negatives Eigenkapital, so die lübsche Version des Orwellschen newspeak. Da hätte man den negativen Kaufpreis doch bequem aus dem negativen Eigenkapital bezahlen können, denn minus mal minus ergibt bekanntlich plus! Hurra, wir sind saniert… – Kleiner Scherz am Rande, Entschuldigung.

Wo war ich? Ach ja, zunächst mal 5,75 Mio. bar auf die Kralle. In der selben Größenordnung hat man auch dem „Investor“ 3Y Geld versprochen, und vermutlich wird man bald aus bestimmten Kreisen hören, dann könne man das doch auch in diesem Fall. Dazu ist zwar ein neuer Bürgerschaftsbeschluß nötig, aber es wird heißen, man habe eben Pech gehabt mit dem „Investor“ 3Y, alles andere sei in Ordnung gewesen und hätte auch geklappt, wenn nicht usw. usf.

Den Beweis durch Zahlen wird man nicht zu sehen bekommen. So hat die Stadt noch nicht einmal die Bilanz ihrer Tochter Flughafen Lübeck GmbH für das Jahr 2012 veröffentlicht und findet es vermutlich ganz bequem, daß der Bundesanzeiger da nicht nachhakt mit der Begründung, die Gesellschaft existiere inzwischen nicht mehr. (Danke an Jörn Konopatzki für den Hinweis.) Die Zahlen existieren aber schon noch, ebenso ein Betrieb gewerblicher Art (BgA) Flughafen bei der Stadt. Vermutlich noch geringere Chancen bestehen darauf, die Zahlen der Yasmina Flughafenmanagement für 2013 zu bekommen.

Aber ich bin schon wieder abgeschweift. 3Y wollte das städtische Geld – hier: 5,5 Mio. Euro – im Gegenzug für Investitionen, die man hätte belegen müssen; also nicht im Voraus. Dementsprechend hat die Stadt das Geld auch noch nicht ausgezahlt. Anders das damalige Angebot der sbc, und übrigens auch das des dritten Bewerbers, Björn Birr-von Bismarck. Beide wollten über 5 Mio., und zwar bedingungslos.

Insofern handelt es sich hier nicht den selben Sachverhalt, den man mal eben durchwinken könnte, sondern um einen völlig anderen. Aber es geht noch weiter.

Pacht für das Betriebsgelände wollte sbc zehn Jahre lang auch nicht bezahlen – ein Barwertverlust von weiteren 3,3 Mio. Euro.

sbc plante eine Reduzierung der Flughafen-Belegschaft um 50%, wollte aber für die Kosten eines Sozialplans nicht aufkommen. Die hätte die Stadt übernehmen dürfen – nochmal 1,6 Mio. Euro.

Zudem sah das Angebot vor, daß die Hansestadt Lübeck 10% der Anteile an einer Flughafenbetriebsgesellschaft hält. Das hätte zwei Folgen gehabt.

  1. Niemand hätte Fördergelder für ILS Cat. II usw. zurückzahlen müssen, weil die Stadt noch an der Gesellschaft beteiligt gewesen wäre. Nachteil: die Stadt hätte für diese Einrichtungen keine Miete verlangen können – theoretisch ein weiterer Verlust.
  2. Und natürlich hätte die Hansestadt dann auch Jahr für Jahr 10% der anfallenden Verluste tragen dürfen.

Das damalige Finanzkonzept zusammengefaßt – urteilen Sie selbst:

sbc stattet die repetio mit einem Stammkapital von 25.000 € aus, die sich an der FLG beteiligen soll. Darüber hinaus gibt sbc keine Kapitalgarantie ab. In ihrem Finanzierungskonzept gehen sie davon aus, dass die FLG mit dem negativen Kaufpreis von 5,75 Mio. €, der Übernahme der Sozialplankosten in Höhe von 1,6 Millionen € durch die Hansestadt Lübeck, dem Pachtverzicht für 10 Jahre und der Umwandlung der Darlehen in die Kapitalrücklage ausreichend finanziert ist, um in den kommenden Jahren sowohl den laufenden Betrieb als auch die Investitionen finanzieren zu können, ohne zulässige [gemeint ist wohl „zusätzliche“, P.K.] Mittel zu benötigen. … [Es] ist der Schluss zu ziehen, dass sich das Investitions- und Betriebsrisiko von sbc auf 25.000 € begrenzt. Gleichwohl wollen sich sbc verpflichten, im Laufe der kommenden Monate weitere Investoren zu gewinnen.

Die repetio GmbH in Essen ist laut Handelsregister übrigens ein Unternehmen, das dem „Betrieb von Internetportalen sowie [dem] Halten und Erwerben von Beteiligungen“ dient.

Wie gesagt, das war der ursprüngliche Vorschlag Ende 2012. Keine Ahnung, wie ein neuer aussehen würde.

Keine Panik

Von all dem Gerede und Geraune um Interessenten usw. sollte man sich nicht irre machen lassen. Die Stadt kann sich entspannt zurücklehnen. Eigentümer der Yasmina Flughafenmanagement GmbH ist nicht mehr die Stadt, sondern Herr Adam Wagner. An ihn müssen sich Forderungen nach negativen Kaufpreisen, Finanzierung von Sozialplänen und ähnliches richten. Sie werden vermutlich unbeantwortet bleiben.

Was hat die Stadt damit zu tun? Genau, fast nichts. Das einzige Problem, sollte die Landewiese liquidiert werden, wäre die mögliche Rückzahlung von Fördergeldern in Höhe von rund 4,7 Mio. Euro ans Land. Man darf hoffen, daß das sehr bald geklärt werden wird; eine definitive Aussage habe ich bislang nicht vernommen.

Deutlich mehr Geld als diese 4,7 Mio. stattdessen in unbewiesene Geschäftsmodelle von weiteren „Investoren“ zu pumpen, nur um die Betriebsgenehmigung der Landewiese zu erhalten, wäre seitens Land oder Stadt grob fahrlässig, womöglich eine Veruntreuung öffentlicher Gelder. Welches Interesse hätten staatliche Stellen, Herrn Wagner zu entschulden?

3 Antworten auf „Viel Lärm um nichts?“

  1. @Harald
    Erstens kann ich mir kaum vorstellen, dass Herr Pannen diesen Blog liest,
    Zweitens ist es auch völlig irrelevant, da ich mich zum Beispiel überhaupt nicht dafür interessiere, was Herr Pannen über welche Artikel auch immer, die in der örtlichen Monopolpresse oder im Internet veröffentlicht werden, denkt.
    Entscheidend sind die Fakten, und die kann ich hier nun mal besser recherchiert finden als in der lübschen Presse, die nur irgendwelche vorgeformten Sprechblasen absondert ohne sie zu hinterfragen.

  2. Wie Prof. Dr. Pannen auf seiner Informationsveranstaltung am 27. Mai richtig bemerkte, dienen öffentliche Spekulationen und Diskussionen über mögliche Investoren zum jetzigen Zeitpunkt nur einem einzigen Zweck – jede Bemühung auf den Erfolg seines Insolvenzverwaltermandats zunichte zu machen. In diesem Sinne ist der Beitrag ein offener Angriff gegen Herr Prof. Dr. Pannen. Ich bin gespannt, was er dazu sagen wird.

    1. Ich verstehe Ihren Kommentar nicht ganz. Was Herr Prof. Pannen über diese Initiative denkt, wird er den Unterzeichnern vermutlich direkt mitteilen. Sollte er eine Pressemitteilung zu dem Thema herausgeben, was ich nicht glaube, veröffentliche ich sie gerne.

      Im übrigen wird er auch wissen: je höher die Geheimhaltung, desto mehr Spekulationen, und desto höher die Bereitschaft einiger, sich mit ihrer Sicht der Dinge direkt an die Presse zu wenden. Besonders, wenn sie den Eindruck haben, andernorts nicht gehört zu werden, oder glauben, daß jemand anders bevorzugt wird. Das ist völlig normal und war zu erwarten.

      Übrigens… finden Sie es nicht interessant, daß die Blätter des Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlags (Sitz: Flensburg) über diese Initiative berichtet haben, sich in der lübschen Monopolpresse bislang aber kein Wort darüber findet?

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